Dermatozoenwahn

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 19. September 2017
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Von einem Dermatozoenwahn ist die Rede, wenn der Betroffene glaubt, unter der Haut von Parasiten wie Insekten befallen zu sein. Diese existieren jedoch nur in seiner Einbildung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Dermatozoenwahn?

Der Dermatozoenwahn zählt zu den Wahnvorstellungen und gilt auch als organische Psychose. Die betroffenen Personen sind bei dieser psychischen Erkrankung absolut überzeugt davon, dass sich unter ihrer Haut Insekten oder Würmer befinden, die sie durch deren Bewegungen deutlich spüren können. Dies führt bei den Patienten wiederum zu Ängsten oder körperlichen Symptomen wie Juckreiz.

Klinische Beweise für den Parasitenbefall lassen sich bei den medizinischen Untersuchungen jedoch nicht finden, sodass die vermeintlichen Eindringlinge nur in der Phantasie der Patienten vorkommen. Der Dermatozoenwahn ist auch als Haut-Tiere-Wahn, Insektenwahn, Acarophobie, Parasitophobie oder wahnhafter Ungezieferbefall bekannt. Geprägt wurde der Begriff von dem schwedischen Neurologen Karl-Axel Ekbom (1907-1977), der die Erkrankung im Jahr 1938 beschrieb.

Aus diesem Grund trägt der Dermatozoenwahn auch die Bezeichnung Ekbom-Syndrom. Ein typisches Merkmal des Dermatozoenwahns ist der Umstand, dass auch sämtliche medizinischen Untersuchungsresultate den Patienten nicht von seinem Irrtum überzeugen können. So ist er der festen Meinung von Parasiten befallen zu sein und leidet dadurch furchtbare Qualen.

Einige Betroffene glauben sogar, die Insekten sehen zu können und sammeln vermeintliche „Beweise“ wie Hautteilchen, Hautschuppen, Fasern von Textilien oder Staubkörner, um sie Ärzten, Angehörigen oder Freunden präsentieren zu können. Genaue Zahlen, wie viele Menschen am Dermatozoenwahn erkrankt sind, liegen nicht vor.

Grund dafür ist auch, dass sich die Patienten nicht zu einem Psychologen oder Nervenarzt begeben, sondern lieber zu Hautärzten oder Insektenkundlern. Aus diesem Grund liegen bislang nur wenige psychiatrische Schriften zu dieser Form von Wahnvorstellungen vor. Bekannt ist immerhin, dass vorwiegend Frauen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren von dieser psychischen Störung betroffen sind.

Ursachen

Die Ursachen für einen Dermatozoenwahn fallen unterschiedlich aus. Neben physisch begründbaren Psychosen wie organisch verursachten Geisteskrankheiten kommen auch endogene Psychosen, zu denen zum Beispiel Schizophrenie zählt, als Auslöser für die Wahnvorstellungen in Betracht. Aber auch rein seelisch oder psychosozial bedingte Komponenten können einen Dermatozoenwahn hervorrufen.

Im Falle von Halluzinationen kommt es zu fehlerhaften Signalübertragungen. Diese entstehen zumeist durch Störungen im dopaminergen System innerhalb des zentralen Nervensystems (ZNS). Die Wahrnehmung des Körpers wird deshalb nicht als normal empfunden und die betroffene Person kann nicht zwischen Realität und Wahnvorstellungen unterscheiden.

Daher glaubt sie fest an die Erscheinungen, die ihre Wahrnehmung bestimmen. Darüber hinaus besteht eine Störung des taktilen Bewusstseins, wodurch auch das Wahrnehmen von Schmerzen beeinträchtigt wird. Aus welchen Gründen es zu einer Störung des dopaminergen Systems kommt, ließ sich bislang allerdings noch nicht klären. Mitunter gilt auch der Entzug von Drogen als Auslöser eines Dermatozoenwahns.

Außerdem gehen den Halluzinationen nicht selten der Missbrauch von Alkohol, Amphetaminen oder Kokain voraus. Aber auch Verletzungen des Gehirns gelten als denkbare Auslöser. In der Medizin wird zwischen einem primären und einem sekundären Dermatozoenwahn unterschieden. Der primären Form liegen keine sichtbaren physischen oder psychischen Ursachen vor.

Bei diesem reinen Dermatozoenwahn handelt es sich grundsätzlich um eine wahnhafte Störung. Für die sekundäre Form sind verschiedene dermatologische, internistische oder neurologische Krankheiten sowie psychiatrische Erkrankungen verantwortlich.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die betroffenen Personen bemerken einen Dermatozoenwahn zunächst durch Hautempfindungsstörungen. Dabei nehmen sie in ihrer Phantasie Parasiten unter ihrer Haut wahr, die jedoch gar nicht vorhanden sind. Im weiteren Verlauf verfestigt sich die wahnhafte Störung und wird systematisch.

Äußerliche Beobachter können bei dem Patienten nichts Ungewöhnliches erkennen. Der Betroffene selbst verspürt jedoch deutliche Beschwerden wie Juckreiz und sogar Schmerzen. Diese Symptome kommen durch die vermeintlich frei herumlaufenden Insekten zustande. Weil sich die Patienten ständig kratzen, führt dies im Laufe der Zeit zu realen Schädigungen an der Haut.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Einen Dermatozoenwahn zu diagnostizieren fällt oft nicht leicht, da sich die betroffenen Personen eher an einen Hautarzt als an einen Psychiater wenden. Der Hautarzt nimmt eine gründliche körperliche Untersuchung des Patienten vor, die jedoch in der Regel ergebnislos bleibt. Verstärkt sich das Leiden noch, ist es ratsam, einen Psychiater zu konsultieren, was allerdings von den meisten Betroffenen kategorisch abgelehnt wird.

So glauben die Patienten, man würde sie für „verrückt“ oder geisteskrank halten. Eine wichtige Rolle bei der Diagnose spielt auch die Abgrenzung von anderen psychischen Erkrankungen wie einer Ich-Störung oder einer Schizophrenie. Der Verlauf des Dermatozoenwahns ist schwierig, weil die Patienten nicht mit den Ärzten zusammenarbeiten. Stattdessen sammeln sie vermeintliche Beweise, die ihre Theorien über die Krankheit untermauern sollen.

Komplikationen

Beim Dermatozoenwahn kommt es vor allem zu psychischen Komplikationen, die sich sehr negativ auf den Alltag des Patienten auswirken können. In den meisten Fällen berichtet der Patient auch anderen Menschen, dass er von Parasiten und Insekten befallen ist. Dies kann auf andere Menschen bizarr und unverständlich wirken, was zu sozialen Problemen führen kann.

Es kommt oft zu einer sozialen Ausgrenzung, wodurch das Symptom noch weiter verstärkt wird. Die Störung erfolgt zuerst nur unter der Haut und führt zu einem Gefühl, von Parasiten befallen zu sein. Durch dieses Gefühl ist der Alltag des Betroffenen eingeschränkt. Die Patienten fühlen sich müde und erschöpft und leiden an starken Wahnvorstellungen.

Es ist nicht mehr möglich einen geregelten und gewöhnlichen Alltag zu führen. Oft spürt der Patient auch Schmerzen und Juckreize auf der Haut. Diese existieren allerdings nicht wirklich. Durch diese Täuschung kommt es zum Kratzen der Haut, wodurch Wunden und Narben entstehen können. Die Haut wird dadurch nachhaltig geschädigt.

Im schlimmsten Falle kommt es zu Selbstmordgedanken. Eine Behandlung führt nur selten zum Erfolg, da sich der Patient in der Regel nicht davon überzeugen lässt, unter dem Dermatozoenwahn zu leiden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wenn plötzlich Empfindungsstörungen auf der Haut festgestellt werden, die scheinbar keine erkennbare Ursache haben, liegt womöglich ein Dermatozoenwahn vor. Die wahnhafte Störung äußert sich zunächst durch leichte Missempfindungen, die sich rasch zu ausgewachsenen, aber eingebildeten Beschwerden entwickeln. Wer bei sich oder anderen eine solche Störung vermutet, sollte einen Psychiater einschalten. Zunächst kann ein Hausarzt die Beschwerden abklären und dem Betroffenen somit aufzeigen, dass es sich um ein eingebildetes Leiden handelt.

Da die Betroffenen in der Regel fest davon überzeugt sind, dass es sich bei den Empfindungen um ein reales Leiden handelt, sollte nach Möglichkeit eine Vertrauensperson hinzugezogen werden. Menschen, die an einer schizophrenen Erkrankung leiden, sind besonders anfällig für Störungen wie Dermatozoenwahn. Diese sollten bei ungewöhnlichen Symptomen mit dem zuständigen Therapeuten oder einem Angehörigen sprechen. Falls nötig, müssen die Angehörigen selbst eine psychologische Beratung veranlassen. Der Erkrankte benötigt im Anschluss dauerhafte Unterstützung und sollte auch im Hinblick auf eine mögliche Schizophrenie regelmäßig mit einem Arzt sprechen.

Behandlung & Therapie

Auch die Therapie des Dermatozoenwahns ist nicht einfach. So glauben die Patienten nicht an eine psychische Störung. Nicht selten brechen die Betroffenen den Kontakt zum Facharzt ab und unterziehen sich eigenen Behandlungen, die mitunter sogar gefährlich sind. Darüber hinaus gilt der Dermatozenwahn als kaum zu beeinflussen.

In Extremfällen reagieren die Patienten derart verzweifelt, dass sie einen Selbstmordversuch unternehmen. Liegt eine eindeutige Diagnose zum Dermatozoenwahn vor, erfolgt eine medikamentöse Therapie mit Neuroleptika. Zum Einsatz kommen dabei zumeist Wirkstoffe wie Risperidon, Haloperidol und Pimozid. Bislang existieren jedoch nur wenige Studien zur Wirksamkeit dieser Mittel.

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Vorbeugung

Sinnvolle Maßnahmen zur Vorbeugung des Dermatozoenwahns gibt es bislang nicht. So sind die genauen Auslöser der psychischen Störung noch nicht hinreichend geklärt worden.

Das können Sie selbst tun

Bei einem Dermatozoenwahn handelt es sich um eine ernsthafte psychische Erkrankung die von einem fachkundigen Therapeuten behandelt werden sollte. Leider brechen die meisten Patienten eine Psychotherapie ab, weil sie sich selbst nicht als psychisch krank erachten. Hier ist die Hilfe von Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten sehr wichtig.

Zeigt sich der Betroffene therapiewillig kann auch im Alltag einiges selbst getan werden, den Weg aus dieser Erkrankung zu erleichtern. Um dem Patienten zu verdeutlichen, dass er nicht an einem Parasitenbefall leidet, könnte eine Stuhluntersuchung helfen. Diese würde belegen, dass der Betroffene gesund ist, denn bei einem Befall der Haut mit Parasiten wären diese auch im Darm zu finden. Parasiten breiten sich rasant im gesamten Körper aus. Um dem ständigen Juckreiz zu begegnen, helfen kühlende Salben oder Gel, beispielsweise aus Aloe vera. Bei offenen Hautstellen und Wunden sollten antiseptische und entzündungshemmende Salben verwendet werden. Auch die präventive Anwendung von fettigen Cremes (Linola) oder harnstoffhaltigen Lotionen (Urea) kann die Symptome lindern.

Ist die begleitende Depression sehr stark ausgeprägt und treten Selbstmordgedanken auf, sollte eine medikamentöse Behandlung erfolgen (Antidepressiva, Neuroleptika). Angehörige und Bekannte können den Betroffenen unterstützen, indem sie sich nicht von der selbstgewählten Isolation von einem regelmäßigen Besuch abhalten lassen. Die Aufrechterhaltung sozialer Kontakte ist grundlegend wichtig.

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Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Davison, G.C., Neale, J.M., Hautzinger, M.: Klinische Psychologie. Beltz PVU, München 2007
  • Möller, H.-J.: Therapie psychischer Erkrankungen. Thieme, Stuttgart 2006

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