Misophonie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 20. Oktober 2017
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Misophonie ist keine Krankheit, sondern eine Störung, bei der einzelne Geräusche als ausgesprochen unangenehm wahrgenommen werden und wütend machen. Die Ursachen sind noch nicht eindeutig geklärt, die Behandlungsaussichten sind jedoch gut.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Misophonie?

Misophonie wird übersetzt mit „Hass auf Geräusche“. Betroffene reagieren aggressiv, wenn sie bestimmte Geräusche hören. Dabei kann es sich um Essgeräusche wie Schmatzen, Schlürfen, Kauen oder um sonstige Geräusche handeln wie Niesen, Räuspern, Nase hochziehen. Zuerst untersucht und auch benannt wurde die Misophonie von den amerikanischen Neurophysiologen Pawel und Margaret Jastreboff.

Oft wird in diesem Zusammenhang heute von Selektiver Geräuschintoleranz gesprochen. Die Selektivität besteht darin, dass nur bestimmte Geräusche als enervierend erlebt werden. Bisweilen wird in der Fachliteratur der Umstand vernachlässigt, dass extreme negative Reaktionen insbesondere dann auftreten, wenn die Geräusche von gewissen Personen wie dem Vater oder dem Partner erzeugt werden.

Die herabgesetzte Toleranz gegenüber bestimmten Geräuschen und die daraus resultierende Wut ist von der Hyperakusis (generelle Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, die andere Menschen nicht als laut und störend empfinden) und von der Phonophobie (Furcht vor speziellen Geräuschen) zu unterscheiden.

Ursachen

Es wird vermutet, dass Kindheitserlebnisse die Misophonie verursachen: Wenn eine problematische Vater-Kind-Beziehung bestanden und der Vater beim Mittagessen die Suppe geschlürft hat, dann können ähnliche Geräusche beim jetzigen Ehepartner Wut entstehen lassen. Darüber hinaus kann auch sexueller Missbrauch dafür verantwortlich sein, dass das heftige Atmen eines Mitmenschen später als hassenswert empfunden wird.

Jedes Mal, wenn der Reiz beziehungsweise das Geräusch wahrgenommen wird, stellt sich „wie von selbst“ die negative Reaktion ein. Jene Menschen, die an Misophonie zu leiden beginnen, weisen häufig bereits zuvor eine Zwangsstörung auf. Perfektionisten sind besonders gefährdet, da sie auch annehmen, dass es eine perfekte Art des Essens, Kauens, Trinkens, Hustens etc. gibt, die von allen anderen zu befolgen ist.

Die Selektive Geräuschintoleranz ist nicht durch eine Erkrankung des Gehörs verursacht. Laut einer Studie des Hirnforschers Sukhbinder Kumar von der Universität Newcastle beruht sie auf einer Gehirnstörung. Diese Theorie ist jedoch umstritten.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

In der Fachliteratur wird davor gewarnt, durch Geräusche hervorgerufenes Unbehagen zu pathologisieren. Das ist insofern angebracht, als viele Menschen unangenehme und mit Geräuschen verbundene Kindheitserinnerungen haben und alle Bewohner des urbanen Raums mit unterschiedlichsten Geräuschen leben müssen. Allerdings drängt sich bei der Lektüre der Fachliteratur mitunter der Eindruck auf, dass die Misophonie bagatellisiert wird.

Betroffene werden nicht ernst genommen und als „übersensibel“ abgestempelt. Entscheidend ist der Leidensdruck, der sich in einem massiven Vermeidungsverhalten äußern kann: Es wird von Menschen berichtet, die seit vielen Jahren nicht mehr gemeinsam mit der Familie essen.

Andere machen ihren Partnern heftige Szenen oder tun ihnen Gewalt an, wenn diese sie mit ihren Geräuschen wütend machen. Das Leiden lässt sich auch objektiv messen: Wenn sie die Geräusche hören, reagieren die betroffenen Personen mit veränderter Hautleitfähigkeit, mit erhöhtem Puls, mit Schweißausbrüchen und mit Muskelverspannung. So entstehen Nervosität, Stress, Panik.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Bei der Diagnose wird darauf geachtet, wie die Menschen auf bestimmte Geräusche ansprechen: Empfinden sie Angst, so liegt der Verdacht auf eine Phonophobie nahe. Wenn sie wütend werden und die oben geschilderten körperlichen Symptome erkennbar sind, dann handelt es sich um eine Misophonie, die verschieden stark ausgeprägt sein kann.

Von einem pathologischen Zustand ist dann zu sprechen, wenn das Leben umfassend umgestaltet wird, um etwaigen unangenehmen Situationen und Geräuschen nicht ausgeliefert zu sein. Berufliche Schwierigkeiten, Beziehungsprobleme und sozialer Rückzug sind die Folgen.

Komplikationen

In der Regel führt die Misophonie zu psychischen Beschwerden und Einschränkungen. Die Betroffenen nehmen dabei alle Geräusche der Umwelt als störend wahr und können sich nicht mehr richtig konzentrieren. Vor allem bei Kindern kann diese Beschwerde zu Störungen der Entwicklung oder zu sozialen Beschwerden führen, die die Lebensqualität deutlich verringern.

Nicht selten verzögert sich die Behandlung, da die Betroffenen nicht ernst genommen werden und sich damit auch nicht auf eine richtige Behandlung einlassen. Weiterhin kann es auch zu einer aggressiven Grundstimmung oder zu einer Gereiztheit des Patienten kommen, die sich sehr negativ auf die Gesundheit auswirkt. Die Patienten leiden auch an Kopfschmerzen und an Schweißausbrüchen oder Verspannungen in den Muskeln.

Ebenso kommt es zu Stress und zu einer starken Nervosität. In einigen Fällen können die Betroffenen auch an Panikattacken leiden. Eine direkte und kausale Behandlung der Misophonie ist nicht möglich. Die Behandlung findet daher immer symptomatisch statt und zielt auf die Einschränkung der Beschwerden ab.

Dabei kommt es allerdings nicht in jedem Fall zu einem positiven Krankheitsverlauf. Mitunter sind die Betroffenen auf eine langwierige Therapie angewiesen, damit die Misophonie behandelt werden kann.

Behandlung & Therapie

Bei Vorliegen einer Misophonie bietet sich eine Verhaltenstherapie an, im Rahmen derer versucht wird, die Verknüpfung von Reiz beziehungsweise Geräusch und negativer Emotion zu durchbrechen. Dabei wird die Methode der „Gegenkonditionierung“ angewendet: Die unter Misophonie leidenden Personen werden mit den bisher als unangenehm empfundenen Geräuschen in einem neuen – mit positiven Assoziationen verbundenen – Zusammenhang konfrontiert, um die negativen durch positive Reaktionen zu verdrängen.

Die deutsche Akustikerin Gabriele Lux setzt bei ihrer Behandlungsmethode auf die Versorgung der Betroffenen mit wohltuenden Geräuschen (Meeresrauschen etc.) über Kopfhörer oder über hinter dem Ohr zu tragenden Geräuschgeneratoren. Ziel ist es, die als belastend wahrgenommen Geräusche abzumildern und sie im Idealfall neu zu erleben. Eine Auseinandersetzung mit dem konkreten Geräuscherlebnis, das die Beschwerden verursacht hat, ist in den meisten Fällen hilfreich.

Diese kann im Rahmen einer Gruppen- oder Einzeltherapie bei darauf spezialisierten Psychologen erfolgen. Trotz aller Maßnahmen werden negative Reaktionen auch in Zukunft nicht ausbleiben, die Betroffenen sind jedoch künftig in der Lage, die Geräusche gelassener aufzunehmen. Eine sinnvolle Ergänzung stellen Entspannungstechniken (Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Autogenes Training oder Yoga) dar.

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Vorbeugung

Wenn die Hauptursache für Misophonie in konkreten Geräuscherlebnissen liegt, dann gestaltet sich die Vorbeugung schwierig. Die beste Vorbeugung ist es, die Ursachen des Problems zu erkennen und zu eliminieren. Eine Möglichkeit der Vorbeugung besteht darin, mit der die enervierenden Geräusche erzeugenden Person bald das Gespräch und eine Lösung zu suchen.

Das wird zu Unstimmigkeiten führen, es ist jedoch unumgänglich. Sollten krankhafter Perfektionismus oder Kontrollzwang an der Entstehung des Problems beteiligt sein, so gilt es, diese zwanghaften Verhaltensweisen zu behandeln.

Das können Sie selbst tun

Betroffene, die an einer Misophonie erkrankt sind, sollten ihr Leiden ernst nehmen und nicht bagatellisieren. Dies gilt insbesondere dann, wenn bestimmte Geräusche schwere Aggressionen erzeugen oder der Patient bereits beginnt, seine Lebensführung massiv umzugestalten, um den verhassten Geräuschen zu entgehen.

Der Hausarzt kann hier in aller Regel nur als erster Ansprechpartner dienen. Die Diagnose sollte einem Experten überlassen werden, der auch die Therapie durchführt oder zumindest überwacht. Da die Krankheit eher selten ist, sind erfahrene Ärzte und Therapeuten für diese Störung nicht leicht zu finden. Sofern der Hausarzt nicht weiterhelfen kann, können sich die Betroffenen an die Ärztekammer und ihre Krankenkasse wenden. Einige Berufsverbände, wie zum Beispiel die Deutsche Psychotherapeuten Vereinigung e.V., stellen im Internet Tools zur Verfügung, die bei der Suche nach einer geeigneten Therapeutin oder einem geeigneten Therapeuten helfen.

Die Betroffenen müssen sich in jedem Fall auf eine langwierige Verhaltenstherapie einstellen. Den Erfolg dieser Therapie können Sie oftmals durch das Erlernen von Entspannungstechniken wie Yoga oder autogenem Training fördern. Welche weiteren Selbsthilfemaßnahmen die Betroffenen ergreifen können, hängt davon ab, auf welche Geräusche sie aggressiv reagieren. Ohrstöpsel aus der Apotheke oder ein iPod, der die Lieblingsmusik abspielt, können aber in vielen Situationen vor unliebsamen Geräuschen abschirmen.

Bücher über Schwerhörigkeit

Quellen

  • Arnold, W.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme, Stuttgart 2011
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Reia, M.: Facharztwissen HNO-Heilkunde. Springer, Heidelberg 2009

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