Rhesusfaktor
Medizinische Qualitätssicherung: Dr. med. Nonnenmacher (Facharzt für innere Medizin)Geht ein hübsches Mädchen vorbei, so kann man von manchem Bewunderer sagen hören: „Das ist ganz meine Blutgruppe!“. Nun, die Wahrscheinlichkeit, dass man mit der schönen Unbekannten wenigstens etwas Gemeinsames hat, nämlich die Blutgruppe, ist auf den ersten Blick gar nicht so gering. Gibt es doch nur vier Blutgruppen, einer davon muss die Schöne angehören. Warum sollte es nicht zufällig die gleiche sein, obwohl die Blutgruppengleichheit oder –ungleichheit nicht etwa unbedingte Sympathie oder Antipathie in sich einschließt.
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Blutgruppen
Jedem ist auch bekannt, dass z.B. bei Vaterschaftsprozessen die Gerichtsärzte in zweiter Linie, neben einem DNA-Test, die Blutgruppenzugehörigkeit feststellen und in günstigen Fällen allein schon mit ihrer Bestimmung eine bestrittene Vaterschaft mit Sicherheit ausschließen können. Diese „günstigen“ Fälle liegen dann vor, wenn der Vater einer anderen Blutgruppe angehört als die Mutter und das Kind wiederum einer anderen.
Leider sind diese klaren Fälle recht selten, ein Befund, der sich bei der kleinen Anzahl von nur vier verschiedenen Blutgruppen, die noch dazu nicht etwa gleichmäßig auf die Menschheit verteilt sind, leicht erklären lässt. In all den vielen Fällen aber, in denen Mutter, Kind und vermeintlicher Vater der gleichen Blutgruppe angehören, kann diesem nicht ohne weiteres die Vaterschaft zugesprochen werden.
Rhesusfaktor Rh-Faktor
Die wissenschaftliche Forschung machte sich also auf die Suche nach weiteren Unterscheidungsmerkmalen und entdeckte u.a. die Blutuntergruppen oder Blutfaktoren m und n. Sie spielen jedoch immer seltener in der gerichtlichen Medizin eine Rolle. Die wissenschaftliche Erforschung der Blutgruppeneigenschaften ist heute ein fast selbstständiger Zweig der Medizin geworden. Bei Tierversuchen mit dem Blut von Rhesusaffen entdeckten die Amerikaner Landsteiner und Wiener im letzten Jahrhundert einen weiteren Blutfaktor, der, wie sich später erwies, auch im Menschenblut vorhanden ist. Da er zuerst bei Versuchen mit Rhesusaffen gefunden wurde, nannte man ihn den Rh-Faktor.
Man erkannte, dass er für manche Art von Zwischenfällen bei Übertragungen gruppengleichen Blutes verantwortlich zu machen ist. Etwa 15% aller Menschen fehlt dieser Rh-Faktor im Blut. Sie sind rh-negativ. Man kann ohne weiteres solchen rh-negativen Menschen das Blut von Rh-positiven übertragen, es kommt dabei zu keinen Komplikationen während der Bluttransfusion. Im Körper des rh-negativen Menschen bilden sich jedoch im Anschluss daran Abwehrstoffe (Antikörper) gegen das rh-positive Blut.
Bei erneuter Übertragung von rh-positivem Blut treten diese Antikörper in Kraft und bewirken eine Schädigung des übertragenen und des eigenen Blutes, damit also einen unter Umständen tödlichen Transfusionszwischenfall. Derartige Abwehrstoffe bilde sich aber auch im Körper einer rh-negativen Mutter, die ein rh-positives Kind zur Welt gebracht hat. Eine solche Mutter darf bei einer später einmal notwendigen werdenden Bluttransfusion nur rh-negatives Blut empfangen, andernfalls besteht ernste Gefahr für ihr Leben.
Rhesusfaktor und Schwangerschaft
Tritt bei einer rh-negativen Mutter, die ein ganz gesundes Kind von ihrem rh-positiven Mann hat (die Antikörper haben sich erst während der ersten Schwangerschaft oder unter der Geburt gebildet), eine zweite oder zu wiederholten Malen eine Schwangerschaft ein, wobei auch eine Fehlgeburt genauso als Schwangerschaft zu werten ist, so richten sich diesmal die gebildeten Antikörper gegen die Gesundheit des werdenden Kindes, das entweder vorzeitig, oftmals tot, oder mit schweren gesundheitlichen Störungen, die es unter Umständen lebensunfähig machen, geboren wird.
Dasselbe kann eintreten, wenn die rh-negative Mutter vor der ersten Schwangerschaft bereits einmal eine Bluttransfusion bekam, wobei das Spenderblut den Rh-Faktor enthielt. Unter diesen Umständen werden bereits beim ersten Kind, das von einem rh-positiven Mann stammt, die im mütterlichen Blut gebildeten Abwehrstoffe wirksam und richten sich gegen das Leben des werdenden Kindes.
Rhesusfaktor Vorbeugung und Behandlung
Die Medizin hat selbstverständlich bei der Entdeckung des Rh-Faktors und seiner Auswirkung nicht haltgemacht, sondern ist mit Erfolg bemüht, alle drohenden Gefahren zu bannen. Handelt es sich um eine Bluttransfusion, so ist das verhältnismäßig einfach. Jeder Arzt hat die Pflicht, vor der Blutübertragung nicht nur die Blutgruppe, sondern auch den Rh-Faktor festzustellen. Auf diese Weise werden die Gefahren durch Übertragung ungeeigneten Blutes vermieden.
Schwierig ist es jedoch, eine rh-negative Frau, die bereits die Antikörper gegen Rh-positives Blut in sich trägt (etwa durch vorausgegangene Blutübertragung mit Rh-positiven Blut oder durch eine frühere Schwangerschaft mit Rh-positivem Kind), vor der drohenden Frühgeburt oder der Geburt eines nicht lebensfähigen Kindes zu bewahren.
In der Schwangerschaftsberatung wird bei jeder Frau im 4. Monat eine Blutprobe entnommen, die u.a. auch auf das Vorhandensein des Rh-Faktors untersucht wird. Im Falle des Fehlens dieses Faktors finden bei wiederholten Schwangerschaften oder vorangegangener Bluttransfusion in regelmäßigen Abständen Blutkontrolluntersuchungen statt, die dem Arzt über das Vorhandensein oder die Stärke der Abwehrstoffe gegen Rh-positives Blut (am Ende der Schwangerschaft ist die Abwehrkraft am stärksten) Aufschluss geben.
Nur in einem kleinem Bruchteil der Fälle treten die hier geschilderten Gefahren auf. Die Kenntnis dieser Dinge hat uns jedoch so manchen Schicksalsschlag, der früher unsere Familien betroffen hat, begreiflich gemacht. Heute können wir dank der vorbeugenden Gesundheitsmaßnahmen in Deutschland derartige Komplikationen vermeiden, wenigstens dann, wenn die werdende Mutter rechtzeitig die Schwangerschaftsberatung bei ihrem Frauenarzt aufgesucht hat und dort die notwendigen Maßnahmen getroffen werden.
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