Nager-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 23. August 2017
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Das Nager-Syndrom ist ein angeborenes Fehlbildungssyndrom aus der Gruppe der akrofazialen Dysostosen. Der Symptomkomplex basiert auf einer Mutation im SF3B4-Gen, das für Komponenten des Spleißmechanismus codiert. Die Therapie erfolgt rein symptomatisch.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Nager-Syndrom?

Die akrofazialen Dysostosen sind eine Krankheitsgruppe aus dem Bereich der angeborenen Skelettdysplasien mit Fehlbildungen der Akren und des Gesichts. Der Typ AFD1 ist auch als Nager-Syndrom bekannt und geht neben den charakteristischen Akren und fazialen Fehlbildungen mit zusätzlichen Fehlbildungen der Gliedmaßen einher. Synonyme Begriffe für das Nager-Syndrom sind die akriofaziale Dysostose, die präaxiale Akrodysostose, die mandibulofaziale Dysostose mit präaxialen Gliedmaßen-Anomalien und Nager-(de)Reynier-Syndrom.

Die seltene Erberkrankung wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erstmals beschrieben. Als Erstbeschreiber gilt neben dem Schweizer HNO-Arzt Felix Robert Nager der französischen Arzt Jean Pierre de Reynier. Beide Namen sind in die multiplen Bezeichnungen der Erkrankung eingegangen. Die Häufigkeit des angeborenen Syndroms ist bislang nicht bekannt.

Seit der Erstbeschreibung umfassen die Fallberichte zirka 100 Fälle. Wie alle akrofazialen Dysostosen ist das Nager-Syndrom erblich und geht auf eine Mutation zurück. In Anbetracht der gerade mal 100 dokumentierten Fallberichte gestaltet sich die endgültige Aufklärung aller Zusammenhänge in Bezug auf das Fehlbildungssyndrom schwierig.

Ursachen

Die Ursache für das Nager-Syndrom sind verschiedene Mutationen im SF3B4-Gen. So war bei rund der Hälfte aller Patienten das Gen von Veränderungen betroffen. Dieses Gen befindet sich beim Menschen am Genort 1q21.2 und codiert für das Protein SF3B4, das eine Komponente des Spleißmechanismus darstellt. Die Mutation bedingt eine fehlerhafte Zusammensetzung dieses Proteins, die mit Funktionsverlusten des Spleißmechanismus einhergeht.

Das Protein spielt schon für Prozesse in der mRNA eine Rolle, die bei einem Defekt des Stoffes gestört sind und so offenbar das Nager-Syndrom hervorrufen. Das Nager-Syndrom scheint nur in den seltensten Fällen sporadisch aufzutreten. Eine erbliche Basis wird aufgrund der familiär beobachteten Häufung angenommen. Der Vererbung liegt scheinbar größtenteils ein autosomal-dominanter Erbgang zugrunde. Allerdings wurden vereinzelt auch autosomal-rezessive Erbgänge beobachtet.

Ob neben den genetischen Faktoren äußere Faktoren wie Giftexposition oder Mangelernährung in der Schwangerschaft die Mutation begünstigen, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Wie jedes Syndrom verursacht auch das Nager-Syndrom eine ganze Reihe von klinischen Symptomen. Zu den wichtigsten klinische Kriterien zählen multiple Gesichtsbefunde, die denen des Treacher-Collins-Syndroms entsprechen und mit Reduktionsfehlbildungen am radialen Strahl kombiniert sind. Neben einer mandibulo-fazialen Dysostose und atypischen Lidspalten liegt bei Patienten des Nager-Syndroms oft eine Ptosis vor.

Zusätzlich leiden die Betroffenen häufig an einem Kolobom des Unterlids, an fehlenden Wimpern und Hypoplasien von Jochbein sowie Oberkiefer. Darüber hinaus findet sich an vielen Patienten eine Choanalatresie oder eine Gaumenspalte. Die fazialen Fehlbildungen sind oft mit einer Hypoplasie, einer Aplasie oder einer Mehrgliedrigkeit des Daumens vergesellschaftet.

Eine Unterentwicklung oder Verkürzung der Speiche, selten Tibia-Fehlbildungen und Rippen- oder Wirbelanomalien können das klinische Bild abrunden. In einigen Fällen liegt außerdem eine radioulnare Synostose vor. Charakteristisch ist auch die Schalleitungsschwerhörigkeit auf einer Körperseite.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die erste Verdachtsdiagnose wird auf Basis der klinischen Untersuchung gestellt. Eine bildgebende Diagnostik hilft bei der Diagnosesicherung. In einer molekulargenetischen Analyse kann außerdem das SF3B4-Gen auf Mutationen geprüft werden. Wenn Mutationen in dem Gen nachgewiesen werden können, gilt die Diagnose als zweifellos gesichert.

Falls kein Nachweis über Auffälligkeiten in dem entsprechenden Gen erbracht werden kann, ist das Nager-Syndrom allerdings nicht gleich ausgeschlossen. Differentialdiagnostisch müssen sowohl andere Formen der mandibulo-fazialen Dysostose, als auch akrofaziale Dysostosen ausgeschlossen werden. Zusätzlich auszuschließen sind das mandibulo-faziale Dysostose-Mikrozephalie-Syndrom und das Goldenhar-Syndrom.

In den meisten Fällen wird das Nager-Syndrom unmittelbar nach der Geburt diagnostiziert. Etwas seltener ist eine pränatale Diagnose, wie sie durch Feinultraschall und eine molekulargenetische Analyse vorgenommen werden kann. Die Prognose ist mit normaler Lebenserwartung assoziiert. Viele Betroffene leiden nur im Säuglingsalter an gesundheitlichen Beeinträchtigungen.

Komplikationen

Durch das Nager-Syndrom leiden die Betroffenen an vielen verschiedenen Fehlbildungen und Missbildungen, die am gesamten Körper des Patienten auftreten können. Eine kausale Behandlung dieser Krankheit ist leider nicht möglich, sodass die Betroffenen auf verschiedene Therapien angewiesen sind, die den Alltag erleichtern können. Allerdings leiden nicht selten auch die Eltern und die Angehörigen des Patienten aufgrund des Nager-Syndroms und benötigen eine psychologische Behandlung.

Die Patienten selbst leiden dabei einer Schwerhörigkeit und auch an einer Gaumenspalte. Die verschiedenen Fehlbildungen geben den Mitmenschen mitunter Anlass zu Hänseleien oder zu Mobbing, wodurch die Lebensqualität des Betroffenen weiterhin geschmälert wird. Auch an den Rippen oder den Wirbeln kommt es zu erheblichen Fehlbildungen.

Die Patienten selbst sind in ihrem Leben in vielen Fällen auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen und können viele Dinge des Alltages nicht ohne Weiteres meistern. Ohne Therapie kommt es durch das Nager-Syndrom nicht selten zu einer Atemnot und weiterhin auch zu Sprachstörungen. Bei der Therapie treten in der Regel keine Komplikationen auf. Auch die Lebenserwartung des Betroffenen wird durch das Syndrom in der Regel nicht eingeschränkt.

Therapie & Behandlung

Kausale Therapien stehen für Patienten des Nager-Syndroms bislang nicht zur Verfügung. Die Krankheit gilt demnach bis dato als unheilbar. Gentherapien sind zwar ein Forschungsgegenstand, haben bislang aber nicht die klinische Phase erreicht. Die Behandlung des Nager-Syndroms erfolgt daher rein symptomatisch und hat vor allem eine Behebung der neonatalen Atemnot oder der Tracheostoma und die Auflösung von Ernährungsprobleme zum Ziel.

Das Gastrostoma kann endoskopisch zur Auflösung gebracht werden, womit sich die Ernährungsprobleme reduzieren. Die Atemprobleme werden häufig mittels perkutaner Punktions- oder Dilatationstracheotomie aufgelöst. Neben diesen chirurgischen und mikrochirurgischen Therapieschritten können auch einige der fazialen Fehlbildungen durch chirurgische Eingriffe korrigiert werden, so zum Beispiel die Gaumenspalte.

Chirurgische Interventionen können außerdem Symptome wie eine schwere Mikrognathie beheben oder temporo-mandibuläre Fehlfunktion der Gelenke auflösen. Gegen die Schwerhörigkeit der Patienten können Hörhilfen zum Einsatz kommen. Falls Sprachstörungen oder phonologische Probleme eintreten, ist zusätzlich eine Sprachtherapie im Sinne einer logopädischen Behandlung angezeigt.

Die Eltern der betroffenen Kinder erhalten außerdem genetische Beratung. Im Rahmen dieser Beratung wird zunächst geklärt, ob die Erkrankung familiären Ursprung hat oder spontan eingetreten ist. Auch leicht betroffene Elternteile geben den Defekt mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an Nachwuchs weiter. Das Wiederholungsrisiko für Folgenachwuchs beträgt nach einem erkrankten Kind sogar dann 25 Prozent, wenn die Elternteile genetisch normal erscheinen.

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Vorbeugung

Dem Nager-Syndrom kann bislang nur durch eingehende Beratung bei der Familienplanung vorgebeugt werden. So können sich betroffene Elternteile zum Beispiel gegen ein eigenes Kind entscheiden, wenn die Erkrankung in ihrer Familie bekannt ist.

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Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik. Thieme, Stuttgart 2011
  • Witkowski R., Prokop O., Ullrich E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. Springer, Berlin 2003

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