Dhat-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. September 2017
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Das Dhat-Syndrom geht mit der Vorstellung vom Lebenskraftverlust bei Ejakulation einher. Die Betroffenen stammen meist aus dem indischen Subkontinent und leiden kulturell bedingt an der Dhat-Neurose. Zur Behandlung steht kognitive Verhaltenstherapie zur Verfügung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Dhat-Syndrom?

Die Neurosen bilden eine Gruppe rein nervlich bedingter Erkrankungen mit funktionellen Beeinträchtigungen. Seit Freud wurden die Neurosen als leichtgradig psychische Erkrankungen beschrieben und damit von den schwereren Psychosen abgegrenzt. In der modernen Psychologie spielen Neurosen nur mehr eine untergeordnete Rolle.

Nach lerntheoretischem Konzept werden die meisten Neurosen mittlerweile als erlernte Fehlanpassungen bezeichnet. Die auslösenden Umweltfaktoren sind mittlerweile besser als Stressoren bekannt. Nach ICD-10 ist das Dhat-Syndrom eine neurotische Störung. Der altindische Sanskrit-Begriff „Dhatu“ bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „Lebenselexier". Als Lebenselexier gilt in verschiedenen Kulturkreisen der Samen des Mannes.

Mit dem Dhat-Syndrom ist daher die Überzeugung verbunden, bei der Ejakulation würde ein Teil der eigenen Lebensenergie verloren gehen. Diese angstbesetzte Vorstellung von der Ejakulation mündet für die Patienten in den Versuch, den Samenerguss zurückzuhalten und sich damit langes Leben und starke Gesundheit zu sichern. Manche Patienten fürchten außerdem den unwillkürlichen Samenerguss oder den Verlust von Samen über den Urin. Die Erstbeschreibung der Neurose erfolgt 1960 und stammte von Narendra Wig.

Ursachen

Das Dhat-Syndrom ist kulturell bedingt. Die Betroffenen stammen in der Regel aus Gebieten des indischen Subkontinents. Sexuell regelmäßige Betätigung oder Masturbation sahen antike und asiatische Asketen als einen unnötigen Energieverlust an. Für die katholische Kirche galt dasselbe. Dass das Syndrom heutzutage vorwiegend Indien und Nepal betrifft, liegt an dem Hindu-Glauben an die Lebensenergie in der Samenflüssigkeit.

Laut der Überzeugungen werden 40 Tropfen Blut zur Bildung eines Tropfen Knochenmarks benötigt. 40 Tropfen aus Knochenmark entsprechen schließlich einem einzigen Tropfen Samen. Aus diesen Zusammenhängen resultiert die Angst vor Kraftlosigkeit bei Samenverlust. Vor dem Hintergrund der tantrischen Praktiken ist das Dhat-Syndrom anderweitig begründet. Angst bleibt allerdings auch in diesem Zusammenhang ein Schlüsselwort.

Das eigene Leben auf Dauer erhalten zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt. Mit diesem Wissen entsteht immer wieder aufs Neue Angst vor dem eigenen Tod, die die Patienten zu kompensieren und letztlich zu leugnen versuchen. Diese kulturellen Hintergründe entsprechen den typischen Stressoren des Syndroms und rufen die erlernte Fehlanpassung hervor.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten mit Dhat-Syndrom leiden an bunt gemischten Symptomen. Neben psychischen Symptomen treten meist auch physische Symptome auf. Das Syndrom manifestiert sich so auf der psychischen Seite vor allem in Ängstlichkeit bis zur Depression und körperlicher Schwäche oder leichter Erschöpfbarkeit.

Die Schwäche ist im Rahmen des Syndroms psychosomatisch und geht auf den festen Glauben zurück, dass mit dem Samen Lebenskraft verloren wird. Zusätzlich leiden viele Patienten an Appetitmangel, Palpitationen und starken Schuldgefühlen. Wegen des psychischen Drucks kommt es nicht nur oft zur abgelehnten Ejakulation, sondern vor allem zu vorzeitiger Ejakulation.

Psychosomatisch bedingt, kann außerdem Impotenz eintreten. Die Schuldgefühle und die Angst wirken sich dabei negativ auf das Luftempfinden der Betroffenen aus. Die Patienten nehmen sich selbst damit praktisch die Erregbarkeit, um bloß keinen Samen zu verlieren. Subjektiv beschreiben die Betroffenen häufig Spermatorrhoe. Damit ist das Gefühl gemeint, Samenflüssigkeit beim Wasserlassen zu verlieren.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose auf das Dhat-Syndrom wird von einem Psychologen oder Psychotherapeuten gestellt. Die klinischen Kriterien nach ICD-10 geben in diesem Zusammenhang den Leitfaden vor. Im Rahmen der Diagnostik ist ein kultureller Hintergrund zu belegen. In einigen Fällen wird das Syndrom erst diagnostiziert, wenn Impotenz eintritt.

Die Betroffenen wenden sich mit dem Problem in der Regel nicht zuerst an einen Psychologen, sondern gehen von einer körperlichen Ursache aus. Kann über eine solche kein Nachweis erbracht werden, liegt eine psychosomatische Basis nahe. Die Prognose ist für Patienten mit Dhat-Syndrom relativ günstig.

Komplikationen

Obwohl es sich beim Dhat-Syndrom vor allem um eine psychische Krankheit handelt, kann diese auch zu physischen Einschränkungen und Komplikationen führen. In der Regel leidet der Patient an einer starken Erschöpfung und an Angstzuständen. Es tritt eine allgemeine Müdigkeit und ein allgemeines Schwächegefühl beim Patienten auf.

Auch das Denken, dass der Verlust des Samens sich negativ auf das Bewusstsein auswirken kann, kann zu Störungen bei sozialen Kontakten führen. In der Regel kommt es auch zu starken Depressionen und einem verringerten Selbstwertgefühl. Das Dhat-Syndrom wirkt sich auch negativ auf das Sexualleben aus.

Durch das Zurückhalten der Ejakulation kommt es zu den Kavaliersschmerzen und oft auch zu einem vorzeitigen Samenerguss. Dieser kann sich negativ auf die Beziehung zum Partner auswirken. In vielen Fällen unternimmt der Betroffene aller Versuche, um nicht erregt zu werden.

Die Behandlung erfolgt meistens durch einen Psychologen in Begleitung mit Medikamenten. Sie führt zu keinen weiteren Komplikationen, wobei es allerdings nicht immer zu einem Erfolg kommt. Oft vergeht ein langer Zeitraum, bis der Patient einsieht, dass er am Dhat-Syndrom erkrankt ist. In der Regel kann eine Verhaltenstherapie das Syndrom bekämpfen, sodass es wieder zu einem gewöhnlichen Alltag kommt.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Das Dhat-Syndrom gilt als Neurose. Sofern der Betroffene unter seiner Überzeugung, dass beim Samenerguss ein Teil seiner Lebensenergie verloren geht, aber weder seelisch noch körperlich leidet, ist auch keine Behandlung erforderlich. Sobald sich aber Symptome einstellen, die die Lebensqualität beeinträchtigen, sollte eine Therapie in Erwägung gezogen werden. Erste Anzeichen für eine Beeinträchtigung des Befindens durch das Dhat-Syndrom sind Angstgefühle, leichte Depressionen, körperlicher Schwäche oder permanente Erschöpfung.

Sobald sich solche Begleiterscheinungen manifestieren, sollte der Betroffene Gegenmaßnahmen ergreifen. Andernfalls droht die Gefahr, dass die Neurose sich verschlimmert. In schweren Fällen leiden die Patienten unter Appetitlosigkeit, regelmäßig wiederkehrendem starkem Herzklopfen oder Herzrasen sowie sexuellen Störungen wie Impotenz oder vorzeitigem Samenerguss. Auch starke Schuldgefühle und dadurch bedingte schwere Depressionen sind möglich. Spätestens dann sollte sich der Betroffene professionelle Hilfe holen.

Als erster Ansprechpartner eignet sich der Hausarzt. Dieser kann auch die primär körperlichen Begleiterscheinungen behandeln. Die Neurose sollte aber auch ursächlich therapiert werden. Dies erfolgt in der Regel mittels einer kognitiven Verhaltenstherapie. Meist kann der behandelnde Arzt dem Patienten einen entsprechend geschulten Psychotherapeuten empfehlen, der zeitnah hinzugezogen werden sollte.

Behandlung & Therapie

Zur Behandlung des Dhat-Syndroms ist die richtige Einordnung und die Lösung der Ursache erforderlich. Medikamentöse Therapien mit Antidepressiva lösen die Ursache nicht auf, sondern bekämpfen lediglich die Symptome. Das Dhat-Syndrom kann auf diesem Weg also nicht geheilt werden. Heilungsaussichten bestehen in der kognitiven Verhaltenstherapie. Der Therapeut setzt damit unmittelbar an der Wahrnehmung des Patienten an.

Die Angstbesetzung des Samenverlusts wird auf kognitivem Weg idealerweise mit einem normalen Lustgefühl ersetzt. Kognition besteht aus Wahrnehmen, Erkennen, Begreifen, Urteilen und Schließen. Die Patienten müssen sich in der Therapie ihrer eigenen Einstellungen, Bewertungen und Überzeugungen bewusst werden, um sie gezielt zu hinterfragen. Im ersten Schritt erfolgt bei der kognitiven Therapie eine Bewusstmachung relevanter Kognitionen.

Die Kognitionen werden im zweiten Schritt hinterfragt und auf ihre Angemessenheit überprüft. Irrationale Einstellungen werden korrigiert, bevor die Korrekturen ins Verhalten übernommen werden. Die Patienten lernen ihren Wahrnehmungsprozess zur Ejakulation bewusst zu kontrollieren. Durch die kognitive Verhaltenstherapie verändert der Patient seine Wahrnehmung der Realität. Damit verändert sich automatisch die Realität selbst, was Verhaltensveränderungen ermöglicht. Schwierig zu behandeln sind Patienten mit einem stark religiösen Hintergrund.

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Vorbeugung

Dem Dhat-Syndrom lässt sich durch bewusste Beschäftigung mit der eigenen Kognition vorbeugen. Da es sich allerdings um ein kulturell bedingtes Phänomen handelt, ist eine Vorbeugung in den relevanten Kulturkreisen kaum durchsetzbar. Alle Menschen wachsen mit den Vorstellungen ihrer Kultur auf. Sobald sich diese Vorstellungen allerdings zu einem angstbesetzten Thema entwickeln, sollte ein Psychologe beigezogen werden.

Das können Sie selbst tun

In Kulturen, in denen das Dhat Syndrom häufig vorkommt, insbesondere in Indien, Nepal und China, wird nicht nur der Verlust der Lebensenergie mit dem Samenerguss assoziiert, sondern es wird darauf hingewiesen, dass die Frau dem Mann beim klitoralen Orgasmus diese Lebensenergie zurückgibt. Es geht also nicht darum, dass der Mann geschwächt wird, sondern um den Ausgleich zwischen Ying und Yang, also zwischen dem weiblichen und männlichen Lebensprinzip.

So hilft es dem Mann, der von diesem Syndrom geplagt wird, sehr viel, sich nicht nur mit seinem kulturellen Hintergrund auseinanderzusetzen, sondern auch seine Einstellung zu Frauen gründlich zu hinterfragen. Dabei kann ihm nicht nur seine Partnerin, sondern auch das regelmäßige Aufsuchen von Selbsthilfegruppen für ebenfalls von Dhat-Syndrom Betroffene, eine wichtige Stütze sein.

Da es sich allerdings um ein psychologisch komplexes Syndrom handelt, dass häufig mit Depressionen und starken Ängsten einhergeht, sind der Selbsthilfe im Alltag deutliche Grenzen gesetzt. Keinesfalls kann diese eine Verhaltens- oder Gesprächstherapie durch einen ausgebildeten Sexualtherapeuten ersetzen, der sich auch mit dem kulturellen Hintergrund dieser Erkrankung gründlich auseinandergesetzt haben sollte.

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Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H.(Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD 10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien. Huber, Bern 2011
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015

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