Erziehung von Jugendlichen in der Pubertät

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 5. Juli 2017
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Die Gesetze, nach denen Himmelskörper im Weltall kreisen, und Sprachen anderer Völker sind vielen Eltern und Lehrern oft besser bekannt als die Gesetze, nach welchen ein Kind aufwächst. Und doch ist es so wichtig, die körperlichen Grundlagen und die seelischen Bedingtheiten unserer Kinder sehr eingehend zu studieren.

Inhaltsverzeichnis

Körperliche Entwicklung in der Pubertät

Es gilt die Notwendigkeit einzusehen, dass jedes Alter Anspruch auf Geltung und Anerkennung hat. Nichts ist falscher, als das Kind als halben, unfertigen oder gar dummen Erwachsenen zu betrachten.

Eine der großen Veränderungen, die der wachsende Körper unserer Kinder durchmacht, ist die Pubertät, d.h. die Geschlechtsreifung. Beim Jungen fällt sie im allgemeinen in das Alter zwischen 12 und 17 Jahren. Mädchen, die in ihrer Entwicklung gegenüber den Jungen immer einen kleinen Vorsprung haben, pubertieren meist zwischen 10 ½ und 14 Jahren. Während der Pubertät stellt man nun drei Stadien fest. Zunächst die Zeit des rapiden Längenwachstums und der auffälligen Steigerung des Stoffwechsels, also die jeder Mutter wohlbekannte Periode, in der die Kleider immer zu kurz und die Butterbrote immer zu klein sind.

Ihr folgt die Phase der größten körperlichen Unausgeglichenheit. Der Stimmwechsel setzt ein, die Gesichtszüge werden gröber, die kindlichen Linien knochiger und muskulöser. Die Wohlproportioniertheit des ganzen Körperbaus wird vorübergehend gestört. Das führt zu den sprichwörtlich schlaksigen und flegeligen Bewegungen der Pubertierenden. Das dritte Stadium endlich zeichnet sich dadurch aus, dass die Geschlechtsdrüsen die ihnen zukommende Bedeutung im Leben definitiv gewonnen haben. Das Individuum ist erwachsen geworden.

Psychische Entwicklung in der Pubertät

Auf der Grundlage dieser physiologischen Veränderungen, und vielleicht noch typischer als sie, verändert sich die Psyche. Es ist daher unbedingt erforderlich, dass wir neben den persönlichen Besonderheiten auch die altersbedingten psychischen Eigenheiten des Heranwachsenden beachten. Die individuellen Erscheinungsformen sind weitgehend abhängig von den Lebensbedingungen, also der Erziehung und den Einflüssen der Umwelt, die sich positiv oder negativ auswirken können. Die Kinder werden oft von einem Tag zum anderen ungeschickt, sogar auf Gebieten, die sie sonst am besten beherrschten.

Dann kommt eine Zeit der Unruhe und Nervosität, ein Übergang zwischen der spielenden Kindheit und der Ernsthaftigkeit des Erwachsenen, ein Umspielen alles Erlebten mit Phantasie, ja mit Phantastik. Häufig beobachten wir nun an Jugendlichen Depression, Verschlossenheit, gepaart mit trotziger Auflehnung, Streit und Zank gegen die Eltern oder Erzieher. Der Heranreifende ist jetzt zu großen Dingen bereit, aber auch schlechten Elementen (Rauchen, Alkohol, Drogen, Vandalismus, etc) zugänglich, gegen deren Einflüsse er sich sonst erfolgreich gewehrt hat.

Erziehung in der Pubertät

Das alles sind zumeist vorübergehende Erscheinungen. Die Ursache dieser wechselnden Zustände liegt wohl in einer erhöhten Erregbarkeit des Zentralnervensystems der Pubertierenden und in einer Umgestaltung des Systems der Drüsen mit innerer Sekretion. Es genügt nun nicht, dass Biologen und Psychologen die Gesetzmäßigkeit der Pubertät aufdecken. Eltern und Lehrer sollten von den Ergebnissen der Wissenschaft unterrichtet und veranlasst werden, darüber nachzudenken, und sich über ihre Sorgen mit dem Lehrer in der Schule oder mit dem Arzt besprechen.

Nie fordert der junge Mensch so ausdrücklich eine feste Hand, die ihn aus dem inneren Chaos herauszuführen vermag wie in dieser Zeit, auch wenn dies nicht immer augenscheinlich ist. Die Voraussetzung zur Anerkennung dieser festen Hand ist jedoch unbedingtes Vertrauen. Grundsatz aller erzieherischen Haltung muss hier sein: bei aller Konsequenz liebevoll bleiben, vernünftige Überlegung zeigen, Zeit lassen, mit Geduld zusehen zu können ohne Vorwürfe zu machen oder gar zu schlagen.

Auf die „unerzogenen“ und „frechen“ Jugendlichen wirkt nichts so eindringlich und nachhaltig wie ruhige Konsequenz. Freilich setzt das eine Erzogenheit des Erzieher voraus, die leider weder Schule noch Elternhaus immer aufweisen. Es gilt die Notwendigkeit einzusehen, dass jedes Alter Anspruch auf Geltung und Anerkennung hat. Nichts ist falscher, als das Kind als halben, unfertigen oder gar dummen Erwachsenen zu betrachten. Es hieße die Jugend missverstehen, wollte man ihr bloß raten und helfen.

Der gesunde Jugendliche lehnt im allgemeinen solche „wohlmeinenden“ und „besserwissende“ Erzieher ab, weil er sich schlechthin nach Führung aber auch nach Selbstbestätigung sehnt. Er wird jeden Versuch einer Erziehung von vornherein ablehnen, sobald er spürt, dass der Erzieher in seinem Wollen unklar ist, dass er von ihm nicht verstanden wird, dass er vor ihm Geheimnisse haben und gefahrlos schauspielern darf. Die Autorität der Erzieher, Eltern und Lehrer wird umso größer sein, je stärker die Jugendlichen fühlen, dass sie ihnen nichts vormachen können.

Der Jugendliche lehnt in dieser Zeit entscheiden eine Leitfigur ab, die verstehende Gerechtigkeit ihm oder anderen gegenüber vermissen lässt oder ihn gar in „mitleidiger“ Nachsicht nicht ernst und nicht für voll nimmt. Die Haltung der Erzieher muss daher klar und eindeutig sein, sofern sie nicht in den Verdacht bloßer Schikane und Gängelung geraten wollen. Jeder Erzieher muss wissen, dass das erwachende Selbstbewusstsein der Jugendlichen gewisse Heimlichkeiten braucht.

Spannungen, Ärger, Streit und Lügen können nur dann vermieden werden, wenn der Erwachsenen nicht fortwährend die Rolle eines psychologischen Detektivs spielt, der das Innenleben des Reifenden auszukundschaften versucht. Ist das Vertrauensverhältnis zwischen dem Erwachsenen und dem Jugendlichen von Kindheit an geschaffen, wird er ohnehin seine Freiheit nie missbrauchen wollen, so wenig er sich dann der Einsicht verschließen wird, dass es unmöglich ist, alle seine Wünsche zu erfüllen.

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