Mowat-Wilson-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 3. August 2017
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Das Mowat-Wilson-Syndrom ist eine seltene, genetisch bedingte Entwicklungsstörung mit vielfältigen Symptomen. Im Rahmen des Gendefekts stellen sich neben Gesichts-, Darm- und Genitalanomalien Herzfehler und Gehirnentwicklungsstörungen ein. Die bislang unheilbare Erkrankung ist lediglich symptomatisch behandelbar.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Mowat-Wilson-Syndrom?

Das Mowat-Wilson-Syndrom ist ein eher junges Krankheitsbild. Das klinisch vielfältige Phänomen wurde 1998 erstmals durch Mowat und Wilson beschrieben. Neben Entwicklungsstörungen prägen Mikrozephalien und der Symptomkomplex des Morbus Hirschsprung das Krankheitsbild. Ein Gendefekt gilt als Ursache für die Erkrankung.

Insgesamt sind die Symptome äußerst vielfältig. Die seltene Krankheit ist bislang nur wenig erforscht. Daher stehen bislang wenige Therapiemöglichkeiten zur Verfügung. Eine definitive Prävalenz gibt es nicht, da die Störung bis ins 21. Jahrhundert hinein selten oder überhaupt nicht diagnostiziert werden konnte. Gegenwärtig sind insgesamt um die 200 Patienten mit dem Syndrom dokumentiert.

Ursachen

Eine Genmutation verursacht das Mowat-Wilson-Syndrom. Aktuellen Forschungen zufolge ist das ZFHX1B-Gens das krankheitsverursachende Gen. Der ursächliche Gendefekt soll in der Chromosomenregion 2q22 liegen. Das betroffene Gen ist rund 70 kb groß und setzt sich aus insgesamt zehn Exons zu 1214 Aminosäuren zusammen. Dieses Gen übernimmt die Codierung für das Protein SIP1, das als Transkriptionsmodulator aktiv ist und sich an der Embryogenese beteiligt.

Die Embryogenese der Betroffenen ist daher gestört. Die krankheitsauslösenden Anomalien des Gens können sowohl einer vollständigen Löschung, als auch einer Umpositionierung oder einer sequenziellen Anomalie entsprechen. Weitergegeben wird der genetische Defekt im autosomal-dominanten Erbgang. Ein defektes Allel auf den beiden homologen Chromosomen reicht also schon zur Weitergabe der Erbkrankheit aus.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Symptome des Mowat-Wilson-Syndroms entsprechen einer komplexen Entwicklungsstörung und sind klinisch vielfältig. Zu den Leitsymptomen zählen zerebral ausgelöste Krampfanfälle und eine Mikrozephalie. Eine solche Mikrozephalie stellt sich in Folge einer frühzeitigen Verhärtung aller Schädelnähte ein und beengt das Gehirn während der Wachstumsphase. Aus diesem Grund sind die Patienten von geistiger Retardierung betroffen. Zusätzlich liegen häufig Anomalien des Gesichts vor, die dem Patienten oft ein adlerartiges Profil verleihen.

Diese Anomalien können zum Beispiel großen, tief sitzenden Augen, horizontal gerichteten Augenbrauen, Ohrmuschelanomalien, angewachsenen Ohrläppchen und einem prominent hervorstehenden Kinn entsprechen. In 90 Prozent der Fällen leiden die Betroffenen an Epilepsie. Die mentale Entwicklung ist stark verzögert und eine sprachliche Entwicklung bleibt oft vollkommen aus. Auch motorisch ist die Entwicklung der Patienten verlangsamt.

Bei normalen Geburtsmaßen tritt außerdem oft ein sekundärer Kleinwuchs ein. Fehlbildungen der Harnröhre können vorliegen. Auch angeborene Herzfehler oder Fehlbildungen der Genitalien sind vorstellbar. Zusätzlich treten neuronale Anomalien des Darmwandplexus auf, wie sie für den Morbus Hirschsprung charakteristisch sind.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose des Mowat-Wilson-Syndroms lässt sich nicht anhand bloßer Untersuchungen stellen, sondern erfordert die Analyse des genetischen Materials. Aus der genomischen DNA des Patienten amplifiziert das Labor die Exons zwei bis zehn des ZFHX1B-Gens. Diese Amplifizierung findet mithilfe von PCR statt. An diesem Material und den Intron-Exon-Spleißstellen findet über DNA-Sequenzierung eine Analyse statt.

Über Multiplex Ligation-dependent Probe Amplification wird jedes Exon des ZFHX1B-Gens auf Deletion und Duplikation untersucht. Dieses aufwändige Verfahren dauert rund drei Wochen und kann anders als die bloße Untersuchung des Patienten eine zweifellose Diagnosestellung ermöglichen. In den meisten Fällen wird neben der DNA des Betroffenen auch die seiner Eltern sequenziert und analysiert.

Der Krankheitsverlauf hängt stark von der Form der genetischen Anomalie und dem Umfang der Deletion oder Neupositionierung von Chromosomenteilen ab. Definitive Prognosen lassen sich schon wegen der bislang wenig dokumentierten Krankheitsfälle kaum stellen. Eine frühe Diagnose und die daran anschließende Therapie beeinflussen die Prognose vermutlich aber günstig.

Komplikationen

Durch das Mowat-Wilson-Syndrom kommt es zu schwerwiegenden Beschwerden und Komplikationen beim Patienten, die die Lebenserwartung und die Lebensqualität deutlich einschränken. In der Regel ist auch der Alltag des Patienten deutlich eingeschränkt und die Betroffenen sind auf die Hilfe anderer Menschen in ihrem Alltag angewiesen.

Weiterhin kommt es zu einer geistigen Retardierung, bei welcher nicht selten auch Angehörige und Eltern an psychischen Beschwerden oder an Depressionen erkranken. In den meisten Fällen leiden die Betroffenen auch an Krämpfen und an einer verringerten Belastbarkeit. Weiterhin treten auch verschiedene Deformationen im Gesicht auf und es kommt zu einer Epilepsie.

Auch die sprachliche Entwicklung ist deutlich verzögert, sodass es im Erwachsenenalter zu erheblichen Schwierigkeiten bei der Kommunikation des Patienten kommt. Ebenfalls tritt ein Herzfehler und Kleinwuchs auf. Durch den Herzfehler kann es zu einem spontanen Herztod kommen, sodass die Lebenserwartung des Betroffenen durch das Mowat-Wilson-Syndrom eingeschränkt ist.

Es ist nicht möglich, das Mowat-Wilson-Syndrom zu heilen. Allerdings können die verschiedenen Beschwerden eingeschränkt und therapiert werden, sodass der Betroffenen einen erträglichen Alltag hat. Dabei treten zwar keine Komplikationen auf, allerdings ist nicht in jedem Fall eine positive Behandlung möglich.

Behandlung & Therapie

Das Mowat-Wilson-Syndrom ist bislang unheilbar. Auch die symptomatischen Therapiemöglichkeiten sind begrenzt. Gegen die Krampfanfälle finden meist medikamentöse Therapien Verwendung. Antiepileptika zeigen im Rahmen dessen die größte Wirksamkeit. Einige der symptomatischen Fehlbildungen lassen sich operativ korrigieren. Besonders die Erscheinungen des Morbus Hirschsprung sollten möglichst früh korrigiert werden, da sich ansonsten eine Sepsis oder eine Durchwanderungsperitonitis einstellen könnte.

Die symptomatische Therapie des Mowat-Wilson-Syndroms soll vor allem die Lebensqualität der Betroffenen verbessern. Mit diesem Ziel kann auch der geistigen und motorischen Retardierung entgegengewirkt werden. Logopädische Therapien können unter Umständen bei der Sprachentwicklung helfen, die beim Mowat-Wilson-Syndrom ohne supportiv therapeutische Maßnahmen oft gänzlich ausbleibt. Physiotherapeutische und ergotherapeutische Behandlungen können unterdes der verzögerten Entwicklung von motorischen Fähigkeiten entgegen wirken.

Das Mowat-Wilson-Syndrom ist für die Eltern eines Betroffenen oft eine kaum vorstellbare, psychische Belastung. Aus diesem Grund werden die Eltern der Patienten häufig von Psychotherapeuten unterstützt. Aktuell ist die medizinische Forschung mit gentherapeutischen Ansätzen befasst, die in Zukunft Gendefekte heilen sollen. So kann das defekte ZFHX1B-Gen der Betroffenen bald eventuell ausgetauscht werden, was die Erkrankung unter Umständen heilbar machen wird.

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Vorbeugung

Da es sich beim Mowat-Wilson-Syndrom um eine komplexe Entwicklungsstörung mit genetischer Ursache handelt, lässt sich der Erscheinung kaum vorbeugen. Paare in der Familienplanung können unter Umständen aber ihre DNA sequenzieren lassen, um ihr persönliches Risiko für die Weitergabe von Gendefekten einschätzen zu lassen.

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Quellen

  • Gortner, L., Meyer, S., Sitzmann, F.C.: Duale Reihe Pädiatrie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Michaelis, R., Niemann, G.W.: Entwicklungsneurologie und Neuropädiatrie. Thieme, Stuttgart 2010
  • Muntau, A.C.: Intensivkurs Pädiatrie. Urban & Fischer, München 2011

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