Fantasie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 13. November 2016
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Die Fantasie ist die Schöpferkraft des denkenden Bewusstseins und dient als kreatives Element für Empathie, Künste und jegliche Art der Problemlösung. Sigmund Freud sah in der Fantasie seinerzeit ein Ventil zur Triebbefriedigung. Heute ist die Fantasie für die Psychologie vor allem eine alternative Verarbeitung der Realität.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Fantasie?

Das Geist des Menschen wird in der Psychologie als denkendes Bewusstsein bezeichnet und ist die Summe aller inneren Vorgänge. Neben Gedanken und Gefühlen zählen bewertete Wahrnehmungen oder Erinnerungen dazu.

Dem denkenden Bewusstsein wird eine eigene Schöpferkraft zugesprochen. So kann es Nachwirkungen einer Wahrnehmung produzieren, obwohl gerade keine Wahrnehmung stattgefunden hat. Diese Fähigkeit des Bewusstseins wird von der Psychologie als Fantasie bezeichnet.

Laut Wilhelm Wundt ist Fantasie das Denken in sinnlichen Einzelvorstellungen oder Bildern. Die Fantasie ist damit eine kreative Fähigkeit, die sowohl mit Erinnerungsbildern, als auch Vorstellungsbildern assoziiert ist. Sie bezieht sich aber auch auf sprachliche oder logische Ideen, die eine gewisse Vorstellungskraft erfordern. Durch Fantasie entsteht aus inneren Bildern eine Innenwelt, deren Resultat Phantasma genannt wird.

In den Neurowissenschaften gelten Fantasie, Kreativität und Ideenreichtum bislang als eher unerforschte Gebiete. Neuere Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass die Fantasie im Rahmen von Kreativität den Gedächtnisspeicher des Gehirns beansprucht. Der präfrontale Cortex verhält sich währenddessen ruhig, damit die Informationen aus dem Gedächtnissystem neu kombiniert werden können.

Funktion & Aufgabe

Als Produktionskraft des Bewusstseins ist die Fantasie eine besondere Form der Wirklichkeitsverarbeitung. Sie entwirft Alternativen zur Realität und kann dabei verschiedene Bedürfnisse erfüllen. Durch fantastische Alternativen lässt sich zum Beispiel der persönliche Erlebnisraum vergrößern. Fantasie lässt den Menschen andererseits auch zukünftige Konsequenzen vorwegnehmen. Zuletzt kann die schöpferische Kraft als eine Ersatzbefriedigung wirken. Ein beschädigtes Selbstbewusstsein lässt sich in der Fantasie mit Tagträumen oder Utopien zum Beispiel ausgleichen. So stabilisiert die Fantasie das Wohlbehagen und das narzißtische Gleichgewicht. Beschämende Erfahrungen werden dabei gleichzeitig abgewehrt.

Sigmund Freud vermutete hinter Phantasien Triebimpulse. Unausgelebte und unterdrückte Triebe werden seiner Überzeugung nach kompensatorisch in der Fantasie ausgelebt. Damit dient die Schöpferkraft des Bewusstseins also als Instrument zur Befriedigung von Lustwünschen und ist laut den psychodynamischen Vorstellungen sozusagen lediglich ein Ventil der Triebbefriedigung.

Die Fantasie ist die Schöpferkraft des denkenden Bewusstseins und dient als kreatives Element für Empathie, Künste und jegliche Art der Problemlösung.

In frühen Experimenten der Psychologie hatte sich diese Annahme scheinbar bestätigt. Studenten lebten ihre Aggressionen nach Beleidigungen zum Beispiel in der Fantasie aus. Neuere Forschung der Lernpsychologie zeigen allerdings gegenteilige Ergebnisse.

Ein Konsens besteht mittlerweile über den hohen Nutzen der Fantasie für die zwischenmenschliche Empathie. So ist das Verständnis für eine andere Person weitestgehend von der Fantasie abhängig. Zugleich ist sich die Wissenschaft über das kreative Element der Fantasie einig. Fantasien gelten sogar als wesentliche Voraussetzung für Kunst und werden als Quelle der Kreativität verstanden.

Auch für zweckgerichtetes Handeln spielt die Fantasie eine Rolle. Beim Problemlösen braucht der Mensch zum Beispiel eine Vorstellung, wie das Problem zu lösen ist. Das Handlungsziel wird als Zweck oder Wunsch visualisiert, sodass zweckgerichtetes Handeln möglich ist. In den Wissenschaften ermöglicht Fantasie außerdem Erkenntnis. Die Fähigkeit ist zum Beispiel für die Synthese von Befunden und empirischen Beobachtungen relevant, die nur durch Interpretationsarbeit eine bestimmte Aussagekraft liefern.

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Krankheiten & Beschwerden

Der Fantasieraum unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Die Fähigkeit zu ausgiebigen Fantasieren ist also nicht bei jedem Menschen gleich stark ausgeprägt und hängt vermutlich sowohl mit dem Intellekt, als auch mit der Selbstkontrolle und vor allem der Möglichkeit zu vielfältigen Erfahrungen zusammen.

Für die Psychologie spielt die Fantasie vor allem dann eine Rolle, wenn sie abnorme Ausmaße annimmt. Das ist zum Beispiel bei Gewaltfantasien oder sogar Tötungsfantasien der Fall. Regelmäßige Tötungsfantasien werden mittlerweile zum Beispiel mit den Amokläufen an Schulen in Verbindung gebracht. Aggression und Gewalt werden dabei als kognitives Skript betrachtet, das insbesondere durch Medieneinflüsse und negative zwischenmenschliche Erfahrungen aufrechterhalten wird.

Insbesondere sind frühe Sozialisationserfahrungen für Gewaltfantasien relevant. Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten zeigen zum Beispiel ein gewalttätigeres Fantasiespiel als ihre Altersgenossen. Vorwiegend sind Kinder mit einer geringen Selbstkontrolle von den abnormen Fantasien betroffen. Soziale Interaktionen scheinen die Fantasien auszulösen. Insbesondere gilt das für solche Interaktionen, die der Betroffene als bedrohlich oder demütigend erlebt. Die Gewaltfantasien sind dabei eine Art Reaktion auf einen wahrgenommenen Kontrollverlust in der sozialen Umwelt. Durch das Herbeifantasieren zukünftiger Gewalthandlungen empfinden die Betroffenen oft wieder Kontrolle und bauen so das Stressempfinden ab.

Einige Autoren sprechen dabei von einer Umgangsstrategie mit aggressiven Impulsen, die dem Aggressionsabbau dienen. Andererseits zeigen Studien, dass die Fantasien aggressives Verhalten in der Zukunft eher steigern. Eine besondere Gefahr ist immer dann gegeben, wenn der Betroffene seine gewalttätigen Fantasien als regelmäßige Realitätsflucht missbraucht und sich zu einem fortschreitenden Realitätsverlust hinreißen lässt.

Nicht nur Gewaltfantasien, sondern ausgiebige Fantasien jeder Art können einer Realitätsflucht entsprechen und fortschreitenden Realitätsverlust initiieren. Traumatisierende Erlebnisse können diesen Realitätsverlust begünstigen. Junge Vergewaltigungsopfer errichten sich zum Beispiel oft eine Fantasiewelt, in die sie sich zurückziehen können, um die traumatische Situation nicht bei vollem Bewusstsein miterleben zu müssen.

Vermutlich können auch neurologische Erkrankungen oder Verletzungen abnorme, abnormal starke oder abnormal verminderte Fantasien hervorrufen. Wegen der geringen Forschungslage in diesem Bereich ist dieser Zusammenhang bislang jedoch vergleichsweise unklar.

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