Muckle-Wells-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 3. August 2017
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Das Muckle-Wells-Syndrom ist eine erbliche Stoffwechselkrankheit, die zu den Amyloidosen gehört und im Körper eine Entzündungsreaktion hervorruft. Charakteristische Symptome sind Fieber, Nesselsucht und später Hörprobleme. Die Behandlung erfolgt medikamentös und richtet sich vor allem gegen die Kettenreaktion, welche die Entzündungserscheinungen hervorruft.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Muckle-Wells-Syndrom?

Beim Muckle-Wells-Syndrom handelt es sich um autoinflammatorische Krankheit, welche die Weltgesundheitsorganisation als nichtneuropathisch heredofamiliäre Amyloidose (E85.0) klassifiziert. Als Amyloidose bezeichnet die Medizin Ablagerungen von Proteinen, die sich in den Räumen zwischen den Zellen ansammeln.

Bei einer autoinflammatorischen Krankheit wie dem Muckle-Wells-Syndrom setzt der Körper Prozesse in Gang, die eigentlich als Reaktion auf eine Entzündung vorgesehen sind. Die verschiedenen Symptome wie Fieber dienen dazu, Bakterien und andere Fremdkörper effektiver zu bekämpfen. Beim Muckle-Wells-Syndrom laufen diese Reaktion jedoch ab, ohne dass eine tatsächliche Entzündung vorhanden ist.

Autoinflammatorische Erkrankungen gleichen damit Autoimmunerkrankungen, bei denen sich die Abwehrreaktion des Körpers jedoch gegen das Immunsystem richtet und nicht gegen eine Schein-Entzündung.

Ursachen

Das Muckle-Wells-Syndrom ist eine Erbkrankheit. Sie wird über das Gen NLRP3 auf dem ersten Chromosom von mindestens einem Elternteil an die Kinder weitergegeben. Auch andere autoinflammatorische Erkrankungen können auf einer Veränderung von NLRP3 beruhen. Das veränderte Gen ist dominant und führt deshalb auch dann zum Ausbruch der Krankheit, wenn es im genetischen Code nur einmal vorkommt. Dennoch muss nicht jedes Kind eines Betroffenen ebenfalls erkranken.

Menschen besitzen einen diploiden Chromosomensatz: Jedes Chromosom ist im Normalfall zweimal vorhanden. Wenn nur ein Elternteil unter dem Muckle-Wells-Syndrom leidet und neben dem krankheitstragenden Chromosom 1 ein zweites gesundes besitzt, beträgt die Wahrscheinlichkeit für die Vererbung etwa 50 Prozent. Das Gen NLRP3 codiert ein bestimmtes Eiweiß, das sogenannte Cryopyrin.

Cryopyrin beteiligt sich unter anderem an der Übertragung von Entzündungssignalen sowie dem einprogrammierten Selbstmord von Zellen (Apoptose). Darüber hinaus stimuliert es die Synthese von Interleukin-1β – einem Botenstoff, der Entzündungen fördert. Interleukin-1β regt seinerseits die Leberzellen an, Serum-Amyloid-A-Protein (SAA) herzustellen.

Die Medizin kennt heute drei verschiedene Arten von Akute-Phase-SAAs, die der Körper als Reaktion auf Entzündungssignale produziert: SAA-1 und SAA-2 spielen vor allem für die inflammatorische Reaktion der Leber eine Rolle, während SAA-3 auch in anderem Gewebe auftritt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Symptome des Muckle-Wells-Syndroms sind von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich. Charakteristisch sind jedoch die wiederkehrenden, unterbrochenen Episoden der Krankheit. Während der Episoden zeigen sich vor allem jene Symptome stärker, die bezeichnend für Immun- und Entzündungsreaktionen sind. Typischerweise fiebern Betroffene während dieser Phasen oder haben zumindest eine erhöhte Temperatur.

Das Fieber tritt oft gemeinsam mit Muskelschmerzen und Gelenkbeschwerden auf. Auch Nesselsucht zeigt sich sehr häufig beim Muckle-Wells-Syndrom. Die Medizin bezeichnet diese Hautreaktion auch als Urtikaria. Sie führt zu Quaddeln, die sich als kleine Erhebungen in der Haut zeigen, da das Gewebe unter ihnen anschwillt. Häufig ist die Haut zudem gerötet.

Im späteren Verlauf der Krankheit können Betroffene ihr Hörvermögen einbüßen. In der Regel nimmt die Hörfähigkeit zunächst nur wenig ab und verringert sich anschließend kontinuierlich. Die fortschreitende Amyloidose schädigt das Corti-Organ zwischen Schnecke und Trommelfell und/oder den Nervus vestibulocochlearis. Infolgedessen nimmt die Funktionsfähigkeit der Cochlea im Innenohr ab.

Die Medizin nennt den Nervus vestibulocochlearis auch Hör-Gleichgewichtsnerv – er ist auch für das Balancegefühl verantwortlich. Schwindel und Übelkeit gehören deshalb ebenfalls zu den Symptomen des Muckle-Wells-Syndroms. Seltener treten Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und kurze Bewusstlosigkeit auf.

Die fortschreitende Schädigung der Nieren verursacht eine Reihe von weiteren Krankheitszeichen: Im Urin befindet sich unnatürlich viel Protein (Proteinurie) und Betroffene haben ein deutlich erhöhtes Risiko für akutes Nierenversagen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das Muckle-Wells-Syndrom scheint sehr selten aufzutreten, obwohl genaue Daten nicht vorliegen. Es macht sich in vielen Fällen erst im Jugendalter bemerkbar. Mit zunehmendem Krankheitsverlauf steigern sich die Symptome und nehmen an Anzahl und Schweregrad zu. Ärzte stellen die Diagnose häufig nach ausführlicher Anamnese und nachdem sie andere Ursachen für die Beschwerden ausschließen konnten.

Im Labortest liefern die erhöhte Blutsenkungsrate und ein hoher Gehalt von C-reaktivem Protein im Blut weitere Hinweise. Ein Gentest kann endgültige Klarheit darüber verschaffen, ob der Betroffene das veränderte Gen NLRP3 trägt, welches das Muckle-Wells-Syndrom verursacht. Der Gentest ist jedoch für die Diagnostik nicht zwingend notwendig.

Komplikationen

In erster Linie kommt es durch das Muckle-Wells-Syndrom zu starken Rötungen auf der Haut. Ebenso können die betroffenen Regionen am Körper anschwellen und von einem unangenehmen Juckreiz betroffen sein. Nicht selten schämen sich die Betroffenen dadurch und leiden auch an Minderwertigkeitskomplexen oder an einem verringerten Selbstwertgefühl. Auch psychische Beschwerden oder Depressionen können auftreten.

Weiterhin kann das Muckle-Wells-Syndrom zu Schmerzen in den Muskeln und in den Gelenken führen. Vor allem in der Nacht können diese Schmerzen zu Schlafbeschwerden und damit zu einer Gereiztheit des Patienten führen. Die Betroffenen leiden in der Regel weiterhin auch an Fieber und an einem geschwächten Immunsystem. Dadurch kommt es öfter zu Infekten oder Entzündungen, sodass die Lebensqualität der Patienten deutlich eingeschränkt wird.

Auch die Konzentration nimmt ab und die Betroffenen wirken abgeschlagen und müde. Durch das Muckle-Wells-Syndrom ist das Risiko einer Niereninsuffizienz deutlich verstärkt. Komplikationen treten in der Regel dann ein, wenn das Muckle-Wells-Syndrom nicht behandelt wird. Dabei versagen die inneren Organe und es kommt zum Tode des Betroffenen.

Die Behandlung selbst kann mit Hilfe von Medikamenten stattfinden und die Beschwerden deutlich verringern. Ob es zu einer Verringerung der Lebenserwartung durch das Muckle-Wells-Syndrom kommt, kann nicht universell vorausgesagt werden.

Therapie & Behandlung

Bisherige Therapien können das Muckle-Wells-Syndrom nicht vollständig heilen, da die auslösende Mutation lebenslang bestehen bleibt; die Symptome sind allerdings überwiegend behandelbar. In der Regel setzen Ärzte Medikamente ein, um die Entzündungsreaktion zu unterbrechen. Eines davon ist Anakinra. Dabei handelt es sich um einen Rezeptorantagonisten von Interleukin-1.

Anakinra kann auf symptomatischer Ebene das Hörvermögen wieder verbessern und normalisiert Blutsenkungsrate und C-reaktives Protein. Betroffene spritzen es in der Regel täglich zur ungefähr gleichen Zeit unter die Haut. Anakinra reduziert sowohl die Effekte von Interleukin-1α als auch Interleukin-1β. Ein anderer Wirkstoff namens Canakinumab fokussiert sich spezifisch auf Interleukin-1β, das die autoinflammatorische Reaktion beim Muckle-Wells-Syndrom mediiert.

Canakinumab hält sich im Körper einige Zeit; Patienten erhalten die Injektionen im Abstand von mehreren Wochen. Um die Entzündungssymptome zu lindern setzt die Medizin häufig Cortison ein. Darüber hinaus nehmen Betroffene oft Schmerzmittel. Unbehandelt führt das Muckle-Wells-Syndrom zu fortschreitenden Behinderungen und Organversagen.

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Vorbeugung

Da es sich beim Muckle-Wells-Syndrom um eine genetische Erkrankung handelt, ist eine Vorbeugung derzeit nicht möglich. Zukünftig könnten gentechnische Behandlungen den Fehler im NLRP3-Gen beseitigen, um damit die Vererbung des Syndroms zu verhindern.

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Quellen

  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Schütt, C., Bröker, B.: Grundwissen Immunologie. Spektrum, Heidelberg 2011

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