Osteoonychodysplasie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 27. September 2017
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Die Osteoonychodysplasie ist ein mutationsbedingtes Fehlbildungssyndrom mit vorwiegender Beteiligung der Gliedmaßen. Neben skelettalen Anomalien liegt häufig eine Beteiligung der Nieren und Augen vor. Die symptomatische Behandlung hat vor allem die Verzögerung terminalen Nierenversagens zum Ziel.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Osteoonychodysplasie?

Fehlbildungssyndrome sind durch die Dysplasie verschiedener Strukturen der Anatomie gekennzeichnet. Unter einer Dysplasie versteht die Medizin die Fehlbildung von Geweben oder Organen. Dysplastische Erscheinungen liegen zum Beispiel mit Unterentwicklungen oder Überentwicklungen vor. Die Osteoonychodysplasie ist ein angeborenes Fehlbildungssyndrom mit vorwiegender Beteiligung der Extremitäten. Sie ist mit verschiedenen Fehlbildungen und funktionalen Störungen unterschiedlicher Organe assoziiert.

Eine bekannte Erkrankung aus dieser Gruppe ist beispielsweise das Nagel-Patella-Syndrom, das mit Deformitäten der Fingernägel und der Knochen assoziiert ist. Als Untergruppe der Osteoonchyodysplasien tritt das Nagel-Patella-Syndrom auf der ganzen Welt an rund einem Fall unter 50 000 Neugeborenen ein. Mädchen sind genauso oft betroffen wie Jungen. Als Manifestationsalter gilt als Kleinkindalter.

Die Osteoonychodysplasie wird auch als Turner-Kieser-Syndrom bezeichnet und ist mit Erblichkeit assoziiert. In den 20er- bis 30er-Jahren wurde die Erbkrankheit erstmals dokumentiert. Als Erstbeschreiber gelten vor allem der US-Amerikaner Turner, der Deutsche Kieser und die Österreicher Trauner und Rieger.

Ursachen

Die Osteoonychodysplasie ist eine Erberkrankung. Eine Vererbung des Symptomkomplexes erfolgt im autosomal-dominanten Erbgang. Die Abkommen eines erkrankten Elternteils erkranken daher mit einem Risiko von 50 Prozent an dem Fehlbildungssyndrom. In den meisten Fällen wurde daher familiäre Häufung beobachtet. Auch sporadisch aufgetretene Fälle sind allerdings beobachtet worden.

Die primäre Ursache für beide Varianten liegt in einer genetischen Mutation, die bei sporadischem Auftreten einer Neumutation entspricht. Die Mutation betrifft offenbar das LMX1B-Gen auf dem längeren Arm von Chromosom 9. Der Gen-Locus lautet 9q34. Die bisherigen Studien zur Osteoonychodysplasie legen mehr als 80 verschiedene Mutationen desselben Gens als Ursache der Erkrankung nahe. Das LMX1B-Gen ist ein Transkriptionsfaktor für die Extremitäten, der aus der Gruppe der LIM-Homöodomänen-Proteine stammt.

Diese Proteine sind an der in der Entwicklung der Extremitäten sowie an der Nieren- und Augenentwicklung beteiligt. Abhängig von der Beteiligung der Nieren ist das Nagel-Patella-Syndrom ursächlich mit verschiedenen Allelen assoziiert. Eine Mutation des LMX1B-Gens führt zu einem Funktionsverlust des Transkriptionsfaktors, sodass die Entwicklung beeinträchtigt ist. Die Erkrankung ist mit dem AB0-System der Blutgruppen assoziiert.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten der Osteoonychodysplasie leiden leitsymptomatisch an deformierten Skelettstrukturen. Die Missbildungen ihrer Knochen und Gelenke imponieren in der Röntgenaufnahme vor allem als unterentwickelte Patella. Am rechten Beckenkamm oder dem hinteren Horn des Beckens liegt oft eine knöcherne Exostose vor. Die Beteiligung der Patella betrifft mehr als 90 Prozent der Patienten.

Eine komplette Nichtanlage der Struktur kommt in fast einem Viertel aller Fälle vor. Die unterentwickelte und teilweise luxierte Patella macht die Knie der Patienten teilweise instabil, sodass die motorische Entwicklung verzögert ist und Stürze begünstigt sind. Die Ellenbogen können die Patienten nur begrenzt zur Pronation oder Supination bringen. Der Speichenkopf ist häufig subluxiert. Im Großteil aller Fälle ist die Erkrankung mit einer Arthrodysplasie der Ellbogen assoziiert.

Die Gelenke der Gliedmaßen sind meist zur Überstreckung fähig. Andere Fallberichte haben für das Syndrom Knochenveränderungen wie Skoliose, die Anlage von Halsrippen und eine Unterentwicklung der Nägel dokumentiert. Im Einzelfall können diese Symptome mit Nieren-Problemen vergesellschaftet sein, die eine Proteinurie oder eine Nephritis auslösen können.

Weitere Begleitsymptome können Hypothyreose, das Reizdarm-Syndrom, eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung oder dünner Zahnschmelz sein. Augensymptome und sensorisch-neurale Schwerhörigkeit runden das symptomatische Bild oft ab.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die erste Verdachtsdiagnose auf eine Osteoonychodysplasie stellt sich dem Arzt über die Röntgenbildgebung, die die charakteristischen Veränderungen des Skeletts zeigt. Elektronenoptisch lassen sich außerdem häufig charakteristische Veränderungen in der glomerulären Basalmembran nachweisen.

Eine molekulargenetische Analyse ist in den meisten Fällen nicht erforderlich, da allein das klinisch typische Bild die erste Verdachtsdiagnose erhärtet. Die Prognose der Patienten hängt von der Ausprägung im Einzelfall ab. Bei starker Organbeteiligung kann das Syndrom letal verlaufen.

Komplikationen

Da die Osteoonychodysplasie ein Symptomenkomplex verschiedener erblich bedingter Erkrankungen darstellt, ist das Risiko für Komplikationen für die betroffenen Patienten unterschiedlich. So ist die Lebenserwartung beim sogenannten Nagel-Patella-Syndrom, welches sich an Deformationen der Fingernägel und Knochen auszeichnet, nicht herabgesetzt. Bei den anderen Formen der Osteoonychodysplasie sind jedoch häufig noch innere Organe beteiligt.

So leiden über 50 Prozent der Patienten an Niereninsuffizienz. Besonders der Verlauf der Nierenerkrankung bestimmt die Prognose der Erkrankung. Oft schreitet die Niereninsuffizienz voran und führt dazu, dass der Patient dialysepflichtig wird. Eine kurative Therapie ist in diesen Fällen nur noch durch eine Nierentransplantation möglich. Das gilt besonders, wenn die Gefahr eines totalen Versagens beider Nieren bestehen sollte.

Als weitere Komplikationen bei einer Osteoonychodysplasie werden Skoliosen, Klumpfüße, Exotosen (Überbeine) oder missgebildete Ellenbogengelenke beobachtet. In diesen Fällen sind orthopädische Behandlungen notwendig. Manchmal treten als Komplikationen auch Herzrhythmusstörungen oder Glaukome auf. Die Prognose der Herzrhythmusstörungen ist bei den einzelnen Betroffenen unterschiedlich.

Um langfristige Herzerkrankungen zu vermeiden, ist die Behandlung eines Kardiologen wichtig. Bei einem Glaukom kann es zu einer späteren Erblindung kommen, wenn der Augeninnendruck nicht herabgesetzt wird. Die Deformation der Knochen und Fingernägel selber können psychische Auswirkungen auf den Patienten haben, wenn er aufgrund seines Aussehens das Gefühl gewinnt, gesellschaftlich ausgegrenzt zu sein.

Behandlung & Therapie

Eine kausale Behandlung steht für Patienten der Osteoonychodysplasie derzeit nicht zur Verfügung. Die Erkrankung ist solange nicht heilbar, wie gentherapeutische Ansätze die klinische Phase nicht erreichen. Die Gentherapie wird den Komplex aus Symptomen in Zukunft vielleicht zu einer heilbaren Erkrankung machen, aber zum aktuellen Zeitpunkt werden die Patienten ausschließlich symptomatisch behandelt.

Bei Beteiligung der Nieren steht die Behandlung der Proteinurie im Fokus der Therapie. Dieses Symptom kann in Nierenversagen münden. Daher muss zur Therapie der Nephropathie eine Verminderung der Proteinurie angestrebt werden. Bei den meisten Patienten tritt etwa im Alter von 30 Jahren trotzdem Nierenversagen ein. Eine Transplantation der Niere ist in diesem Stadium der Behandlungsweg der Wahl.

Die Skelettdysplasien der Osteoonychodysplasie können außerdem mit rekonstruktiven Operationen korrigiert werden. Das gilt zum Beispiel für eine Nichtanlage der Patella. Um das Skelett zu stabilisieren, kann Physiotherapie erforderlich sein. Der gezielte Aufbau von Muskeln gibt den meist hypoplastischen Knochen und Gelenken Halt.

Außerdem fördert Physiotherapie eine motorisch normale Entwicklung. Symptome wie die Nagelhypoplasie sind eher ein kosmetisches Problem und müssen nicht zwingend sofort korrigiert werden. Falls trotzdem eine Behandlung der Nagelhypoplasie erwünscht ist, findet in der Regel eine Nagelbett-Transplantation statt.

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Vorbeugung

Der Osteoonychodysplasie lässt sich allenfalls in Form von genetischer Beratung in der Phase der Familienplanung vorbeugen.

Bücher über das Muenke-Syndrom & Erbkrankheiten

Quellen

  • Breusch, S., Clarius, M., Mau, H., Sabo, D. (Hrsg.): Klinikleitfaden Orthopädie, Unfallchirurgie. Urban & Fischer, München 2013
  • Niethard, F., Pfeil, J., Biberthaler, P.: Orthopädie und Unfallchirurgie. Thieme, Stuttgart 2014
  • Witkowski R., Prokop O., Ullrich E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. Springer, Berlin 2003

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