Mikrodeletionssyndrom 22q11

Letzte Aktualisierung am 29. Mai 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Als Mikrodeletionssyndrom 22q11 werden Chromosomenanomalien zusammengefasst, die den langen Arm von Chromosom 22 im Genlocus 22q11 betreffen und sich in Form von Fehlbildungssyndromen manifestieren. Die Betroffenen leiden in den meisten Fällen an einem Herzfehler, an faszialen Fehlbildungen und Thymushypoplasien. Die Behandlung erfolgt symptomatisch und konzentriert sich vor allem auf die Korrektur fehlgebildeter Organe.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Mikrodeletionssyndrom 22q11?

Chromosomenaberrationen sind strukturelle oder numerische Anomalien im Erbgut. Die meisten Chromosomenaberrationen stellen einen wesentlichen Defekt im Genmaterial dar. Chromosomale Anomalien können zum Beispiel durch eine Deletion entstehen. Bei jeder Deletion geht ein Anteil des Chromosomenarms verloren.

Es existieren unterschiedliche Krankheitsbilder und Syndrome, die auf Chromosomenaberrationen basieren. Eines davon ist das sogenannte Mikrodeletionssyndrom 22q11. Als solches werden verschiedene Störungen zusammengefasst, die durch Veränderungen in Position 11 von Chromosom 22 verursacht werden. Zu den bekanntesten dieser Störungen zählen das DiGeorge-Syndrom und das Shprintzen-Syndrom, auch als velo-cardio-faziales Syndrom bekannt.

Die Bezeichnung der Syndrome als CATCH-22-Syndrom ist ebenso verbreitet wie der Ausdruck der Mikrodeletionssyndrome 22q11. Das GiGeorge-Syndrom und das Shprintzen-Syndrom gehen fließend ineinander über und teilen viele Symptome miteinander. Allerdings sind Erkrankungen aus der Gruppe Mikrodeletionssyndrom 22q11 grundsätzlich durch symptomatische Vielfalt gekennzeichnet.

Ursachen

Die Ursache aller Mikrodeletionssyndrome 22q11 sind pathologische Veränderungen auf dem langen Arm von Chromosoms 22 mit Position 11. Genauer gesagt handelt es sich bei diesen Veränderungen um die kleinste Variante der Deletion. Als Deletion wird der Verlust eines DNA-Abschnitts bezeichnet. Damit entspricht die Anomalie einer Genmutation.

Die Mikrodeletion 22q11.2 führt aufgrund von Basenverlusten zum Beispiel zu Entwicklungsfelddefekten der Schlundtaschen und des Kiemenbogens. In einer Folge dessen sind die herznahen Gefäße, der Thymus und die Nebenschilddrüsen der Patienten von Fehlbildungen betroffen. Da es sich bei dem Ausdruck Mikrodeletionssyndrom 22q11 um einen Sammelbegriff verschiedener Deletionssyndrome handelt, müssen im Einzelfall nicht alle der beschriebenen Symptome auftreten.

Auch die Ausprägung kann sich von Fall zu Fall deutlich unterscheiden. Alle Krankheitsbilder aus der Gruppe der Mikrodeletionssyndrome 22q11 haben eine teils erbliche Basis, obgleich auch Neumutationen auftreten können.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Aufgrund von Mikrodeletionen im Genlocus 22q11 leiden die Patienten der Syndrome an mehr oder weniger stark ausgeprägten Herzfehlern wie dem Ventrikelseptumdefekt. Neben Fehlbildungen der Gefäße, so bevorzugt in der Region des Aortenbogens, kann Hypoparathyreoidismus für das Vorliegen des Syndroms sprechen.

Auch die fehlende oder fehlerhafte Ausbildung des Thymus kann ein Symptom sein. Meist liegen zusätzlich Gesichtsfehlbildungen wie die Lippen-Kiefer-Gaumenspalte und die Mikrognathie vor. Nierenbeteiligung bis hin zur Nierenagenesie ist ebenso verbreitet. Einige Patienten besitzen eine auffällig breite Nasenwurzel, einen besonders langen Nasenrücken oder eine breite Nasenspitze.

Darüber hinaus kann Hypertelorismus mit einer antimongoloiden Lidachse für das Mikrodeletionssyndrom sprechen. Dasselbe gilt für ein kurzes Philtrum oder eine Ohrmuscheldysplasie. Thymushypoplasien kann können einen T-Lymphozyten]]-Mangel verursachen, der im Verlauf schwere Infektionen nach sich zieht.

Aufgrund von Hormonmangel kann Kalziummangel auf Defekte der Nebennieren folgen. Aus Kalziummangel entwickeln sich wiederum häufig Krampfanfälle. Die Ausprägung und Verteilung der Symptome hängt vom Einzelfall und vor allem der Art der Mikrodeletion ab.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die erste Verdachtsdiagnose auf ein Mikrodeletionssyndrom 22q11 lässt sich aufgrund von kombiniertem Auftreten charakteristischer Fehlbildungen stellen. Fehlbildungen am Herzen sind oft der erste Hinweis, der gepaart mit Gesichts- oder Drüsenanomalien eine Verdachtsdiagnose begründen kann. Differentialdiagnostisch ist das Floating-Harbor-Syndrom abzugrenzen.

Diagnosesichernd werden molekulargenetische Analysen beigezogen. Der Nachweis über eine 22q11-Deletion lässt sich vor allem durch Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung erbringen. Die Prognose der Patienten unterscheidet sich von Fall zu Fall. Speziell die Organbeteiligung, die Behandelbarkeit und die Schwere der einzelnen Fehlbildungen entscheiden über den Verlauf der Syndrome.

Komplikationen

Durch das Mikrodeletionssyndrom 22q11 leiden die Betroffenen in der Regel an verschiedenen Fehlbildungen und Missbildungen, die die Lebensqualität deutlich einschränken und verringern können. In erster Linie leiden die Patienten auch an einem Herzfehler. Falls dieser nicht behandelt wird, kann es im schlimmste Falle auch zum Herztod des Patienten kommen.

Das Gesicht ist von verschiedenen Fehlbildungen betroffen, sodass vor allem Kinder unter Hänseleien und Mobbing leiden können. Es kommt zur Ausbildung einer Gaumenspalte und auch zu Beschwerden an den Nieren. Weiterhin treten auch Beschwerden an den Ohren auf, sodass es zu einem leichten Hörverlust kommen kann. Das Mikrodeletionssyndrom 22q11 führt ebenfalls zu Krämpfen und damit zu starken Schmerzen in den Muskeln.

Nicht selten sind auch Eltern und Angehörige des Kindes von psychischen Beschwerden oder von Depressionen durch das Mikrodeletionssyndrom 22q11 betroffen. Eine kausale Behandlung des Syndroms ist nicht möglich. Es können daher nur die Beschwerden eingeschränkt werden, sodass der Alltag für den Betroffenen erträglicher wird. Dabei kommt es nicht zu Komplikationen. Eine vollständige Heilung ist allerdings in der Regel nicht möglich. Durch das Mikrodeletionssyndrom 22q11 kommt es in der Regel auch nicht zu einer verringerten Lebenserwartung.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Das Mikrodeletionssyndrom 22q11 ist eine genetische Erkrankung, deren Beschwerden im Normalfall bereits unmittelbar bei der Geburt wahrgenommen werden. Störungen der Herztätigkeit und dadurch resultierend Probleme des Herzrhythmus sind Anzeichen einer bestehenden Unregelmäßigkeit. Häufig erblicken Neugeborene mit einem optischen Makel das Licht der Welt. Bei einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte wird eine sofortige medizinische Behandlung notwendig. Optische Veränderungen der Nasenform, Auffälligkeiten bei dem Abstand der Augen oder andere Fehlbildungen im Gesicht weisen auf eine Erkrankung hin, die untersucht und behandelt werden muss. Bei einer stationären Geburt übernehmen in einem routinierten Ablauf die anwesenden Krankenschwestern und Ärzte die notwendigen Schritte für eine ausreichende medizinische Versorgung des Kindes.

Die gleichen Aufgaben erfüllen Hebammen bei einer Hausgeburt und einer Niederkunft in einem Geburtshaus. Die Eltern müssen in diesen Fällen nicht selbständig aktiv werden. Kommt es zu einer unverhofften Spontangeburt ohne die Anwesenheit von Ärzten oder Pflegepersonal ist grundsätzlich schnellstmöglich eine ärztliche Untersuchung von Mutter und Kind notwendig. Ein Rettungsdienst sollte alarmiert werden, damit eine ausreichende Versorgung ermöglicht wird. Zeigt das neugeborene Kind Krampfanfälle, Probleme bei der Atmung oder Bewegungsstörungen, ist eine intensive Untersuchung notwendig. In verschiedenen medizinischen Tests wird die Ursache der Beschwerden abgeklärt und eine symptomatische Behandlung eingeleitet.

Behandlung & Therapie

Die Ursache der Mikrodeletionssyndrome 22q11 liegt in den Genen. Gentherapeutische Ansätze werden derzeit zwar erforscht, haben bislang aber nicht die klinische Phase erreicht. Aus diesem Grund steht bisher keine Therapie zur Verfügung, die die Ursache für die Symptome beheben kann.

Statt kausalen Therapien erhalten die Patienten daher eine symptomatische Behandlung, die mit supportiven Maßnahmen kombiniert wird. Ein interdisziplinäres Team aus Ärzten betreut die Betroffenen. Im Fokus der symptomatischen Behandlung steht zunächst die Korrektur aller lebensbedrohlichen Fehlbildungen.

Bei den Fehlbildungen mit der höchsten Priorität handelt es sich meist um Herzfehler oder die Nichtanlage von weiteren Organen. Invasiv operative Verfahren sind hierbei in der Regel die Therapie der Wahl. Der Thymus kann beispielsweise durch eine Transplantation ersetzt werden. Darüber hinaus werden bei entsprechendem Mangel Calcium- und Vitamin-D-Substitutionen in die Wege geleitet.

Auch Hormonsubstitutionen können abhängig von den Symptomen im Einzelfall erforderlich sein. Falls Infektanfälligkeit besteht und der Patient mit wiederholten Infekten zu kämpfen hat, werden diese Infekte mit konservativ medikamentösen Therapien zum Abklingen gebracht.

Fehlbildungen des Gesichts und rein plastischer Symptomatik anderer Art kann unter Umständen mit plastischer Chirurgie begegnet werden. Diese Behandlungsschritte werden jedoch meist hinten angestellt, da zunächst die schwerwiegenderen Defekte korrigiert werden müssen.

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Vorbeugung

Zur Prophylaxe von Erkrankungen aus der Gruppe Mikrodeletionssyndrom 22q11 stehen bislang nur wenige Vorbeugemaßnahmen zur Verfügung. Aufgrund der Erblichkeit vieler assoziierter Syndrome lässt sich vor allem die genetische Beratung in der Phase der Familienplanung im weitesten Sinn als Vorbeugemaßnahme bezeichnen. Bei entsprechenden Ergebnissen können sich Paare gegebenenfalls gegen eigene Kinder und für eine Adoption entscheiden.

Das können Sie selbst tun

Durch das Mikrodeletionssyndrom 22q11 leiden die Patienten von Geburt an unter schweren Missbildungen, die Herz, weitere innere Organe sowie das Gesicht betreffen. Die Lebensqualität ist zunächst insbesondere durch den Herzfehler beeinträchtigt. Die Eltern begleiten das erkrankte Kind während notwendiger Aufenthalte in der Klinik. Üblicherweise sind diverse operative Eingriffe zur Korrektur der organischen Fehlbildungen vonnöten.

Da die Missbildungen im Gesicht für die Betroffenen und deren Eltern meist einen ästhetischen Makel darstellen, kommen auf Wunsch auch hier chirurgische Eingriffe zum Einsatz. Dabei korrigieren die Ärzte beispielsweise eine vorliegende Kiefer-Gaumen-Spalte. Zudem erhalten die Betroffenen eine medikamentöse Behandlung, zum Beispiel hinsichtlich der Defekte des Thymus. Die Eltern achten auf die richtige Dosierung der Arzneimittel, da den kindlichen Patienten die Verantwortung dafür nicht zuzumuten ist.

Falls die Patienten körperlich dazu in der Lage sind, besuchen sie in der Regel eine Sonderschule und erhalten dort eine wertvolle pädagogische Förderung. Manche Kinder besuchen im Rahmen der Inklusion auch eine reguläre Schule und können die dort geforderten Leistungen durchaus erbringen. Die Lebensqualität verbessert sich durch den Schulbesuch häufig dadurch, dass die Betroffenen die Bekanntschaft mit anderen erkrankten Kindern machen. Für die Eltern stellt die Erkrankung eine große psychische Herausforderung dar, die in einigen Fällen zu seelischen Schwierigkeiten führt. Wichtig ist dann, dass sich die Sorgeberechtigten an einen Psychotherapeuten wenden.

Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Rath, W., Gembruch, U., Schmidt, S. (Hrsg.): Geburtshilfe und Perinatologie: Pränataldiagnostik - Erkrankungen - Entbindung. Thieme, Stuttgart 2010
  • Witkowski R., Prokop O., Ullrich E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. Springer, Berlin 2003

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