Diabetische Gastroparese

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 7. Dezember 2017
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Die diabetische Gastroparese ist eine der Spätkomplikationen eines Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit). Es handelt sich dabei um eine Funktionsstörung der Magenbeweglichkeit, welche sich durch Völlegefühl, Übelkeit und Erbrechen bemerkbar macht. Ursächlich ist eine Schädigung von kleinsten Nervenfasern durch die jahrelang überhöhten Blutzuckerspiegel. Eines der Hauptprobleme der diabetischen Gastroparese ist, dass aufgrund der Magenlähmung gleichzeitig die Aufnahme von wichtigen Diabetesmedikamenten behindert wird.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die diabetische Gastroparese?

Der Diabetes mellitus Typ II, der Einfachheit halber oft Zuckerkrankheit genannt, ist eines der großen Volksleiden unserer heutigen Zeit und neben Bluthochdruck, Übergewicht und erhöhten Blutfettwerten Bestandteil des sogennanten "metabolischen Syndroms" der häufigsten zivilisatorischen Stoffwechselleiden.

Etwa neun Prozent der Bevölkerung werden bereits aufgrund einer Zuckerkrankheit behandelt, bis 2030 erwarten Wissenschaftler eine Verdopplung dieser Zahl. Das Tückische an der Diabetes ist dabei, dass die meisten Betroffenen gar nichts von ihrer Stoffwechselentgleisung bemerken. Erst Folgekrankheiten stören Jahre später das Wohlbefinden und führen zum Arzt. Dann ist es jedoch für das betroffene Organ oft bereits zu spät. Es ist daher wichtig, die Spätkomplikationen des Diabetes mellitus zu kennen und frühzeitig gegenzusteuern.

Ursachen

Die Ursache der diabetischen Gastroparese ist dieselbe wie bei den meisten anderen Diabetischen Folgeerkrankungen: Durch dauerhaft erhöhte Blutzuckerspiegel beim Diabetiker, insbesondere wenn dieser von seiner Erkrankung nichts weiß und keine Medikamente dagegen einnimmt, werden kleinste Blutgefäße und Nervenendigungen chronisch und unwiderruflich geschädigt.

Neben den Gefühlsstörungen der Füße, unter denen viele Diabetiker leiden, kommt es dabei also unter anderem auch zu "Gefühlsstörungen des Magens": Der Magen verfügt über viele kleine Sensoren, die dem zentralen Nervensystem und seinen eigenen Schleimhautzellen signalisieren, wann er gefüllt wird, wann er überdehnt wird, wann er mehr Magensäure benötigt und so weiter.

Gleichzeitig kann das Nervensystem dem Magen Signale senden, stärker zu kontrahieren und sich so zum Beispiel auf eine bevorstehende Speisenaufnahme vorzubereiten, während dem Essenden noch das Wasser im Munde zusammenläuft. Die Bedeutung der Nervenzellen für die menschliche Verdauung ist also vielseitig, ihr Ausfall äußert sich auf verschiedenste Art und Weise.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Hauptsymptome der diabetischen Gastroparese sind Übelkeit und Erbrechen. Durch die mangelhafte Magenentleerung bleibt die Nahrung länger als üblich im Magen, Sättigungsgefühl setzt früher ein, es kann auch zu Völlegefühl und verstärkten Refluxbeschwerden kommen.

Da dies so allgemeine Symptome sind, ist es oft schwierig, sie auf einen Diabetes zurückzuführen - auch in der gesunden Allgemeinbevölkerung treten Übelkeit und Erbrechen in großer Zahl auf und sind oft kein Anlass zu weiterer Sorge. Wenn gleichzeitig andere Symptome eines Diabetes auftreten, sollte ein Arzt aber unbedingt aufgesucht werden, ein einfacher Blutzuckertest kann die Ursache bereits eingrenzen oder ausschließen.

Mehr als die Hälfte aller Diabetiker, vor allem des sogenannten "Altersdiabetes" Typ II, klagen aber über Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung oder Stuhlinkontinenz, was einen Gesamtzusammenhang nahelegt.

Der zweifelsfreie Nachweis eines Zusammenhanges zwischen den Verdauungsbeschwerden und dem Diabetes ist bislang nicht möglich. Es gibt teils recht komplizierte radiologische oder elektrophysiologische Untersuchungsmethoden, mit denen man die Magen- und Darmbeweglichkeitsstörung nachweisen kann - zumeist genügt jedoch die Symptomatik, wenn gleichzeitig eine Zuckerkrankheit bekannt ist oder neu nachgewiesen werden kann.

Tritt beim Diabetiker gleichzeitig eine Kribbeln oder Brennen der Füße (Diabetische Neuropathie), eine Nierenfunktionsstörung (Diabetische Nephropathie) oder eine Sehstörung (Diabetische Retinopathie) auf, so ist auch das Vorliegen von Magen-Darm-Symptomen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die diabetische Gastropathie zurückzuführen. Mittels Magenspiegelung können zudem andere Erkankungen des Magens ausgeschlossen werden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Diabetes-mellitus-Patienten, die plötzlich unter Übelkeit und Erbrechen leiden, sollten einen Arzt konsultieren. Tritt gleichzeitig ein Kribbeln oder Brennen der Füße oder eine Sehstörung auf, ist unter Umständen eine diabetische Gastropathie ursächlich – in diesem Fall muss sofort der zuständige Mediziner informiert werden. Auch augenscheinlich gesunde Menschen sollten genannte Beschwerden abklären, da womöglich eine bislang unentdeckte Diabetes-Erkrankung zugrunde liegt.

Bei schweren Komplikationen wie Dehydration, Kreislaufkollaps oder Nierenversagen muss umgehend der Notarzt gerufen werden. Begleitend dazu sind, falls notwendig, Erste-Hilfe-Maßnahmen zu leisten – also Mund-zu-Mund-Beatmung oder Herzdruckmassage. Ältere Diabetes-Patienten sind besonders anfällig für eine diabetische Gastroparese. Ebenso Menschen, die bereits seit vielen Jahren an der Zuckerkrankheit leiden und bei denen weitere Erkrankungen vorliegen. Wer zu diesen Risikogruppen zählt, sollte die charakteristischen Beschwerden rasch abklären und gegebenenfalls behandeln lassen. In schweren Fällen ist hierfür ein längerer Aufenthalt im Krankenhaus erforderlich. Nach der initialen Behandlung empfiehlt sich eine engmaschige Überwachung der Diabetes-Erkrankung, um erneute Komplikationen und Folgeerkrankungen auszuschließen.

Komplikationen

Zu den häufigen Komplikationen der diabetischen Gastroparese gehören Verdauungsprobleme, die den oberen Teil des Verdauungssystems betreffen. Zu den potenziellen Symptomen gehören vor allem Erbrechen und Übelkeit. Wenn die diabetische Gastroparese nicht behandelt wird, bleiben diese Komplikationen in der Regel bestehen.

Oft führt die diabetische Gastroparese zu einer Einschränkung der Lebensqualität. Der Genuss des Essens kann beeinträchtigt werden, wenn die Mahlzeiten von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden. Darüber hinaus spielt Essen in kulturellen und sozialen Kontexten eine wichtige Rolle.

Ohne Behandlung des Diabetes sind weitere medizinische Komplikationen möglich, die zusätzlich zur diabetischen Gastroparese auftreten können. Dazu gehören beispielsweise Wundheilungsstörungen, Neuropathie, diabetisches Fußsyndrom oder diabetische Retinopathie (eine Augenkrankheit).

Daneben kann Diabetes zu psychischen Komplikationen führen. Selbst bei einer ärztlichen Behandlung werden diese Komplikationen und Begleiterkrankungen häufig übersehen. Diabetes kann beispielsweise zu verschiedenen Stresssymptomen führen. Darüber hinaus leiden Diabetiker im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung überdurchschnittlich oft unter Schizophrenie (die für gewöhnlich bereits vorher besteht) und/oder Angststörungen. Dies trifft vor allem auf die generalisierte Angststörung zu.

Der Zusammenhang zwischen Typ-2-Diabetes und affektiven Störungen ist in beide Richtungen möglich: Menschen, die unter Diabetes leiden, haben ein höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken. Umgekehrt kann das Vorliegen einer Depression über verschiedene Mechanismen (zum Beispiel Stressessen, emotionale Essattacken, gezielte Selbstschädigung, Vernachlässigung einer ausgewogenen Ernährung) die Entstehung von Diabetes begünstigen.

Behandlung & Vorbeugung

Um die Folgekrankheiten des Diabetes zu verhindern, ist es von größter Bedeutung, eine dauerhafte Einstellung des Blutzuckers zu erreichen. Dabei gilt: je früher die Diagnose und der Therapiebeginn, desto weniger Probleme treten später auf.

Liegt bereits eine Diabetische Gastropathie vor, so kann trotzdem mit einer Einstellung des Blutzuckers eine Verschlechterung und ein Fortschreiten der Symptome erwirkt werden.

Ein großes Problem der Gastropathie ist, dass sie gleichzeitig die Aufnahme von Medikamenten erschwert - Diabetestabletten verlieren möglicherweise durch die lange Magenliegezeit ihre Wirkung oder rutschen durch den Darm, ohne vernünftig aufgenommen zu werden. Dies erschwert die ärztliche Therapie und führt im Zweifelsfall dazu, dass Insulin früher als üblich in die Unterhaut gespritzt werden muss.

Symptomatisch gegen die Magenentleerungsstörung können vorher sogenannte Prokinetika probiert werden, welche die Magen-Darm-Peristaltik anregen. Dazu gehören Metoclopramid (MCP) und Domperidon.

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Aussicht & Prognose

Die diabetische Gastroparese, also die Magenlähmung aufgrund der Schädigung von Magennerven durch erhöhte Blutzuckerwerte, kann oft nur schwer behandelt werden. Allerdings ist das Ausmaß der Störung bei den einzelnen Betroffenen unterschiedlich. Sind die autonomen Nerven im Bereich des Magens nur geringfügig beeinträchtigt, treten auch nur leichte Symptome auf, die sich in einem schnellen Sättigungsgefühl nach dem Essen bereits geringer Mengen von Nahrung äußern. Hier kann durch Umstellung der Ernährung sogar ein weitgehend symptomfreier Zustand erreicht werden.

Bei stärkerer Magenlähmung kommt es häufig neben dem Völlegefühl zu Übelkeit, Erbrechen, dyspeptischen Beschwerden und vor allem zu Unterzuckerungszuständen. Mit prokinetischen Medikamenten wird versucht, die Magenbeweglichkeit zu verbessern. Dadurch können die Symptome gelindert werden.

Wenn die Nerven jedoch erheblich geschädigt sind, klappt das häufig nicht mehr so gut. Besonders schwere Formen der Erkrankung weisen oft eine völlige Resistenz gegen medikamentöse Therapien aus. In diesen Fällen besteht die Hoffnung der Patienten auf den Einsatz eines Magenschrittmachers, der durch Stimulierung der Nervenimpulse die Magenmotilität verbessern kann. Aber auch Magenschrittmacher helfen nicht immer.

Als letzte Therapiemöglichkeit bleibt dann die Resektion des Magens. Allerdings ist der Erfolg dieser Behandlungsmethode sehr schlecht belegt und umstritten. Es kann zu schweren Komplikationen kommen. Insgesamt hängt die Prognose einer diabetische Gastroparese sowohl mit als auch ohne Behandlung vom Ausmaß der Nervenschädigungen im Bereich des Magens ab.

Das können Sie selbst tun

Die diabetische Gastroparese äußert sich in einer verminderten Peristaltik des Magens und ist einer der typischen Sekundärerkrankungen, die die Erkrankung an Diabetes mellitus verursachen kann. Es ist vor allem eine nicht erkannte Zuckerkrankheit oder eine schlecht eingestellte und gesteuerte Blutzuckerkonzentration, die zu irreparablen Nervenschäden (Neuropathien) und zu Gefäßschäden führen kann. Die Vorgänge sind unabhängig davon ob es sich um den erworbenen Typ 2 oder den weitaus selteneren genetisch bedingten Typ 1 des Diabetes handelt.

Wenn die diabetische Gastroparese bereits eingesetzt hat, ist eine Reihe von Selbsthilfemaßnahmen dazu geeignet, die Auswirkungen der Erkrankung zu reduzieren und den Alltag besser erträglich zu machen. Nach der Diagnose einer diabetischen Gastroparese ist es vor allem wichtig, den Blutzucker regelmäßig zu kontrollieren und einzustellen. Ebenso sollte der Blutdruck kontrolliert und so eingestellt werden, dass er sich innerhalb des empfohlenen Normbereichs bewegt. Obige Maßnahmen tragen dazu bei, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und sogar aufzuhalten.

Um die Auswirkungen der Gastroparese in einem möglichst erträglichen Rahmen zu halten, wird eine Umstellung von wenigen großen Mahlzeiten auf häufigere kleine Imbisse empfohlen, weil dadurch die Aufnahme der enthaltenen Nährstoffe erleichtert wird. Die Verdauung wird zusätzlich durch gründliches Kauen unterstützt, weil im Speichel enthaltene Enzyme bereits eine Aufspaltung der Kohlenhydrate einleiten.

Bücher über Diabetes mellitus

Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • I care Krankheitslehre. Thieme, Stuttgart 2015
  • Usadel, K.-H., Wahl, P.: Diabetologie und Stoffwechsel. In: Bob, A. u. K.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2009

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