Schizoide Persönlichkeitsstörung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 6. Oktober 2017
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Im Beruf sind Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung oft brillant im logischen und abstrakten Denken. Probleme treten eher auf, wenn sie enger mit anderen Menschen zu tun haben.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine schizoide Persönlichkeitsstörung?

Von einer schizoiden Persönlichkeitsstörung spricht die Psychologie, wenn Menschen Probleme haben, soziale Kontakte zu anderen Menschen herzustellen, wobei die Grenzen zwischen persönlichen Eigenschaften und einer Störung fließend sind. Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung wirken auf andere Menschen kühl, unnahbar, emotional distanziert und haben Schwierigkeiten, ihre Gefühle angemessen auszudrücken.

Sie neigen dazu, Kontakte zu anderen Menschen zu meiden und sich in Fantasien zu flüchten, vielleicht als Ausgleich für das fehlende soziale Umfeld. Im Berufsleben bevorzugen sie Tätigkeiten, bei denen sie allein arbeiten können, ständige Teamarbeit ist nichts für sie. Sie sehnen sich nach Nähe, haben aber gleichzeitig auch Angst davor. Das kann zu einem Gefühl der Vereinsamung führen. Oft sind es aber weniger die Betroffenen, die unter der Störung, sondern ihr soziales Umfeld.

Ursachen

Bei den meisten Persönlichkeitsstörungen liegt eine Mischung aus biologischen, genetischen und umweltbedingten Einflüssen vor. Es scheint eine genetische Vorbelastung zu geben, denn die schizoide Persönlichkeitsstörung tritt häufiger in Familien mit einer Schizophrenie eines Familienmitglieds auf. Viele Menschen mit dieser Persönlichkeitsstörung sind von ihrem Wesen her sehr empfindsam, gekoppelt mit einer leichten Kränkbarkeit.

Auch eine strenge Erziehung, Vernachlässigung oder seelische Misshandlung kann eine Rolle spielen oder eine Persönlichkeitsstörung bei einem Elternteil. Psychoanalytiker vermuten eine ablehnende Haltung oder Misshandlung durch die Eltern oder Frustrationserlebnisse bei früheren Kontaktaufnahmen. Eine mögliche Ursache könnte es auch sein, dass die Betroffenen zwar Gefühle wie Angst und Wut empfinden können, sie aber nicht angemessen zum Ausdruck bringen können und deshalb versuchen, Kontakte zu meiden.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Grenzen zwischen persönlichen Eigenarten und einer Störung sind mitunter sehr fließend, bei der schizoiden Persönlichkeitsstörung kommt es darauf an, ob die Betroffenen unter ihrem Rückzug leiden oder ob sie den Rückzug für ihr individuelles Wohlbefinden brauchen. Die Psychologie hat neun mögliche Symptome festgelegt, die für eine schizoide Persönlichkeitsstörung zu sprechen:

  • geringe Freude an Tätigkeiten
  • reduzierte Affekte, emotionale Distanziertheit
  • Schwierigkeiten, warmherzige, zärtliche Gefühle oder Ärger auszudrücken
  • scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber Lob und Kritik
  • geringes Interesse an sexuellen Erfahrungen mit anderen
  • starke Fantasien
  • Bevorzugung von einzelgängerischen Aktivitäten
  • geringer Wunsch nach engen sozialen Beziehungen
  • herabgesetztes Gefühl für soziale Normen

Diagnose & Krankheitsverlauf

Weil die Grenzen zwischen persönlichen Eigenschaften und Störungen fließend sind, ist es nicht leicht, eine schizoide Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren. Selbst für Fachleute wie Mediziner und Ärzte ist sie eine Herausforderung. Nach dem Kriterienkatalog ICD 10 müssen von den neun aufgeführten Symptomen mindestens drei für eine sichere Diagnose vorliegen. Diese wird durch verschiedene Umstände erschwert. Es genügen nicht zwei deutliche Symptome, es müssen zwingend drei sein.

Manche Symptome ähneln denen anderer psychologischer oder neurologischer Diagnosen, zum Beispiel das Asperger-Syndrom, die durch die Diagnose ausgeschlossen werden müssen. Manchmal sind Mehrfachdiagnosen notwendig, weil sich mehrere Störungen überlappen und die schizoide Persönlichkeitsstörung verschleiern. Die Symptome dürfen auch nicht nur kurzzeitig auftreten, sondern müssen dauerhaft vorhanden sein. Erschwerend ist auch, dass viele Betroffene in der Lage sind, Verhaltensauffälligkeiten zu kompensieren, zeitweise zu unterdrücken oder hinter einer Fassade zu verstecken.

Komplikationen

Die Distanziertheit, die für Menschen mit schizoider Persönlichkeitsstörung typisch ist, kann vor allem in sozialen Situationen zu Missverständnissen führen. Andere Personen können die Distanziertheit als Desinteresse oder Ablehnung auffassen. Darüber hinaus zeigen schizoide Persönlichkeiten oft nur eingeschränkt Gefühle. Auf andere Personen können sie deshalb kalt oder gefühllos wirken.

Zum Teil bleiben ihre Emotionen und Bedürfnisse unberücksichtigt: Einerseits äußern viele schizoide Persönlichkeiten sich diesbezüglich nicht explizit genug, andererseits werden die Gefühlsausdrücke mitunter missverstanden oder übergangen. Ohne beständige Freundschaften und Beziehungen fühlen sich schizoide Persönlichkeiten oft ausgegrenzt, unverstanden und einsam. Die abgeflachten emotionalen Reaktionen können auch im Berufsleben zu Problemen führen.

Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung fühlen sich zum Teil stigmatisiert. Missverständnisse sind zudem möglich, wenn die schizoide Persönlichkeitsstörung mit anderen psychischen Erkrankungen verwechselt wird, zum Beispiel mit dem Asperger-Syndrom. Da die schizoide Persönlichkeitsstörung selten ist und andere Krankheiten auch Laien bekannt sind, geschehen solche Verwechslungen im Alltag häufig. Auch bei der Behandlung können Komplikationen auftreten, wenn die Differentialdiagnostik keine Berücksichtigung findet.

Als Komplikation können sich weitere psychische Krankheiten entwickeln. Andere psychische Störungen können jedoch auch gleichzeitig mit der schizoiden Persönlichkeitsstörung auftreten oder ihr vorangehen. Viele Betroffene leiden zusätzlich unter einer (Major) Depression. Mit und ohne Depression kann Suizidalität als schwere Komplikation der schizoiden Persönlichkeitsstörung auftreten.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung einer schizoiden Persönlichkeitsstörung erfolgt in der Regel durch eine tiefenpsychologische, psychoanalytische oder kognitiv-verhaltenstherapeutische Psychotherapie. Betroffene werden dabei wieder ermutigt, Kontakt mit anderen Menschen aufzunehmen und zu genießen. Selten beginnen Betroffene aber freiwillig eine Therapie, weil sie meistens keinen Handlungsbedarf sehen. In der Therapie wirken sie distanziert und unbeteiligt.

Deshalb muss der Therapeut für eine vertrauensvolle Beziehung sorgen und den Klienten stärker aktiv unterstützen. Gleichzeitig muss er darauf achten, den Klienten nicht durch zu viel Gefühlsarbeit zu überfordern, stattdessen den Distanzwunsch respektieren und ihm die Möglichkeit zu schriftlichen Hausaufgaben und E-Mail-Kontakt einzuräumen. Die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie verfolgt das Ziel, dass Betroffene lernen, wieder Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen und diese Kontakte verlässlich und befriedigend zu gestalten, gleichzeitig aber auch das Alleinleben zufriedenstellender zu gestalten.

Die kognitive Verhaltenstherapie unterstützt Betroffene, sich emotionalen zwischenmenschlichen Erfahrungen wieder zu öffnen und eigene Gefühle besser wahrzunehmen. Auch lernen sie in der Therapie, sich mit den Gefühlen auseinanderzusetzen, die sie bei anderen durch ihr abweisendes Verhalten auslösen, und lernen angemessenere Strategien kennen. Eine Gruppentherapie kann sinnvoll sein, um soziale Ängste abzubauen. Sie müssen sich dann aber in der Gruppe wohl fühlen. Vereinzelt werden bei schweren Depressionen oder Wahnvorstellungen parallel zu einer Psychotherapie Psychopharmaka verordnet, aber der positive Nutzen konnte bisher nicht klar nachgewiesen werden.

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Vorbeugung

Eine besondere Vorbeugung gibt es bei Persönlichkeitsstörungen in der Regel nicht, weil sie sich erst im Laufe des Lebens entwickeln. Wenn sie auftreten, ist es wichtig, sie frühzeitig zu erkennen, um pathologisches Verhalten nicht von einer Generation an die nächste weiterzugeben. Hilfreich ist es auch, wenn Betroffene sich nicht abrupt aus Kontakten herausziehen, sondern ihre Bedürfnisse offen mit ihrem sozialen Umfeld kommunizieren.

Bücher über Persönlichkeitsstörungen

Quellen

  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Morschitzky, H.: Angststörungen – Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer, Wien 2009
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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