Intersexualität

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 15. Oktober 2017
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Es gibt Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen lassen. Sie tragen Merkmale beider Geschlechter in sich und fallen in den Begriff der Intersexualität. In der griechischen Mythologie wurden sie als Hermaphroditen bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Intersexualität?

Der Begriff Intersexualität steht für eine Konstellation, bei der sich bei Menschen körperliche Anlagen für beide Geschlechter finden und sie deshalb nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden können. Der Volksmund spricht von Zwittern. Es gibt unterschiedliche Erscheinungsformen: Frauen oder Mädchen können äußerlich wie eine Frau aussehen, im Inneren können aber Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter fehlen.

Männer können äußerlich wie Männer erscheinen, aber ihnen kann eine männliche Hormonproduktion fehlen und sie erscheinen äußerlich weiblicher. Es kann auch möglich sein, dass Vagina oder Penis unzureichend ausgebildet sind. Oft wird der Begriff Intersexualität mit Transsexualität verwechselt, aber Transsexuelle gehören im Gegensatz zu Intersexuellen einem bestimmten Geschlecht an, fühlen sich in diesem nur nicht richtig wohl.

Ursachen

Es gibt verschiedene Ursachen für eine unklare Geschlechtszuordnung. Intersexualität beruht hauptsächlich auf Chromosomenveränderungen. Zu den bekannten Auswirkungen einer Chromosomenveränderung gehören das Turner-Syndrom bei Frauen und das Klinefelter-Syndrom bei Männern.

Eine weitere mögliche Ursache kann eine Störung in der Entwicklung der Keimdrüsen (Gonaden) sein, in denen Keimzellen und Geschlechtshormone gebildet werden, bei der Frau in den Eierstöcken, beim Mann in den Hoden. Auch Funktionseinschränkungen können eine Intersexualität begünstigen, weil dann nicht ausreichend Sexualhormone gebildet werden.

Wenn eine Keimzelle männliche und weibliche Anlagen enthält, werden Spermien und Eizellen produziert (Ovotestis). Auch Hormonstörungen, die Keimzellen oder Chromosomen betreffen, kommen als Ursache in Frage. Darüber hinaus können Störungen der Nierenfunktion oder Enzymschädigungen können für eine Intersexualität verantwortlich sein.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

So, wie es unterschiedliche Ursachen für eine Intersexualität gibt, variieren auch die Anzeichen. Im Allgemeinen besitzen Männer 22 Chromosomenpaare und ein X- und ein Y-Chromosom, Frauen zwei X-Chromosomen. Wenn es zu einer fehlerhaften Spermienproduktion kommt und ein Spermium mit Ausprägungen beider Geschlechter eine Eizelle befruchtet, können sich daraus X0-Menschen entwickeln, denen ein Geschlechtschromosom fehlt.

Wenn ein X-Chromosom vorhanden ist, entsteht daraus eine Frau, die aber keine Kinder bekommen kann. Die Medizin spricht dann vom Turner-Syndrom. Wenn sich bei der Reifung der Spermien die Geschlechtschromosomen nicht trennen, vererbt der Vater dem Kind zwei Geschlechtschromosomen. Zusammen mit dem von der Mutter vererbten X-Chromosom hat das Kind dann zwei X- und ein Y-Chromosom.

Diese Ausprägung wird als Klinefelter-Syndrom bezeichnet. Bei einer Dominanz des Y-Chromosoms sind diese Menschen zwar männlich, haben aber eine eingeschränkte Testosteronproduktion, kleinere Hoden und sind nicht zeugungsfähig. Bei einem normalen Chromosomensatz und einer Androgenresistenz kann eine Zeugungsunfähigkeit auftreten und Bartwuchs und Körperbehaarung vermindert sein.

Bei vollständiger Androgenresistenz können sich männliche Geschlechtsorgane nicht richtig ausbilden. In diesen Fällen bleiben die Hoden im Körper, äußerlich ist eine Scheide vorhanden, im Körperinneren aber keine Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter. Rein äußerlich sehen Betroffene trotzdem aus wie Frauen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Meistens ist die Diagnose einer Intersexualität ein Zufallsbefund. Legen Anzeichen einen Verdacht auf eine Intersexualität nahe, wird zu Beginn das Blut untersucht mit einer Bestimmung des Hormonstatus und einer Untersuchung des Chromosomensatzes. Darüber hinaus wird mit Hilfe einer Ultraschalluntersuchung der Bauch- und Beckenraum untersucht, um herauszufinden, ob eine Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter im Becken vorhanden sind.

In einer speziellen Röntgenuntersuchung, einem Genitogramm, wird untersucht, ob eine Scheide ausgebildet ist. Manchmal muss zusätzlich eine Biopsie der Keimdrüsen erfolgen, um erkennen zu können, welches Gewebe in den Keimdrüsen enthalten ist. Diese Biopsie wird in einem Krankenhaus unter Narkose durchgeführt.

Eine umfangreiche Diagnostik bei einer Intersexualität ermöglicht eine Prognose im Hinblick auf eine mögliche Unfruchtbarkeit und erleichtert auch die Entscheidung, mit welchem Geschlecht Betroffene leben wollen, ob eine Behandlung erforderlich ist.

Komplikationen

Einhergehend damit, dass in den meisten westlichen Kulturen von einem natürlich gegebenen binären Geschlechtssystem ausgegangen wird, wird die Intersexualität selbst häufig bereits als Komplikation betrachtet. Hierbei sind Ärzte und teils auch Eltern beteiligt, die anpassenden Maßnahmen zu ergreifen, um ein Wohlbefinden für den Betroffenen herzustellen.

Entsprechend ergibt sich für den intersexuellen Menschen mehrerlei: durch den Eingriff in frühen Kinderjahren wird ihm ein äußerliches Geschlecht aufgezwungen. Dies kann in späteren Jahren und im Zuge der psychosexuellen Entwicklung des Betroffenen zu einer Identitätskrise führen. Stimmen das zugewiesene und das empfundene Geschlecht nicht überein, liegt bei einem binären Geschlechtsverständnis zusätzlich noch eine Form von Transsexualität vor, die weitreichende psychologische (und gegebenenfalls chirurgische) Folgen haben kann.

Die medizinische Nomenklatur schließt eine Transsexualität unter der Bedingung, dass diese mit einem biologisch eindeutigem Geschlecht einherginge, allerdings bei Intersexualität aus, was den Umgang Betroffener mit sich selbst und Ärzten noch einmal verkompliziert. Auch weitere Begriffsbarrieren erschweren Intersexuellen den Alltag. Verbreitet ist durch bürokratische und kulturelle Faktoren das zwingende Zuweisen eines Geschlechts.

Da dies unter Umständen aber nicht mit der Selbstwahrnehmung des Betroffenen übereinstimmt, ergeben sich begriffliche Schwierigkeiten, die psychisch belastend sein können. Während Intersexualität mit Ausnahme häufiger Unfruchtbarkeit nicht zu körperlichen Komplikationen im Sinne von Beschwerden führt, sind die Komplikationen meist sozialer Natur.

Mangelnde Toleranz, Akzeptanz und Aufklärung vieler gesellschaftlicher Kreise wirken sich durchgehend negativ auf die Psyche und Selbstwahrnehmung vieler intersexueller Menschen aus, die von ihrem Umfeld oftmals in eine Geschlechtsrolle gedrängt werden. Autodestruktive Verhaltensweisen sowie Depressionen sind bei Intersexuellen weit verbreiteter als bei geschlechtlich eindeutig zugewiesenen Menschen.

Behandlung & Therapie

In den 60er und 70er Jahren wurde bei Kindern, bei denen schon bei der Geburt eine Intersexualität festgestellt wurde, kurz nach der Geburt eine operative Geschlechtskorrektur durchgeführt und im Anschluss daran eine Hormonbehandlung. Diese Behandlungen hatten aber oft gravierende Folgen bis hin zu einer Unfruchtbarkeit.

Ärzte waren noch nicht hinreichend aufgeklärt und viele Operationen erwiesen sich im Nachhinein als nicht notwendig. Heute sieht die Medizin Operationen zur Geschlechtskorrektur eher kritisch. Wenn das Geschlecht nicht eindeutig ist, dürfen Eltern heute über die künftige Geschlechtsorientierung entscheiden. Seit 2009 kann auch eine Geburtsurkunde ohne eindeutige Geschlechtsbestimmung ausgestellt werden.

Diese ermöglicht betroffenen Kindern später, selbst über ihre Geschlechtsorientierung zu entscheiden. Heutzutage werden die Therapien individuell abgestimmt. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Geschlechtsangleichung, sondern eine Stabilisierung der psychischen Befindlichkeit im Hinblick auf die vorhandenen körperlichen Voraussetzungen.

Viele intersexuelle Menschen machen sich dafür stark, Intersexualität nicht als Krankheit zu betrachten, sondern als zusätzliche Erscheinungsform einer normalen geschlechtlichen Entwicklung. Sie erleben eine Therapie auch nicht unbedingt als hilfreich, sondern eher als diskriminierend.

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Vorbeugung

Es gibt keine wirksame Vorbeugung für eine Intersexualität, weil Chromosomendefekte und damit verbundene Defekte in den Keimdrüsen für diese Entwicklung verantwortlich sind. In Familien, in denen Gendefekte aufgetreten sind, kann eine genetische Beratung vor der Familienplanung sinnvoll sein.

Das können Sie selbst tun

Intersexualität stellt im Bezug auf Selbsthilfemaßnahmen oder Maßnahmen zur Steigerung der Lebensqualität der Betroffenen eine Herausforderung dar. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Annahme, Intersexualität müsse oder könne medizinisch behandelt werden, auf der Annahme beruht, dass es zwei definierte Geschlechter gäbe. Allerdings ist für viele Intersexuelle nicht entscheidend, einem Geschlecht zugeordnet werden zu können (im Alltag könnten sie sich beispielsweise entsprechend verhalten). Es geht im Alltäglichen vielmehr um Probleme der sozialen und rechtlichen Gleichstellung.

Es gibt diverse Selbsthilfegruppen und Organisationen, die Intersexuellen (und meist auch anderen nicht eindeutig geschlechtlich bestimmten Personen) offen stehen. Hier kann ein Bezugspunkt und ein Austausch über ganz alltägliche Herausforderungen in diesem Zusammenhang aufgebaut werden.

So sind die Maßnahmen, die intersexuelle Menschen im Alltag ergreifen, höchst unterschiedlich. Einige tun nichts, weil sie zufrieden leben können, andere bedürfen eines starken Rückhalts aus dem persönlichen Umfeld und versuchen viele Dinge, um in eine Geschlechterrolle zu passen. Wenn es um die Steigerung der Lebensqualität im öffentlichen Raum geht, spielen vor allem jene Vorstöße eine Rolle, die es zum Ziel haben, die Geschlechtsbezeichnung und den Namen in amtlichen Dokumenten frei wählen zu können - und dies ohne die Notwendigkeit einer geschlechtsangleichenden Operation. Außerdem spielen hier die öffentliche Aufklärung und das Vermitteln von Intersexualität in der Bildung eine Rolle.

Es hat sich zudem gezeigt, dass eine frühkindliche Operation bei Intersexuellen später vermehrt zu einer verringerten Lebensqualität führt. Insofern ist der erste Schritt zum Garantieren eines guten Lebensgefühls dieser, dass Eltern ihr Kind diese identitätsbestimmenden Schritte im richtigen Alter selbst bestimmen lassen.

Bücher über Hermaphroditismus & Intersexualität

Quellen

  • Gasser, T.: Basiswissen Urologie. Springer, Berlin 2011
  • Haag, P., Harnhart, N., Müller, M. (Hrsg.): Gynäkologie und Urologie. Für Studium und Praxis 2014/15. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2014
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015

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