Muskeldysmorphie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 16. August 2017
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Personen mit dem Krankheitsbild Muskeldysmorphie verfolgen das Idealbild eines extrem muskulösen Aussehens. Dieses versuchen sie zwanghaft zu erreichen. Entsprechend ihrer gestörten Sichtweise werden sie dieses Ziel, dieses Aussehen, niemals erreichen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Muskeldysmorphie?

Generell gilt die Muskeldysmorphie (MD), auch bekannt als Bigorexie (Biggerexie), Adoniskomplex oder Muskelsucht, als Ausdruck eines gestörten Selbstbilds. Betroffen sind meist Männer, die Ihr eigenes Muskelbild als unzureichend halten, weil es nicht ihrer persönlichen Idealvorstellung entspricht.

Zu den Symptomatiken, die eine Muskeldysmorphie definieren, gehört auch, dass sich die Betroffenen trotz eines guten Trainingszustands für zu schmächtig halten und deshalb nicht selten zu gesundheitsgefährdenden anabolen androgenen Steroiden greifen. Auch der trainierte Muskeltonus erscheint nicht ausreichend und wird weiterhin wie unter Zwang trainiert.

Sie sind der Überzeugung, dass sie trotz überragender Muskelbildung nicht muskulös sind. Die negativen Auswirkungen von exzessivem körperlichem Training, womit vor allem das Gewichtheben angesprochen wird, nehmen die Betroffenen in Kauf, weil sie ihrer Meinung nach dem körperlichen Erscheinungsbild zuträglich sind.

1997 fanden die Forscher Pope, Gruber und Choi eine Unterklasse von körperdysmorphen Störungen. Ihre Forschungsergebnisse besagen, dass sich Betroffene weniger attraktiv und gesund empfanden im Vergleich zu ihren ebenfalls trainierenden Mitstreitern.

Ursachen

Entsprechend der Aussage des Psychologen Roberto Olivardia sind für eine Muskeldysmorphie vier Faktoren verantwortlich: ein sehr stark ausgeprägter Perfektionismus, ein geringes Selbstwertgefühl, das eigene Körperbild erscheint nicht zufriedenstellend und eine negative oder gar keine Beziehung zum Vater.

Werden psychische Konflikte gar nicht oder nur unzureichend verarbeitet, kann es mit der Zeit dazu kommen, dass Betroffene ihre Konflikte auf den eigenen Körper übertragen. Ihren Konflikten verleihen sie mit diesem Verhalten die gewünschte Ausdrucksstärke. Kurz gesagt: Der Muskelaufbau dient der Verringerung des psychischen Leidensdrucks.

Betroffene erkennen sehr schnell, dass auf den Körper einfacher Kontrolle ausgeübt werden kann als auf die eigene Emotionalität. Auch Fremdbilder (muskelbepackte Bodybuilder in den Printmedien) können als Auslöser fungieren. In diesem Fall übernehmen diese Darstellungen für die Betroffenen eine Vorbildfunktion.

Vielleicht, weil ihnen im realen Leben Vorbilder bisher fehlen. Auch eine biologische Neigung wird für möglich gehalten. Im Bereich der Stress bedingten Symptomatik sind der emotionale und der körperliche Stress als Auslöser für eine Muskeldysmorphie zu überdenken.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Der Krankheitsverlauf wird selbst unter Fachärzten häufig erst nach vielen Jahren als Muskeldysmorphie erkannt. Die Beachtung einer Vielzahl an Symptomen kann jedoch viel früher zu einer entsprechenden Diagnose führen. Zu den Symptomen gehören ein starker Gewichtsverlust und die Gier nach leistungssteigernden Produkten (Substanzen).

Auch das Betreiben von nicht nur regelmäßigem, sondern exzessivem Sport begleitet mit einem zunehmenden Realitätsverlust in Bezug zum eigenen Körperbild, zur eigenen Erscheinung, ist ein weiteres Indiz. Verstärkt treten auch hormonelle Störungen sowie die Bildung von Akne, hervorgerufen durch Anabolika, auf.

Soziale aber auch berufliche Kontakte verlieren an Priorität und werden einem exzessiven Trainingsplan untergeordnet. Symptomatisch sind auch Essattacken durch Verzicht auf viele Lebensmittel zugunsten von Diäten, die Muskelaufbau unterstützen. Öffentliche Umkleiden, wo Anwesende ihren Körper sehen können, werden gemieden.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass im fortgeschrittenen Stadium nicht mehr die maximale Muskulatur und der Waschbrettbauch, sondern der persönliche Sieg in Form von Selbstdisziplin über die eigene Gefühlswelt in den Vordergrund rückt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Da es sich bei Muskeldysmorphie psychisch bedingt um ein gestörtes Wahrnehmungsbild handelt, sind die genannten Symptome Grundlage einer Diagnose. Hinzu kommt, dass sich die Betroffenen im Übermaß mit dem Thema Nahrung beschäftigen und sich trotzdem einseitig ernähren (alles muss dem Muskelaufbau dienen). Gewichtsverlust mit gleichzeitigem Muskelaufbau ist ein weiteres Indiz. Auch Veränderungen an den Brustwarzen sind häufig zu beobachten.

Komplikationen

In erster Linie leiden die Betroffenen bei einer Muskeldysmorphie an einem sehr starken Gewichtsverlust. Dieser Verlust kann sich sehr negativ auf die Gesundheit des Betroffenen auswirken und dabei zu verschiedenen Beschwerden führen. Nicht selten kommt es dabei auch zu einer stark verringerten Belastbarkeit des Patienten und auch zu einer dauerhaften Müdigkeit.

Der Alltag des Betroffenen wird deutlich eingeschränkt. Weiterhin leiden die meisten Betroffenen an Akne und damit an einem verringerten Selbstwertgefühl oder an Minderwertigkeitskomplexen. Die Betroffenen schämen sich oft für die Beschwerden und weisen auch hormonelle Störungen auf. Vor allem durch Anabolika kann es auch zu psychischen Beschwerden oder zu einem Realitätsverlust kommen, wenn keine Behandlung eingeleitet wird.

Das Essverhalten der Patienten ist stark gestört, sodass es auch zu Mangelerscheinungen kommt. Weiterhin können die Betroffenen auch das Bewusstsein verlieren. Ebenso kann sich die Muskeldysmorphie auch negativ auf soziale Kontakte auswirken und dabei zu Spannungen oder Ausgrenzungen führen.

Die Behandlung erfolgt dabei mit Hilfe eines Psychologen und einer Ernährungsberatung. Der Betroffene muss eine strenge Diät einhalten, um dem Gewichtsverlust entgegenzuwirken. Allerdings ist der Erfolg dieser Behandlung stark vom Willen des Patienten abhängig. Aus diesem Grund kommt es nicht in jedem Fall zu einem positiven Krankheitsverlauf bei der Muskeldysmorphie.

Behandlung & Therapie

Eine Muskeldysmorphie bedarf einer professionellen Therapie in einer psychosomatischen Klinik. Dort kann durch ein Kompetenznetzwerk, dass sich auf die Zusammenhänge von seelisch-geistigen und körperlichen Beschwerden spezialisiert hat, eine zielführende Therapie durchgeführt werden. Es gilt, ein normales Essverhalten mit Gewichtsstabilisierung aufzubauen. Ferner lernen die Betroffenen unter Anleitung, eine autonome und selbstbewusste Lebensorientierung in den Fokus ihrer persönlichen Sichtweise zu rücken.

Die ambulante oder stationäre Therapie umfasst fünf wesentliche Punkte:

  • Gewichtsaufbau und gleichzeitig Behandlung von physischen Erkrankungen
  • parallel dazu eine individuelle Psychotherapie
  • Ernährungsberatung mit begleitender Therapie
  • Einbeziehung der Familie in die Therapie
  • Behandlung weiterer Störungen, die sich im Verlauf, teilweise über Jahre, ergeben haben

Die Behandlungsdauer lässt sich im Vorfeld nur schwer definieren. Sie liegt aber erfahrungsgemäß zwischen einem Monat und einem halben Jahr. Der Umfang an Therapiesitzungen wird meistens vom Therapeuten zusammen mit dem Patienten festgelegt. In der Regel werden von den gesetzlichen Krankenkassen 25 Sitzungen bezahlt.

Die Beantragung einer Verlängerung ist genauso möglich wie von vornherein mehr Stunden beantragt werden können. Zum Beispiel, wenn die Notwendigkeit einer Psychoanalyse vorliegt.

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Vorbeugung

Der Kontakt zu einer präventiven Jugendhilfe für Kinder, Jugendliche und Familien oder zur Fachberatung für Suchtprävention des zuständigen Schulamtes kann weiterhelfen. Der Verein für Arbeits- und Erziehungshilfe e. V. mit seiner Fachstelle für Prävention gilt als zielführende Anlaufstelle nicht nur für Jugendliche.

Kinder- und Jugendliche sollten auf ihrem Weg der Selbstfindung mit der erforderlichen Ernsthaftigkeit begleitet werden. Nicht selten steht das „sich Abheben“ von der Masse im Vordergrund, was schnell zu einem übertriebenen Körperkult führen kann.

Ein gesundes Körper- und Selbstwertgefühl, eine sichere Selbstwirksamkeit und ein realistisches Selbstkonzept gilt als beste Prävention gegen übertriebenen Körperkult.

Bücher über Sportsucht & Minderwertigkeitskomplexe

Quellen

  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Möller. H.-J., Laux, G., Deister, A., Braun-Scharm, H., Schulte-Körne, G.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

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