Neglect

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 27. September 2017
Startseite » Krankheiten » Neglect

Neglect ist eine neurologische Aufmerksamkeitsstörung, bei der die betroffenen Personen eine Raum- beziehungsweise eine Körperhälfte und/oder Objekthälften vernachlässigen. Es handelt sich um eine egozentrische beziehungsweise allozentrische Störung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein Neglect?

Ein Neglect stellt sich häufig nach Blutungen der Arteria cerebri media (Gehirnschlagader) und rechtshemisphärischen Hirninfarkten ein. Diese neurologische Störung ist auf eine Läsion im Parietallappen der Cortex (Hirnrinde) zurückzuführen. Die Diagnose ist oft schwierig, da die Symptomatik vielfältig ist. Neglect kann alle Sinnesmodalitäten betreffen, wobei sich die Patienten in den meisten Fällen ihrer Defizite nicht bewusst sind und ihre Verhaltensauffälligkeiten als normal einordnen. Es liegt demzufolge keine Krankheitseinsicht (Anosognosie) vor.

Ursachen

Ein Neglect entsteht mit einer Schädigung bestimmter Hirnregionen, dem Scheitellappen beziehungsweise dem Parietallappen. Dieser Hirnbereich ist verantwortlich für die Steuerung der Aufmerksamkeit. Mögliche Schädigungen sind Hirntumore, Schlaganfall, Hirnblutungen, Schädel-Hirntrauma, Meningitis, Enzephalitis, Multiple Sklerose, Muskelerkrankungen sowie Erkrankungen des peripheren Nervensystems und neurodegenerative Erkrankungen.

Die meisten Patienten mit Neglect-Syndrom sind von einem rechtsseitigen Schlaganfall mit Schädigung der rechten Gehirnhälfte betroffen. Sie vernachlässigen die rechte Körper- oder Raumhälfte. Der linkshemisphärische Hirninfarkt ist weniger stark ausgeprägt und tritt seltener auf.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Der Patient rasiert oder wäscht nur eine Körperhälfte. Er reagiert nicht, wenn er von der geschädigten Seite aus angesprochen wird, weil er nichts hört oder sieht. Er stößt oder läuft gegen Hindernisse, die sich auf der vernachlässigten Seite befinden. Beim Essen berücksichtigt er nur die Lebensmittel auf der einen Tellerseite, die andere wird ignoriert. Soll er ein Bild abzeichnen, fließen nur die Teile der wahrgenommenen Seite ein. Die Betroffenen verhalten sich für Außenstehende deshalb so seltsam, weil sie ihre Defizite häufig nicht wahrnehmen.

Für sie ist ihr Verhalten normal, ihnen fehlt die Einsichtsfähigkeit in ihre Krankheit und sie reagieren umso heftiger, wenn ihr soziales Umfeld sie auf ihre Verhaltensauffälligkeiten aufmerksam macht. Sie wirken uneinsichtig, trotzig, ignorant, gleichgültig, unfreundlich und stur. Die klinische Neuropsychologie setzt sich zum Ziel, diese Defizite mit verschiedenen Therapieansätzen zu reduzieren oder zu beseitigen. Voraussetzung für einen Behandlungserfolg ist jedoch die Einsichtsfähigkeit der Patienten. Solange sich diese nicht einstellt, sind die betroffenen Personen nur in sehr geringem Maße motiviert, sich einer Therapie zu unterziehen und der Umgang mit ihnen bleibt schwierig.

  • Die visuelle Aufmerksamkeitsstörung tritt am häufigsten in Erscheinung. Die Patienten nehmen Gegenstände, Personen und Räumlichkeiten auf der vernachlässigten Seite nicht oder verspätet wahr. Ihr Orientierungssinn konzentriert sich überwiegend auf die nicht vernachlässigte Hälfte.
  • Mit dem auditorischen Neglect ist das Hörvermögen beeinträchtigt und Geräusche, Gespräche, Musik und Sprache werden nicht oder nur eingeschränkt wahrgenommen. Werden die betroffenen Personen auf der vernachlässigten Seite angesprochen, reagieren sie nicht oder verzögert.
  • Mit dem personellen Neglect blenden die Patienten eine Körperhälfte aus und nehmen eingehende Reize wie Berührungen, Druckschmerz, Verletzungsschmerz oder Temperaturreize nicht wahr. Alternativ ordnen sie diese Reize der nicht vernachlässigten Körperhälfte zu.
  • Mit dem olfaktorischen Neglect werden Gerüche nicht wahrgenommen.
  • Der motorische Neglect führt zu einer verminderten Verwendung der Extremitäten (Hemiakinese).
  • Der repräsentationale Neglect zieht eine Vernachlässigung von Reizen in der bildlichen Wahrnehmung nach sich. Die Patienten nehmen Gegenstände, Räumlichkeiten, Personen und Hindernisse nur auf der nicht vernachlässigten Seite wahr und lassen die betroffene Seite bei der Bildbeschreibung außen vor.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Es handelt sich um eine erworbene Wahrnehmungsstörung in Folge eines Schlaganfalles oder weiterer Formen der Hirnschädigung. Der Störungsprozess verläuft grundsätzlich seitenverkehrt, da ausschließlich die Seite vernachlässigt wird, die entgegengesetzt zur Hirnschädigung liegt. Liegt eine rechthemisphärische Gehirnstörung vor, werden Reize der linken Raum- oder Körperhälfte nicht wahrgenommen und umgekehrt.

Die Bezeichnungen Hemineglect, halbseitige Aufmerksamkeitsstörung und halbseitige Vernachlässigung werden gleichfalls verwendet. Ein Neclect kann mehrere Sinneskanäle gleichzeitig betreffen und visuelle, akustische, sensorische oder motorische Störungen hervorrufen. Mit diesen Beschwerden funktioniert nur noch eine Seite, während die andere Seite komplett ausgebendet wird. Die Diagnose erfolgt primär über die Verhaltensauffälligkeiten, über bildgebende Verfahren, Gewebeentnahmen und Muskelbiopsien.

Auch einfache Tests bestätigen schnell den Anfangsverdacht. Die Neurologen führen Such- und Durchstreichtests, Lese-, Schreib- und Rechentests sowie Zeichenübungen (visuelles Explorationstraining) mit den Patienten durch. In der Therapie werden Alltagssituationen unter Berücksichtig der vernachlässigten Seite trainiert. Mit der optokinetischen Simulationstherapie müssen Patienten Symbolen, die sich zur vernachlässigten Seite hin bewegen folgen.

Komplikationen

Ein Neglect stellt bereits eine Komplikation dar, die sich häufig nach einem Schlaganfall entwickelt. Bei bestehendem Neglect ergeben sich allerdings weitere Komplikationen nur noch durch die typischen Verhaltensweisen der Betroffenen. Um das zu verhindern, wäre eine intensive Therapie notwendig. Dem Patienten selbst ist die Störung aber gar nicht bewusst.

Daher leidet er zunächst nicht unter den direkten Auswirkungen dieses Zustands und lässt eine Therapie oft nicht zu. Auf dieser Grundlage können sich verschiedene Komplikationen ergeben. Da der Patient alle Objekte ignoriert, die aufgrund der beschädigten Hirnhälfte abgebildet werden, kann es unter anderem zu Unfällen und Verletzungen beim Zusammenstoß mit diesen Gegenständen kommen.

Ohne pflegerische Unterstützung ist der Betroffene des Weiteren oft nicht mehr in der Lage, sich selbst ausreichend zu ernähren oder die einfachsten Tätigkeiten bei der Körperpflege durchzuführen. In schweren Fällen kann es dadurch ohne Hilfe zur Unterernährung und zur gesellschaftlichen Isolation mit der Tendenz zur Verwahrlosung kommen.

Allerdings verschwindet der Neglect in circa 65 Prozent aller Fälle innerhalb von 15 Monaten wieder, ohne dass trotz fehlender Therapie besondere Komplikationen auftreten. Bei circa 35 Prozent der Betroffenen bleiben jedoch deutliche Symptome zurück, die dann nur noch einer symptomatischen Therapie zugänglich sind. Voraussetzung für eine Therapie ist allerdings die Einsicht in die Erkrankung. Eine vollständige Heilung ist dann aber nicht mehr möglich.

Therapie & Behandlung

Angehörige können einige Maßnahmen ergreifen, um ihnen den Alltag zu erleichtern. Gläser, Tassen und Teller werden leicht schräg zur vernachlässigten Seite auf den Tisch gestellt. Alle Aktivitäten werden über die eingeschränkte Seite an den Betroffenen herangetragen, um das Bewusstsein für diese Seite zu trainieren. Das Bett ist so aufgestellt, dass der Patient mit der gesunden Seite zur Wand liegt. Ein bewusster und geduldiger Umgang ist unverzichtbar, da die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit eingeschränkt ist.

Alltagssituationen, Gespräche und Besuche sind anstrengend. Daher sind wiederholte Pausen indiziert. Übermäßige Kritik und Ungeduld sind kontraproduktiv und verstärken die Blockadehaltung. Ein kleines Gerät in der Größe einer Zigarettenschachtel dient als Signalgeber. In regelmäßigen Abständen ertönt ein Zeichen und der Betroffene muss das Gerät mit der vernachlässigten Seite ausschalten.

Ein Vibrator kann die Muskulatur stimulieren und die Empfindungsfähigkeit erhöhen. Verschiedene Übungen trainieren Augen- und Kopfbewegungen. Hinweisreize erleichtern die Wahrnehmung, zum Beispiel farbige Markierungen an Gegenständen, Lichtsignale oder akustische Reize. Liegt die Einsichtsfähigkeit in die Krankheit vor, kann sich der Betroffene durch die Selbstfunktionstechnik motivieren, seine vernachlässigte Seite bewusst wahrzunehmen.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Vorbeugung

Eine Vorbeugung im klinischen Sinne gibt es nicht, da Schlaganfälle, Hirnblutungen, Hirntumore und andere neurologische Störungen unerwartet auftreten und jeden Menschen unabhängig vom Alter und seinen Lebensumständen treffen können. Einzig ein gesunder Lebensstil kann vorbeugen.

Bücher über Konzentrationsschwäche

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

Diese Seite teilen:

Das könnte Sie auch interessieren:

Bekannt aus: