Okulogyre Krise

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. September 2017
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Bei einer okulogyren Krise handelt es sich um eine Art der Dystonie, bei der die Betroffenen keinen Einfluss auf die Symptomatik und das Ausmaß der neurologischen und psychischen Symptomatiken nehmen können. Die Krise kann wenige Minuten oder auch wesentlich länger dauern.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine okulogyre Krise?

Der Begriff Krise steht immer für eine Art von Zuspitzung. Es entsteht eine problematische Situation, die in der Regel eine schnelle Reaktion erfordert. Genau dies trifft auch auf die okulogyre Krise zu. Bei ihr handelt es sich um eine Art der Dystonie (neurologische Bewegungsstörung), bei der sich die Augäpfel unkontrolliert in eine bestimmte Richtung (tonische Seitbewegung) rutschen.

Die Betroffenen einer okulogyren Krise können keinen Einfluss ausüben. Für eine okulogyre Krise können Erkrankungen der Basalganglien (Kerngebiete unterhalb der Großhirnrinde (Cortex cerebri), psychogene oder medikamententoxische Ursachen verantwortlich sein. In Fachkreisen sprich man von einer nichtepileptischen Bewegungsstörung (Bewegungsstörung ohne Fallsucht oder Krampfleiden).

Eingeordnet wird diese Erkrankung in den Bereich der Neurologie beziehungsweise Psychiatrie. Die Krise definiert sich durch unterschiedliche Kommunikationsstörungen, sehr differenzierte neurologische Merkmale sowie psychische und physische Merkmale unterschiedlicher Genese. Ist die Krise vorüber, kann ein leichter oder ausgeprägter Erschöpfungszustand bei den Betroffenen eintreten.

Ursachen

Aus der Reihe der medikamentösen Behandlung kommen Neuroleptika wie Haloperidol beziehungsweise Olanzapin, Carbamazepin, Cisplatin, Chloroquin, Diazoxid, Metoclopramid, Nifedipin, Domperidon, Pemolin, Phencyclidin und Levopoda als Ursache für eine Okulogyre Krise infrage.

Diese Neuroleptika (von neuron: „Nerv“, lepsis: „ergreifen“) bekämpfen aufgrund ihrer sedierenden und antipsychotischen Wirkung den Realitätsverlust entsprechend erkrankter Menschen. Auch schwere psychische Störungen, Ängste, Unruhen und Wahnvorstellungen sowie Halluzinationen werden mit Neuroleptika, neuzeitlich Antipsychotika genannt, behandelt.

Weitere Ursachen für eine okulogyre Krise finden sich in der Parkinsonkrankheit, dem Tourettesyndrom und Multiple Sklerose. Das postenzephalitische Parkinsonsyndrom galt bis nach 1920 als Hauptverursacher. Da in neuester Zeit auch ADHS bei Kindern sowie Fetales Alkoholsyndrom und Autismus mit einem Neuroleptika behandelt werden, müssen auch diese Erkrankungen wegen der medikamentösen Wirkung in zweiter Linie als Verursacher in Betracht gezogen werden.

Weil in schweren Fällen auch Zwangserkrankungen, Persönlichkeitsstörungen sowie krankhafte Erregungsstörungen mit einem Neuroleptika medikamentös versorgt werden, sind diese Erkrankungen zusätzlich in die Liste der Krankheiten aufzunehmen, die eine okulogyre Krise aufgrund der medikamentösen Wirkung auslösen können. Erkrankungen der Basalganglien und psychogene Anzeichen können eine okulogyre Krise hervorrufen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Zu den anfänglichen Symptomen können zum Beispiel Aufregung, Unruhe und Unwohlsein aber auch ein starrer Blick gehören. Im Anschluss daran kann es zur symptomatischen Aufwärtsbewegung der Augen kommen. Auch Kopfbewegungen nach hinten oder zur Seite sowie ein weit geöffneter Mund und Augenschmerzen können auftreten.

Nach der Krise ist ein Erschöpfungszustand nicht auszuschließen. Im Verlauf einer Krise sind Multismus (Kommunikationsstörung, psychogenes Schweigen ohne Defekt der Sprechorgane) und Palilalie (krankhafter Zwang, eigene Wörter und Sätze zu wiederholen) genauso bekannt wie Augenzwinkern, Tränenfluss und Pupillenerweiterung.

Weitere Symptomatiken während einer Krise können Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Speichelfluss, Depressionen und Paranoia sowie Zwangsgedanken und Depersonalisation sein. Die Anwendung eines obszönen Vokabulars sowie von Gewalt ist gleichfalls bekannt. Ein okulogyrer Anfall ist als epileptischer Anfall mit einer tonischen Seitbewegung der Augen zu definieren.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Im weiteren Verlauf von okulogyren Krisen ist nicht nur mit einem Rezidiv, sondern auch mit einer Ausbreitung der fokalen Dystonie zu rechnen. Und zwar auf andere Muskelgruppen. Es kann zu vergleichbaren Symptomen eines Meige-Syndroms kommen.

Komplikationen

Die okulogyre Krise, also die krampfhafte Aufwärtsbewegung der Augen, stellt bereits eine Komplikation im Rahmen einer neurologischen oder neurodegenerativen Erkrankung dar. Die Krise kann auch von der Einnahme bestimmter Medikamente ausgelöst werden. Meist treten neben den Aufwärtsbewegungen der Augen nur Kopfbewegungen nach hinten oder zur Seite bei geöffnetem Mund auf.

Allerdings kann die okulogyre Krise auch mit anderen schwerwiegenden Komplikationen verbunden sein. Neben plötzlich auftretendem starken Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Tränenfluss, Pupillenerweiterung und starken Speichelfluss kann es auch zu Wahnvorstellungen, Depressionen, Depersonalisation und Gewaltausbrüchen kommen. Die Symptome können sich verschlimmern, wenn die betroffene Person mit Gewalt festgehalten wird.

Deshalb ist es wichtig, während eines Anfalls Ruhe zu bewahren. Allerdings können unbeteiligte Personen während eines plötzlichen Gewaltausbruchs des Patienten verletzt werden. Des Weiteren kann es auch passieren, dass sich der Betroffene selber verletzt, etwa durch einen Biss auf die Zunge. Um schwerwiegende Komplikationen zu vermeiden, sollte der Patient möglichst engmaschig betreut werden.

Er sollte bei Reisen begleitet werden oder eine Notfallkarte bei sich tragen, damit im Ernstfall richtig gehandelt werden kann. Scharfe Gegenstände sollten außer Reichweite gebracht werden, weil der Betroffene damit sich selber und andere gefährden kann. Stress und Aufregung wirken im Zustand des Anfalls kontraproduktiv.

Behandlung & Therapie

Tritt ein akuter okulogyrer Anfall ein, ist Ruhe zu bewahren. Auf keinen Fall darf die betroffene Person mit Gewalt festgehalten werden. Auch das Einführen von Gegenständen in den Mund, damit ein Zungenbiss verhindert wird, sollte unterbleiben. Vielmehr ist die Person in eine geschützte Körperlagerung mit Kopfunterlage zu bringen.

Wichtig ist auch, die Betroffenen nicht alleine zu lassen, deren Kleidung zu lockern und eventuell die Brille abzunehmen. Alle Gegenstände, die zu einer Gefährdung der Person führen können, sollten außer Reichweite gebracht werden. Umstehende Personen sind zu beruhigen, damit keine weiteren Stressfaktoren entstehen. Die nächsten Verwandten (Lebenspartner, Eltern) sowie der Arzt sollten schnellst möglich informiert werden.

Ist der Anfall vorüber, kann die betroffene Person mit beruhigenden Worten angesprochen und an einen ruhigen Ort (separater Raum oder ruhige Ecke) gebracht werden. Eine ständig mitgeführte Notfallkarte mit allen relevanten Angaben (genaue Diagnose, Therapie, Verhaltensregeln) sollte für eine bestmögliche Erstversorgung ständig mitgeführt werden.

Die medikamentöse Erstversorgung bei einer okulogyren Krise kann aus einer intravenösen Verabreichung von Benzatropin bestehen. Eine Wirkung tritt meistens schon nach circa fünf Minuten ein. Allerdings kann die volle Wirkung auch erst nach einer halben Stunde einsetzen.

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Vorbeugung

Wie auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen sollte eine molekularpathologische Diagnose erfolgen. Die Basis dafür sind die aktuellen Entwicklungen der kausalen Therapieansätze. Eine engmaschige Zusammenarbeit in der Primärversorgung mit spezialisierten Zentren ist dafür unerlässlich. Wer weiß, dass es jederzeit zu einer okulogyren Krise kommen kann, sollte im Auto, im Bus oder beim Zugfahren optische Ziele in der Ferne im Blick haben.

So kann eine eigene visuelle Kontrolle ausgeübt werden. Eine logopädische Betreuung sowie physiotherapeutische Maßnahmen sind empfehlenswert, um neue okulogyre Anfälle möglichst zu vermeiden oder zumindest in ihrer Intensität zu begrenzen. Eine medikamentöse Begleittherapie ist in den meisten Fällen unerlässlich.

Bücher über Innere Unruhe & Nervosität

Quellen

  • Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis 2015/16. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2015
  • Hacke, W.: Neurologie. Springer, Heidelberg 2010
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015

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