Krankheiten der Schilddrüse
Schon lange wissen wir, dass die Funktion eines jeden Organs im menschlichen und tierischen Körper auf den gesamten Organismus zurückwirkt. Auch bei der Schilddrüse ist das so. Sobald sie in ihrer Funktion gestört ist, werden lebenswichtige Vorgänge in entscheidendem Maße ungünstig beeinflusst, ja zum Teil völlig gehemmt. Die modernsten Untersuchungsverfahren ergaben sogar, dass fast jede Körperzelle durch derartige Funktionsstörungen in Mitleidenschaft gezogen wird.
Funktionsweise der Schilddrüse
Es ist also ersichtlich, dass die Schilddrüse keineswegs selbständig arbeitet, sondern sich jeweils dem Bedarf des Organismus an Schilddrüsenhormonen anpasst. Die Reaktion verschiedener Körperzellen auf dieses Hormon ist selbst bei einem gesunden Menschen nie konstant; sie richtet sich immer nach den Lebensbedingungen, die in verschiedenen Zeiten - zum Beispiel in der Pubertät, während einer Schwangerschaft oder in den sogenannten Wechseljahren - unterschiedlich sind. Wird bei einem erwachsenen Säugetier die Schilddrüse entfernt, so sind die Ausfallserscheinungen zunächst äußerlich kaum erkennbar. Auch der erwachsene Mensch kann, ohne Schilddrüse leben, es kommt aber zu schwerer körperlicher und psychischer Beeinträchtigung.
Die Schilddrüse stellt also, wenn man so will, kein unbedingt lebenswichtiges Organ im Erwachsenenalter dar. Sie beeinflusst das Ausmaß von Stoffwechselvorgängen, die Aufrechterhaltung und Grundsteuerung kann jedoch auch von anderen Mechanismen übernommen werden. Ganz anders während der Entwicklung des menschlichen und tierischen Organismus: Hier ist die Schilddrüse ein lebenswichtiges Organ. Schilddrüsenlose Tiere bleiben in ihrer Entwicklung stehen: die Geschlechtsreife bleibt aus sie vermögen sich extremen Umweltbedingungen, wie Temperaturveränderungen und Hunger, nicht anzupassen und gehen schließlich zugrunde.
Krankheiten bei Schilddrüsenunterfunktion
Der Kretinismus entsteht vornehmlich dort, wo in der Umgebung, besonders aber im Trinkwasser, wenig Jod enthalten ist, das die Schilddrüse zum Hormonaufbau dringend benötigt. Weiterhin konnte vor allem bei den Menschen eine stärke Kropfhäufigkeit beobachtet werden, die in schlechten wirtschaftlichen und hygienischen Verhältnissen leben. Aber auch in verschiedenen Nahrungsmitteln, besonders in den meisten Kohlsorten, Karotten und Rüben, sind Stoffe gefunden worden, die die Hormonbildung blockieren und dadurch einen Kropf erzeugen können. Diese Stoffe befinden sich auch im Viehfutter; sie gehen in die Kuhmilch über und können wiederum vom Menschen aufgenommen werden.
Es ist also notwendig, eine völlig einseitige Ernährung mit den genannten Nahrungsmitteln über längere Zeit unbedingt zu vermeiden. Treffen die kropferzeugenden Substanzen auf einen erwachsenen Organismus, so entwickelt sich daraus keineswegs das Krankheitsbild eines Kretinismus. Es kommt jedoch oft zur Schilddrüsenvergrößerung und in einem Teil der Fälle zu Erscheinungen einer Schilddrüsenunterfunktion, die aber auch noch andere Ursachen haben können. Vergegenwärtigt man sich noch einmal den Steuerungskreis, in dem die Schilddrüse eingebettet ist, so wird klar, dass jede Unterbrechung an einer Stelle dieses Kreises - sei es in der Körperperipherie, im Zwischenhirn, in der Hirnanhangsdrüse oder in der Schilddrüse selbst - eine Unterproduktion von Hormonen verursachen kann.
Symptome bei Schilddrüsenunterfunktion
Mit anderen Worten: Die produzierten Hormone reichen nicht aus, um den Bedarf des Organismus zu decken. Hauptsächlichste Ursachen der Schilddrüsenunterfunktion sind neben den schon erwähnten akute und chronische Schilddrüsenentzündungen, die eine Zerstörung des Drüsengewebes bewirken, sowie Zustände nach operativer Schilddrüsenentfernung. Die wichtigsten Symptome der Unterfunktion sind allgemeine Kraftlosigkeit, Apathie, Kälteempfindlichkeit, fehlende Schweißabsonderung, trockene und rauhe Haut sowie Gewichtszunahme.
Die Aktivität des Erkrankten ist mitunter so vermindert, dass er sich nicht einmal entschließen kann, zum Arzt zu gehen. Bei weiterem Fortschreiten der Erkrankung fällt das langsame Sprechen auf; die Zunge ist verdickt, die Sprache mutet kloßig an. Es kann ferner zu Gesichts-, Bein- oder Handschwellungen kommen. Die Kranken sehen auffallend blass aus. Es muss jedoch betont werden, dass nur das Zusammentreffen mehrerer Symptome für das Vorhandensein einer Schilddrüsen-Unterfunktion spricht, nicht aber das Auftreten einzelner.
Wie schon erwähnt, hängt die Anpassungsfähigkeit unseres Organismus von der Funktionsweise der Schilddrüse ab. In bestimmten Lebensphasen können wir einen besonders hohen Hormonverbrauch beobachten, dem die Schilddrüse nicht immer gewachsen ist. Sie muss sich also vergrößern. Hohe Anforderungen bestehen - das wurde bereits angedeutet - während der Pubertät, der Schwangerschaft, Stillzeit und der Wechseljahre, überhaupt ist der Hormonbedarf weiblicher Personen größer als der männlicher. So bildet sich beispielsweise die Vergrößerung der Schilddrüse bei jungen Männern nach der Pubertät wieder zurück, während sie bei Mädchen oft weiterhin bestehen bleibt.
Krankheiten bei Schilddrüsenüberfunktion
Gerade die genannten Lebenssituationen sind es auch, in denen sich eine Überfunktion der Schilddrüse entwickeln kann. Bei chronischen Hormonmangelsituationen kann sich die Schilddrüse derart vergrößern, dass Spannungs- und Druckgefühle im Hals entstehen. Bisweilen wächst sie nach unten in den Brustraum hinein und bewirkt eine Abdrängung der Luft- und Speiseröhre. Die Folge davon sind Schluck- und Atembeschwerden. In solchen Fällen muss der Betreffende sofort einen Arzt aufsuchen, damit vielleicht noch ein operativer Eingriff vermieden werden kann.
Ein besonderes Wort soll jenen Patienten gelten, die sich einer Schilddrüsen-Operation unterziehen mussten. Durch die Wegnahme von Schilddrüsengewebe entsteht folgerichtig ein Hormonmangel. Da aber immer ein Schilddrüsenrest bestehenbleibt, kann sich dieser unter dem Einfluss übergeordneter Signale wieder vergrößern, manchmal sogar dieselben Ausmaße erreichen wie vor der Operation. Leider kann der Arzt nie ganz voraussagen, bei welchen Patienten diese Zweitvergrößerung eintreten wird. Deshalb ist es unbedingt notwendig, alle Patienten über längere Zeit nachzubehandeln, um den Schilddrüsenhormonmangel medikamentös zu decken.
Sicher ist es manchem Patienten nicht angenehm, über Jahre täglich eine Tablette zu nehmen. Das ist aber unumgänglich, wenn die Zweiterkrankungen vermieden werden sollen, und liegt schließlich nur im Interesse der Schilddrüsenoperierten. Es ist für Ärzte eine schmerzliche Tatsache, dass ein großer Teil der umfassenden prophylaktischen Maßnahmen in den verschiedenen Ländern scheitern, weil die Mehrzahl der Patienten, die an der Schilddrüse operiert wurden, diese Notwendigkeit nicht einsehen. Während für die Unterfunktion und die Vergrößerung der Schilddrüse mit normaler Hormonproduktion verständliche Erklärungen vorliegen, ist die Überfunktion, auch als Hyperthyreose oder Basedowsche Erkrankung bekannt, in ihrem Entstehungsmechanismus noch nicht restlos geklärt.
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Symptome bei Schilddrüsenüberfunktion
Wir können nur sagen, dass die Wechselbeziehungen zwischen Schilddrüse und Hirnanhangsdrüse bei dieser Krankheit völlig gestört sind. Die Schilddrüse überschwemmt den Organismus mit Hormonen, obwohl, kein Bedarf vorliegt. Die Folge ist eine Steigerung des Stoffwechsels; alle Organe laufen, angeregt durch die Überproduktion an Hormonen, sozusagen auf Hochtouren; die aufgenommenen Nahrungsbestandteile werden schnell abgebaut und verbrannt und die Wärmeabgabe ist immens. Natürlich kann sich die Schilddrüse unter diesem Zustand ebenfalls vergrößern. Aber oft, ehe die Patienten eine Zunahme des Halsumfangs bemerken, verspüren sie die Stoffwechselsteigerung. Sie klagen über allgemeine Unruhe, Schwitzen, Herzklopfen, können keine Wärme vertragen und ermüden leicht. Herzklopfen und nervöse Unruhe sind die auffälligsten konstanten Symptome.
Bei weiterem Fortschreiten der Krankheit kann trotz Heißhunger und reichlicher Nahrungsaufnahme Gewichtsverlust auftreten. Das rein äußerliche Kennzeichen ist das bekannte Hervortreten der Augen. Dieses Symptom ist aber keinesfalls als Ausdruck der Erkrankungsschwere zu werten. Die größte Schwierigkeit liegt darin, die Schilddrüsenüberfunktion von der gerade in der heutigen Zeit häufig auftretenden Nervosität und Abgespanntheit, als sogenannte vegetative Dystonie bezeichnet, abzugrenzen. Hierbei können Begleiterscheinungen auftreten, die denen der Schilddrüsenüberfunktion sehr ähnlich sind. Sichere Unterscheidungsmerkmale erkennen wir jedoch daran, dass das Herzklopfen und die nervöse Unruhe bei der vegetativen Dystonie nicht so konstant sind. Auch sind die Patienten kaum wärmeempfindlich und neigen nur gelegentlich, besonders nach Aufregungen, zu Schweißausbrüchen.
Kommt jetzt noch eine Schilddrüsenvergrößerung hinzu, ohne dass eine überschießende Hormonproduktion vorzuliegen braucht, so ist die Ähnlichkeit mit der echten Schilddrüsen-Überfunktion verblüffend, und nur durch modernste Untersuchungsmethoden kann man die richtige Diagnose stellen.
Knoten in der Schilddrüse
Tritt plötzlich eine Schwellung am Hals auf, die auch schmerzhaft sein kann, verbunden mit allgemeinem Krankheitsgefühl, so handelt es sich meist um eine Schilddrüsenentzündung. Auch beim Schilddrüsenkrebs, der erfreulicherweise sehr selten vorkommt, bilden sich isolierte Knoten. Wird er rechtzeitig erkannt, ist er wie die meisten anderen Organkrebsformen heilbar. Knotenbildungen im Bereich der Schilddrüse sollten daher immer Anlaß sein, den Arzt aufzusuchen. Es sei aber nochmals mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass nicht jede Knotenbildung mit Schilddrüsenkrebs gleichzusetzen ist.
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