Inkontinenz (Harninkontinenz)

Letzte Aktualisierung am 30. März 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Viele Menschen, die an Inkontinenz oder konkret einer Harninkontinenz (lat.:Incontinentia urinae) leiden, schämen sich für ihre Krankheit. Doch in Deutschland sind ungefähr 6 bis 8 Millionen Menschen betroffen, Frauen dabei häufiger als Männer. Inkontinenz zeichnet sich dabei durch verschiedene Symptome aus und kann auch Folge unterschiedlichster Erkrankungen sein.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Inkontinenz (Harninkontinenz)?

Inkontinenz kann viele Formen annehmen. Allen gemein sind Probleme beim Halten und der selbstbestimmten Abgabe des Harns. Mit zunehmendem Alter steigt dabei die Wahrscheinlichkeit besonders von schwereren Formen der Inkontinenz.

Bei der Harndranginkontinenz spürt der Patient das plötzlich auftretende Bedürfnis, seine Blase leeren zu müssen. Bei der Belastungs- oder Stressinkontinenz löst eine Belastung (Husten, Niesen etc.) einen unwillkürlichen Harnverlust aus.

In schweren Fällen kann auch einfaches Aufstehen oder sogar Liegen eine Belastung darstellen. Die Überlaufinkontinenz zeichnet unbeabsichtigtes Harnträufeln aus. Bei einer Reflexinkontinenz kann es vorkommen, dass der Patient ohne es zu bemerken, Harn verliert.

Ursachen

Eine Inkontinenz kann je nach Inkontinenztyp viele Ursachen haben. Bei der Harndranginkontinenz hat der Patient eine gesteigerte Blasensensibilität. Die Harnblase (detrusor) wird dauerhaft zusammengezogen und der Patient fühlt Harndrang, ohne dass seine Blase schon voll ist.

Die Belastungsinkontinenz kann unter anderem durch eine Funktionsschwäche des Harnverschlussapparates verursacht werden. Aber besonders bei Frauen kann die Inkontinenz auch durch eine Beckenbodenschwäche verursacht werden. Diese Schwäche entsteht häufig in Folge einer allgemeinen Senkung der inneren Organe aufgrund von schwachen Bändern und Muskeln und kann die Folge einer plötzlichen Geburt sein.

Die unbewusste Inkontinenz zeichnet sich durch Abflussbehinderungen aus. Diese können durch eine vergrößerte Prostata verursacht werden. Inkontinenz kann aber auch durch neurologische Erkrankungen, Diabetes oder andere Gründe verursacht werden.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Eine Harninkontinenz kann je nach Art und Ursache verschiedene Symptome haben. Die Belastungsinkontinenz ist daran zu erkennen, dass der unwillkürliche Harnverlust vorwiegend bei körperlicher Belastung auftritt. Der Urinverlust kann unterschiedlich stark ausfallen und tritt typischerweise ohne vorhergehenden Harndrang auf.

Die Dranginkontinenz äußert sich durch akuten, übermäßig starken Harndrang, bevor der Urin plötzlich abgeht. Diese Art der Inkontinenz kann mehrmals pro Stunde auftreten, auch wenn die Blase noch nicht voll ist. Bei der Überlaufinkontinenz treten kleine Mengen Urin aus. Die Patienten verspüren meist ein Tröpfeln und einen permanenten Harndrang.

Die Reflexinkontinenz geht mit einer unregelmäßigen Entleerung der Blase einher. Die Patienten können nicht mehr feststellen, ob die Blase gefüllt ist und entleeren sie Blase meist nicht vollständig. Bei der extraurethralen Inkontinenz geht ständig Urin verloren. Begleitend dazu können sich Schmerzen im Bereich des Harnleiter und der Blase einstellen.

Bei Kleinkindern macht sich eine Harninkontinenz dadurch bemerkbar, dass sie in unregelmäßigen Abständen auftritt und bis zum vierten Lebensjahr abklingt. Bleiben die Beschwerden weit über das vierte Lebensjahr hinaus bestehen, liegt eine andere Form der Harninkontinenz zugrunde, die ärztlich diagnostiziert und behandelt werden muss.

Krankheitsverlauf

Schematische Darstellung zur Anatomie und Aufbau der Harnblase. Klicken, um zu vergrößern.

Eine Behandlung der Inkontinenz ist in vielen Fällen nicht nur für den Lebenswert eines Patienten wichtig, sondern kann auch medizinisch indiziert sein.

Besonders bei der Überlaufblase kann eine Nichtbehandlung der Inkontinenz in den schwersten Fällen sogar zu einer Harnvergiftung (Urämie) führen.

Der in der Blase verbleibende Urin staut sich dabei in Harnleiter und Nieren und verursacht einen zunehmenden Funktionsverlust der Nieren (Niereninsuffizienz). Dieser kann dann in schweren Folgen zu einer Harnvergiftung führen.

Aber auch in anderen Fällen ist die Behandlung der Inkontinenz wichtig. Inkontinenz kann auch ein Symptom einer anderen schwereren Erkrankung wie Prostatakrebs oder Diabetes sein. Diese Erkrankungen deren Begleiterscheinung die Inkontinenz ist verschlimmern sich meist ohne Therapie und können tödlich sein.

Diagnosedaten & Häufigkeit

Relative Häufigkeit je 100.000 Einwohner pro Bundesland (ICD-10: N39.4 Harninkontinenz) (2012)
Quelle: GBE des Bundes (Diagnosedaten der Krankenhäuser)

Komplikationen

Eine Harninkontinenz kann zwar heute gut behandelt oder bewältigt werden. Sie bietet aber tendenziell auch Raum für verschiedene Komplikationen. Wenn Urin häufig mit der Haut in Berührung kommt, kann es zu Hautreizungen kommen. Unbehandelt können sich gerade bei älteren oder bettlägerigen Menschen Geschwüre und Entzündungen ausbilden.

Auch das Risiko einer Harnwegsinfektion ist bei Inkontinenz erhöht. Zudem fühlen sich die Betroffenen oft peinlich berührt durch ihre Unfähigkeit, den Urin zu halten. In manchen Fällen können die Betroffenen auch den Stuhlgang nicht mehr halten. Doch bereits eine Harninkontinenz kann für viele ein Anlass sein, sich von anderen Menschen zurückzuziehen. Sie fürchten, durch die Folgen der Inkontinenz zum Störfaktor im gesellschaftlichen Leben zu werden.

Als Komplikation einer operationsbedingten Inkontinenz in jüngeren Jahren können seelische Probleme auftreten. Depressionen oder Ängste können betroffene Menschen zusätzlich belasten. Zudem hat nicht jeder Mensch die Möglichkeit, sich mit den notwendigen Inkontinenzeinlagen und Hilfsmitteln zu versorgen.

Bei einer Belastungsinkontinenz nach Geburten oder einer Hysterektomie kann eine Operation Abhilfe schaffen. Solche Operationen können aber ebenfalls zu Komplikationen führen. Daher wird zunächst mit Beckenbodengymnastik versucht, der Harninkontinenz mit einem konservativen Behandlungsansatz entgegenzusetzen. Je nach Operationsmethode können Wundheilungsstörungen auftreten. Es kann operationsbedingt zu Nachblutungen, Harnwegsinfektionen, Nervenreizungen und -schädigungen kommen. Bauchfellentzündungen sind möglich, treten aber seltener auf.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Viele Patienten mit Harn- oder Stuhlinkontinenz meiden aus Scham oder Furcht vor möglichen Untersuchungen den Gang zum Arzt. Dennoch sollten sich Betroffene, die den Urin oder Stuhl nicht mehr halten können, so bald wie möglich untersuchen und beraten lassen. Dies ist auch dann empfehlenswert, wenn es sich nur um eine leichte Form der Harninkontinenz handelt. In der Regel kann Inkontinenz nach ärztlicher Beratung gut behandelt werden. Welche Art der Therapie für den jeweiligen Betroffenen geeignet ist, kann nur dann ermittelt werden, wenn der behandelnde Arzt mittels Untersuchungen die genaue Form der Inkontinenz feststellen kann.

In einigen Fällen kann es ohne Behandlung zu deutlichen Verschlechterungen der Inkontinenz kommen. Sie verschwindet üblicherweise nicht von selbst. Manchmal kann die Inkontinenz auch ein Symptom schwerwiegender Erkrankungen darstellen. Aus diesem Grund ist es also ratsam, möglichst bald nach dem Auftreten der Symptome einen Arzt zu konsultieren. Je früher die Betroffenen derartige Maßnahmen ergreifen, desto höher sind die Chancen auf Heilung. Es empfiehlt sich, zunächst den Hausarzt zu konsultieren.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung der Inkontinenz muss sich immer nach den Ursachen richten. Der Patient sollte sich hierbei durch einen Arzt beraten lassen. Bei einer Beckenbodenschwäche ist das erste Ziel natürlich eine Stärkung der Beckenbodenmuskulatur. Diese kann durch vielfältige Übungen verstärkt werden.

Manchmal ist dabei die Unterstützung durch Biofeedback notwendig, damit der Patient die Muskelbewegungen zu kontrollieren lernt. Hierfür wird eine Sonde eingeführt, die anzeigt, welcher Muskel im Augenblick angespannt wird. Gelegentlich ist bei Belastungsinkontinenz auch eine Östrogenbehandlung oder in schweren Fällen die Bildung eines künstlichen Schließmuskels sinnvoll. Bei der Dranginkontinenz können in leichten Fällen schon Blasentees, Medikamente aus pflanzlichen Wirkstoffen und eine Wärmebehandlung Wirkung zeigen.

Auch mit einem Toilettentraining kann man Inkontinenz abschwächen. Hierzu geht der Patient zu vorher festgelegten Zeiten auf die Toilette und kommt somit dem Drang zuvor. In schwereren Fällen kann auch über die Gabe stärkerer Medikamente gegen die Inkontinenz beraten werden.

Unbewusste Inkontinenz kann in vielen Fällen schon durch pflanzliche Medikamente aus Kürbis, Brennnessel oder Sägepalme gelindert werden. In schweren Fällen ist auch die Gabe eines Alpha-Rezeptorblockers sinnvoll. Dieser lockert den Blasenverschluss und senkt den Ausflusswiderstand und kann damit die Inkontinenz bekämpfen.

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Vorbeugung

Eine Stärkung der Beckenbodenmuskulatur stellt besonders für Frauen eine wirksame Vorbeugung gegen Inkontinenz dar. Spezielle Übungen werden in vielen Volkshochschulen oder Sportvereinen angeboten.

Aber auch eine gesunde Lebensweise senkt das Risiko für eine Inkontinenz beträchtlich. Im Allgemeinen sollte man für die Vorbeugung gegen Inkontinenz auf eine gesunde Ernährung achten, nicht rauchen und möglicherweise bestehendes Übergewicht bekämpfen.

Das können Sie selbst tun

Gezielte Gymnastikübungen stärken die Beckenbodenmuskulatur und können bei leichten Formen der Inkontinenz den unwillkürlichen Harnabgang deutlich mildern. Sie müssen allerdings konsequent und dauerhaft durchgeführt werden, um einen lang anhaltenden Effekt zu erzielen. Die Reduzierung von Übergewicht und eine ballaststoffreiche Ernährung wirkt sich ebenfalls positiv auf die Beckenbodenmuskulatur aus.

In vielen Fällen ist ein Blasentraining hilfreich, bei dem die Harnblase regelmäßig zu bestimmten Zeiten entleert wird, bevor ein starker Harndrang einsetzt. Nächtlicher Harnverlust kann oft durch ein bis zwei geplante Toilettengänge vermieden werden. Bei einer Harninkontinenz weniger zu trinken, ist in der Regel kontraproduktiv: Durch die verringerte Urinmenge werden die Harnwege nicht mehr ausreichend durchgespült, Bakterien können sich vermehren und Harnwegsinfektionen auslösen. Diese wiederum verursachen einen ständigen Harndrang, der seinerseits mit unkontrolliertem Harnabgang einhergeht.

Um nicht in die soziale Isolation abzugleiten, sollten Betroffene trotz der Harninkontinenz ihren Alltag soweit wie möglich normal fortführen und auch nicht auf ihre gewohnten Freizeitaktivitäten verzichten: Diskrete, aber sehr saugfähige Einlagen geben im Beruf und beim Sport Sicherheit, mit spezieller Inkontinenz-Badekleidung sind auch Schwimmbadbesuche problemlos möglich. Wer psychisch stark unter der Inkontinenz leidet, sollte sich nicht scheuen, das Gespräch mit einem Psychologen, Psychotherapeuten oder in einer Selbsthilfegruppe zu suchen.

Quellen

  • Finke, F., Piechota, H., Schaefer, R.M., Sökeland, J., Stephan-Odenthal, M., Linden, P.: Die urologische Praxis. Uni-Med, Bremen 2007
  • Gasser, T.: Basiswissen Urologie. Springer, Berlin 2011
  • Hautmann, R.: Urologie. Springer, Berlin Heidelberg 2014

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