Festhaltetherapie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 26. Oktober 2017
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Unter Festhaltetherapie wird eine spezielle Form der Psychotherapie verstanden, die Bindungsstörungen beheben soll. Nach dieser Methode halten sich zwei Menschen so lange in einer Umarmung intensiv fest, bis negative Gefühle vergangen sind. Sie ist ursprünglich für die Behandlung von Kindern entwickelt worden, die unter Autismus, geistiger Behinderung, psychischen Störungen oder Verhaltensauffälligkeiten leiden. Heute wird die Festhaltetherapie auch bei Erwachsenen angewendet.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Festhaltetherapie?

Das Verfahren der Festhaltetherapie wurde von der 1944 geborenen US-amerikanischen Psychologin Martha Welch begründet. Weiterentwickelt und in die Familientherapie eingebracht hat sie, beginnend in den 1980er Jahren, die tschechische Therapeutin Jirina Prekop (Jahrgang 1929).

Obwohl Welch und Prekop das nicht aggressive Wesen der Festhaltetherapie hervorheben, kann sie nach Ansicht kritischer Psychologen Gewalt gegenüber den behandelten Personen einschließen und somit unter Umständen traumatisierend wirken. Die Begründerinnen Welch und Prekop schreiben jedoch vor, dass das Festhalten nicht zu einer Bestrafung oder Züchtigung führen darf. Außerdem untersagen sie die Tätigkeit jeglicher Personen, die dem Verhalten des zu behandelnden Kindes innerlich mit Aggressionsbereitschaft oder Ablehnung gegenüber stehen.

Auch frühere Misshandlungen des betreffenden Kindes schließen die therapeutische Arbeit eines Erwachsenen aus. Die Grundlage der Festhaltetherapie bildet die gegenseitige Umarmung, während der sich die beteiligten Personen in die Augen sehen. In dieser direkten Konfrontation treten zunächst schmerzvolle Gefühle zu Tage. In der Folge können aggressive Impulse und massive Ängste auftauchen, die unter Umständen deutlich geäußert werden. Dennoch dauert das intensive Festhalten an, bis sich alle negativen Gefühlsregungen aufgelöst haben. Dann hat sich das Festhalten zu einer mehr oder weniger liebevollen Umarmung gewandelt.

Gegenüber Kindern soll die Festhaltetherapie stets nur von einer engen Vertrauensperson oder in Ausnahmefällen von einem Therapeuten absolviert werden. Dieser Mensch hat die Aufgabe, sämtliche in Erscheinung tretende Erregungszustände und aggressive Gefühlsäußerungen zu begleiten und gegebenenfalls zu verstärken. Laut Jirina Prekop ist der Festgehaltene zu ermuntern, sich auszuschimpfen und auszuweinen, wenn er das selbst möchte. Die gesamte Therapie soll unter keinerlei zeitlicher Begrenzung stehen. Erst wenn sich die Erregung vollständig gelegt hat, kann die Behandlung beendet werden. Zu bevorzugen ist eine bequeme Lage der beteiligten Personen, meist im Sitzen oder Liegen.

Funktion, Wirkung & Ziele

Vor allem aus rechtlichen Bedenken heraus wird der Festhaltetherapie in Fachkreisen die Anerkennung versagt. Das intensive beziehungsweise teilweise sogar gewaltsame Festhalten eines Kindes gegen seinen Willen kann sehr schnell an die Grenzen des gesetzlich vorgeschriebenen Rahmens zwischenmenschlicher Beziehungen stoßen.

Juristisch erfüllt das Festhalten einer Person gegen ihren ausdrücklichen Willen den Tatbestand der Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Der Deutsche Kinderschutzbund hat die Festhaltetherapie als eine Rechtfertigung für Gewalt kritisiert, die nicht akzeptabel sei. Namhafte Erziehungswissenschaftler und Psychotherapeuten sprechen sich gegen die Festhaltetherapie aus, weil sie Strafmaßnahmen als Therapie im Interesse des Kindes umdeute. Unter dem Deckmantel familiärer Liebe und auch pädagogischer Absichten werde psychische Gewaltanwendung gerechtfertigt.

Oftmals hielten sich ein Elternteil und das Kind stundenlang umklammert, meist zum Widerwillen des Kindes. Somit sei die Festhaltetherapie zur Behandlung psychischer Störungen ungeeignet. Immer wieder klagten Betroffene und ihre Angehörigen, dass durch sie Traumatisierungen entstanden oder verstärkt worden seien. Das Verfahren könne mit wissenschaftlichen und psychotherapeutischen Grundsätzen nicht vereinbart werden. Die Befürworter der Festhaltetherapie argumentieren dagegen, in der Behandlung gehe es vordergründig um Liebe, eine bessere Bindung und das Gefühl der Geborgenheit. Aus diesen Gründen greifen jedoch nicht wenige Kinderärzte und Ergotherapeuten immer wieder auf die Festhaltetherapie zurück und empfehlen sie auch Eltern zur Anwendung.

In diesen Fällen wird darauf verwiesen, dass in einem verantwortungsvollen Verfahren niemals das Recht des Stärkeren gelte und keine körperliche sowie sprachliche Gewalt angewendet werde. Die Festhaltetherapie solle nicht als Druckmittel missverstanden werden. Schließlich könnten Kinder die Therapie auch als liebevolles Gehaltenwerden aufnehmen, argumentieren praktizierende Kinderpsychologen. Nicht wünschenswert sei es aber, wenn vor allem ältere Kinder über mehrere Stunden gewaltsame Sitzungen ertragen müssten.

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Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Die Therapie-Mitbegründerin Jirina Prekop verteidigt das Festhalten als eine Chance, Konflikte „von Herz zu Herz und von Galle zu Galle“ zu lösen. Wenn im Laufe der Therapie verletzte Gefühle ausgeweint und herausgeschrien werden könnten, würde schließlich die Liebe wieder zum Vorschein treten.

In vielen Fällen kämen Eltern und Kinder sehr entspannt aus den Festhaltesitzungen heraus. Jirina Prekop empfiehlt das Festhalten bei seelischen Ängsten, Depressionen, Hyperaktivität, Süchten und zwanghaftem Verhalten. Vor allem unruhige und aggressive Kinder könnten so wieder Zutrauen in den Halt ihrer Eltern gewinnen. Auch dieser Sichtweise wird von erfahrenen Kinderpsychologen heftig widersprochen. Familientherapeuten berichten von Schuldgefühlen bei Eltern und Verhaltensstörungen von Kindern, die sich einer Festhaltetherapie unterzogen haben.

Kinder könnten nicht Stärke und Konfliktfähigkeit entwickeln, wie von Jirina Prekop festgestellt, sondern bekämen im Gegenteil Selbstwertprobleme und litten unter teilweise erheblichen Kontaktstörungen. Eine der Festhaltetherapie ablehnend gegenüber stehende Kinderpsychologin schildert ihre Erfahrungen, dass so behandelte Kinder oftmals große Probleme mit Nähe und Distanz in ihren Freundschaften und späteren Liebesbeziehungen hätten.

Einige der Betroffenen würden sich der Persönlichkeit anderer Kinder beziehungsweise Jugendlicher bemächtigen oder seien im Gegenteil in ihrer Fähigkeit beeinträchtigt, Berührungen zu ertragen. Außerdem bleibe oft ein sehr abweisendes Verhältnis zu den eigenen Eltern oder auch anderen Familienangehörigen zurück.

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Quellen

  • Fegert, J.M., Eggers, Ch., Resch, F.: Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Springer, Heidelberg 2012
  • Lohaus, A., Vierhaus, M., Maass, A.: Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Springer, Berlin 2010
  • Steinhausen, H.-C. (Hrsg.): Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Urban & Fischer, München 2010

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