SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 17. November 2017
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Die SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion (PSSD) wird in einen verursachenden Zusammenhang mit der Absetzung selektiver Serotoninwiederaufnahmehemmern (SSRI) nach Therapieende gebracht. SSRI, die zu den meist verschriebenen Antidepressiva gehören, bewirken eine Erhöhung der Serotoninkonzentration in der Zerebrospinalflüssigkeit in Gehirn und Rückenmark. PSSD äußert sich in einer Vielzahl unspezifischer Symptome, die zum Teil gegensätzlich erscheinen wie Erektionsstörung und Dauererektion (Priapismus) oder verzögerter Samenerguss und vorzeitiger Samenerguss.

Inhaltsverzeichnis

Was ist SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion?

Die SSRI-bedingte sexuelle Dysfunktion, die im angelsächsischen Sprachgebrauch als Post-SSRI Sexual Dysfunction (PSSD) bezeichnet wird, gehört sehr wahrscheinlich zu einem der möglichen Absetzsyndrome, die nach dem Absetzen von SSRI-Antidepressiva auftreten können.

SSRI (Selective Serotonin Reuptake Inhibitor) gehören zu einer Klasse von häufig verschriebenen Antidepressiva, die selektiv Serotonin-Transporter hemmen und zu einer Erhöhung der Serotoninkonzentration in der zerebrospinalen Flüssigkeit (Gehirnwasser) in Gehirn und Rückenmark führen. Der Ursachenkomplex zwischen Einnahme von SSRI beziehungsweise Absetzen des Medikaments und Auftreten der SSRI-bedingten sexuellen Dysfunktion bedarf noch weiterer wissenschaftlicher Forschung.

Über die Häufigkeit der PSSD gibt es sehr unterschiedliche Annahmen, die eine Bandbreite von selten bis häufig abdecken. Weil SSRI-Antidepressiva in den serotoninergen Stoffwechsel des Körpers eingreifen, können einige Symptome der PSSD mit Serotonin-Entzugserscheinungen nach Absetzen der SSRI-Medikamente plausibel erklärt werden.

Ursachen

Die Ursachenforschung für das Entstehen einer PSSD ist noch nicht abgeschlossen. Diskutiert werden drei verschiedene Ursachenkomplexe, die einzeln oder in ihrer Gesamtheit als Verursacher der Krankheit infrage kommen. Beispielsweise wird durch die Einnahme der SSRI-Medikamente der Hormonhaushalt verändert.

Dies führt unter anderem zu einem verminderten Testosteronspiegel und hat unmittelbaren Einfluss auf das sexuelle Verhalten. Das erklärt allerdings nicht, dass eine PSSD über Monate oder Jahre nach dem Absetzen der SSRI, in einigen Fällen sogar lebenslang, anhalten kann. Einige Autoren und Ärzte führen an, dass bei Einnahme der SSRI in der Regel eine psychische Erkrankung in Form einer Depression vorliegt, die zu den PSSD-Symptomen zumindest beitragen könnte.

Die wahrscheinlichste Hauptursache für die Entwicklung der PSSD ist eine Beeinflussung und Veränderung der Geneaktivität über sogenanntes Gen-Silencing. Es wird angenommen, dass es zu einer verminderten Genexpression führt, weil die Übertragung des genetischen Codes von der DNA auf die mRNA (Transkription) beispielsweise durch eine DNA-Methylierung gehemmt wird.

Die veränderte Genexpression bleibt normalerweise erhalten, so dass sie auch an entstehende Tochterzellen weitergegeben wird, was auch plausibel erklärt, warum die PSSD meist so lange anhält. Letztlich verkörpert PSSD eine iatrogene Krankheit, eine Krankheit, die als Nebenwirkung bestimmter Medikamente ausgelöst wird.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Hauptsymptome und Beschwerden der SSRI-bedingten sexuellen Dysfunktion oder PSSD beruhen auf einem Anstieg des Serotoninspiegels in der zerebrospinalen Flüssigkeit in Gehirn und Rückenmark. Sie sind deshalb vergleichbar mit dem Serotoninsyndrom, das ebenfalls durch einen zu hohen Serotoninspiegel durch künstliche Zufuhr des Neurotransmitters Serotonin ausgelöst wird.

Neben einer Reihe unspezifischer Symptome im vegetativen und im zentralnervösen Bereich kommt es auch zu neuromuskulären Auffälligkeiten. Hinsichtlich konkreter Anzeichen und Beschwerden im sexuellen Bereich zeichnet sich die PSSD durch eine Reihe unspezifischer und zum Teil gegensätzlich anmutender Symptome aus.

Im Allgemeinen tritt eine reduzierte sensorische Empfindsamkeit im Genitalbereich auf, die von verminderter sexueller Erregbarkeit und einer eingeschränkten Libido begleitet wird. Erektionsstörungen und Impotenz sowie die Unfähigkeit zum Orgasmus fügen sich gut in das Gesamterscheinungsbild des PSSD ein. Symptome wie Dauererektion (Priapismus) und vorzeitiger Samenerguss (Ejaculatio praecox), die ebenfalls beobachtet werden, passen allerdings weniger zum Gesamtbild der PSSD.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Serotonin ist ein biogenes Amin, das als Gewebshormon und als Neurotransmitter in fast menschlichen Gewebearten vorkommt. Serotonin ist an vielen regulatorischen Körperprozessen wie Blutdruck, Blutgerinnung, Darmperistaltik und an der Signalübertragung im Zentralnervensystem beteiligt. Darüber hinaus gilt Serotonin als Stimmungsaufheller bei depressiven Verstimmungen und eine Art Glückshormon mit Suchtpotenzial.

Serotonin hemmt Gefühle wie Angst, Aggression und andere, so dass die positiven Gefühle stärkeres Gewicht bekommen. Falls bestimmte Vorgänge mit einer Verminderung des Serotoninspiegels verbunden sind, reagiert der Körper in der Regel mit Entzugserscheinungen, um „Druck“ auf den Betroffenen auszuüben, damit er den vorigen Zustand des erhöhten Serotoninspiegels wieder herstellt.

Die beobachteten Symptome der PSSD entsprechen dabei einem Teilkomplex des SSRI-Absetzsyndroms. Untersuchungsmethoden, die eine eindeutige Diagnose PSSD erlauben, existieren nicht, weil keine eindeutigen Parameter bekannt sind. Der Verdacht auf Vorliegen einer PSSD kann durch Abchecken der beobachteten Symptome erhärtet oder verworfen werden.

Wenn mindestens drei der typischen Symptome beobachtet werden und gleichzeitig SSRI-Medikamente abgesetzt wurden, liegt mit großer Wahrscheinlichkeit eine PSSD vor. Die Krankheit zeigt unterschiedlich schwere und unterschiedlich lange anhaltende Verläufe.

Komplikationen

Bei dieser Krankheit leiden die Betroffenen in der Regel an einer deutlich verringerten sexuellen Lust. Aus diesem Grund kann sich die Beschwerde negativ auf die Beziehung zum Partner auswirken. Die Betroffenen leiden an einer eingeschränkten Libido und mitunter auch an Störungen der Erektion.

Dies kann vor allem beim Mann zu psychischen Beschwerden oder zu Depressionen führen und die Lebensqualität erheblich einschränken. Auch die Potenz selbst ist durch die Dysfunktion deutlich eingeschränkt, sodass es auch zu einem vorzeigten Samenerguss kommen kann. Die Betroffenen leiden weiterhin auch an häufigen Angstzuständen oder an depressiven Phasen. Allerdings wirkt sich die Krankheit nicht besonders negativ auf die Gesundheit aus, sodass auch die Lebenserwartung des Patienten dadurch nicht verringert wird.

Die Behandlung selbst erfolgt mit Hilfe von Medikamenten. Besondere Komplikationen treten dabei nicht auf. Mit Hilfe der Behandlung können die Beschwerden meist relativ gut eingeschränkt werden. Eventuell sind die Patienten allerdings auch auf eine psychologische Behandlung angewiesen. Ebenso müssen die Betroffenen die Medikamente in der Regel ihr gesamtes Leben lang einnehmen, um die Beschwerden dauerhaft zu lindern.

Behandlung & Therapie

Eine Therapie, die direkt auf die Ursachen der PSSD abzielt, ist nicht existent, weil letztlich die physiologischen und biochemischen Vorgänge, die zu der Krankheit führen, noch nicht vollständig verstanden sind. Die Therapie beschränkt sich in der Regel darauf, bei Auftreten schwerwiegender Symptome die abgesetzten SSRI dem Patienten wieder zu verabreichen.

Der Absetzprozess des Medikamentes wird über einen längeren Zeitraum angesetzt. Bisher existiert kein Medikament, das gezielt in den Hormonhaushalt eingreifen könnte, um die Symptome der PSSD zu vermindern oder gar zu beseitigen.

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Vorbeugung

Die beste Vorbeugung vor der SSRI-bedingten sexuellen Dysfunktion besteht im Verzicht auf die Einnahme von SSRI beziehungsweise in der Substitution der SSRI durch Medikamente mit anderen Wirkstoffen, sofern das eine praktikable Alternative darstellt. In den Fällen, in denen SSRI-Medikamente aufgrund der Vorerkrankung unverzichtbar sind, besteht die beste Vorbeugung in einem sehr langsamen Ausschleichen der Medikamente, so dass sich der Körper allmählich an einen reduzierten Serotoninspiegel gewöhnen kann, ohne „Alarm zu schlagen“.

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Quellen

  • Beckermann, M.J.: Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Schwabe, Basel 2004
  • Feige, A., Rempen, A., Würfel, W., Jawny, J., Rohde, A. (Hrsg.): Frauenheilkunde – Fortpflanzungsmedizin, Geburtsmedizin, Onkologie, Psychosomatik. Urban & Fischer, München 2005
  • Goerke, K., Steller, J., Valet, A.: Klinikleitfaden Gynäkologie. Urban & Fischer, München 2003

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