Hämoglobinopathie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 20. November 2017
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Eine Hämoglobinopathie stellt eine erblich bedingte krankhafte Veränderung des Hämoglobins dar. Hauptverbreitungsgebiete der Hämoglobinopathien sind die Tropen und Subtropen. Die Ausprägung der einzelnen Blutkrankheiten ist abhängig vom jeweiligen Gendefekt.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Hämoglobinopathie?

Hämoglobinopathien sind genetisch bedingte Blutkrankheiten, die hauptsächlich in den Tropen und in vielen Ländern des Mittelmeerraumes auftreten. Rund sieben Prozent der Weltbevölkerung leidet an irgendeiner Form der Hämoglobinopathie. Dabei handelt es sich meist um autosomal-rezessiv vererbbare Genmutationen.

Heterozygote Träger der jeweiligen Mutation besitzen einen Überlebensvorteil gegenüber schweren Malariainfektionen. Während die Träger von gesunden Genen häufig an Malaria versterben und oft das fortpflanzungsfähige Alter nicht erreichen, können heterozygote Träger schwere Malariakrisen besser überstehen. So erlangen die mutierten Gene, welche homozygot Hämoglobinopathien auslösen können, in den Malariagebieten einen Selektionsvorteil.

Da die Malaria besonders in den tropischen und subtropischen Gebieten der Erde auftritt, haben fast 30 Prozent der dortigen Bevölkerung Genanlagen für verschiedene Hämoglobinopathien. Die verschiedenen Mutationen bringen auch unterschiedliche Formen von Blutkrankheiten hervor. So können spezifische Eigenschaften des Hämoglobins wie Sauerstoffaffinität, Stabilität, die Fähigkeit zur Aggregation, die Neigung zur Bildung von Methämoglobin oder auch unbedeutende Merkmale verändert sein.

Hämoglobinopathien können grundsätzlich in zwei große Kategorien eingeteilt werden. Das sind einerseits die Thalassämien und andererseits die anomalen Hämoglobine. Bei den Thalassämien gibt es hauptsächlich die Alpha- und Beta-Thalassämien. Seltener kommen noch die Gamma- und die Delta-Thalassämien vor. Hämoglobin ist ein eisenhaltiger Eiweißkomplex aus vier Globinen (von Alpha- bis Delta-Globin).

  • Am häufigsten treten die Beta-Thalassämien auf, die widerum in die mildere Beta-Thalassämia minor und die schwerer verlaufende Beta-Thalassämia major aufgeteilt sind.
  • Bei den Alpha-Thalassämien gibt es die klinisch stumme Alpha-Thalassämia minima, die leichte Alpha-Thalassämia minor, die schwerer verlaufende Alpha-Thalassämia major/HbH-Krankheit und die Hb-Bart´s-Krankheit mit der schwersten Verlaufsform.
  • Die bekannteste Hämoglobinopathie mit anomalem Hämoglobin ist die sogenannte Sichelzellanämie.

Ursachen

Hämoglobinopathien sind auf verschiedene Genmutationen zurückzuführen. So sind bei den Beta-Thalassämien ca. 4000 Mutationen bekannt, die zu Veränderungen am Beta-Globin führen. Das verantwortliche Gen befindet sich auf Chromosom 11. Bei Alpha-Thalassämien wurden bis heute ungefähr 55 Genmutationen aufgedeckt. Das entsprechende Gen befindet sich auf Chromosom 16.

Das bekannteste anomale Hämoglobin wird bei der sogenannten Sichelzellanämie gebildet. Ursache für diese Erkrankung ist eine Punktmutation auf Chromosom 11. Es handelt sich um das gleiche Gen, welches für die Codierung des Beta-Globins verantwortlich ist. Hier befindet sich auf der Position sechs der Beta-Globin-Protein-Untereinheit statt Glutaminsäure die Aminosäure Valin. Dadurch wird die Beta-Globin-Kette instabil.

Diese Instabilität führt bei niedrigem Sauerstoffpartialdruck zu einer sichelförmigen Verformung der roten Blutkörperchen. Das Hämoglobin behält zwar die Fähigkeit zur Sauerstoffbindung. Der Zusammenbruch der Beta-Globin-Kette birgt jedoch die Gefahr einer Aggregation der Blutkörperchen mit der Bildung von Blutgerinnseln.

Das Blut löst sich sehr schnell unter Freisetzung von freiem Hämoglobin, Arginase und Sauerstoffradikalen auf. In der Folge wird Stickstoffmonoxid stärker verbraucht. Da Stickstoffmonoxid für die Erweiterung der Blutgefäße verantwortlich ist, führt seine Verknappung zu deren Verengung.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Thalassämien bieten ein sehr variables Krankheitsbild. Die Alpha-Thalassämia minima zeigt überhaupt keine Symptome. Die Betroffenen sind lediglich heterozygote Genträger. Auch bei der Thalassämia minor treten kaum Symptome auf. Lediglich eine leichte Anämie wird beobachtet. Bei der Intermedia-Form der Thalassämie treten mittelschwere und bei der Major-Form schwere Anämien auf.

Weitere Symptome sind Ikterus (Gelbsucht) durch die verstärkte Hämolyse, Vergrößerung der Milz (Splenomegalie) oder eine starke Belastung des Herzens. Die betroffenen Kinder leiden an Wachstumsstörungen, Knochenfehlbildungen und starken Beeinträchtigungen der inneren Organe. Die Anämie imponiert durch verminderte Leistungsfähigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen, erhöhte Herzfrequenz und Schwindelgefühle.

Das Immunsystem ist allgemein geschwächt, sodass es zu häufigen Infekten kommt. Bei der Sichelzellanämie stehen Sauerstoffmangel mit Atembeschwerden, häufige Infekte, Dehydratation, Übersäuerung des Körpers (Azidose) und Hämolyse im Vordergrund. Als schwerwiegende Komplikationen können Infarkte von inneren Organen auftreten. Die Lebenserwartung der Patienten ist stark eingeschränkt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Nach der Verdachtsdiagnose aufgrund typischer Symptome können Hämoglobinopathien durch Chromatografie oder Hämoglobinelektrophorese eindeutig diagnostiziert werden.

Komplikationen

Durch die Hämoglobinopathie kann es zu unterschiedlichen Komplikationen und Beschwerden kommen. In den meisten Fällen tritt eine Anämie auf und der Patient kann sich keinen hohen Belastungen oder Aktivitäten aussetzen. Ebenso leiden die meisten Betroffenen an einer Gelbsucht und an Störungen des Wachstuns, die vor allem bei Kindern zu Komplikationen führen können.

Auch die inneren Organe können dabei von Fehlbildungen betroffen sein. Es tritt eine Müdigkeit ein und die Leistungsfähigkeit des Patienten ist oft eingeschränkt. Nicht selten kommt es zu Übelkeit und zu Schwindelgefühlen, der Patient fühlt sich krank und anteilnahmslos. Durch das geschwächte Immunsystem treten auch häufig Erkrankungen und Infekte auf. Im weiteren Verlauf können sich die Atemwege entzünden, was für den Patienten eine lebensgefährliche Situation bedeuten kann.

Die Hämoglobinopathie wird in der Regel kausal behandelt. Dabei kommt es nicht zu Komplikationen. In den meisten Fällen werden Bluttransfusionen oder Stammzellen verwendet, um die Symptome der Hämoglobinopathie einschränken. Allerdings kommt es nicht in jedem Falle zum Erfolg. Die Lebenserwartung kann eingeschränkt sein, wenn es schon zu bestimmten Schäden oder zu Fehlbildungen der Organe gekommen ist.

Behandlung & Therapie

Hämoglobinopathien sind erblich bedingte Erkrankungen und werden daher bei leichteren Verläufen in der Regel nur symptomatisch behandelt. Die Behandlung besteht unter anderem in der Vermeidung von Infektionen und Austrocknung (Exsikkose). Schmerzen werden gegebenenfalls mit Analgetika behandelt. Bei einer aplastischen Krise sind Bluttransfusionen notwendig.

Schwerere Formen der Hämoglobinopathien führen häufig frühzeitig zum Tod. Hier werden auch kausale Therapien, die zur Heilung führen, notwendig. Dazu bieten sich Stammzelltransplantationen oder allogene Knochenmarktransplantationen an. Eine mittelschwere bis schwere Thalassämie erfordert beispielsweise eine regelmäßige Bluttransfusion, die alle zwei bis vier Wochen stattfindet. Dadurch soll eine schwere Anämie verhindert werden.

Die lebenslange Notwendigkeit von Bluttransfusionen führt leider auch zur Überladung des Körpers mit Eisen. Deshalb müssen regelmäßig auch Eisenbinder parenteral durch Infusion oder peroral durch Tabletten verabreicht werden, um das Eisen aus dem Körper auszuschleusen. Zur kausalen Behandlung der Sichelzellanämie werden derzeit Forschungen zur Korrektur der Genmutation durchgeführt. Für eine praktikable Lösung ist es jedoch noch zu früh.

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Vorbeugung

Da die Hämoglobinopathien genetisch bedingt sind, gibt es keine Empfehlung zu dessen Vorbeugung. Wenn in der Familie oder Verwandtschaft bereits angeborene Blutkrankheiten aufgetreten sind, sollte deren Ursache ermittelt und bei Kinderwunsch eine humangenetische Beratung in Anspruch genommen werden.

Das können Sie selbst tun

Es ist nicht möglich, die Hämoglobinopathie mit Mitteln der Selbsthilfe zu behandeln. Aus diesem Grund sind die Betroffenen bei dieser Erkrankung in jedem Fall auf eine symptomatische Behandlung durch einen Arzt angewiesen, die in der Regel mit Hilfe von Bluttransfusionen durchgeführt wird.

Falls die Hämoglobinopathie mit Hilfe von Medikamenten unterstützt wird, sollte der Betroffene immer auf eine regelmäßige Einnahme der Medikamente achten. Durch die Bluttransfusionen wird eine Anämie verhindert. Von schweren und anstrengenden Tätigkeiten sollte der Patient idealerweise absehen, um den Körper nicht unnötig zu belasten. Weiterhin können die dauerhaften Bluttransfusionen zu einem hohen Eisengehalt im Körper führen. Um mögliche Beschwerden und Komplikationen durch diesen hohen Gehalt zu verhindern, sind die Betroffenen auf die Einnahme von Eisenbindern angewiesen. Ebenso sollten Lebensmitteln, die reichhaltig an Eisen sind, im Alltag vermieden werden.

In vielen Fällen ist auch der Kontakt zu anderen Betroffenen der Hämoglobinopathie hilfreich, da es dadurch zu einem Informationsaustausch kommen kann, der den Alltag erleichtern und die Lebensqualität des Patienten steigern kann. Im Falle von psychischen Einschränkungen sind häufig Gespräche mit vertrauten Personen sehr hilfreich.

Bücher über Anämie (Blutarmut), Eisenmangelanämie

Quellen

  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik. Thieme, Stuttgart 2011

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