Organisches Psychosyndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 20. September 2017
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Als Organisches Psychosyndrom werden sämtliche psychische Veränderungen bezeichnet, die auf eine organische Erkrankung, in der Regel des Gehirns, zurückzuführen sind. Die alte Bezeichnung „Hirnorganisches Psychosyndrom“ wird dabei heute so gut wie nicht mehr verwendet. Das Organische Psychosyndrom – oder auch die körperlich begründbare Psychose – wird allgemein in eine akute und chronische Form unterteilt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Organische Psychosyndrom?

Von einem Organischen Psychosyndrom sprechen Mediziner dann, wenn einer psychischen Veränderung (z.B. Delir, Bewusstseinsstörung, Demenz, Verwirrtheit usw.) eine organische Ursache zugrunde liegt, wie z.B. ein Hirntumor, Hirnblutungen, Enzephalitis, oder wenn diese in Folge eines Schädel-Hirn-Traumas auftritt.

Nicht nur unterschiedliche Erkrankungen des Gehirns können dem organischen Psychosyndrom vorausgehen, auch eine Vielzahl anderer körperlicher Krankheiten können ursächlich dafür verantwortlich sein. Das Organische Psychosyndrom muss als organisch hervorgerufene Form von anderen Arten der psychischen Veränderung streng abgegrenzt werden: von den endogenen Psychosen, d.h. durch die Veranlagung begründbare Psychosen wie Depression, Manie oder Schizophrenie, und von den exogenen Psychosen, d.h. durch äußere Faktoren hervorgerufene psychische Störungen.

Des Weiteren wird beim Organischen Psychosyndrom zwischen dem akuten organischen Psychosyndrom und dem akuten organischen Psychosyndrom unterschieden. Grundsätzlich spielt für die Prognose und den vermutlichen Verlauf dieser Erkrankung bzw. dieses Syndroms das Alter sowie die cerebrale oder körperliche Ausdehnung eine wesentliche Rolle. Aufgrund des großen Spektrums an in Frage kommenden Ursachen ist eine möglichst exakte Diagnose Grundvoraussetzung für eine langfristig wirksame Therapie des Organischen Psychosyndroms.

Ursachen

So vielfältig wie die Erscheinungsbilder eines Organischen Psychosyndroms sind, so unterschiedlich können die auslösenden Ursachen sein. Beim Auftreten von Demenz können beispielsweise unterschiedliche Gehirnerkrankungen vorliegen, wie z.B. ein Hirnschlag (Apoplex), ein Schädel-Hirn-Trauma, ein Hirntumor, Enzephalitis oder Meningitis, eine Gehirnblutung, aber auch Epilepsie kommt hier unter anderem in Frage.

Was nicht-cerebrale Ursachen betrifft, können auch verschiedenste Stoffwechselerkrankungen für ein Organisches Psychosyndrom verantwortlich sein: Dazu zählen die Über- oder Unterzuckerung (Hyper- und Hypoglykämie), die Urämie, eine Hyperthyreose, aber auch Leberversagen oder ein Diabetes mellitus sollten in Betracht gezogen werden. Des Weiteren können schwere Infektionen, wie Harnwegsinfekte oder eine [5Sepsis]] (Blutvergiftung) ein Organisches Psychosyndrom hervorrufen, ebenso wie neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson.

Aber auch Vergiftungen (Intoxikationen) durch Medikamente (z.B. Antidepressiva, Neuroleptika, Antihistaminika), Drogen oder Alkohol sowie die Entzugserscheinungen davon können eine Rolle spielen. Ebenso können eine starke Austrocknung und die damit verbundene Störung des Wasser-Salz-Haushaltes im Körper (Exsikkose) oder ein Sauerstoffmangel (Hypoxie) zu einem Organischen Psychosyndrom führen.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Was den Verlauf und die Diagnose des Organisches Psychosyndroms betrifft, so ist aufgrund der Vielzahl an Erscheinungsformen eine genaue Spezifizierung im Einzelfall notwendig. Was die Ausprägung und den grundsätzlichen Verlauf betrifft, unterscheidet man zwei Arten des Organischen Psychosyndroms.

Unter ein Akutes Organisches Psychosyndrom fallen: das affektive Syndrom mit Stimmungsänderungen, das amnestische Syndrom mit Gedächtnisstörung und -verlust, der Dämmerzustand mit starker Schläfrigkeit und Denkstörungen, das Delir in Form von Erregung, Herzrasen, Unruhe und Sinnestäuschungen, die Halluzinose, ebenfalls mit Sinnestäuschung, die isolierte Bewusstseinsstörung mit starker Schläfrigkeit, das aspontane Syndrom mit Antriebsstörung trotz Wachheit bis hin zum Koma, sowie ein allgemeiner Verwirrtheitszustand mit Orientierungsstörungen.

Diese Akuten Organischen Psychosyndrome werden als rückbildungsfähig bzw. heilbar angesehen, können aber – je nach Ursache – auch chronisch werden. Der akuten Form steht das Chronische Organische Psychosyndrom gegenüber: Dieses tritt in der Regel durch eine dauerhafte Schädigung des Gehirns auf. In diesem Falle werden vielfach Demenz mit einer schwindenden intellektuellen Gedächtnis- und Denkleistung diagnostiziert, oder auch ein Frontalhirnsyndrom oder Korsakow-Syndrom (hirnlokales Psychosyndrom) sowie beispielsweise Mutismus oder ein apallisches Syndrom (sog. Defektsyndrome, z.B. nach Koma). Auch das Hypersomnie-Syndrom (Schlafsucht) und das neurasthenische Syndrom mit Nerven- und Hirnleistungsschwäche zählen zum chronischen organischen Psychosyndrom.

Die chronischen organischen Psychosyndrome können, je nach Ursache, Alter und Ausdehnung, stabil sein oder aber progredient (weiter fortschreitend) verlaufen. Um einen möglichen Verlauf zu prognostizieren bzw. therapeutische Schritte einzuleiten, steht daher beim Organischen Psychosyndrom eine umfassende und genaue Diagnose im Vordergrund. Zur Anamnese gehören eine Eruierung von Vorerkrankungen, möglichen Traumata (Unfälle, Verletzungen), der Ausschluss von Infektionen sowie umfangreiche neurologische Untersuchungen.

Labortechnisch werden ein großes Blutbild und auch eine Aufschlüsselung der Elektrolyte herangezogen. Zu den differentialdiagnostischen und bildgebenden Verfahren gehören das EEG (Elektro-Enzephalogramm), eine CCT (Gehirn-Computertomographie), eine Hirndruckmessung und gegebenenfalls auch eine Liquorpunktion.

Um zu einer möglichst genauen Diagnose zu gelangen, wird nach emotionalen Verhaltensauffälligkeiten und -änderungen ebenso gesucht (Wahn, Exhibitionismus, Depressionen, Wutanfälle, Stimmungsschwankungen etc.), wie nach nach Denk- und Gedächtnisstörungen, Angstzuständen, Orientierungsproblemen, Interesselosigkeit, Abgeschlagenheit, Problemen bei der Nahrungsaufnahme oder Körperpflege, Antriebsstörungen etc., aber auch nach körperlichen Allgemeinsymptomen wie Schwindel, Schweißausbrüchen oder Übelkeit.

Komplikationen

Bei diesem Syndrom leiden die Patienten an einer Reihe verschiedener Veränderungen der Psyche. Dabei kommt es in der Regel zu einer Psychose und zu weiteren psychischen Verstimmungen oder zu Depressionen. In vielen Fällen leiden die Patienten dabei auch an sozialen Beschwerden und können ihre sozialen Kontakte nicht mehr aufrechterhalten. Auch eine innere Unruhe oder Gedächtnisstörungen treten dabei auf und werden in vielen Fällen von Herzrasen oder Schwitzen begleitet.

Auch Störungen der Konzentration oder der Orientierung treten bei diesem Syndrom auf und wirken sich sehr negativ auf die Lebensqualität des Betroffenen aus. In vielen Fällen kommt es dabei auch zu Halluzinationen oder zu einer erhöhten Reizbarkeit des Betroffenen. Die Eltern oder die Angehörigen sind in vielen Fällen von den Beschwerden dieses Syndroms stark betroffen.

Im schlimmsten Fall verliert der Betroffene das Bewusstsein vollständig und fällt dabei in ein Koma. Die Behandlung dieser Erkrankung richtet sich in der Regel nacht ihrer Ursache. Ein positiver Verlauf kann allerdings nicht in jedem Falle garantiert werden. Die Einnahme von Psychopharmaka kann zu verschiedenen Nebenwirkungen beim Betroffenen führen und die Lebensqualität deutlich verringern.

Behandlung & Therapie

Die individuelle Behandlung hängt von der jeweiligen Diagnose ab. Zu den wichtigsten therapeutischen Maßnahmen gehört natürlich die Behandlung der zugrunde liegenden organischen Erkrankung, so gut und so weit dies möglich ist. Vor allem beim akuten organischen Psychosyndrom ist die ursächliche Therapie für die Prognose entscheidend.

Darüber hinaus ist eine allgemeine Stressreduktion äußerst wichtig, und je nach Form und Ursachen können eine Ernährungstherapie (z.B. Ausgleich der Elektrolyte) oder eine medikamentöse Therapie (z.B. mit Neuroleptika) mögliche Therapieoptionen sein. Im Falle eines neu auftretenden chronischen organischen Psychosyndroms steht auch eine Rehabilitation am Beginn der ärztlichen Behandlung.

Wenn keine ursächlich heilende Möglichkeit gefunden wird, gilt es, die Symptome, wie z.B. Halluzinationen, Unruhezustände oder Depressionen, bestmöglich medikamentös zu lindern. In vielen Fällen – vor allem bei Schädigungen des Gehirns – ist eine vollkommene Genesung eher unwahrscheinlich, so dass gerade hier auf die Verbesserung der Symptomatik eingewirkt werden muss.

Bei rein körperlich begründeten, insbesondere akuten organischen Psychosyndromen, können dagegen nach Behebung der organischen Ursachen recht gute Behandlungserfolge erzielt werden. Dies ist z.B. bei Stoffwechselerkrankungen oder einer Störung des Elektrolyt-Haushaltes der Fall. Der Therapieweg und -erfolg hängt in manchen Fällen auch von der Compliance des Patienten ab, z.B. dann, wenn Alkoholmissbrauch ursächlich für das Organische Psychosyndrom verantwortlich ist.

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Vorbeugung

Eine Vorbeugung oder Prävention ist aufgrund der großen symptomatischen und ursächlichen Bandbreite kaum möglich. Ein gesunder, ausgeglichener Lebensstil – auch und gerade in Hinblick auf die seelische Balance – und die Vermeidung von Alkohol und Drogen können zumindest vor einem durch körperlichen Mangelzustand oder Genussgifte hervorgerufenen organischen Psychosyndrom bewahren.

Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen helfen darüber hinaus, schwere cerebrale oder organische Erkrankungen oder Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes oder Leber- und Nierenprobleme frühzeitig zu erkennen und damit ungünstigen Verläufen vorzubeugen. Darüber hinaus gilt auch beim Organischen Psychosyndrom: Je früher eine Diagnose gestellt wird und eine wirksame Therapie begonnen werden kann, umso besser stehen auch die Heilungschancen.

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Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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