Inselbegabung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 15. Oktober 2017
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Inselbegabung ist der moderne Fachausdruck für ein bestimmtes Intelligenzprofil, das früher unter dem diskriminierenden Namen „Idiot savant“ oder der irreführenden Bezeichnung Savant bekannt war. Inselbegabung tritt bei einem ungleichmäßigen Begabungsspektrum auf. Inselbegabte Personen haben also keine ausgeglichene, gleichmäßig verteilte Intelligenz, sondern sie haben Inselbegabungen; oft sind sie Autisten.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Inselbegabung?

Inselbegabung, also eine hohe Leistungsstärke nur in einem kleinen Teilbereich der kognitiven Leistungen, ist ein Phänomen, das meistens mit geistiger Behinderung und Folgen von psychologischen Entwicklungsstörungen zusammenhängt. Sind diese geistigen Defizite sehr stark ausgeprägt, so sind es oft Fälle von Autismus. Etwa rund die Hälfte der Inselbegabten sind Autisten.

Inselbegabung bedeutet nicht automatisch geniale Fähigkeit. Wenn ein Individuum nur unterdurchschnittlich intelligent ist, aber in einem bestimmten Teilbereich eine immerhin durchschnittliche Leistung erzielt, so handelt es sich um eine Inselbegabung. Daneben gibt es die wirklich spektakulären Inselbegabten, die in einem kleinen Bereich geniale oder außerordentliche Leistungen vollbringen.

Zu diesen Bereichen gehören das musikalische Talent, schnelles Erlernen von Sprachen, mathematisches Talent, außergewöhnliches Langzeitgedächtnis, fotografisches Gedächtnis und perfektes Gehör. Wenig ist über die Entstehung von Inselbegabungen bekannt, doch scheint dieses Phänomen mit männlichen Hormonen im Zusammenhang zu stehen, da die Mehrheit der Inselbegabten männlich sind. Autisten unter den Inselbegabten zeigen oft eine spezifische Form von Autismus, das Asperger-Syndrom.

Ursachen

So vielfältig wie die Inselbegabungen sind auch ihre oft unbekannten Ursachen. Inselbegabung ist ein Ungleichgewicht in den kognitiven Fähigkeiten. Also gibt es kognitive Strukturen, die zwar bestimmte Intelligenzleistungen hemmen, aber für eine bessere Gesamtleistung des kognitiven Menschen verantwortlich sind.

Bestimmte Filterfunktionen im Gehirn filtern unwichtige Informationen aus dem Gedächtnis weg und helfen so im Alltag. Bei bestimmten Inselbegabungen bewirkt aber gerade das Fehlen solcher Filter überdurchschnittlich hohe Leistungen in einem kleinen Bereich. Bei Autisten mit dem Asperger-Syndrom liegt eine starke Beeinträchtigung auf dem Gebiet des sozialen Miteinanders vor.

Offenbar gibt es im Gehirn Prozesse, die diese negativen Auswirkungen im sozialen Bereich haben, aber im Gegenzug bestimmte Inselbegabungen verstärken. Die biologischen Ursachen sind nicht geklärt. Manche haben Inselbegabung als Entwicklungsstörung seit der Kindheit. Sehr wenige Patienten haben Inselbegabung als Folge einer unfallbedingten Hirnverletzung. In diesen seltenen Ausnahmefällen führen bestimmte Verletzungen zu bestimmten Inselbegabungen.

Neurologische Besonderheiten, die im Einzelfall meistens nicht zufriedenstellend beschrieben sind, verursachen also Inselbegabungen. Die seltsame Rolle von Autismus und männlichen Hormonen ist noch ein Rätsel. Genau dieser Zusammenhang ist aber wahrscheinlich der wichtigste und häufigste.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose von Inselbegabungen ist sehr schwierig, da das Krankheitsbild uneinheitlich ist. Ein klassisches Bild ist das des zerstreuten Professors. Dahinter steckt die populäre, jedoch falsche Vorstellung, dass extrem intelligente und gebildete Menschen Defizite im sozialen Umgang manifestieren würden. Tatsächlich sind wirklich hochbegabte Menschen gleichmäßig hochbegabt und sozial unauffällig.

Hochbegabte Kinder fallen daher im Schulunterricht und in der sozialen Dynamik der Klassengemeinschaft nicht auf. Kinder, die hingegen soziale Probleme und Lernprobleme haben, sind oft unterdurchschnittlich intelligent. Dann suchen Eltern und Psychologen nach Inselbegabungen, in denen die Förderung dieser Kinder dann besonders lohnenswert ist. Erfahrene Psychiater diagnostizieren Inselbegabung, sie diagnostizieren auch Autismus und wissen, wie diese verwandten Phänomene zu trennen sind. Unabhängige Diagnosen von verschiedenen Psychiatern sind sinnvoll.

Komplikationen

Da es keinen durchschnittlichen Inselbegabten gibt, was sonstige Symptome und Einschränkungen betrifft, bemessen sich mögliche Komplikationen immer an den Begleitumständen. Da ein Großteil der Menschen mit Inselbegabung allerdings an einer Form von Autismus leidet, ergeben sich Komplikationen oftmals aus den typischen Auswirkungen dieser Entwicklungsstörungen.

So sind Autisten aufgrund ihrer stark eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit sowie ihres Mangels an Möglichkeiten, ihren Alltag selbstständig zu meistern, lebenslang auf Unterstützung angewiesen. Dadurch, dass Missverständnisse im Umgang mit anderen häufig sind, können Autisten durch ihre eigenen sozialen Fehltritte oder Fehltritte anderer gekränkt werden. Dies resultiert häufig in Aggressionen und Wutausbrüchen, die teils mangels Artikulationsfähigkeit eskalieren.

Inselbegabte mit Asperger-Syndrom haben erschwerend das Problem, dass ihr Zustand für Außenstehende nicht ersichtlich ist. Sie weisen zwar Verhaltensstörungen und auch motorische Störungen im weitesten Sinne auf. Diese sind aber nicht so gravierend. Entsprechend stehen sie im Alltag häufig einer Situation gegenüber, die von ihnen ein sozial adäquates Verhalten verlangt, welches sie nur beschränkt beherrschen.

Ausweichreaktionen und seltsam anmutendes Verhalten wirken auf andere Menschen befremdlich und können den Betroffenen isolieren, insofern er sich nicht schon selbst isoliert. Da viele Inselbegabte vermindert intelligent sind und ihre kognitiven Ressourcen vor allem im Bereich ihrer Begabung nutzen, werden andere Fertigkeiten sowie soziale Verhaltensweisen kaum erlernt. Auch hier ist meist lebenslang Unterstützung von außen notwendig.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung erfolgt meistens verhaltenstherapeutisch. Die Inselbegabung eines Menschen kann unterdrückt, ignoriert oder gefördert werden. Früher bestand die Behandlung oft in einer Unterdrückung der Inselbegabung. Die Idee dabei war, dass ein Mensch in der Entwicklung normaler und gleichmäßiger werde, wenn er auf besondere Spleens verzichte.

Das hat in den meisten Fällen nicht funktioniert. Die moderne Behandlung basiert deshalb auf einer gezielten Förderung der Inselbegabungen. Die Patienten werden gezielt in ihrem Begabungsbereich gefördert. Zusätzlich zur Förderung der meistens stark individualistisch praktizierten Sonderbegabungen ist jedoch auch ein gesundes soziales Miteinander therapeutisch.

Dazu gehört eine verständnisvolle und liebende Familie, die idealerweise sogar spezielle Trainingsprogramme zum Umgang mit den Inselbegabten abgeschlossen hat. Ebenso wichtig sind die sozialen Interaktionen in der Schule und bei der Arbeit. Für Inselbegabte ist ein Arbeitsplatz notwendig, an dem sie einerseits ihre besonderen Begabungen zeigen und andererseits auch gleichmäßig und umfassend in anderen Bereichen unterstützt werden.

Zur erfolgreichen Therapie tragen ebenso verschiedene Formen der Tiertherapie bei. Vögel in der Wildnis zu beobachten und deren Arten nach Klang und Federkleid zu erkennen, ist eine Form von Therapie. Die Pflege eines Pferds oder Hundes ist eine andere Möglichkeit. Im Bereich der Tiertherapie hängt viel von den individuellen Besonderheiten der Patienten ab. Eine ausgewogene Ernährung mit möglichst vielfältigen Nahrungsquellen tierischen und pflanzlichen Ursprungs stellt sicher, dass die Patienten optimal versorgt sind.

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Vorbeugung

In den modernen Gesellschaften mit hoher Lebenserwartung nimmt der Anteil an Demenzkrankheiten im Alter stetig zu. Aus verschiedenen Studien geht hervor, dass ein gut trainiertes Gehirn zwar letztendlich nicht die eigene Demenz überwindet, aber doch genügend Widerstand bietet, um den Ausbruch einer biologisch bedingten Demenzkrankheit um einige Jahre zu verzögern.

Mentale Fitness ist Gesundheit. Für das Gehirn ist Training so wichtig wie für die Muskeln und den Bewegungsapparat. Aus diesen Gründen werden Inselbegabte nicht vernachlässigt, sondern auch geistig ganz gezielt in ihren Begabungsbereichen gefördert.

Das können Sie selbst tun

Der Rahmen, in dem eine Selbsthilfe im Falle einer vorliegenden Inselbegabung überhaupt notwendig oder möglich ist, richtet sich nach den Begleitumständen. Einhergehend damit, dass es in seltenen Fällen so ist, dass die Betroffenen eine fast oder ganz durchschnittliche (soziale) Intelligenz aufweisen, beschränkt sich die Hilfe am ehesten auf das Unterstützen im Alltag durch Dritte. Ein paar Fälle von Menschen mit dem Savant-Syndrom haben gezeigt, dass eine gezielte Alltagshilfe bereits darin besteht, diese Personen in ihren Talenten und Leidenschaften zu fördern. So steigert dies ihr Selbstwert- und Lebensgefühl und nicht wenige Betroffene haben es auch im Rahmen ihrer besonderen Fähigkeiten zu einiger Berühmtheit gebracht.

Weiterhin haben sich das Kultivieren von weiteren Hobbys sowie die Interaktion mit Tieren als förderlich erwiesen. Durch den Kontakt mit auch nicht menschlichen Lebewesen, können soziale Defizite aufgrund einer geistigen Behinderung teils kultiviert werden. Insofern ist ein Umfeld, das diese Dinge ermöglicht, eine gute Hilfe für Betroffene.

Inselbegabte, die außer ihrer Begabung kaum noch intellektuelle und damit soziale Fähigkeiten haben, sind zur Selbsthilfe oftmals nicht befähigt. So können sie mitunter ohne fremde Hilfe hilflos sein. Entsprechend benötigen sie eine umfassende Betreuung im Alltag, die sich auch über die Grundversorgung (anziehen, Essen zubereiten, gegebenenfalls füttern) erstreckt.

Bücher über Autismus

Quellen

  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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