Fetales Alkoholsyndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 12. Dezember 2017
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Ein fetales Alkoholsyndrom geht mit multiplen Beeinträchtigungen der kognitiven und somatischen Entwicklung des Kindes einher und manifestiert sich infolge eines Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Mit einer Häufigkeit von etwa 1:500 ist das fetale Alkoholsyndrom eine der häufigsten Ursachen für geistige Behinderungen (vor dem Down-Syndrom).

Inhaltsverzeichnis

Was ist ein fetales Alkoholsyndrom?

Als fetales Alkoholsyndrom (oder Alkoholembryopathie) werden multiple Beeinträchtigungen der physischen und psychischen Entwicklung bei Kindern infolge von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft bezeichnet.

Ein fetales Alkoholsyndrom manifestiert sich in den meisten Fällen anhand von Minderwuchs, Mikrocephalie sowie typischen Fazialanomalien wie Blepharophimose (Lidspaltenverengung), eingesunkene Nasenwurzel, Epikanthus (Hautfalte im Bereich der Lider), schmales Lippenrot, tief sitzende Ohren, hoher Gaumen sowie weiteren Dysmorphien (Fehlbildungen) an Skelett, Herz, Genitalien, Blutgefäßen oder Nieren.

Zudem sind Auffälligkeiten im Verhalten (Hyperaktivität, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen) und eine allgemeine geistige bzw. psychomotorische Entwicklungsretardierung charakteristische Symptome eines fetalen Alkoholsyndroms.

Ursachen

Das fetale Alkoholsyndrom ist auf Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen, wobei noch keine direkte Korrelation zwischen der Menge und dem Ausmaß der Beeinträchtigungen nachgewiesen werden konnte.

Alkohol kann als potenziell toxisch wirkende Substanz die Plazentaschranke überwinden. Da Kinder erst postnatal (nachgeburtlich) über einen eigenen voll funktionsfähigen Metabolismus (Stoffwechsel), insbesondere für den Abbau von Alkohol und seinen Metaboliten (u.a. Acetaldehyd), verfügen, kann der Organismus des betroffenen Kindes diese Toxine nicht abbauen.

Infolge der Vergiftung zeigen sich die für ein fetales Alkoholsyndrom charakteristischen Entwicklungsstörungen und organischen Fehlbildungen. Vermutet wird zudem, dass sich der Alkoholkonsum der Mutter nicht nur hemmend auf die Mitose (Zellteilung) des Kindes, sondern auch schädigend auf die Purkinje-Zellen des embryonalen Kleinhirns, die für die Entwicklung des Gleichgewichts und der Muskelkoordination verantwortlich sind, auswirkt.

Die Ursachen für alkoholbedingte intrauterine Schädigungen wie das fetale Alkoholsyndrom konnten bislang trotz intensiver Forschung nicht genau geklärt werden.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Ein Fetales Alkoholsyndrom (FAS) ist gekennzeichnet von kindlichen Fehlbildungen und Mangelentwicklungen. Im Bereich des Kopfes kann es zu folgenden Anomalien kommen wie etwa einem Mikrozephalus, einer Ptosis oder einem Epikanthus. Auch ein Philtrum ist möglich, was bedeutet, dass die Furche zwischen Nase und Mund ist nur schwach ausgeprägt oder ganz fehlt. Mitunter ist die Oberlippe dünn ausgeprägt, der Unterkiefer unterentwickelt. Minderwuchs kann bereits im Mutterleib zu sehen sein.

Desweiteren sind Skelettfehlbildungen wie zum Beispiel eine Trichterbrust denkbar oder eine generelle Verminderung der Grundspannung der Skelettmuskulatur (muskuläre Hypotonie). Auch die inneren Organe können von Fehlbildungen betroffen sein wie zum Beispiel Herzfehler oder Missbildungen der Nieren. Neben einer geistigen Retardierung ist eine psychomotorische Unruhe ein bekanntes Symptom der Erkrankung. Zahlreiche Patienten leiden zusätzlich zum FAS an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom).

Informationsverarbeitung und Wahrnehmung sind beeinträchtigt. Hierdurch kommt es zu sozialem Rückzug, Umtriebigkeit, Angst vor neuen Situationen, Ausbeutbarkeit und leichter Beeinflussbarkeit. Auch Impulskontrollstörungen, welche zu aggressivem Verhalten führen, können das soziale Leben beeinträchtigen. Desweiteren können Hör- und Sehstörungen vorkommen. Erwachsene Patienten neigen außerdem zu Depressionen, Suchterkrankungen und Auffälligkeiten im Sexualverhalten

Diagnose & Verlauf

Ein fetales Alkoholsyndrom wird anhand der charakteristischen Symptome diagnostiziert. Gegebenfalls kann ein Alkoholabusus der Mutter im Rahmen der Anamnese oder durch eine Blutanalyse (Leberenzyme, Ferritin) nachgewiesen werden. Durch bildgebende Verfahren wie Sonographie und Magnetresonanztomographie können Beeinträchtigungen zerebraler Strukturen wie Dysplasien (Fehlentwicklungen) des Kleinhirns oder des Ventrikelsystems sowie Schädigungen der Nieren festgestellt werden.

Kardiologische Diagnoseverfahren (EKG, Herzkatheter) lassen Aussagen zu möglichen Fehlbildungen des Herzens zu. Zudem ermöglichen Entwicklungstests sowie neuropsychologische Testmethoden eine Einschätzung der kognitiven, motorischen, sozialen und sprachlichen Fähigkeiten des betroffenen Kindes.

Differentialdiagnostisch abzugrenzen ist das fetale Alkoholsyndrom vom Edwards-Syndrom (Trisomie 18), Dubowitz-Syndrom oder Triplodie durch zytogenetische Untersuchungen. Prognose und Verlauf eines fetalen Alkoholsyndroms hängen maßgeblich vom Ausmaß der spezifisch vorliegenden Beeinträchtigungen ab. Lediglich ein Fünftel der vom fetalen Alkoholsyndrom betroffenen Kinder kann eine normale Schule besuchen, während über 30 Prozent schwer behindert sind.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Dieses Syndrom bedarf in jedem Fall einer Behandlung. Je früher die Alkoholsucht der Betroffenen eingeschränkt wird, desto höher sind die Chancen eines positiven Krankheitsverlaufes. Eventuell können dann alle Beschwerden dieser Erkrankung eingeschränkt werden. Ein Arzt sollte dann aufgesucht werden, wenn die Patientin während der Schwangerschaft Alkohol zu sich nimmt. Dabei kann die Sucht im Rahmen eines Entzuges bekämpft werden. Hierbei können auch Psychologen und verschiedene Kliniken eine Unterstützung anbieten. Weiterhin ist auch die Hilfe von Freunden und Bekannten sehr hilfreich. Ein Arzt sollte dann aufgesucht werden, wenn das Kind unter den Beschwerden des Syndroms leidet.

Die Symptome können sehr vielfältig sein, meistens handelt es sich um Fehlbildungen oder um Störungen in der Entwicklung. Je früher diese Beschwerden diagnostiziert werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer Heilung. Dabei sollten Störungen des Wachstums und der Konzentration immer von einem Arzt untersucht werden. Auch eine unbegründete Aggressivität oder geistige und psychische Behinderungen können Symptome darstellen. Die Diagnose der Erkrankung erfolgt in den meisten Fällen durch einen Kinderarzt oder durch einen Allgemeinarzt. Die Behandlung richtet sich nach Ausprägung der einzelnen Symptome und wird von unterschiedlichen Fachärzten durchgeführt.

Komplikationen

Aufgrund des fetalen Alkoholsyndroms kommt es bei Neugeborenen zu unterschiedlichen Komplikationen. In der Regel leiden die Kinder an Fehlbildungen und an geistigen Retardierungen und sind damit in ihrem Alltag und in ihrem kompletten Leben relativ stark eingeschränkt. Beim fetalen Alkoholsyndrom kommt es in erster Linie zu Störungen des Wachstums.

Damit können die Kinder an einem Minderwuchs oder an Fehlbildungen der Extremitäten leiden. Auch die Konzentration ist geschwächt, viele Patienten leiden dabei an ADHS. In einigen Fällen tritt beim Kind eine unbegründete Aggressivität auf. Der Alkoholkonsum schädigt den Herzmuskel des Kindes, sodass es im Laufe des Lebens zu Störungen des Herz-Kreislauf-Systems und zu einem Infarkt kommen kann.

Das fetale Alkoholsyndrom kann nicht direkt behandelt werden, da es sich im Mutterleib manifestiert. Allerdings ist es möglich, die Herzfehler und andere Fehlbildungen und Störungen zu behandeln. Falls die Behandlung frühzeitig beginnt, kommt es in der Regel zu keinen auffälligen Negativ-Begleiterscheinungen.

Die physischen und geistigen Behinderungen können mit verschiedenen Therapien gemildert werden. Eine komplette Heilung ist allerdings nicht möglich. Oft stellt das fetale Alkoholsyndrom auch für die Eltern eine große Belastung dar und führt auch bei diesen zu psychischen Beschwerden.

Behandlung & Therapie

Ein fetales Alkoholsyndrom kann nicht kausal behandelt werden. Somatische Beeinträchtigungen wie Fazialanomalien (u.a. Gaumen- oder Lippenspalte) oder organische Fehlentwicklungen (Herzfehler) sowie Seh- und Hörstörungen können teilweise chirurgisch korrigiert werden.

Liegen günstige Kontext- und Umweltbedingungen vor, können die Entwicklungsdefizite zum Teil ausgeglichen bzw. vorhandene Potenziale aktiviert werden. Zur Kompensierung der kognitiven, sprachlichen, psychomotorischen und/oder sozialen Fehlentwicklungen sind frühkindliche Fördermaßnahmen erforderlich, die sich in aller Regel aus Physiotherapie (Sensomotorik), Ergotherapie (Handlungsfertigkeiten durch Beschäftigungstherapie), Sprach- (Zungenmotorik, Speichelkontrolle) und Dysphagietherapie (Schlucktherapie), Musiktherapie, Hippotherapie (therapeutisches Reiten), Motopädie (Bewegungstherapie) und sensorischer Integration bei unzureichender Verarbeitung von externen Reizen oder Störungen der Sinnesorgane zusammensetzen.

Eine übermäßige „Therapierung“ des betroffenen Kindes sollte hierbei vermieden werden. Zudem werden Eingliederungshilfen wie Schulbegleitung für Kinder mit fetalem Alkoholsyndrom empfohlen. Bei ausgeprägter Hyperaktivität oder ADHS infolge des Fetalen Alkoholsyndroms kommen in einigen Fällen darüber hinaus psychotrope Medikamente wie Methylphenidat (u.a. Ritalin, Medikinet.) zum Einsatz.

Zusätzlich sollte das familiäre bzw. soziale Umfeld der betroffenen Kinder, von welchen etwa zwei Drittel in Heimen oder in Pflegefamilien aufwächst, umfassend zu den Spezifika des fetalen Alkoholsyndroms informiert und beraten sowie gegebenenfalls psychologisch unterstützt werden.

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Vorbeugung

Ein fetales Alkoholsyndrom kann durch eine vollständige Alkoholabstinenz während der Schwangerschaft vermieden werden. Eine individuelle und gesellschaftliche Aufklärung über die Risiken von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft sowie eine frühzeitige Vorbeugung bzw. Behandlung eines Alkoholabusus stellen weitergreifende Präventivmaßnahmen für das fetale Alkoholsyndrom dar.

Das können Sie selbst tun

Beim fetalen Alkoholsyndrom kommt es aufrund des Alkoholkonsums der Schwangeren zu körperlichen und geistigen Beeinträchtigung des Kindes. Was die Patienten bzw. die für die Betreuung der betroffenen Kinder zuständigen Personen selbst tun können, hängt von den konkreten Symptomen und der Schwere der Behinderung ab.

Sind die kognitiven Fähigkeiten des Kindes beeinträchtigt, ist eine adäquate Frühförderung wichtig. Durch gezielte pädagogische und psychologische Fördermaßnahmen kann die geistige Entwicklung des Kindes positiv beeinflusst werden. Hat das Kind Schwierigkeiten beim Sprechen, sollte rechtzeitig eine Sprachtherapie unter Anleitung eines Logopäden begonnen werden. Dieser kann dem Kind auch dabei helfen, die oftmals gestörte Zungenmotorik sowie die Speichelkontrolle zu verbessern.

Bei körperlichen Fehlentwicklungen, insbesondere bei einer Unterentwicklung verschiedener Muskelgruppen oder motorischer Störungen, können Entwicklungsdefizite durch eine Physiotherapie zumindest teilweise kompensiert werden. Auch ergotherapeutische Ansätze, die darauf gerichtet sind, die Handlungsfertigkeiten im Alltag zu verbessern, begünstigen die alterskonforme Entwicklung.

Die Kinder können sehr häufig keine normale Grundschule besuchen. Selbst viele Kindergärten sind nicht in der Lage, die Betroffenen angemessen zu betreuen. Die Personen, denen die Fürsorge für ein Kind obliegt, das am fetalen Alkoholsyndrom leidet, müssen sich deshalb rechtzeitig um die (vor-) schulische Eingliederung kümmern.

Leiden die Kinder seelisch unter ihrer Behinderung, insbesondere unter ihrem oftmals auffälligen äußeren Erscheinungsbild und der Reaktion der Umwelt darauf, sollte rechtzeitig ein Kinderpsychologe zugezogen werden.

Bücher über fetales Alkoholsyndrom

Quellen

  • Rath, W., Gembruch, U., Schmidt, S. (Hrsg.): Geburtshilfe und Perinatologie: Pränataldiagnostik - Erkrankungen - Entbindung. Thieme, Stuttgart 2010
  • Stiefel, A., Geist, C., Harder, U.: Hebammenkunde: Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf. Hippokrates, Stuttgart 2012
  • Witkowski R., Prokop O., Ullrich E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. Springer, Berlin 2003

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