Orbicularis-oris-Reflex

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. Januar 2017
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Der Orbicularis-oris-Reflex ist ein pathologischer Fremdreflex des Musculus orbicularis oris, der durch das Beklopfen der Mundwinkel ausgelöst wird. Das Vorhandensein der reflektorischen Bewegung verweist in der neurologischen Diagnostik auf hirnorganische Schädigungen. Oft gehen dem Reflex ursächliche Ischämien im Breich des Pons voraus.

Inhaltsverzeichnis

Was ist der Orbicularis-oris-Reflex?

Reflexe sind im menschlichen Körper physiologischerweise vorhanden. In der Regel handelt es sich bei den unwillkürlichen Muskelkontraktionen um Schutzreflexe, die entweder monosynaptischen Eigenreflexen oder polysynaptischen Schutzreflexen entsprechen.

Ein Reflex hat immer einen afferenten und einen efferenten Schenkel. Über die Afferenzen werden die auslösenden Wahrnehmungsreize zum zentralen Nervensystem hin übertragen. Die efferenten Schenkel lösen die motorisch reflektorische Antwort aus.

Neben den physiologischen Reflexen kennt die Neurologie pathologische Reflexe, die sich lediglich an Patienten mit neurologischen Schädigungen auslösen lassen. Zu diesen pathologischen Reflexen zählt der Orbicularis-oris-Reflex, der auch Gaumenreflex genannt wird.

Der afferente Schenkel seines Reflexbogens ist der Nervus trigeminus. Der efferente Schenkel entspricht dem Nervus facialis. Die Auslösbarkeit des Reflexes verweist auf Läsionen des oberen Motoneurons, Schädigungen der Nervenbahnen zwischen dem Pons und der Großhirnrinde oder andere hirnorganische Störungen.

Der Musculus orbicularis oris kontrahiert bei den genannten Läsionen des Nervensystems nach dem Beklopfen der Mundwinkel oder Reizung des Gaumens. Durch die Kontraktion wölben sich die Lippen vor.

Funktion & Aufgabe

Der Orbicularis-oris-Reflex ist kein natürlicher Reflex und hat somit auch keinen Nutzen für den Menschen. Für die Neurologie hat der pathologische Reflexbogen jedoch diagnostischen Wert und hilft so bei der Einschätzung hirnorganischer Schädigungen.

Die Reflexbewegung wird durch den motorischen Anteil des Nervus Facialis umgesetzt. Dabei handelt es sich um den VII. Hirnnerv, der mit sensiblen, sensorischen, motorischen und parasympathischen Fasern einen Großteil des Kopfes innerviert. Der sensibel-sensorische Anteil des Nervs wird auch Nervus intermedius genannt. Die motorischen Kerne liegen im Pons und verbinden sich mit den Fasern anderer Qualitäten erst nach Umrundung des sogenannten inneren Fazialisknies. Der Nervus facialis innerviert den Musculus orbicularis oris motorisch und führt im Reflexbogen des Orbicularis-oris-Reflexes die Kontraktion des Muskel aus.

Der Musculus orbicularis oris wird auch als Ringmuskel des Mundes bezeichnet und ist neben Schließbewegung des Mundes auch am Spitzen der Lippen beteiligt. Aus diesem Grund wird er im Englischen auch kissing muscle genannt. Die Vorwölbung der Lippen im Rahmen des Orbicularis-oris-Reflexes entspricht der Kussbewegung.

Der Musculus orbicularis oris kontrahiert bei den genannten Läsionen des Nervensystems nach dem Beklopfen der Mundwinkel oder Reizung des Gaumens.

Als afferentem Schenkel des Reflexbogens kommt neben dem Nervus Facialis auch dem Nervus trigeminus eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für den Orbicularis-oris-Reflex zu. Dieser fünfte Hirnnerv führt sensible und motorische Nervenfasern, die in drei Ästen große Teile des Kopfbereichs erreichen. Die Mundwinkel werden von dem Nerv sensibel innerviert. Damit registriert der Nerv Klopfbewegungen auf diesen Strukturen, die nach durchlaufen des Reflexbogens die pathologisch reflektorische Bewegung der Lippen auslösen.

Die Verschaltung des Reflexes verläuft über die pyramidalen Nervenbahnen im Rückenmark. Im Rückenmarkvorderhorn sind das obere und untere Motoneuron des zentralen Nervensystems durch die sogenannten Pyramidenbahnen miteinander verbunden.

Der Orbicularis-oris-Reflex zählt zu den pathologischen Fremdreflexen, da er durch die Verschaltung im Rückenmark über hintereinanderliegende Synapsen geschalten ist und seine Effektoren und Affektoren damit nicht im gleichen Organ trägt.

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Krankheiten & Beschwerden

Der Orbicularis-oris-Reflex ist immer das Symptom einer neurologischen Erkrankung oder Verletzung. Am häufigsten begleitet er symptomatisch eine Pseudobulbärparalyse. Eine solche Lähmung entsteht durch die beidseitige Schädigung der kortikonukleären Hirnstammbahnen, die sich zu den kaudalen Hirnnervenkernen ziehen. Die Schädigung löst eine zentral spastische Paraparese an der Mund- und Schlundmuskulatur aus. Sowohl Sprechstörungen, als auch eingeschränkte Zungenbeweglichkeit und Schluckbeschwerden prägen das Krankheitsbild. Ein gesteigerter Masterreflex und Pyramidenbahnzeichen können neben dem Orbicularis-oris-Reflex als diagnostische Indikatoren herangezogen werden.

Eine der häufigsten Ursachen für das Krankheitsbild ist eine zerebrale Arteriosklerose, die multiple ischämische Hirninfarkte in den kortikonukleären Verbindungsbahnen zu den Hirnnervenkernen verursacht.

Nur selten wird die Erscheinung durch neurologische Erkrankungen, wie die entzündliche Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose oder etwa Lues hervorgerufen. Theoretisch kommen auch multiple Hirnmetastasen als Ursache der Läsionen in Frage. Diese Ursache ist jedoch ebenso selten, wie eine Pseudobulbärparalyse durch MS oder Lues.

Auch eine spastische Paraparese kann den größeren Rahmen für den Orbicularis-oris-Reflex darstellen. Eine solche tritt bei Schädigungen des oberen Motoneurons ein, wie sie zum Beispiel durch die degenerative Erkrankung ALS oder immunologische Entzündungen verursacht werden kann. Bei ALS baut sich das motorische Nervensystem Stück für Stück ab. Bei MS zerstören immunologische Entzündungen das Nervengewebe im zentralen Nervensystem.

Bei motoneuronalen Läsionen des Zentralnervensystems treten in der Regel weitere pathologische Reflexe auf. Speziell die Reflexe der Babinski-Gruppe gelten als Indikatoren für geschädigte Motoneuronen. Da die zentralen Motoneuronen die obere Kontrollinstanz sämtlicher reflektorischer und willkürlicher Bewegungen darstellen, prägen verschiedene Bewegungsstörungen und Bewegungsausfälle des Krankheitsbild einer motoneuronalen Läsion. Um das Vorhandensein des Orbicularis-oris-Reflexes richtig zu interpretieren, greift der Neurologe neben der Reflexdiagnostik auf Bildgebungsverfahren, wie das MRT zurück.

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