Melodische Intonationstherapie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 26. September 2017
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Nach einem Schlaganfall oder einem Schädel-Hirn-Trauma erleiden Patienten oft einen mehr oder minder ausgeprägten Sprachverlust. Zur Wiedererlangung der Sprache wird seit geraumer Zeit die Melodische Intonationstherapie eingesetzt. Eine Behandlungsmethode, die es den Patienten ermöglicht, durch Gesang wieder sprechen zu lernen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Melodische Intonationstherapie?

Das sogenannte Broca-Zentrum in der linken Gehirnhälfte ist das Sprachzentrum und somit für die Sprache zuständig. Wird dieses Areal durch einen Schlaganfall oder Unfall zerstört, sind die Patienten entweder gar nicht mehr in der Lage zu sprechen oder nur noch rudimentär. Ihre Sätze klingen nicht flüssig, sondern abgehackt, wie im Telegrammstil. Der Verlust der Sprache bedeutet für alle Betroffenen eine erhebliche psychische Belastung. Und das Wiedererlernen von Worten und Sätzen erweist sich als ein mühsamer und langer Weg.

Dieser ist durch die Melodische Intonationstherapie, kurz MIT, erheblich erleichtert worden und verzeichnet große Erfolge. Die ersten Ansätze dazu stammen von dem amerikanischen Neurologen Charles Mills, der bereits 1904 beobachtete, dass Schlaganfallpatienten zwar nicht mehr sprechen, aber noch singen konnten. Auf der Basis dieser Erkenntnisse wurde im Laufe der 1970er Jahre die Melodische Intonationstherapie entwickelt. Dabei machten sich die Neurologen die Tatsache zunutze, dass das Gehirn sehr lernfähig ist. Sobald das Gehirn dazu angeregt wird, entstehen ständig neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen.

Wird ein Teil des Gehirns beschädigt, übernimmt ein anderer Teil dessen Arbeit. Das ist auch der Fall, wenn das Broca-Zentrum zerstört wird. Dieses Zentrum ist bei Rechtshändern in der linken Hirnhälfte angesiedelt ist (bei Linkshändern entsprechend umgekehrt). Insofern ist die rechte Hirnhälfte in der Lage, die Aufgaben der beschädigten linken Hirnhälfte zu übernehmen. Während in der linken Hirnhälfte Sprache verarbeitet wird, ist die rechte Hirnhälfte für Musik zuständig. Das gilt auch für die Sprachmelodie, für die musikalischen Aspekte der Sprache, und für wichtige Funktionen, die das Singen unterstützen.

Neuere Forschungen deuten allerdings darauf hin, dass es nicht allein die Töne sind, die den Menschen nach einem Gehirnausfall das Sprechen wieder ermöglichen. Eine große, wenn nicht gar die größte, Rolle spielt offenbar der Rhythmus. Gerade bei einem Schlaganfall haben Patienten Schwierigkeiten mit dem Takt. Ein rhythmischer Taktgeber, ein Metronom etwa, oder gezieltes rhythmisches Sprechen, Klatschen oder Klopfen scheinen die Sprechmotorik der Patienten deutlich zu verbessern. Daher werden bei der MIT Musik und Rhythmus verbunden.

Funktion, Wirkung & Ziele

Um mit der Melodischen Intonationstherapie Erfolge zu erzielen, sind einige Voraussetzungen notwendig. Es darf nur eine Hirnhälfte betroffen sein, und zwar nur das Broca-Areal, also das Sprachzentrum. Während der Patient selbst kaum oder gar nicht mehr sprechen kann, sollte hingegen sein Sprachverständnis noch einigermaßen funktionieren.

Es ist wichtig, dass er sich zumindest seiner sprachlichen Fehler bewusst ist und die Fähigkeit zu einer Selbstkorrektur aufbringt. Erforderlich ist außerdem eine außerordentliche Motivation des Patienten. Die MIT erfordert von den Therapieteilnehmern eine hohe Aufmerksamkeitsspanne und viel Geduld. Die Behandlung selbst wird als Gruppen- oder Einzeltherapie angeboten. In der Regel wird mit Einzeltherapien begonnen, die nicht öfter als zweimal wöchentlich stattfinden und jeweils 30 Minuten dauern. Bei fortschreitender Behandlung nehmen die meisten Patienten das Gruppenangebot gerne in Anspruch.

Zur Wiedererlangung der Sprache, nach einem Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma, wird seit geraumer Zeit die Melodische Intonationstherapie eingesetzt. Eine Behandlungsmethode, die es den Patienten ermöglicht, durch Gesang wieder sprechen zu lernen.

Die MIT besteht aus zwei Grundelementen: aus Melodie und Rhythmus. Die Therapie beginnt mit einfachen Sätzen oder Wortfolgen, wie etwa „Guten Morgen“. Der Therapeut singt diese Worte den Patienten vor, die er mit einem rhythmischem Klopfen untermalt. Die Patienten singen die Worte nach und klopfen ihrerseits mit der rechten Hand den Rhythmus, um das beschädigte linke Hirnareal zu aktivieren. Ziel ist es, den Patienten wieder eine einfache Alltagskommunikation zu ermöglichen. Die Therapie besteht aus vier Stufen, die sich ihrerseits aus mehreren Schritten zusammensetzt. Die MIT gilt als abgeschlossen, wenn in der letzten Stufe im Durchschnitt 90 Prozentpunkte erreicht worden sind. Bei fast allen Patienten ist schon nach wenigen Wochen eine deutliche Besserung zu verzeichnen. Sie sind wieder in der Lage kleine Sätze wie, „Ich habe Hunger“ verständlich zu artikulieren.

Studien zeigen, dass Patienten nach 75 Therapie-Sitzungen über einen Wortschaft von einigen tausend Wörtern verfügen, die vor Beginn der Behandlung kein einziges Wort mehr sprechen konnten. Und es gibt Beispiele, wonach Patienten nach einer MIT flüssige Vorträge hielten. Anhand von Magnetresonanzaufnahmen konnte auch nachgewiesen werden, dass sich das Gehirn der Patienten nach einer MIT veränderte. So zeigte sich, dass die rechte Gehirnhälfte stärker aktiv war, als vor Beginn der MIT. Ein Beweis dafür, dass die rechte Seite die ausgefallenen Funktionen der linken Hirnhälfte übernommen hat.

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Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Die Melodische Intonationstherapie ist zwar nicht die einzige Sprachtherapie, die nach Gehirnausfällen eingesetzt wird. Sie bietet aber all jenen Patienten einen Chance, bei denen konventionelle Behandlungsmethoden versagen. Dann nämlich, wenn besonders schwer geschädigte Patienten ihre Sprachfähigkeit vollständig verloren haben.

Hier stoßen die herkömmlichen Sprachtherapien an ihre Grenzen, da sie zumindest einen Rest an Sprachvermögen voraussetzen, um die Behandlung überhaupt beginnen zu können. Mit der MIT haben diese Patienten die Möglichkeit erst einmal ein paar Worte und einfache Sätze zu erlernen. Das wiederum eröffnet den Betroffenen den Weg, später mit anderen Therapien weiterzumachen, um ihren Sprach- und Wortschaft kontinuierlich zu vergrößern.

Bücher über Sprachstörung

Quellen

  • Arnold, W., Ganzer, U.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme, Stuttgart 2011
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Reia, M.: Facharztwissen HNO-Heilkunde. Springer, Heidelberg 2009

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