Rapunzel-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 23. Oktober 2017
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Bei dem Rapunzel-Syndrom handelt es sich um eine psychische Krankheit, die vornehmlich bei weiblichen Heranwachsenden auftritt. Die Patienten zeigen Auffälligkeiten, indem sie an ihren langen Haare kauen oder Fasern von Wolldecken sowie Plüschtieren verschlucken. Diese sind unverdaulich und führen zu schwerwiegenden Problemen im Organismus.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Rapunzel-Syndrom?

Die Trichophagie oder das im Volksmund bekannte Rapunzel-Syndrom beschreibt ein zwanghaftes Verhalten des Patienten. Es beinhaltet das Verschlucken sowie das Essen der eigenen Haare über einen längeren Zeitraum. Da Haare vom Organismus nicht verdaut werden können, sammeln sie sich allmählich im Körper an und verklumpen.

Als Folge kommt es zu starken Bauchschmerzen bis hin zu Magen-Darm-Störungen. Die Erkrankung tritt vermehrt bei Mädchen und jungen Frauen in einem Alter unter 20 Jahren auf. Bei älteren Frauen wurde die Krankheit bisher nicht beobachtet.

Die von dem Patienten beschriebenen Symptome sind meist diffus, unspezifisch und können auf verschiedene andere Verdauungserkrankungen hinweisen. Charakteristisch für das Rapunzel-Syndrom sind ein starker Gewichtsverlust bei einem gleichzeitig deutlich angeschwollenem Oberbauch. Damit einhergehend wird oft intensiver Haarausfall beziehungsweise Alopezie wahrgenommen.

Ursachen

Die häufigsten Ursachen des Rapunzel-Syndroms sind psychische Auffälligkeiten. Die Erkrankung geht meist mit Verhaltensauffälligkeiten oder Nervosität einher. Probleme bei der Impulskontrolle führen dazu, dass Patienten auf ihren Haaren herumkauen oder sie abbeißen.

Betroffene erleben eine unangenehme Anspannung im gesamten Körper, die durch ein impulsives Verhalten wie das Kauen auf den Haaren eine Kompensation erlebt. Die durch das kontinuierliche Kauen verschluckten Haare können im Verlauf der Erkrankung den gesamten Magen ausfüllen, sich um weitere Organe wickeln und zu einem schmerzhaften Darmverschluss führen.

Der Beginn der Erkrankung geht oft einher mit dem Verlust eines geliebten Menschen oder der Trennung von ihm. Dies kann eine räumliche Veränderung wie auch eine emotionale Distanzierung dieses Menschen sein, die nicht verarbeitet wird. Eine wahrgenommene Zurückweisung oder eine mangelnde Beachtung führen zu psychischen Problemen.

Dabei ist es unwichtig, ob der stattgefundene Verlust von dem Patienten ursprünglich selbst gewählt oder durch äußere Umstände grundsätzlich fremdbestimmt ist. Ebenso gibt es keinen Unterschied darin, ob die Trennung plötzlich kam oder vorbereitet wurde.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Betroffene knabbern in meist unbeobachteten Momenten an ihren Haaren, Plüschtieren oder Kuscheldecken. Dies ist oft ein Zeichen von Isolation, Verlust oder Entbehrung. Angehörige sind daher gut beraten, wenn sie die Haarspitzen des Patienten auf Feuchtigkeit durch den Speichel untersuchen.

An dem Rapunzel-Syndrom Erkrankte berichten anfänglich von Magenschmerzen und einem allgemeinen Unwohlsein. Im späteren Verlauf der Erkrankung treten Übelkeit und Erbrechen auf. Ein wichtiger Hinweis ist, dass sich die Patienten nicht heimlich übergeben. Die Erkrankten verlieren an Gewicht und haben Schwierigkeiten damit, aufgenommene Nahrung bei sich zu behalten.

Dennoch leiden sie nicht an Appetitlosigkeit. Der Bauch wird parallel zur Gewichtsabnahme deutlich dicker. Gut tastbar ist im Bereich des Magens ein verschiebbarer Knoten, der leicht mit einem Tumor verwechselt werden kann. Darüber hinaus verlieren die Patienten augenscheinlich ihre Haare.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der Krankheitsverlauf ist schleichend und wird ausgelöst durch einen emotionalen Verlust. Ebenfalls kann ein dauerhafter emotionaler Mangel oder eine Zurückweisung zur Entstehung des Rapunzel-Syndroms führen. Wichtig sind eine gute Beobachtung des Verhaltens bei dem betroffenen Patienten in vermeintlich unbeobachteten Momenten.

Die Überprüfung nach Schicksalsschlägen in den vergangenen Monaten kann dabei helfen, die Erkrankung rechtzeitig festzustellen. Über eine Ultraschalluntersuchung oder das Röntgen mit Kontrastmittel für den Magen-Darm-Bereich lassen sich die zopfähnlichen Haarverklumpungen gut vom Arzt diagnostizieren und von einem Tumor abgrenzen. Da es in extremen Fällen bei Komplikationen im Magen-Darm-Trakt zu einem tödlichen Ausgang kommen kann, ist es zu empfehlen, die Wahrnehmung für das Verhalten des Patienten zu schärfen.

Komplikationen

Besteht ein Rapunzel-Syndrom, kann dies schwerwiegende Komplikationen haben. Der Verzehr der eigenen Haare führt langfristig zu einer Magenperforation, Darmverschluss oder Wandnekrosen des Dünndarms. Im weiteren Verlauf kann es zum Durchbruch der Magen- oder Darmwände kommen. Dies ruft weitere Komplikationen wie eine Blutvergiftung, Infektionen des Magen-Darm-Traktes und starke Schmerzen hervor.

In letzter Konsequenz führt ein unbehandeltes Rapunzel-Syndrom zum Tod des Patienten. Weniger schwerwiegend, aber ebenfalls problematisch, sind Druckgefühle, chronische Schmerzen und Verdauungsbeschwerden, ausgelöst von den Haarverklumpungen im Magen-Darm-Trakt. Im Allgemeinen geht das Rapunzel-Syndrom außerdem mit psychischen Problemen des Betroffenen einher.

Werden diese nicht frühzeitig erkannt und behandelt, können sich schwerwiegende psychiatrische Störungen entwickeln. Im Rahmen der operativen Entfernung der Bezoare können Verletzungen der Magenwände oder des Darms auftreten. Auch Infektionen und Wundheilungsstörungen sind nicht auszuschließen. Mögliche Komplikationen nach der Operation sind außerdem Chronische Magen-Darm-Beschwerden, Sensibilitätsstörungen im Bereich des Eingriffs und die Entstehung von Narben.

Verordnete Arzneimittel können Neben- und Wechselwirkungen hervorrufen und in manchen Fällen auch allergische Reaktionen hervorrufen. Bei fehlender Therapie entwickeln sich häufig weitere Haarverklumpungen, die den bereits gereizten Magen-Darm-Trakt weiter schädigen können.

Behandlung & Therapie

Da die oral aufgenommenen Haare zu Verklumpungen geführt haben, ist ein medizinischer Eingriff notwendig. Die sogenannten Bezoare können vom Körper nicht mehr auf einem natürlichen Weg ausgeschieden werden. Daher werden sie chirurgisch durch einen operativen Eingriff entfernt. Rechtzeitig erkannte kleinere Haarverklumpungen können unter Umständen auch endoskopisch entfernt werden.

Um künftige Ansammlungen und Verklumpungen von Haaren im Körper und speziell im Magen-Darm-Trakt zu vermeiden, ist eine begleitende intensive psychiatrische Behandlung des Betroffenen notwendig. Der Rückfall bei einem Rapunzel-Syndrom ist nach einem chirurgischen Eingriff ist als sehr wahrscheinlich einzustufen.

Sofern folglich die Ursache für die entstandene Verhaltensauffälligkeit und damit einhergehende Zwangsstörung nicht geklärt ist, wird es vermutlich weiterhin zu Problemen kommen. Von einer erzieherischen Maßnahme ist abzuraten, da sie als erfolglos einzustufen ist.

Dem Patienten ist sein eigenes Verhalten oft nicht bewusst, da er emotional ob des Erlebten überfordert ist. Nur über den Weg einer guten Therapie wird er lernen, sein Verhalten zu verändern und dem Impuls des Haarekauens widerstehen können.

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Vorbeugung

Zur Vorbeugung des Rapunzel-Syndroms ist eine psychotherapeutische Behandlung bei lebensverändernden Situationen zu empfehlen. Sobald eine Trennung oder der Verlust eines Menschen zu beklagen ist, sollte beobachtet werden, ob dieser vom Betroffenen gut verarbeitet wird.

Da aufgrund eigener Erlebnisse meist der neutrale Blick fehlt, ist es ratsam, die Situation durch einen Fachkundigen beurteilen zu lassen. Der Verlust eines wichtigen Menschen oder soziale Isolation können auf dem therapeutischen Weg verarbeitet werden und die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen der Zwangserkrankung verringert werden.

Bücher über Zwänge

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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