Münchhausen-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 26. August 2017
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Unter dem Münchhausen-Syndrom wird eine psychische Störung verstanden. Dabei erfinden die betroffenen Personen Krankheiten und Beschwerden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Münchhausen-Syndrom?

Das sogenannte Münchhausen-Syndrom zählt zu den artifiziellen Störungen. Es ist auch als Koryphäen-Killer-Syndrom bekannt. Typisches Merkmal der psychischen Störung ist das absichtliche Erfinden von Erkrankungen und physischen Beschwerden. Diese werden von den Betroffenen dramatisch, aber durchaus plausibel, dargestellt.

Als Sonderform gilt das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom. Dabei wird der Schaden nicht dem Patienten selbst, sondern einem Stellvertreter zugefügt. Dabei handelt es sich in der Regel um nahe Angehörige wie die eigenen Kinder. Die Bezeichnung Münchhausen-Syndrom wurde erstmals 1951 von dem englischen Psychiater Richard Asher (1912-1969) gebraucht. Als Namensgeber diente der berühmte Lügenbaron Münchhausen, der seine Zuhörer immer wieder mit seinen Lügengeschichten in den Bann zog.

Ursachen

Mediziner führen die Entstehung des Münchhausen-Syndroms auf heftige traumatische Erfahrungen in der Kindheit der betroffenen Person zurück. So wurden manche Patienten das Opfer von körperlicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch. Aber auch Vernachlässigung kann eine bedeutende Rolle spielen. So leiden viele Betroffene unter einem Mangel an Zuwendung oder fühlen sich zu wenig beachtet.

Ein typisches Merkmal des Münchhausen-Syndroms ist der häufige Aufenthalt der Patienten in Arztpraxen oder Krankenhäusern. Während normale Patienten diese Einrichtungen nicht gerne aufsuchen, begeben sich Menschen mit dem Münchhausen-Syndrom durchaus mit Freude dorthin. Auf diese Weise beabsichtigen sie, die Zuwendung, die ihnen bisher nicht zuteil wurde, auszugleichen. Um finanzielle Vorteile oder Krankschreibungen geht es ihnen dabei nicht.

Vielmehr erleben sie durch die zahlreichen Untersuchungen eine Form von Zuwendung, die sie genießen. Besonders betroffen vom Münchhausen-Syndrom sind ältere Menschen, denen es an Familie oder sozialen Kontakten mangelt. Stattdessen nehmen sie den Arzt oder das Pflegepersonal als Helfer wahr. Dabei steigern sich die Betroffenen mitunter derart in ihre Krankengeschichten hinein, dass sie sogar ins Krankenhaus kommen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Hauptsymptom des Münchhausen-Syndroms ist das Erfinden von Lügengeschichten über den eigenen Gesundheitszustand. Dabei suchen die Patienten einen Arzt auf und beschreiben ihm Beschwerden, unter denen sie gar nicht oder kaum leiden. Nicht selten werden Wahrheit und Unwahrheit miteinander vermischt. Außerdem kommt es häufig zum Abbruch von sozialen Kontakten. Auch Ärzte und Kliniken werden wiederholt ausgetauscht. Nicht selten folgen dabei exzessive Reisen.

Dabei hat der Patient das ständige Verlangen, einen Arzt aufzusuchen und die Rolle des Kranken einzunehmen. In manchen Fällen gehen die Patienten sogar soweit, sich selbst körperlichen Schaden zuzufügen. Dazu gehören das Beibringen von Schürf- oder Schnittwunden, das Einspritzen von infektiösen Stoffen, sowie das Injizieren von Insulin, um eine Unterzuckerung hervorzurufen. Außerdem werden Schmerzen vorgetäuscht und operative Eingriffe verlangt, die gar nicht nötig sind.

Beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom erleidet nicht der Betroffene selbst diese Schädigungen, sondern ein Stellvertreter wie ein Kind. Meist handelt es sich bei den ausübenden Personen um die Mütter, die die Messdaten ihrer Kinder fälschen, ihnen Medikamente wie Abführmittel darreichen oder Zucker in eine Urinprobe mischen, damit der Arzt an eine Krankheit glaubt.

In Extremfällen werden dem Kind sogar Knochen gebrochen, was eine schwere Form von Kindesmisshandlung darstellt. Problematischerweise arbeiten einige Menschen, die unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leiden, selbst in medizinischen Berufen, wodurch es ihnen leichter fällt, Erkrankungen vorzutäuschen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das Münchhausen-Syndrom zu diagnostizieren, ist nicht einfach. Da die Betroffenen ihre Beschwerden täuschend echt vorbringen, fällt es schwer, ihnen Absicht zu unterstellen. Als Indiz für die psychischen Störungen gilt das ständige Beklagen von Symptomen. Häufig kommt es dabei zu Abweichungen und immer wieder neuen Versionen.

Kann der Arzt jedoch keine Grundlage für die vorgebrachten Symptome entdecken, wechseln die Betroffenen ihn zumeist rasch aus und beginnen ihr Spiel wieder von vorne. Ein weiterer Hinweis ist das Vermeiden von Treffen mit Verwandten oder Freunden in einem Krankenhaus. Oftmals werden auch überhaupt keine Bezugspersonen angegeben.

In manchen Fällen kann das Münchhausen-Syndrom schwere Folgen für die Betroffenen haben. So besteht unter anderem die Gefahr von unnötigen operativen Eingriffen, die wiederum gesundheitliche Schäden hervorrufen. Auch Selbstverletzungen des eigenen Körpers haben mitunter erhebliche Beeinträchtigungen zur Folge. Schließlich drohen soziale Probleme, wenn der Schwindel letztlich auffliegt. In der Regel nimmt das Münchhausen-Syndrom einen chronischen Verlauf.

Komplikationen

Menschen mit einem Münchhausen-Syndrom sind schwierig zu behandeln. Sie schrecken beim Vortäuschen von Krankheiten auch nicht davor zurück, sich selbst zu schädigen. Sie suchen bevorzugt Notfallsprechstunden im Krankenhaus auf und tragen ihre Symptome vor, weil sie wissen, dass Notfallmediziner sie aufgrund der umfassend vorgetragenen Beschwerden eingehender untersuchen müssen und sie deshalb erst einmal stationär aufnehmen.

In den meisten Fällen haben sich die Erkrankten ausgiebig mit medizinischer Fachliteratur beschäftigt und liefern die Erklärung für ihre Beschwerden gleich mit. Um eine stationäre Einweisung zu erreichen, sind sie sehr kreativ im Vortäuschen von Krankheitssymptomen und schrecken dabei vor nichts zurück. Sie verätzen ihre Haut durch Säure, führen selbst Quetschungen herbei, sorgen künstlich für Fieber, hemmen medikamentös die Blutgerinnung und spritzen sich sogar Insulin, um eine Unterzuckerung zu simulieren.

Meistens haben sie kurzfristig Erfolg damit, aber Ärzte durchschauen diese Strategie schnell und versuchen, eine psychotherapeutische Behandlung einzuleiten. Doch dafür sind diese Menschen nicht zugänglich. Sie wollen nicht behandelt und geheilt werden, sondern Aufmerksamkeit, die sie nicht mehr bekommen, wenn sie geheilt werden. Das wissen sie und wechseln deshalb häufig den Arzt. Ihr selbstschädigendes Verhalten kann gefährliche Ausmaße annehmen, wenn sie zum Beispiel eine Sepsis manipulieren. Menschen mit Münchhausen-Syndrom sind auch in erhöhtem Maße selbstmordgefährdet.

Therapie & Behandlung

Obwohl die Beschwerden der Menschen, die unter dem Münchhausen-Syndrom leiden, nur erfunden sind, benötigen sie dennoch eine umfangreiche Therapie. Ihr eigentliches Leiden wird jedoch während der Arztbesuche nicht behandelt. Es ist ein großes Problem, dass sich die Patienten einer Therapie oft entziehen, weil sie deren Notwendigkeit nicht einsehen. Aus diesem Grund muss eine sehr vorsichtige Herangehensweise des Arztes erfolgen.

Außerdem bedarf es meist einer Zusammenarbeit mit einem Psychiater, in deren Rahmen eine stationäre Therapie erfolgt. Gelingt es dabei, ein Vertrauensverhältnis zu dem Patienten herzustellen, kann anschließend eine Psychotherapie durchgeführt werden. Im Laufe der Behandlungen wechseln sich mehrere stationäre und ambulante Phasen ab.

Wichtig ist zudem der sichere Ausschluss von tatsächlichen organischen Erkrankungen. Nicht selten bedarf es auch einer Therapie der physischen Schäden, die sich der Betroffene selbst beigebracht hat. Um den Therapieverlauf zu kontrollieren, wird der Patient eingehend beobachtet und muss verschiedene Fragebögen ausfüllen. Bei manchen Patienten bestehen auch weitere psychische Erkrankungen wie eine Persönlichkeitsstörung, die ebenfalls einer speziellen Therapie bedarf. Hilfreich können zudem die Gabe von Psychopharmaka sowie die Anwendung von Entspannungsmethoden sein.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Vorbeugung

Vorbeugemaßnahmen gegen das Münchhausen-Syndrom sind nicht bekannt.

Bücher über das Münchhausen-Syndrom & Zwänge

Quellen

  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Möller. H.-J., Laux, G., Deister, A., Braun-Scharm, H., Schulte-Körne, G.: Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

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