Orthorexie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. August 2017
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Die Orthorexie gehört zu den Essstörungen, ist als solche jedoch weder bekannt noch häufig diagnostiziert. Betroffene haben das ausgeprägte Verlangen, sich stets so gesund wie möglich zu ernähren.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Orthorexie?

Der Begriff Orthorexie leitet sich von den griechischen Wörtern „orthos“ und „orexis“ für „richtig“ und „Appetit“ ab. Im Gegensatz zu anderen Essstörungen steht bei der Orthorexie nicht die Menge der Nahrung im Vordergrund, sondern vielmehr deren Qualität. Betroffene greifen ausschließlich zu den Lebensmitteln, die sie für gesund halten. Auch die ausgeprägte Beschäftigung mit Lebensmitteln sowie das Studieren von Nährwerten gehören zum Krankheitsbild. All diese Verhaltensmuster der Orthorexie haben einen zwanghaften Charakter.

Ursachen

Ähnlich wie bei der Magersucht (Anorexia nervosa) gilt als wesentliche Ursache für die Orthorexie ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis. Betroffen sind meist junge Frauen aus höheren Bildungsschichten, die nicht selten perfektionistisch veranlagt sind. Viele an Orthorexie Erkrankte kompensieren durch die starke Kontrolle über ihre Ernährung einen in einem anderen Bereich des Lebens empfundenen Kontrollverlust. Dies steigert ihr Selbstwertgefühl und nimmt ihnen viele Alltagsängste.

Häufig ist eine strenge Diät mit dem Ziel der Gewichtsreduktion der Einstieg in die Orthorexie, da die Betroffenen während dieser Gefallen daran finden, den Körper beherrschen und formen zu können.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Betroffene der Orthorexie sind zwanghaft auf eine gute Qualität ihrer Nahrungsmittel fixiert. Ungesundes wird nach Möglichkeit komplett gemieden. Die Gedanken Betroffener kreisen in der Folge mehrere Stunden pro Tag nicht nur um verschiedene Lebensmittel und die Planung ihrer Mahlzeiten, sondern auch darum, wie sie den Verzehr von vermeintlich ungesunden Nahrungsmitteln umgehen können.

Für die Auswahl ihrer Lebensmittel studieren Betroffene meist Nährwerttabellen oder prüfen den Vitamin- und Mineraliengehalt derselben über Tabellen aus Büchern oder dem Internet. Sie sind immer auf der Suche nach neuen, ernährungsphysiologisch noch wertvolleren Lebensmitteln und setzen alles daran, diese Lebensmittel zu bekommen. Dies kann absurde Formen annehmen wie die Bestellung über ausgewählte Quellen, beispielsweise in speziellen Online-Shops.

Dabei spielen nicht nur der Kaloriengehalt sowie die Verteilung der Makronährstoffe eine Rolle. Auch bei den Mikronährstoffen der Lebensmittel ist für die Betroffenen noch nicht Schluss. Insbesondere wenn Lebensmittel in den Medien präsent sind, da sie beispielsweise als krebserregend oder überdurchschnittlich stark mit Schadstoffen wie Pestiziden belastet eingestuft wurden, werden sie von Orthorexie-Patienten konsequent gemieden.

Während der Nahrungsaufnahme denken Betroffene stets genau über die Nährwerte der gewählten Lebensmittel nach und häufig auch darüber, wie sie ihre Mahlzeiten noch gesünder gestalten können. So können sie das Essen nicht mehr entspannt genießen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Orthorexie wird häufig nicht erkannt, da viele Ärzte den besonders ausgeprägten Hang zu einer gesunden Ernährung als vorübergehende Marotte abstempeln. Einige Ärzte sehen die Orthorexie zudem nicht als eigenständige Essstörung an, sondern vielmehr als eine gewöhnliche Zwangsstörung. Auch da die Klassifikation der Orthorexie noch keinen feststehenden Kriterien folgt, ist ihre Diagnose also schwierig.

Die Folgen der Orthorexie treten sowohl auf physischer als auch auf psychischer Ebene auf. Durch die starke Einschränkung der „erlaubten“ Lebensmittel kommt es nicht selten zu einer erheblichen Mangelernährung sowie Untergewicht. Damit einher können diverse Beschwerden wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen oder eine verringerte Leistungs- und Belastungsfähigkeit gehen.

Auch die Psyche kann stark unter der Orthorexie leiden. Neben der fehlenden Freude am Essen allgemein grenzen sich Betroffene häufig von ihrer Umwelt ab. Die Gedanken können mehrere Stunden am Tag rund um die Nahrungsaufnahme kreisen. Ein zwangloses gemeinsames Essen kann bei stark ausgeprägten Formen der Orthorexie nicht mehr stattfinden, außer die Betroffenen haben die angebotenen Essensmöglichkeiten vorher ausgiebig geprüft oder gar ihr eigenes Essen mitgebracht.

Häufig versuchen an Orthorexie erkrankte Menschen zudem, ihre Mitmenschen zu ihrer vermeintlich gesünderen Ernährung zu bekehren. Die Einsicht dafür, dass ihr Essverhalten bereits krankhaft ist, fehlt dabei. Solche Verhaltensmuster können zur selbstinduzierten Isolation der Patienten führen.

Komplikationen

Die Orthorexie wirkt sich negativ auf die Psyche und auch auf den Körper aus. In der Regel leiden die Patienten aufgrund der Orthorexie an einer Essstörung. Diese Essstörung wirkt sich sehr negativ auf die Lebensqualität des Patienten aus und kann auch zu erheblichen sozialen Beschwerden führen. In den meisten Fällen kommt es dabei zu einer Mangelernährung und weiterhin auch zu Mangelerscheinungen. Diese können zu anderen Symptomen führen.

Ebenso führt die Orthorexie nicht selten zu einem starken Gewichtsverlust. In schwerwiegenden Fällen können die Betroffenen auch das Bewusstsein verlieren. Durch die psychischen Beschwerden kommt es mitunter zu Störungen der Persönlichkeit oder zu einer Zwangsstörung. Auch Depressionen oder weitere psychische Verstimmungen können durch diese Krankheit auftreten. In schwerwiegenden Fällen sind die Betroffenen dabei auf eine Behandlung in einer geschlossenen Klinik angewiesen.

Auch Störungen der Konzentration oder Angstzustände können aufgrund einer Orthorexie auftreten. Die Behandlung erfolgt in der Regel bei einem Psychologen. In ambulanten Fällen ist allerdings eine stationäre Behandlung notwendig. Komplikationen treten dabei nicht ein. Allerdings führt nicht jede Behandlung zum Erfolg. In vielen Fällen schlägt die Behandlung auch erst nach einem sehr langen Zeitraum an.

Behandlung & Therapie

Ziel der Therapie bei der Orthorexie ist es, den Betroffenen wieder ein normales und entspanntes Verhältnis zum Essen zu vermitteln. Die Betroffenen lernen bei einer Psychotherapie wieder vermeintlich ungesunde Lebensmittel in ihren Alltag zu integrieren, die sie im Zuge der Essstörung gemieden haben. Die Lebensmittel sollen nicht weiter ausschließlich nach ihren Nährwerten oder nach sonstigen Gesundheitsaspekten ausgewählt werden. Begleitend dazu soll die teils stundenlange Fixierung der Gedanken rund um Lebensmittel und die Nahrungsaufnahme gelockert werden.

Sollte es im Zuge der Orthorexie zu einer Mangelernährung und damit einhergehendem Untergewicht gekommen sein, ist ein weiteres Ziel eine Gewichtszunahme in den Bereich des Normalgewichts. In manchen Fällen ist es zudem notwendig, den Betroffenen wieder das unbeschwerte Essen in Gesellschaft nahezubringen.

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Vorbeugung

Nicht nur, weil sie sich häufig schleichend einstellt und noch wenig Anerkennung als Krankheitsbild findet, ist die Vorbeugung der Orthorexie ist schwierig. Wichtig ist das Bewusstsein, dass eine ausgewogene Ernährung nicht ausschließlich aus gesunden Lebensmitteln besteht und auch der Genuss eine Rolle spielt. Ein gesundes Selbstbewusstsein nicht nur bezüglich des Essverhaltens sowie das kritische Hinterfragen von gesundheitsbezogenen Meldungen über verschiedene Lebensmittel können bei der Vorbeugung der Orthorexie helfen.

Bücher über Orthorexie & Essstörungen

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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