Nervus pudendus

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 8. März 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Als Nervus pudendus wird der Schamnerv bezeichnet. Er gilt als wichtigster gemischter Nerv des Beckenbodens.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Nervus pudendus?

Beim Nervus pudendus handelt es sich um den Schamnerv. Er hat seinen Ursprung im Plexus sacralis (Schamgeflecht), genauer gesagt in den Segmenten S1 bis S4. Der Nervus pudendus markiert den größten Plexus-pudendus-Ast. Er ist sowohl mit vegetativen als auch mit sensiblen und motorischen Anteilen ausgestattet. Besondere Wichtigkeit hat der Schamnerv für die Muskulatur des Beckenbodens, die Genitalien sowie die Schließmuskeln.

Anatomie & Aufbau

Von seinem Beginn im Schamgeflecht aus verlässt der Nervus pudendus gemeinsam mit dem Nervus ischiadicus das kleine Becken durch das Foramen infrapiriforme. Unmittelbar an dieser Stelle schlägt der Schamnerv einen Bogen um die Spina ischiadica und das Ligamentum sacrospinale. Durch das Foramen ischiadicus minus kommt es zum erneuten Eintritt in das Becken. Der weitere Verlauf führt den Nervus pudendus in die Fossa ischioanalis innerhalb des Alcock-Kanals, der auch Canalis pudendalis genannt wird.

Dabei handelt es sich um eine Faszienduplikatur des inneren Hüftlochmuskels (Musculus obturatorius internus). Gleichzeitig stellt der Alcock-Kanal die bedeutendste Engstelle des Nervus pudendus dar. So besteht durch eine Einklemmung dieses Abschnitts die Gefahr einer Pudendusneuralgie. In diesem Bereich erfolgt das Aufteilen des Schamnervs in seine Endäste. Diese tragen die Bezeichnungen Nervus dorsalis penis beim Mann oder Nervus dorsalis clitoridis bei der Frau sowie Nervi rectales inferiores (untere Mastdarmnerven) und Nervi perineales (Dammnerven).

Vom Nervus dorsalis penis wird beim männlichen Geschlecht die Rückenseite (Dorsalseite) des Penis sensibel versorgt, während bei der Frau der Nervus dorsalis clitoridis für die sensible Innervation der Klitoris zuständig ist. Die Nervi rectales inferiores sind für die motorische Versorgung des äußeren Afterschließmuskels (Musculus sphincter ani externus) verantwortlich. Des Weiteren wird die Haut in der Afterumgebung von ihnen sensibel innerviert.

Um die Versorgung der Dammmuskeln wie dem Musculus bulbospongiosus und dem äußeren Blasenschließmuskel (Musculus sphincter urethrae externus) kümmern sich die Nervi perineales. Beim Mann wird zudem die Rückenseite des Hodensacks von den Nervi scrotales posteriores versorgt. Beim weiblichen Geschlecht übernehmen die Nervi labiales posteriores die dorsale Versorgung der äußeren Schamlippen (Labia majora).

Funktion & Aufgaben

Von seinem Beginn im Schamgeflecht aus verlässt der Nervus pudendus gemeinsam mit dem Nervus ischiadicus das kleine Becken durch das Foramen infrapiriforme.
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Der Nervus pudendus markiert den wichtigsten gemischten Beckenbodennerv. So werden die Schließmuskeln von Darm, Harnblase und Genitalbereich von ihm versorgt. Kommt es zu sensiblen oder motorischen Defiziten, droht eine Inkontinenz. Ebenso ist eine Beteiligung an Harnverhalt, Verstopfung oder sexuellen Störungen im Bereich des Möglichen.

Von Bedeutung ist der Nervus pudendus für die stabile Position der Eingeweide des Beckens, für die Kontinenz des Menschen, die Bauchpresse und sexuelle Funktionen wie den Samenerguss (Ejakulation) des Mannes. Die Nervi rectales inferiores üben die Funktion aus, die Haut, die sich in direkter Nähe des Afters befindet, sensibel zu versorgen. Weiterhin kümmert sich der Schamnerv um die sensible Wahrnehmung von Damm, männlichen Hoden und weiblichen Schamlippen. Beim Damm handelt es sich um den Bereich zwischen After und männlichem Hodensack bzw. zwischen After und weiblicher Scheide (Vagina).


Krankheiten

Es ist möglich, dass der Nervus pudendus durch bestimmte Erkrankungen negativ beeinträchtigt wird. Dazu gehört in erster Linie die Pudendusneuralgie. Gemeint ist damit eine selten vorkommende neuropathische Krankheit, die sich am peripheren Nervensystem zeigt. Die dabei entstehenden Schmerzen werden dem Nervus pudendus zugeordnet. Mitunter tragen auch unklare Schmerzen in der Genitalregion oder dem Becken die Bezeichnung Pudendusneuralgie. Frauen sind ungefähr doppelt so häufig von der Erkrankung betroffen wie das männliche Geschlecht.

In den meisten Fällen verbirgt sich eine mechanische Ursache hinter der Pudendusneuralgie. Dabei kommt es zu einer Einengung oder Reizung des Schamnervs. So kann zum Beispiel beim Fahrradfahren Druck auf den Damm entstehen. Ebenso sind Druckschädigungen im Rahmen von operativen Eingriffen möglich, weil der Patient zu lange auf der gleichen Körperstelle gelagert wird. Als weitere Ursachen für eine Pudendusneuralgie kommen schwer verlaufende Geburten, Verletzungen am Becken wie Stichverletzungen, Schusswunden oder Frakturen, eine Endometriose, bindegewebige Verengungen am Alcock-Kanal, Gefäßerkrankungen am Becken, die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus), eine Gürtelrose oder Tumore am Becken infrage.

Bemerkbar macht sich eine Pudendusneuralgie durch starke Schmerzen, die im Damm- und Genitalbereich auftreten. Während sich bei Männern die Beschwerden fast immer im Damm und nur gelegentlich im Penis zeigen, leiden Frauen unter einseitigen Schmerzen zwischen äußerer Scheide und After. Die Schmerzen können drückend, dumpf, stechend, brennend oder einschießend sein. Mitunter kommt es auch zu Sensibilitätsstörungen oder Muskellähmungen. Die Taubheitsgefühle wirken sich bei manchen Patienten wiederum negativ auf die Kontrolle des Stuhlgangs oder des Wasserlassens aus. So ist im weiteren Verlauf eine Stuhl- oder Harninkontinenz denkbar. Beim Stehen oder beim Besuch der Toilette ist oft eine Besserung der Beschwerden zu verzeichnen, weil im kleinen Becken eine Druckentlastung erfolgt.

Zur Behandlung der Pudendusneuralgie erhält der Patient Schmerzmittel. Wichtig ist zudem die Behandlung der auslösenden Grunderkrankungen. Im Rahmen der Geburtshilfe wird mitunter der sogenannte Pudendusblock durchgeführt. Das bedeutet, dass die schmerzleitenden Bahnen des Schamnervs blockiert werden, wenn die Austreibungsphase einsetzt. Dabei injiziert der Arzt ein Betäubungsmittel in die Scheidenwand, mit der der Nervus pudendus zeitweilig betäubt wird. Auf diese Weise lassen sich die Schmerzen im Scheidenbereich wirksam lindern.

Quellen

  • Benninghoff/Drenckhahn: Anatomie. Urban & Fischer, München 2008
  • Faller, A. et al.: Der Körper des Menschen. Thieme, Stuttgart 2008
  • Gerok, W., Huber, C., Meinertz, T., Zeidler, H. (Hrsg.): Die innere Medizin – Referenzwerk für den Facharzt. Schattauer, Stuttgart 2007

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