Neurosyphilis

Letzte Aktualisierung am 24. Juni 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Die Neurosyphilis ist ein Syndrom, das sich als Spätfolge einer Syphilis-Infektion entwickeln kann. Sie äußert sich in psychiatrischen und neurologischen Ausfällen. Die Neurosyphilis wird auch als Neurolues oder als quartäre Syphilis bezeichnet (Syphilis im vierten Stadium).

Inhaltsverzeichnis

Was ist Neurosyphilis?

Die Neurosyphilis kann entstehen, wenn eine unbehandelte oder nicht vollständig ausgeheilte Syphiliserkrankung weit fortgeschritten ist. Die Erkrankung greift dann auf das zentrale Nervensystem über.

Zwischen einer Syphilisinfektion und dem Ausbruch der Neurosyphilis können Jahrzehnte vergehen. Entsprechend liegt das Ausbruchsalter meist im mittleren bis fortgeschrittenen Lebensalter. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Wird die Syphiliserkrankung rechtzeitig und gründlich therapiert, ist reichlich Zeit gegeben, um den Ausbruch der Neurosyphilis zu verhindern.

Ursachen

Die Neurosyphilis entsteht im weit fortgeschrittenen Stadium einer Infektion mit Syphilis. Dies ist eine sexuell übertragbare Krankheit, die durch das Bakterium Treponema pallidum hervorgerufen wird.

Auch eine Ansteckung des ungeborenen Kindes durch eine infizierte Mutter ist möglich. Bei etwa 10-20% aller an Syphilis Erkrankten entwickelt sich eine Neurosyphilis. Während die Neurosyphilis in früheren Jahrhundert einer der häufigsten Gründe für eine psychiatrische Hospitalisierung war, ist sie dank guter Behandlungsmöglichkeiten und einer besseren Diagnostik inzwischen in den Industrieländern selten geworden.

In Ländern, in denen eine ausreichende medizinische Versorgung und damit die rechtzeitige Diagnostik und Therapie einer Syphilis noch nicht gegeben ist, stellt die Neurosyphilis weiterhin eine häufige Komplikation dar.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

In den frühen Stadien der Neurosyphilis treten vor allem Reizerscheinungen der Hirnhäute (Meningen) auf. Diese äußern sich insbesondere durch starke Kopfschmerzen sowie durch Lähmungen der Hirnnerven. Je nach betroffenem Hirnnerv können diese Paresen unterschiedliche Symptome hervorrufen. So führt eine Lähmung des Nervus olfactorius zu Riechstörungen, eine Parese des Nervus opticus hat hingegen Sehstörungen zur Folge.

Eine frühe Neurosyphilis kann sich ebenfalls durch das sogenannte polyradikuläre Syndrom bemerkbar machen. Typische Symptome dieser Nervenwurzelirritation sind Missempfindungen wie Kribbeln, Schmerzen oder Taubheit im Bereich der betroffenen Nervenwurzel. Nur selten zeigt sich im Rahmen der frühen Neurosyphilis eine Entzündung der Hirnhäute (Meningitis) mit Nackensteifigkeit und außergewöhnlich starken Kopfschmerzen.

Bei der späten Neurosyphilis, die nur bei einem Zehntel der an Syphilis erkrankten Patienten auftritt, kommt es häufig zu Entzündungen von Blutgefäßen der Hirnhäute, des Gehirns und des Rückenmarks. Die Areale, die normalerweise von diesen Arterien versorgt werden, weisen dann eine Unterversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen auf.

Daraus resultieren Krankheiterscheinungen wie ganz- oder halbseitige Lähmungen, Hirnnervenausfälle, Empfindungs- und Sensibilitätsstörungen sowie Krampfanfälle. Im Verlauf der Erkrankung kann sich ferner das Krankheitsbild Tabes dorsalis entwickeln. Die Rückenmarksschwindsucht ist vor allem durch eine Störung des Vibrationsempfindens sowie durch Störungen des Stellungs- und des Bewegungssinns gekennzeichnet.

Diagnose & Verlauf

Bei Verdacht auf eine Neurosyphilis wird zunächst per Bluttest die zu Grunde liegende Syphilis nachgewiesen. Die Neurosyphilis kann durch eine Untersuchung des Nervenwassers diagnostiziert werden. Dabei wird das Rückenmark punktiert und eine Probe entnommen. Im Nervenwasser lassen sich bestimmte Antikörper und erhöhte Eiweißwerte nachweisen, die Rückschluss auf eine Neurosyphilis zulassen.

Beim Ausbruch der Neurosyphilis kommt es zunächst zu einer Entzündung der Hirnhäute, die sich in Sehstörungen äußert - typisch ist hierbei das Sehen von Doppelbildern. Auf dieses sogenannte meningovaskuläre Stadium kann nach einem längeren Zeitraum dann das parenchymatöse Stadium folgen, in dem das Gewebe des Gehirns zu Grunde geht. Dies äußert sich in Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Lähmungen der Extremitäten, Wesensveränderungen, Wahnvorstellungen, Gedächtnisstörungen, Halluzinationen und Anfällen. Die Patienten verlieren ihre geistigen Fähigkeiten, wirken stark verwirrt und orientierungslos. Die Symptome ähneln teilweise einer altersbedingten Demenz.

Während der Übergang vom meningovaskulären Stadium zum parenchymatösen Stadium oft viele Jahre in Anspruch nimmt, schreitet der Niedergang des Gehirngewebes und damit der geistige Abbau des Patienten schnell vorran. Im letzten Schritt kommt es zum sogenannten Tabes dorsalis, bei dem die Nervenscheiden, Nervenwurzeln und Nervenknoten zerstört werden. Dies führt zu Inkontinenz und Unempfindlichkeit gegenüber Schmerz- und Temperaturreizen, so dass die Patienten teilweise sich entzündende Wunden nicht bemerken oder sich versehentlich verbrühen. Dazu kommen Gangstörungen und ein Verlust der Reflexe bin hin zur vollständigen Lähmung.

Komplikationen

Die Neurosyphilis führt unbehandelt immer zu Spätfolgen, die aufgrund entstehender Komplikationen tödlich enden können. Da die Neurosyphilis bereits eine Komplikation einer Syphilis darstellt, ist spätestens sie besonders behandlungsbedürftig.

Komplikationen, die mit dem zerstörten Nerven- und Hirngewebe einhergehen, resultieren beispielsweise aus sensorischen Störungen. So können Betroffene eventuell Wunden und Entzündungen nicht bemerken, was zum Absterben von Gewebe führen kann. Auch Überempfindlichkeit kann auftreten. Viele alltägliche Dinge können von den Betroffenen nicht mehr ausgeführt werden.

Die veränderte Persönlichkeitsstruktur bei einer voranschreitenden Neurosyphilis sorgt für eine soziale Entfremdung. So kann es vorkommen, dass Betroffene sich häufig missverstanden fühlen und Angehörigen gegenüber aggressiv werden. Dies kann zu einer völligen Isolation führen, was besonders dann enorm belastend für die Betroffenen ist, wenn sie zeitgleich zu einem Pflegefall werden.

Da die Lähmung der Nerven weiter voranschreitet, werden Betroffene alsbald zu einem Pflegefall mit allen verbundenen Komplikationen (Dekubitusrisiko, Vereinsamung, Mangel- oder Fehlernährung). Dies ist zumeist durch die voranschreitende Entzündungen im Hirn beziehungsweise der Hirnhaut zu erklären. Man spricht hier von chronisch progredient verlaufener Meningitis beziehungsweise Enzephalitis.

Das Ausbilden einer Tabes dorsalis (Rückenmarksschwund) führt zu starken motorischen Einschränkungen und damit zu einem erhöhten Unfallrisiko durch Stürze oder fehlerhaften Gebrauch von Objekten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wenn im Intimbereich die typischen Knötchen bemerkt werden, sollte der Frauenarzt oder Urologe konsultiert werden. Geschwülste mit eingesunkener Mitte weisen auf eine fortgeschrittene Neurosyphilis hin, die sofort abgeklärt und behandelt werden muss. Spätestens, wenn zu den Hautveränderungen weitere Symptome wie Fieber oder Gelenkschmerzen hinzukommen, ist ärztlicher Rat gefragt. Die Erkrankung tritt in Phasen auf und kann über Wochen oder Monate unbemerkt verlaufen. Umso wichtiger ist es, nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr oder dem Kontakt mit einer möglicherweise infizierten Person medizinischen Rat einzuholen.

Wenn im Zusammenhang mit den genannten Auslösern ungewöhnliche körperliche Beschwerden bemerkt werden, die auf keine andere Ursache zurückzuführen sind, wird am besten der Arzt angesprochen. Mütter, die nach der Geburt des Kindes typische Syphilis-Anzeichen bemerken, sollten medizinische Hilfe einholen. Ebenso Personen, die entsprechende Symptome nach einer Bluttransfusion bemerken sowie Menschen, bei denen bereits einmal eine Geschlechtskrankheit diagnostiziert wurde. Menschen mit hormonellen Beschwerden oder einer Immunschwäche sprechen mit dem Hausarzt, wenn der Verdacht auf eine Neurosyphilis besteht. Neben dem Allgemeinmediziner können der Gynäkologe, der Urologe oder ein Internist aufgesucht werden. Auch der Hautarzt kann in die Behandlung involviert werden. Während der Behandlung ist eine enge Rücksprache mit dem Arzt wichtig, damit die Therapie an den individuellen Krankheitsverlauf angepasst werden kann.

Behandlung & Therapie

Es ist möglich, eine Syphiliserkrankung auch dann noch zu behandeln, wenn sie bereits in das Stadium der Neurosyphilis fortgeschritten ist. Hierzu wird in erster Linie Penicillin eingesetzt. Dieses Antibiotikum tötet die Erreger der Syphilis ab.Jedoch kann durch Neurosyphilis zerstörtes Nervengewebe des Gehirns und des Rückenmarks sich nicht mehr regenerieren. Durch eine ursächliche Behandlung der Syphilisinfektion kann jedoch der weitere Niedergang der Nervenzellen verhindert werden.

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Vorbeugung

Die Neurosyphilis ist eine Komplikation der Syphilis-Infektion. Der beste Weg der Vorbeugung ist also, eine Syphilis-Infektion zu verhindern. Da es sich hier um eine sexuell übertragbare Krankheit handelt, ist hierzu ein verantwortungsbewusstes Sexualverhalten von Nöten.

Die Verwendung von Kondomen schützt nicht nur vor einer Ansteckung mit Syphilis, sondern auch vor anderen schwerwiegenden Krankheiten. Es muss jedoch angemerkt werden, dass Syphilis - anders als beispielsweise HIV - auch durch Oralsex und andere sexuelle Kontakte übertragen werden kann.

Zur Verhinderung einer Neurosyphilis ist es essentiell, eine bestehende Syphiliserkrankung schnell und konsequent zu therapieren. Auf diesem Weg können schwerwiegende Folgeerkrankungen wie die Neurosyphilis vermieden werden.

Das können Sie selbst tun

Eine Neurosyphilis als schwerwiegende Komplikation einer unbehandelten oder auch resistenten Syphilis lässt keine Möglichkeiten der Selbsthilfe zu, die einer Therapie nahe kommen. Es ist nicht möglich, den bakteriellen Erreger der Syphilis durch Hausmittel, alternative Therapien oder sonstige angebotene Heilmittel zu therapieren. Die einzig mögliche Heilung besteht in der Anwendung starker Antibiotika.

Abzuraten ist unterdessen aus dem jetzigen Stand der medizinischen Forschung dringend von nicht zugelassenen Medikamenten und Substanzen, die nicht von approbierten Ärzten verschrieben werden.

Es gibt jedoch Möglichkeiten, wie der Erkrankte die Symptome besser überstehen kann. So können gegen Schmerzen, die im Zuge von Nervenschäden oder Lähmungen auftreten, Massagen, heiße Bäder oder Kühlung helfen. Dies unterscheidet sich von Person zu Person. Es handelt sich allerdings nur um eine vorübergehender Linderung dieser Symptome. Andere Selbsthilfemaßnahmen richten sich unterdessen nach den verursachten Symptomen. Gerade bei den psychischen Symptomen, die mit einer Neurosyphilis einhergehen, sind Maßnahmen zur Selbsthilfe kaum vorhanden.

Schäden am Nervensystem, die durch Neurolues bedingt sind, können von den Betroffenen teilweise durch gezieltes Training kompensiert werden. Betroffene einer Neurosyphilis, die sich einer medikamentösen Therapie unterzogen, können deshalb eventuell von verschiedenen Bewegungstherapien und kognitivem Training Gebrauch machen. Art und Umfang sind mit dem behandelnden Arzt zu eruieren.

Quellen

  • Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen. Springer, Berlin 2012
  • Hacke, W.: Neurologie. Springer, Heidelberg 2010
  • Suttorp, N., et al.: Infektionskrankheiten. Thieme, Stuttgart 2004

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