SSRI-Absetzsyndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 15. November 2017
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Das SSRI-Absetzsyndrom, ein spezifisches Entzugssyndrom, tritt während des Absetzens beziehungsweise einer Verringerung der Dosis oder nach dem Beenden der Einnahme von Antidepressiva (SSRI) auf. Charakteristisch für das SSRI-Absetzsyndrom ist, dass sich bestimmte körperliche oder psychische Entzugssymptome entwickelt. Auch beides ist möglich. Bei einer erneuten Einnahme des Antidepressivums in der gewohnten Menge klingen die Beschwerden schnell wieder ab.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das SSRI-Absetzsyndrom?

Beim SSRI-Absetzsyndrom handelt es sich um einen Symptomkomplex, welcher beim plötzlichen Absetzen der SSRI, einem Selektiven Wiederaufnahmehemmer, auftritt. Aufgrund der langfristigen Gabe von SSRI, dem am häufigsten eingesetzten Antidepressivum, kommt es im Liquor zur erhöhten Konzentration an Serotonin. Daraus entwickelt sich im Körper eine Toleranz, da sich der Organismus an die erhöhten Serotonin-Werte entsprechend anpasst.

Werden die SSRI schlagartig nicht mehr eingenommen, führt dies zu einem Serotoninmangel. In der Folge entstehen die Symptome, die jedoch nicht mit einer Suchtreaktion zu vergleichen sind, da die SSRI nicht süchtig machen. In der Übergangsphase, in der die Entzugssymptome auftreten, entsteht ein neues Gleichgewicht. Diese Phase kann unterschiedlich lang sein und die Symptome sind ebenso verschieden stark ausgeprägt.

Ursachen

Wie genau das SSRI-Absetzsyndrom ausgelöst wird, ist noch nicht hinreichend geklärt. Es wird eine Homöostase-Störung vermutet, also, dass aufgrund der dauernden Einnahme der SSRI ein künstlicher stabiler Zustand entsteht. Fällt das Antidepressivum jedoch weg, gerät der Körper in ein Ungleichgewicht. Als Auslöser der Symptome gilt die Störung im Hormonhaushalt, die durch den Entzug der SSRI verursacht wird.

Serotonin, der Botenstoff, und seine Rezeptoren haben zahlreiche Funktionen im Körper, wodurch die vielen verschiedenen Entzugssymptome erklärt sind. Der Serotonin-Transporter wird nach dem Absetzen des Medikaments nicht mehr blockiert, sodass das Serotonin wieder verstärkt in die Nervenzelle aufgenommen wird und die Serotonin-Konzentration relativ plötzlich sinkt. Die Rezeptoren verändern sich nicht sofort, denn diese Prozesse erfordern Tage bis Wochen.

Es entsteht demzufolge ein Ungleichgewicht, was zu den Symptomen führt. Die Erwartungen und Ängste des Betroffenen spielen als Auslöser keine Rolle, aber sie haben einen Einfluss darauf, wie das SSRI-Absetzsyndrom erlebt, empfunden und bewältigt wird. Auch die Dauer der Einnahme des Antidepressivums kann die Entstehung des SSRI-Absetzsyndroms begünstigen. Ab vier Wochen besteht die Gefahr, dass sich bei einer beendeten Zufuhr des Stoffes das SSRI-Absetzsyndrom entwickelt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das SSRI-Absetzsyndrom geht mit verschiedenen körperlichen und/oder psychischen Beschwerden einher. Dazu gehören Schlafstörungen, denn Serotonin reguliert den Schlaf. Da der Botenstoff Serotonin zudem auf den Magen-Darm-Trakt wirkt und es in der Darmschleimhaut zahlreiche Serotonin-Rezeptoren gibt, kann es außerdem zu Durchfall oder einer Verstopfung kommen, wenn das Antidepressivum plötzlich abgesetzt wird.

Weitere Symptome, die beim SSRI-Absetzsyndrom auftreten können, sind Kreislaufbeschwerden, Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Empfindungsstörungen, ein körperliches Unwohlsein, Stimmungsschwankungen, Muskelkrämpfe, ein aggressives Verhalten, eine schwere Depression, Manie bis hin zu Suizidgedanken.

Bei einigen Patienten, vor allem bei einer Langzeitmedikation oder einer hohen Dosis, ist es außerdem möglich, dass auch, nachdem das SSRI-Absetzsyndrom beendet ist, Langzeitsymptome auftreten, beispielsweise eine leichtere Verwirrtheit, ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis, Konzentrationsprobleme und Tinnitus.

Auch schwere Symptome wie eine psychomotorische Unruhe, eine Depersonalisation, eine sexuelle Dysfunktion und extreme Angstzustände sind möglich. Laut Berichten von Patienten sollen sich die Langzeitsymptome beim SSRI-Absetzsyndrom in der Regel innerhalb von zwei Jahren nach dem Absetzen der SSRI signifikant verbessern.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Wenn der Verdacht besteht, dass ein SSRI-Absetzsyndrom vorliegt, ist es möglich, die Diagnose mit der Hilfe einer validierten Symptome-Checkliste (DESS) zu sichern. Diese wurde in klinischen Studien entwickelt und hilft effektiv dabei, die Absetzsymptome korrekt zu erfassen. Hierfür empfiehlt es sich, die Liste bereits abzuarbeiten, bevor die SSRI abgesetzt werden.

Anschließend können die Aussagen mit den Symptomen, die nach dem Absetzen des Antidepressivums auftreten, gut verglichen werden. Dies dient dem Ziel, eine Verzerrung durch eine mangelnde Erinnerung des Patienten zu vermeiden. Wenn mindestens drei Absetzsymptome neu auftreten oder sich verschlimmern, liegt das SSRI-Absetzsyndrom vor.

Komplikationen

Das SSRI-Absetzsyndrom hat verschiedene körperliche und psychische Beschwerden zur Folge. Aufgrund des Serotonin-Mangels kann es bei vielen Menschen zu Schlafstörungen und gelegentlich auch zu Magen-Darm-Beschwerden kommen, zum Beispiel Durchfall oder Verstopfung. Im weiteren Verlauf können außerdem Kreislaufbeschwerden sowie Gleichgewichts- und Empfindungsstörungen auftreten, die das Risiko für Unfälle und Stürze erhöhen.

Mögliche psychische Komplikationen sind Stimmungsschwankungen bis hin zu manischen Depressionen und Suizidgedanken. Auch extreme Angstzustände, Depersonalisation und eine sexuelle Dysfunktion sind möglich. Bei einigen Patienten zieht das SSRI-Absetzsyndrom Spätfolgen wie Konzentrationsprobleme, Tinnitus und ein schlechteres Kurzzeitgedächtnis nach sich. Meist bleiben diese Langzeitsymptome ein bis zwei Jahre bestehen, bevor sie nach und nach abklingen.

Im Rahmen der Behandlung sind schwerwiegende Komplikationen eher unwahrscheinlich. Die typischerweise verordneten Medikamente rufen gelegentlich aber Nebenwirkungen hervor. So können Benzodiazepine zu Gedächtnis-, Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeitsstörungen führen. Auch Kopfschmerzen und Benommenheit gehören zu den typischen Beschwerden.

Zudem ist die Gefahr einer Medikamentenabhängigkeit gegeben. Ein schnelles Absetzen der Medikamente kann psychische Störungen wie depressive Verstimmungen oder Manie hervorrufen. Der Einsatz von Antidepressiva kann Abgeschlagenheit, Persönlichkeitsveränderungen und gelegentlich auch Magen-Darm-Beschwerden bedingen.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung der Symptome hängt davon ab, in welchem Schweregrad das SSRI-Absetzsyndrom die Entzugserscheinungen auslöst. Ebenso eine Rolle spielt, ob nach dem Absetzen des SSRI eine weitere Behandlung mit Antidepressiva vorgesehen ist. In letzterem Fall führt das Wiedereinsetzen der Medikation meistens zum Erfolg.

Bei den Patienten, die kein Antidepressivum mehr einnehmen, richtet sich die Therapie nach der Schwere der Symptome. Bei leichten Fällen können eine Beruhigung und Entspannung hilfreich sein. Bei mittelschweren Entzugserscheinungen wird häufig mit Benzodiazepinen behandelt.

In Fällen, bei denen das SSRI-Absetzsyndrom schwere Symptome auslöst, kann es Erfolg bringen, wenn die Medikation erneut eingesetzt wird und die SSRI später in kleineren Schritten wieder abgesetzt werden. Auch die Umstellung auf ein langwirksames SSRI, das besser abgesetzt werden kann, ist oftmals eine Hilfe.

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Vorbeugung

Das SSRI-Absetzsyndrom ist dadurch vorzubeugen, dass Antidepressiva generell niemals abrupt abgesetzt werden sollten. Grundsätzlich muss die Behandlung mit dem Medikament ausschleichend beendet werden. Dies bedeutet, dass die Dosis vor der Beendigung schrittweise zu verringern ist.

Es wird im Allgemeinen eine Mindestdauer des Ausschleichens der SSRI von zwei bis vier Wochen empfohlen. Dieses Ausschleichen verringert die Wahrscheinlichkeit, dass das SSRI-Absetzsyndrom auftritt, allerdings ist es damit nicht sicher zu verhindern.

Bücher über Depressionen

Quellen

  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H.(Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD 10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien. Huber, Bern 2011
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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