Radiusperiostreflex

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 31. Januar 2017
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Beim Radiusperiostreflex handelt es sich um einen Eigenreflex des menschlichen Körpers. Im Normalfall löst ein Schlag auf den Arm eine leichte Beugung des Unterarms aus; bleibt der Reflex aus, kann dies auf eine neurologische oder muskuläre Störung hindeuten.

Inhaltsverzeichnis

Was ist der Radiusperiostreflex?

Der Radiusperiostreflex oder Brachioradialisreflex ist ein Eigenreflex des Arms. Die Medizin nennt einen Reflex dann Eigenreflex, wenn Reizung und Reaktion im selben Organ stattfinden. Den Radiusperiostreflex löst ein Schlag auf den Radius aus. Beim Radius handelt es sich um einen Knochen des Unterarms, der auch als Speiche bezeichnet wird.

Der Radius ist ein sogenannter Röhrenknochen: Die Markhöhle des Knochens bildet im Inneren eine einheitliche Röhre, in der sich das Knochenmark befindet. Gemeinsam mit der Ulna (Elle) bildet der Radius das Skelett des Unterarms.

Um den Radiusperiostreflex auszulösen, muss der Unterarm angewinkelt zum Oberarm stehen. Er darf dabei weder nach außen noch nach innen gedreht sein. Eine nach außen gedrehte Position bezeichnet die Medizin als Suspination, während die nach innen gedrehte Haltung des Unterarms die Bezeichnung Pronation trägt. Ein Schlag gegen den Radius löst den Radiusperiostreflex aus und führt infolgedessen zur Pronation von Hand und Unterarm.

Funktion & Aufgabe

Dem Radiusperiostreflex liegt eine einfache neurologische Verschaltung zugrunde. Rezeptoren am Unterarm registrieren den Schlag gegen den Knochen: Die mechanische Reizung bringt die sensorische Nervenzelle dazu, zu feuern, d.h. ein Signal zu produzieren. Dies geschieht, indem sich die elektrische Ladung des Neurons verändert.

Durch Veränderungen in der Zellmembran verlagert sich das Ionen-Verhältnis zwischen dem Inneren und dem Äußeren der Zelle und das Neuron depolarisiert. Als summiertes elektrisches Potenzial leitet das Neuron die Reizung über sein Axon weiter. Am Ende der Nervenzelle befindet sich eine Schnittstelle zwischen der ersten und einer zweiten Zelle. Diese Schnittstelle bezeichnen die Naturwissenschaften als synaptischen Spalt. Das Signal gelangt über den synaptischen Spalt, indem es zunächst in eine chemische Form übersetzt wird: Die elektrische Spannung der ersten Nervenzelle verursacht die Freisetzung von Neurotransmittern. Neurotransmitter sind Botenstoffe, die in den synaptischen Spalt gelangen und an deren anderem Ende die zweite Nervenzelle erreichen. Dort binden sich die Neurotransmitter an spezialisierte Rezeptoren, zu denen sie wie ein Schlüssel in ein Schloss passen. Die besetzten Rezeptoren lösen nun auch in der zweiten Nervenzelle eine Veränderung der elektrischen Ladung aus, indem sich Ionenkanäle in der Zellmembran öffnen: Die zweite Nervenzelle depolarisiert und die Information über die Reizung ist erfolgreich auf das zweite Neuron übergegangen.

Beim Radiusperiostreflex handelt es sich um einen Eigenreflex des menschlichen Körpers. Im Normalfall löst ein Schlag auf den Arm eine leichte Beugung des Unterarms aus.

Beim Radiusperiostreflex ist diese Verbindung monosynaptisch: An der Übertragung des Signals vom Rezeptor zum Rückenmark ist nur eine einzige Synapse beteiligt. Die Biologie bezeichnet diese Hinleitung von Signalen auch als Afferenz, vom lateinischen Wort für „hintragen“ („affere“). Auf dem gegenläufigen Weg, der efferenten („hinaustragenden“) Nervenbahn, entsendet das Motoneuron daraufhin das Signal zur Muskelkontraktion. Dieses Signal richtet sich an den Oberarmspeichenmuskel (Musculus brachioradialis). Der Oberarmspeichenmuskel ist ein Skelettmuskel, der sich im Oberarm befindet und zur daumengewandten Seite gerichtet ist. Durch das Zusammenziehen des Oberarmspeichenmuskels verkürzt sich die dazugehörige Sehne und beugt den Unterarm.

Die Neurologie bezeichnet die Nervenbahnen, die den Radiusperiostreflex verantworten, mit den Nummern C4 und C6. Darüber hinaus beteiligt sich auch der Speichennerv (Nervus radialis) an der neuronalen Informationsübertragung. Wie alle Eigenreflexe läuft auch der Radiusperiostreflex ohne Beteiligung des Gehirns ab; der Mensch kann ihn deshalb nicht bewusst steuern, unterdrücken oder willentlich auslösen.

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Krankheiten & Beschwerden

ÄrztInnen vergleichen bei der Überprüfung des Radiusperiostreflexes, ob die Reaktion auf beiden Seiten gleich ausfällt. Dieser Vergleich minimiert Fehldiagnosen, da die Untersuchung auf diese Weise interindividuelle Unterschiede hinsichtlich der Reaktionsfähigkeit berücksichtigen kann.

Das Ausbleiben des Radiusperiostreflexes weist möglicherweise auf eine Radialislähmung hin. Dabei handelt es sich um eine Lähmung des Armes, welche die Handgelenk- und Fingerstrecker befällt. Dafür verantwortlich ist eine Schädigung der Nerven des Oberarms, insbesondere des Nervus radialis. Die Radialislähmung manifestiert sich in einer charakteristischen Fingerhaltung: Die verhältnismäßig hohe Muskelspannung beugt die Muskeln der Finger und des Handgelenks leicht, sodass der Eindruck entsteht, der Betroffene wolle auf etwas zeigen oder die Hand zum Kuss hinhalten. Aus diesem Grund nennt der Volksmund diese Haltung auch Kuss- oder Fallhand.

Die Ursache der Radialislähmung liegt häufig in einer Fraktur des Oberarms oder einem anderen schweren, mechanischen Einwirken. Sie kann beispielsweise auch entstehen, wenn der Betroffene für lange Zeit unbeweglich auf der Seite liegt, wie es in der Narkose oder bei bettlägerigen PatientInnen der Fall ist. Das Körpergewicht drückt in diesem Fall für längere Zeit auf den Nervus radialis und verursacht dadurch eventuell eine Schädigung. Die Therapie der Radialislähmung hängt von den Ursachen im Einzelfall ab; der beschädigte Nerv kann unter Umständen rekonstruiert werden oder sich durch ausreichende Schonung selbst regenerieren.

Das Fehlen des Radiusperiostreflexes stellt außerdem potenziell das Symptom einer myotonischen Erkrankung dar. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von verschiedenen Muskelerkrankungen, für die eine verlängerte Muskelspannung und verzögerte Entspannung typisch ist. Zu dieser Gruppe zählen diverse Syndrome des Muskelschwunds. Die myotone Dystrophie Typ 1 ist beispielsweise eine genetische Krankheit, die durch Muskelschwäche, Herzrhythmusstörung und hormonelle Auffälligkeiten in Erscheinung tritt. Bei ihr und ähnlichen Erkrankungen steht vor allem die Behandlung der Symptome im Vordergrund.

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