Dysmorphophobie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. November 2017
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Dysmorphophobie ist die übertriebene gedankliche Beschäftigung zu einer selbst vermuteten körperlichen Entstellung. Es handelt sich also um eine falsche Körperwahrnehmung. Diese auch als Entstellungssyndrom bezeichnete psychiatrische Störung ist durch den zwanghaften und übermäßigen Drang gekennzeichnet, sich selbst als unausstehlich oder hässlich wahrzunehmen. Lange wissenschaftlich umstritten, rückt die körperdysmorphe Störung heute wieder mehr in den Fokus der medizinischen Diskussion.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Dysmorphophobie?

Das Wort Dysmorphophobie besteht aus drei zusammengesetzten griechischen Silben – „dys“, „morphe“ und „phobios“. Es bezeichnet die Scheu, die Angst oder die Furcht vor der eigenen äußeren Erscheinung, vor der eigenen äußeren Gestalt. Heute ist die sogenannte körperdysmorphe Störung als eigenständiges, psychiatrisches Krankheitsbild klassifiziert und anerkannt. Wird also bei einem Patienten eine Dysmorphophobie diagnostiziert, so hat dieser Anspruch auf adäquate Therapie.

Die psychische Erkrankung prägt das Leben der Betroffenen aufgrund der falschen Wahrnehmung des eigenen Selbstbildes oftmals sehr negativ und mündet nicht selten in Depression, auch Suizidfälle aufgrund von Dysmorphophobie sind nachgewiesen.

Durch die Möglichkeiten der kosmetischen plastischen Chirurgie, welche gerade in den letzten Jahren enorme Fortschritte erzielt hat, rückt diese psychiatrische Störung wieder mehr in den Fokus. Wenn die eigene Selbstwahrnehmung nachhaltig gestört ist, ist allerdings fraglich, ob den Patienten mit einem solchen Eingriff wirklich dauerhaft geholfen werden kann.

Ursachen

Es wird bei der Dysmorphophobie von einem unverarbeiteten, innerseelischen Konflikt ausgegangen. Leistungsfähigkeit und Lebensqualität sinken immer mehr ab, indem die Gedankenschleifen der Betroffenen nur noch um die vermeintliche Entstellung des Gesichtes oder anderer Körperteile kreisen.

Auch wenn den Betroffenen durch Angehörige oder Ärzte glaubhaft versichert wird, dass ein Zerrbild von eigener Wahrnehmung und Realität vorliegt, so wird dies von den Patienten negiert. Darüber hinaus ist es vielfach der Fall, dass die Erkrankten den Rat von Fachleuten, also beispielsweise spezialisierten Psychiatern, ängstlich vermeiden.

Körperdysmorphe Störungen sind oft vergesellschaftet mit mangelndem Selbstwertgefühl und Hypochondrie. Da viele Betroffene den Arztkontakt in Zusammenhang mit ihrer fehlgeleiteten Körperwahrnehmung meiden, muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Jeder Mensch verfügt über bestimmte körperliche Merkmale, die ihn charakterisieren und einzigartig machen. Die meisten Menschen kommen damit auch gut zurecht, die Sorgen diesbezüglich von Patienten mit Dysmorphophobie sind jedoch stets charakterisiert von einer deutlichen Übertreibung.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Zur Geschlechterverteilung des Entstellungssyndroms existieren in der medizinischen Literatur keine verlässlichen Daten, da exakte Untersuchungen bislang fehlen. Fachautoren gehen von einer Gleichverteilung bei Männern und Frauen aus, andere beschreiben ein leichtes Überwiegen des weiblichen Geschlechts.

Als gesichert gilt jedoch, dass dysmorphe Verhaltensweisen bereits im Kindes- und Jugendalter beginnen können. Ist die exzessive Beschäftigung mit dem eigenen körperlichen Aussehen erst einmal in Gang gesetzt, dann verschlimmern sich die Symptome und Beschwerden mit zunehmendem Lebensalter.

Je länger die Beschwerden bestehen, desto schwieriger gilt allerdings die Einleitung einer adäquaten psychiatrischen Therapie. Die Erkrankten erleben sich selbst als vermeintlich lächerlich, abstoßend oder hässlich, obwohl sie objektiv betrachtet ganz normal aussehen. Dabei bezieht sich die Vorstellung der eigenen Hässlichkeit häufig auf den ganzen Körper, seltener auf einzelne Areale.

Infrage gestellt werden insbesondere Form, Symmetrie, Größe oder Stellung bestimmter Körperzonen oder Extremitäten. Typische Beispiele sind Fettpolsterverteilung, Unzufriedenheit mit der Zahnstellung, Errötungsneigung oder die falsche Annahme, das Lippen, Kinn, Wangen, Mund oder Nase hässlich seien.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Betroffenen leiden unter einem gedanklich selbst erschaffenen Teufelskreis aus Selbstablehnung und quälender Besorgnis. Typisch ist, dass das eigene Aussehen ständig hinterfragt oder in Spiegeln kontrolliert wird. Bei der eingehenden psychiatrischen Diagnose kommen häufig narzisstische Persönlichkeitszüge und eine tiefgreifende Minderwertigkeit zutage. Durch allgemeine Rückzugstendenzen und Scheu sind die psychosozialen Folgen für die Betroffenen oft erheblich.

In vielen Fällen ist es der Hausarzt, welche mit seiner guten Kenntnis über Patienten eine Verdachtsdiagnose stellt, die dann jedoch von einem Psychiater oder psychologischen Psychotherapeuten erhärtet werden muss. Das Einleiten einer adäquaten Therapie sollte auch deshalb so frühzeitig geschehen, damit einer Chronifizierungstendenz wirksam entgegengesteuert werden kann. Denn der Krankheitsverlauf gilt als langwierig, nicht selten bleiben Betroffene ein Leben lang Gefangene ihrer krankhaften Entstellungsbefürchtungen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

In der Regel leiden die Betroffenen durch die Dysmorphophobie an einer Reihe verschiedener psychischer Beschwerden. Aus diesem Grund sollte bei dieser Krankheit dann ein Arzt aufgesucht werden, wenn es zu deutlichen Minderwertigkeitskomplexen oder zu einem verringerten Selbstwertgefühl kommt. Eine dringende Behandlung ist vor allem dann notwendig, wenn diese Beschwerden ohne einen bestimmten Grund auftreten. Auch beim Auftreten von Hänseleien oder Mobbing ist eine ärztliche Behandlung sinnvoll, um weitere Komplikationen und Beschwerden zu vermeiden.

Weiterhin kann die Dysmorphophobie auch zu Selbstmordgedanken führen. In vielen Fällen müssen auch die Eltern und die Angehörigen des Patienten die Beschwerden wahrnehmen und einen Arzt kontaktieren. In schwerwiegenden Fällen ist ein Aufenthalt in einer geschlossenen Klinik sinnvoll. Durch den können die Beschwerden deutlich gelindert werden. Meistens wird die Diagnose der Dysmorphophobie durch einen Psychologen gestellt. Auch die Behandlung kann beim Psychologen durchgeführt werden. Je früher die Krankheit diagnostiziert und behandelt wird, desto höher sind die Chancen auf eine vollständige Heilung des Patienten.

Behandlung & Therapie

Eine schematische psychiatrische Behandlung bei falscher Körperwahrnehmung ist bis heute nicht bekannt, weshalb sich jede Therapie einer dysmorphen Störung an der individuellen Situation und Leidensproblematik eines Patienten orientieren muss. Der Therapeut muss es zunächst schaffen, dass sich ein Patient ihm gegenüber öffnet, Vertrauen gewinnt und sich überhaupt helfen lassen möchte. Eine kausale, also ursachenbezogene Therapie, ist schon deshalb nicht möglich, weil die psychologischen Hintergründe der Dysmorphophobie bis heute unbekannt sind.

Nur wenn gleichzeitig eine Depression auftritt, ist die Gabe von Psychopharmaka gerechtfertigt. Die Therapie beschränkt sich ansonsten auf begleitende psychotherapeutische Sitzungen der Verhaltenstherapie. Wenn Patienten wechselnde, vage oder diffuse Beschwerden äußern, ist von kosmetischen Operationen dringend abzuraten. Denn die hinter den Beschwerden verborgenen seelischen Beeinträchtigungen lassen sich nicht durch einen gewünschten medizinischen schönheitschirurgischen Eingriff beseitigen.

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Aussicht & Prognose

Bei der Dysmorphophobie gibt es eine Aussicht auf Heilung, sobald die Erkrankung professionell therapeutisch behandelt wird und die Diagnosestellung sowie die Therapie frühzeitig stattfinden.

Mit einer kognitiven Verhaltenstherapie stellt sich bei den meisten Patienten eine Verbesserung des Gesundheitszustands ein. Die Therapie kann stationär wie auch ambulant erfolgen. Wird sie in Verbindung mit einer medikamentösen Behandlung angewendet, werden bei den Patienten deutliche Linderungen der Symptome beobachtet. Die Gabe von Arzneien ohne eine Psychotherapie haben sich weniger gut bewährt. In den meisten Fällen kommt es zu einer Rückbildung der Symptome, sobald die verschriebenen Präparate abgesetzt werden. Die besten Aussichten einer Genesung bestehen in der Kombination aus einer Therapie und der Gabe von Medikamenten. Die Therapie umfasst mehrere Monate oder Jahre. Die Beschwerden bilden sich schrittweise zurück, bis eine Beschwerdefreiheit erreicht werden kann.

Unbehandelt kann die Dysmorphophobie in einen chronischen Verlauf übergehen. Die Prognose verschlechtert sich deutlich. Eine Spontanheilung gilt als sehr unwahrscheinlich. Die Symptome der Erkrankung schwanken während des Krankheitsverlaufs in ihrer Intensität. Gleichzeitig werden dennoch die Beschwerden stärker, je länger die Krankheit vorhanden ist. Mit einer Zunahme der Beschwerden steigt allmählich das Suizidrisiko des Patienten an. Damit keine kritische oder lebensbedrohliche Situation eintritt, ist eine rechtzeitige Therapie ausschlaggebend.

Vorbeugung

Die Dysmorphophobie ist ein höchst komplexes bisweilen auch skurril erscheinendes Leidensbild mit einer beharrlich negativen Körperwahrnehmung. Da vielfach davon ausgegangen werden muss, dass die Ursache der Beschwerden schon in der Kindheit gelegt wird, sollte eine Vorbeugung hier ansetzen.

Bei Kindern und Jugendlichen mit Rückzugtendenzen oder ständiger gedanklicher Beschäftigung mit eigenen Mängeln sollten frühzeitig soziotherapeutische Korrekturen vorgenommen oder gesprächspsychologische Angebote unterbreitet werden.

Das können Sie selbst tun

Bei einer Dysmorphophobie sind die Möglichkeiten der Selbsthilfe im Alltag für den Erkrankten nur sehr eingeschränkt möglich. Im Normalfall ist der Betroffene überhaupt nicht in der Lage, die gesundheitlich fördernden Maßnahmen eigeninitiativ durchzuführen. Die Störung basiert auf psychischen Ursachen und der Unmöglichkeit einer realen Einschätzung seiner Selbst. Daher gibt es für den Betroffenen selbst nur wenig Handlungsvariationen.

Der eigene Körper wird nicht absichtlich falsch wahrgenommen. Die Störung ist daher nicht willentlich steuerbar. Es gehört zum Erscheinungsbild der Erkrankung, dass es dem Betroffenen selbst nicht möglich ist, den eigenen Körper real zu sehen und die Konturen zu erkennen. Aus diesem Grund stehen häufig die Menschen aus dem nahen sozialen Umfeld verstärkt in der Verantwortung. Der Erkrankte sollte von ihnen auf die notwendige Hilfe angesprochen werden. Dafür ist ein stabiles Vertrauensverhältnis notwendig. In schweren Fällen benötigen die Angehörigen ebenfalls Beratung und Hilfe von fachkundigem Personal.

Informationen zur Erkrankung und dessen Erscheinungsbild sind nötig, um die richtige Vorgehensweise im Umgang mit dem Erkrankten zu erlernen und umzusetzen. Geduld, Ruhe und eine umfassende Information der Krankheit sind dafür unerlässlich. Der Betroffene darf nicht bedrängt oder durch alltägliche Kommentare unter Druck gesetzt werden. Scham, Schuldgefühle oder belehrende Worte sind nach Möglichkeit zu vermeiden.

Bücher über Selbstwertgefühl

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Davison, G.C., Neale, J.M., Hautzinger, M.: Klinische Psychologie. Beltz PVU, München 2007
  • Morschitzky, H.: Angststörungen – Diagnostik, Konzepte, Therapie, Selbsthilfe. Springer, Wien 2009

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