Primitivreflexe

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 31. Januar 2017
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Primitivreflexe sind automatisch ablaufende, physiologische Bewegungsreaktionen eines Säuglings, welche zum Zeitpunkt der Geburt vollständig ausgeprägt sind und bis zum vollendeten ersten Lebensjahr andauern. Entwicklungsgeschichtlich gesehen sind sie für das Überleben des Kindes von hoher Wichtigkeit. Ein Fehlen oder Fortbestehen einzelner Reflexe gilt als pathologisch und hat zumeist negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes.

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein Primitivreflex?

Die Primitivreflexe werden auch als frühkindliche oder neonatale Reflexe bezeichnet. Sie beschreiben ein reproduzierbares Reaktionsmuster des Säuglings auf äußere Reize. Unterschieden werden Reflexe der Nahrungsaufnahme sowie Halte-, Lage- und Bewegungsreflexe. Die Abläufe der Reaktionen sind nur minimal variabel und können vom Säugling nicht willkürlich beeinflusst werden.

Die Primitivreflexe sind in den ersten Lebenswochen physiologisch und bilden sich mit dem Fortschreiten der Hirnentwicklung innerhalb des ersten Lebensjahres zurück.

Jeder einzelne Reflex wird einem bestimmten Bereich des Zentralen Nervensystems zugeordnet und wird über das Zwischenhirn vermittelt. Mit fortschreitender Entwicklung und Myelinisierung der Nervenbahnen höherer Hirnzentren werden diese primitiven Reaktionen unterdrückt. Voraussetzung dafür ist die Möglichkeit des Säuglings, sich frei zu bewegen und durch anfangs zufällige motorische Prozesse die Kontrolle über den eigenen Körper zu erlangen.

Funktion & Aufgabe

Aus Sicht der Evolution haben frühkindliche Reflexe eine wichtige Funktion für das Überleben eines Kindes. Heute haben sie aufgrund des geschützten Umfelds, in welchem der Säugling sein erstes Lebensjahr verbringt, ihre lebenswichtigen Funktionen zu einem großen Teil eingebüßt, sind aber nach wie vor ein fixer Bestandteil der pädiatrischen Vorsorgeuntersuchungen.

Hierbei können durch verschiedene Tests unter anderem Rückschlüsse auf die physiologische Entwicklung gezogen werden. Fehlende oder asymmetrische Reflexe sowie deren Fortbestehen über einen bestimmten Zeitraum hinaus deuten auf neurologische Störungen hin.

Die Reflexe der Nahrungsaufnahme bestehen aus dem Suchreflex, dem Saugreflex und dem Schluckreflex. Durch sie wendet sich der Säugling aktiv der Mutterbrust zu, öffnet den Mund und beginnt zu saugen. Bis zum dritten beziehungsweise vierten Lebensmonat funktioniert die Nahrungsaufnahme des Kindes also ausschließlich reflektorisch.

Die Primitivreflexe sind in den ersten Lebenswochen physiologisch und bilden sich mit dem Fortschreiten der Hirnentwicklung innerhalb des ersten Lebensjahres zurück.

Die Halte-, Lage- und Bewegungsreflexe sind zum größten Teil ebenfalls von Geburt an vorhanden. Der Galant-Reflex wird durch Streichen entlang der Wirbelsäule ausgelöst und bewirkt die Krümmung des Rumpfes auf die stimulierte Seite. Dieser Reflex könnte seinen Ursprung im Geburtsvorgang haben, indem er dem Kind die Bewegung im Geburtskanal ermöglicht.

An der Geburt beteiligt ist auch der asymmetrisch-tonische Nackenreflex, welcher bei der Drehung des Kopfes eine Streckung der Extremitäten auf derselben Seite sowie eine Beugung der Extremitäten auf der gegenüberliegenden Seite auslöst. Außerdem ermöglicht dieser Reflex dem Säugling eine freie Atmung in Bauchlage. Im Gegensatz dazu steht der tonische Labyrinthreflex, der bei einer Bewegung des Kopfes eine Beugung oder Streckung des gesamten Körpers zur Folge hat. Seine Wirkung wird später vom symmetrisch-tonischen Nackenreflex aufgehoben.

Direkt nach der Geburt verfügt der Säugling über mehrere Reflexe mit evolutionsgeschichtlichem Hintergrund. Das Kind kann seine Position durch den Greif- sowie den Moro-Reflex halten. Beim Greifreflex schließt der Säugling bei Berührung der Handfläche automatisch dieHand zur Faust. Dasselbe funktioniert auch bei der Fußsohle, was einen Zusammenhang zur Tierwelt nahelegt. Der Reflex ermöglicht etwa neugeborenen Affen, sich am Fell des Muttertieres festzuhalten.

Ähnlich funktioniert der Moro-Reflex, der beim Säugling eine Schreckreaktion auslöst, sobald er ruckartig nach hinten gelegt wird. Daraufhin zieht er die Arme an die Brust und nimmt eine Klammerhaltung ein, die ein Fallen nach hinten verhindern soll.

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Krankheiten & Beschwerden

Die frühkindlichen Reflexe sind für das Neugeborene wichtig und bis zu einem bestimmten Lebensmonat physiologisch. Abgeschwächte, fehlende oder persistierende Reflexe deuten auf eine neurologische Störung hin und können die Entwicklung des Kindes negativ beeinflussen.

Bei einem Fehlen des Such-, Saug- und Schluckreflexes nimmt der Säugling nicht genügend Nahrung auf. Sind die Reflexe hingegen zu stark ausgeprägt oder bilden sie sich nicht von selbst zurück, sind die Kinder später im Mundbereich hypersensibel und haben starken Speichelfluss, was die Entwicklung der Sprache beeinträchtigt. Die Ablehnung von fester Nahrung wirkt sich negativ auf die Entwicklung der Mundmuskulatur aus, was das Schlucken, Kauen und die Kontrolle über den Speichel erschwert.

Ist das Bewegungslernen des Säuglings nicht ausreichend, werden die höheren Nervenbahnen weniger myelinisiert und die Primitivreflexe somit nicht unterdrückt. Manche Reflexe haben bei pathologischem Verlauf negative Auswirkungen auf die motorische Entwicklung. Der asymmetrisch-tonische Nackenreflex ermöglicht dem Säugling ein erstes Training der Auge-Hand-Koordination, kann bei einem Fortbestehen allerdings Gleichgewichtsstörungen und inadäquate Tonusverhältnisse bei einer Drehung des Kopfes verursachen.

Der tonische Labyrinthreflex hat ähnliche Auswirkungen auf das Gleichgewicht. Eine schlechte Raumwahrnehmung und damit eine mangelhafte Fähigkeit zur Orientierung können die Folge sein. Persistiert der symmetrisch-tonische Nackenreflex, ist es dem Säugling unmöglich zu krabbeln oder sich aufzurichten.

Manche Reflexe, wie der palmare Greifreflex, können im Erwachsenenalter im Zuge einer neurologischen Erkrankung erneut auftreten. Diese Reflexe sind dann nicht mehr physiologisch, sondern werden krankheitsbedingt der Pathologie zugeordnet. Der Babinski-Reflex, welcher beim Streichen über die Fußsohle zu einer Streckung der Großzehe bei gleichzeitiger Beugung der anderen Zehen führt, ist normalerweise ab dem 12. Lebensmonat nicht mehr auslösbar. Nach einer massiven Hirnschädigung wie durch einen Schlaganfall oder nach einer traumatischen Einwirkung auf das Gehirn kann es zu einem neuerlichen Auftreten des Reflexes kommen.

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