Rechenschwäche (Akalkulie)

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 22. Oktober 2017
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Die Akalkulie, bzw. Rechenschwäche ist der Verlust oder die Beeinträchtigung bereits erworbener Rechenkompetenzen, die in der Mehrzahl der Fälle auf eine Schädigung kortikaler Zentren, insbesondere in der linken Hirnhälfte, zurückzuführen ist. Entsprechend ist eine Akalkulie von der Dyskalkulie abzugrenzen, die in der Regel im Kindes- bzw. Schulkindalter als spezifische Entwicklungsstörung festgestellt wird.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Rechenschwäche?

Als Akalkulie (Rechenschwäche) wird eine erworbene Beeinträchtigung im Umgang mit arithmetischen Größen (Rechenoperationen, Zahlenumgang) bezeichnet, die durch eine Schädigung in den kortikalen Zentren des Gehirns, in aller Regel der linken Hemisphäre (Hirnhälfte), hervorgerufen wird.

Während die sonstige Intelligenz nicht eingeschränkt ist, kann sich eine Akalkulie im Alltag unter anderem anhand von Schwierigkeiten im Umgang mit Geld, Telefonnummern und/oder Zeitangaben, beim Abschätzen von Entfernungen, Preisrabatten oder Mengen sowie anhand von Beeinträchtigungen bei der Verarbeitung von Rechenzeichen manifestieren. In Abhängigkeit von der Ausprägung der zugrundeliegenden Läsion können sich heterogene Formen einer Rechenschwäche zeigen.

Während bei einigen lediglich komplexe arithmetische Rechenoperationen beeinträchtigt sind, können bei anderen von Akalkulie Betroffenen elementare Grundrechenarten wie das Addieren oder Subtrahieren einstelliger Zahlen eingeschränkt sein.

Ursachen

Die eher selten auftretende primäre Akalkulie kann durch eine Schädigung des sprachdominanten Cortex infolge eines Insults (Schlaganfalls) hervorgerufen werden. Die als sekundäre Akalkulie bezeichnete Beeinträchtigung ist hingegen häufiger zu beobachten und kann mit einer Leistungsreduzierung des Gehirns durch Gedächtnisstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen sowie einer ausgeprägten Perseverationsneigung (pathologisches Beharren oder Verweilen bei einem Gedanken oder einer sprachlichen Äußerung) einhergehen.

Akalkulien werden zudem mit Schädigungen des Parietal- und Temporallappens bei Agraphie und Finger-Fuß-Zehenagnosie assoziiert. Darüber hinaus tritt eine Akalkulie als Symptom des Gerstmann-Syndroms (auch Angularis-Syndrom), das sich zusätzlich durch Agraphie, Fingeragnosie, Rechts-Links-Störung äußert und bei welchem in aller Regel der linke Gyrus angularis betroffen ist, auf.

Da Rechenoperationen partiell über sprachliche Funktionen gesteuert werden, korreliert eine Akalkulie in vielen Fällen mit einer Aphasie, die als zentralnervös bedingte Sprachstörung beispielsweise infolge von Schlaganfällen, Tumoren, Gehirnblutungen, Entzündungen oder Intoxikationen auftreten kann.

Diagnose & Verlauf

Zur Feststellung einer Akalkulie existieren verschiedene Screening-Verfahren, in welchen die potenziell beeinträchtigten Rechenoperationen in spezifischen Tests kontrolliert werden können.

Mögliche Screening-Verfahren stellen der sogenannte Zahlenverarbeitungs- und Rechentest (ZRT) in Verknüpfung mit einem Test für kognitives Schätzen sowie der NPC-Test (Number Processing and Calculation Battery) dar. Generell werden im Rahmen dieser Screening-Tests die bedeutendsten Repräsentationen von Zahlen und Transkodierungswege (kann beispielsweise der Lautsequenz „sechsundzwanzig“ die arabische Zahl „26“ zugeordnet werden), die arithmetischen Grundrechenarten sowie Zählen, approximative Rechnungen (Schätz- und Überschlagsrechnungen) und die Zahlenmerkspanne getestet.

Differenzialdiagnostisch sollte eine Akalkulie von einer Dyskalkulie, Demenz und einem Zahlenanalphabetismus abgegrenzt werden. Um eine prämorbide Minderleistung ausschließen zu können, sollte zudem das Leistungsniveau im Vorfeld der Läsion berücksichtigt werden. Allgemein ist die Prognose und der Verlauf einer Akalkulie abhängig von der Art und Lokalisation der zugrundeliegenden Läsion. Wenngleich Spontanverläufe bei Akalkulien nicht abschließend untersucht worden sind, kann in aller Regel nach fünf bis sechs Monaten nach dem auslösenden Ereignis (u.a. Schlaganfall) von einer Verbesserung ausgegangen werden.

Komplikationen

Eine erworbene Rechenschwäche ist nicht zwingend mit Komplikationen verbunden. Meistens liegt der Gedächtnisstörung jedoch eine ernste Ursache wie beispielsweise ein Schlaganfall oder ein Tumor zugrunde, die weitere Probleme hervorrufen kann. Viele Betroffene leiden nach dem auslösenden Vorfall unter andauernden Aufmerksamkeitsstörungen oder haben Schwierigkeiten damit, sich zu konzentrieren.

Oft kommen neurologische Ausfälle hinzu und die Lebensqualität der Betroffenen nimmt insgesamt ab. Die Rechenschwäche selbst kann Komplikationen hervorrufen, wenn der Patient vor dem Zwischenfall beruflich viel mit Zahlen zu tun hatte. Berufe in der Buchhaltung etwa, können mit einer Rechenschwäche meist nicht mehr ausgeführt werden. Auch nachdem die Akalkulie zurückgegangen ist, müssen die Betroffenen ganz neu eingelernt werden.

Dies stellt eine große psychische Belastung dar, die gerade bei ernsten Begleitsymptomen nicht ohne fremde Hilfe zu bewältigen ist. Bei der Therapie treten in der Regel keine Komplikationen auf. Gelegentlich werden aber Beruhigungsmittel und Stimulanzien verschrieben und diese sind immer mit Nebenwirkungen verbunden. Die Medikamente, die zur Behandlung der ursächlichen Erkrankung verschrieben werden, können ebenfalls Beschwerden hervorrufen und gelegentlich Wechselwirkungen und allergische Reaktionen auslösen.

Behandlung & Therapie

Die Therapiemaßnahmen zielen bei einer Akalkulie entweder auf die Restitution (Wiederherstellung) der beeinträchtigten Funktionen und Fähigkeiten oder auf eine Reorganisation,Die Therapiemaßnahmen zielen bei einer Akalkulie entweder auf die Restitution (Wiederherstellung) der beeinträchtigten Funktionen und Fähigkeiten oder auf eine Reorganisation, bei welcher andere intakte kognitive Funktionen kompensatorisch zum Einsatz gebracht werden.

Im Rahmen der Restitution wird das verlorene Wissen in erster Linie durch intensive Übungseinheiten, in welchen die geschädigten Funktionen, insbesondere das Transkodieren und das erneute Abrufen der bereits gespeicherten arithmetischen Wissensbestände, trainiert, um eine stabile Verknüpfung zwischen dem spezifisch vorliegenden Rechenproblem und der richtigen Lösung aufzubauen.

Hierbei wird die Berücksichtigung alltagsspezifischer Übungen (u.a. Ablesen der Uhrzeit, Umgang mit Geld und Errechnen des Wechselgeldes) sowie berufsbezogener Aufgabenstellungen bei Wiedereingliederung in das Berufsleben als Rehabilitationsziel empfohlen. Zudem sollte auf dem Schwierigkeitsniveau begonnen werden, ab welchem der spezifisch Betroffene Beeinträchtigungen aufzeigt.

Durch Therapieansätze, die auf eine Reorganisation arithmetischer Kompetenzen abzielen, wird eine Vermittlung von spezifischen Strategien und arithmetischen Grundregeln (bspw. 5 x 6 = (5 x 10) – (5 x 4)) zur Kompensation der von der Akalkulie betroffenen Funktionen im Rahmen von Übungseinheiten angestrebt.

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Vorbeugung

Einer Akalkulie kann lediglich restringiert vorgebeugt werden. So kann beispielsweise im Rahmen einer Arteriosklerose-Prophylaxe das Risiko eines Schlaganfalls und somit einer möglichen Akalkulie reduziert werden.

Bücher über Rechenschwäche

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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