Hinman-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 19. Juni 2017
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Das Hinman-Syndrom ist eine Miktionsstörung, die Patienten wesentlich seltener zur Blasenentleerung bringt als Gesunde. Als Ursache gilt eine erlernte Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie auf Basis einer frühen Nervenentwicklungs- oder Verhaltensstörung. Die Behandlung konzentriert sich auf eine Normalisierung des Miktionsverhaltens.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Hinman-Syndrom?

Die Blase entspricht einem dehnbaren Hohlorgan im Bereich des kleinen Beckens. Ihre Hauptaufgabe ist die Speicherung des Urins. Gemeinsam mit der Harnröhre bildet die Blase den unteren Harntrakt, der bei der Harnentleerung eine aktive Funktion übernimmt. Die Harnentleerung bezeichnen Mediziner als Miktion.

Für einen gesunden Menschen ist die Miktion weder mit Schmerzen, noch anderen Beschwerden verbunden. Während sich Harndrang unwillkürlich einstellt, lässt sich die Entleerung der Harnblase willkürlich beeinflussen. Von einer Miktions- oder Blasenentleerungsstörung ist in medizinischen Fachkreisen immer dann die Rede, wenn die Miktion nicht mehr willkürlich steuerbar ist. Auch Beschwerden wie Schmerzen können

Miktionsstörungen charakterisieren. Der Arzt unterscheidet verschiedene Arten der Miktionsstörung. Eine Sonderform gestörter Blasenentleerung ist das Hinman-Syndrom. In Fachkreisen ist dieser Symptomkomplex besser als nicht-neurogene neurogene Blase (NNNB) bekannt.

Analog dazu ist im Englischen vom lazy bladder syndrome oder dem infrequent voider syndrome die Rede. Die Erstbeschreibung des zugehörigen Symptomkomplexes erfolgte im Jahr 1974 durch Frank Hinman. Als Hauptsymptom gilt eine ungewöhnlich seltene Blasenentleerung bei pathologischer Blasenvergrößerung.

Ursachen

Vom Hinman-Syndrom sind vorwiegend Kinder betroffen. Schon die Bezeichnung als „nicht-neurogene neurogene Blase“ beschreibt einen nervensystemunabhängigen Ursachenzusammenhang. Zwar zeigt das Hinman-Syndrom ähnliche Klinik wie die neurogene Blase, allerdings liegen die Ursachen für die Beschwerden beim Hinman-Syndrom nicht in Störungen der motorisch sensorischen Nervenversorgung von Blase oder Schließmuskel.

Statt einem neurologischen Problem liegt dem Hinman-Syndrom eine angelernte Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (DSD) zugrunde. Bei dieser Blasenfunktionsstörung ist das Zusammenwirken der entleerungsbeteiligten Strukturen gestört. Die Folge ist eine Obstruktion des Blasenausgangs während der Miktionsanstrengung.

Der entleerungsbeteiligte Musculus detrusor vesicae kontrahiert schon bei geringer Harnmenge, wodurch kleinere Urinmengen außerhalb der aktiven Miktion verlorengehen. Diese Form der Inkontinenz hat ein reduziertes Restharnvolumen zur Folge. Patienten mit Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie erleben daher wesentlich seltener eine aktive Blasenentleerung als gesunde Menschen.

Die Betroffenen zeigen eine große Blasenkapazität bei seltener Miktionsfrequenz. Wissenschaftler gehen für Patienten mit Hinman-Syndrom von einer im Kindesalter erlernten Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie aus, die vermutlich die Folge einer Verhaltensstörung oder einer Reifungsverzögerung von Bahnen des zentralen Nervensystems darstellt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten mit Hinmann-Syndrom leeren ihre Blase im Vergleich zu Gleichaltrigen wesentlich seltener. Nach der Blasenentleerung verbleibt in vielen Fällen Restharn in der Harnblase zurück. Damit erhöht sich für die Betroffenen dauerhaft das Risiko für Entzündungen der unteren Harnwegstrukturen.

Solange keine Entzündungen vorliegen, leiden die Patienten während der Miktion in der Regel nicht an Schmerzen. Nichtsdestotrotz berichten einige der Betroffenen von anhaltenden Druckgefühlen im Bereich der Blase. Aufgrund der ursächlichen Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie kann es in Einzelfällen zu leichter Inkontinenz kommen.

Falls das Hinman-Syndrom mit chronischer Blasen- oder Harnwegsentzündung vergesellschaftet ist, liegen typische Symptome wie Dysurie oder Algurie vor. Dabei handelt es sich um ein schmerzhaftes Brennen während des Miktionsvorgangs. Auch Pollakisurie im Sinne von häufigem Harndrang mit geringen Urinmengen oder Blasentenesme im Sinne von Blasenkrämpfen können Blasenentzündungen begleiten.

In Extremfällen beobachten die Patienten Hämaturie, also Blutbeimengung im Urin. Einige der Betroffenen leiden außerdem an starkem Harndrang mit Urinverlusten (Dranginkontinenz) und beklagen anhaltende Unterleibsschmerzen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das klinische Bild des Hinman-Syndroms gleicht dem der neurogenen Blase. Daher gilt es, im ersten Schritt der Diagnose neurogene Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. Sind trotz neurologischer Abklärung keine neurogenen Veränderungen fassbar, liegt die Diagnose des Hinman-Snydroms nahe.

Zur Sicherung der Diagnose nimmt der Arzt urodynamische Untersuchungen vor, die den Verdacht auf eine pathologisch hohe Blasenkapazität bestätigen. Ultraschalluntersuchungen bilden den Fokus der Diagnostik.

Komplikationen

Durch das Hinman-Syndrom leiden die Patienten in den meisten Fällen an einer sehr eingeschränkten Blasenentleerung. Diese kann nicht nur zu physischen, sondern auch zu starken psychischen Beschwerden führen und sich somit sehr negativ auf die Lebensqualität des Betroffenen auswirken. Außerdem kommt es zu einem hohen Rückstand an Harn in der Blase nach dem Entleeren.

Durch diesen Rückstand steigt das Risiko für verschiedene Entzündungen und Infektionen, die die Nieren, die Blase und die Harnwege betreffen können. Nicht selten treten dabei auch starke Schmerzen auf. Diese können in Form von Ruheschmerzen oder allerdings auch direkt beim Wasserlassen auftreten. Die Betroffenen leiden dadurch nicht selten an Depressionen und anderen psychischen Beschwerden und nehmen gezielt weniger Flüssigkeit zu sich, um diese Schmerzen zu vermeiden.

Es kommt dadurch zu einer Dehydrierung und damit zu einem sehr ungesunden Zustand für den Körper des Patienten. Ohne Behandlung wird die Lebenserwartung durch das Hinman-Syndrom verringert. Die Behandlung findet mit Hilfe von Medikamenten und einer Verhaltenstherapie statt und führt in der Regel nicht zu besonderen Komplikationen. Bei einer frühzeitigen Behandlung kann das Verhalten schon im Kindesalter beeinflusst werden, sodass es im Erwachsenenalter nicht mehr zu Beschwerden kommt.

Behandlung & Therapie

Gesunde Menschen entleeren ihre Blase durchschnittlich alle zwei bis drei Stunden. Im Durchschnitt gehen sie damit abhängig von der aufgenommenen Flüssigkeitsmenge mindestens drei und höchstens acht Mal am Tag zur Miktion über. Bei Patienten mit Hinman-Syndrom bewegt sich die durchschnittliche Miktionszahl deutlich unter den genannten Werten.

Da es sich bei der ursächlichen Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie offenbar um eine angelernte Störung handelt, steht im Fokus der Therapie zunächst die willkürliche Verhaltensanpassung. Als erstes Therapieziel gilt es, die Patienten alle zwei bis drei Stunden zur Blasenentleerung zu bewegen. Die regelmäßige Miktionsanstrengung muss Stück für Stück ins alltägliche Verhalten der Betroffenen übergehen.

Eine Mehrfachentleerung der Blase ist besonders am Anfang zu vermeiden. Außerdem sollte bei den einzelnen Miktionsvorgängen kaum Restharn im Körper bleiben, um begleitenden Blasenentzündungen die Basis zu entziehen. Laut aktueller Studien haben sich außerdem Biofeedback-Sitzungen in der Therapie von Patienten mit Hinman-Syndrom als erfolgreiche Behandlungsoption erwiesen.

Viele der Betroffenen leiden an häufigen Entzündungen der Harnwege. Betroffene mit diesem Begleitsymptom erhalten eine Infektionsprophylaxe. Aus pharmakologischer Sicht kommt zusätzlich eine Behandlung mit Medikamenten wie Alpharezeptorenblockern in Frage.

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Vorbeugung

Das Hinman-Syndrom wurzelt in einer erlernten Verhaltensstörung. Schon im Kindesalter kann die Konzentration auf ein normales Miktionsverhalten ein wichtiger Schritt sein, um dem Symptomkomplex für das spätere Leben vorzubeugen.

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Quellen

  • Gesenhues, S., Zisché, R.H., Breetholt, A. (Hrsg.): Praxisleitfaden Allgemeinmedizin. Urban & Fischer, München 2013
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Sökeland, J., Schulze, H., Rübben, H.: Urologie. Thieme, Stuttgart 2004

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