Der Zwang der Vollkommenheit: Wenn Perfektionismus unglücklich macht

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 30. Mai 2017
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Perfektionismus ist ein Zwangsverhalten, welches keinen Raum für Fehler zulässt. Es ist sowohl für die Umgebung als auch für die Betroffenen eine Last. Selbst wenn sie sich bemühen, sie kommen nicht dagegen an. Häufig verstecken sich dahinter Ängste oder Minderwertigkeitskomplexe. Perfektionisten können nicht spontan handeln und müssen jede ihrer Aktionen genau planen. Fehler bedeuten für sie ein Versagen und der hohe Anspruch gilt nicht nur für sie selbst, sondern für jeden, der mit ihnen zusammenlebt.

Inhaltsverzeichnis

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Besessen von der Perfektion

Es gibt durchaus Situationen, in denen perfekt gearbeitet werden muss. Dazu zählen chirurgische Eingriffe oder die Arbeit in einer Raumsonde. Dabei handelt es sich um sachliche Notwendigkeiten, die keine Fehler erlauben. Nicht notwendig sind dagegen Zwangshandlungen, die durch verborgene Sucht nach Anerkennung und Verlustängste geprägt sind. Wenn Perfektionismus so ausgeprägt ist, dass er die betroffene Person unglücklich macht, ist von einem krankhaften Zustand die Rede.

Diese Menschen misstrauen selbst den normalen Abläufen des Alltags und müssen sie unter allen Umständen selbst steuern. Das Ego verlangt die Kontrolle und möchte auf diese Weise jede Fremdbestimmtheit verhindern. Zum zwanghaften Verhalten gehört beispielsweise das Falten von Wäschestücken oder das Anfertigen von Listen aller Art.

Das Hemd wird so lange bearbeitet, bis es exakt den Maßen der anderen Wäscheteile entspricht. Auf den Listen vermerken Perfektionisten, was sie am Tag oder in der Woche unbedingt erledigen müssen. Sie beschäftigen sich mit diesen Dingen so lange, bis sie mit sich selbst zufrieden sind. Häufig kritisieren sie ihr Gegenüber, wenn es nicht nach dem gleichen Schema arbeitet.

Das bringt in den meisten Fällen Ärger mit sich. Im Berufsleben vergewissern sich die Betroffenen stets bei ihren Vorgesetzten, ob diese mit ihrer Arbeit zufrieden sind. Da sie sich selbst immer wieder korrigieren, arbeiten sie langsamer als ihre Kollegen. Werden sie darauf angesprochen, verstehen sie die Kritik nicht. Im Gegenteil. Sie fühlen sich missverstanden und sind stark verunsichert.

Bin ich ein Perfektionist?

Die Frage, ob jemand Perfektionist ist, lässt sich nicht allgemein beantworten. Einige Fakten weisen aber auf den Hang zum Perfektionismus hin. Das ist zunächst einmal die Unfähigkeit, Tätigkeiten an andere zu delegieren. Das ist nicht nur bei der Arbeit so. Auch Mütter, die jede Hausarbeit selbst erledigen, gehören dazu. Sie denken, dass ihr Mann oder die Kinder die Aufgaben nicht richtig erledigen.

Beim Sport möchten sie stets der oder die Beste sein und ärgern sich, wenn sie nur zweiter oder dritter sind. Mit ihnen zu spielen ist schwierig, da sie nicht verlieren können. Selbst dann zeigt sich ihr Leidensdruck im Zwang, stets gewinnen zu müssen. Der hohe Anspruch an sich selbst spiegelt sich ebenfalls im Verhältnis zum eigenen Körper wider.

Wird dieser den Vorstellungen nicht gerecht, treten Essstörungen und Beeinträchtigungen im Sexualleben auf. Es kommt kein Wohlgefühl auf, weil das Äußere nicht perfekt gestaltet ist. Übertriebener Sport und Hungerkuren sind die Folgen davon.

Vollkommenheit macht nicht glücklicher

Niemand ist vollkommen. Das gilt sowohl für die Kirchenfürsten der verschiedenen Religionen als auch für Menschen mit weniger Verantwortung. Jeder Mensch hat seine liebenswerten Eigenschaften. Die vermeintlichen Fehler machen sie zum Individuum und nur das zeichnet sie als Menschen aus. Wer nach Vollkommenheit strebt, widersetzt sich den natürlichen Gegebenheiten.

Fehler machen zu dürfen ist keinesfalls der Hinweis für Schwäche. Das Gegenteil ist der Fall. Nur dann zeigt jemand Größe, wenn er ein vermeintliches Fehlverhalten zugibt. Er belegt gleichzeitig, dass er nur ein Mensch und aus dem Grund nicht vollkommen ist. Glück ist ein Zustand, der erarbeitet werden muss. Oberflächliche Menschen sehen ihn häufig im Zusammenhang mit finanzieller Unabhängigkeit.

Perfektionisten geben sich damit nicht zufrieden. Bei ihnen muss die Lebensplanung perfekt sein. Das fängt beim Kauf des Eigenheims an und hört beim Geschlecht ihrer Kinder auf. Sobald sie mit einem außergewöhnlichen Ereignis konfrontiert werden, holt sie die Realität ein und in vielen Fällen verzweifeln sie daran.

Perfektionisten haben einen hohen Leidensdruck und viele erwarten von den Menschen in ihrer Umgebung, dass sie genau so handeln, wie sie selbst. Das führt häufig zu Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Familie und des Arbeitsplatzes. Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder perfekt sein wollen, arbeiten mit Druck.

Sie erwarten von ihrem Nachwuchs, dass er sich jederzeit tadellos verhält. Häufig befriedigen sie damit ihr eigenes Ego und vernachlässigen den zwanglosen Umgang innerhalb der Familie. Zeigen die Kinder ihren eigenen Willen und ihre vermeintlichen Fehler und Mängel, dann bricht für Perfektionisten eine Welt zusammen.

Sie sind unglücklich und zweifeln an sich selbst. Es ist wie eine Spirale, die sich unaufhaltsam weiter dreht, wenn keine Hilfe in Anspruch genommen wird. Die Unzufriedenheit setzt sich in den Kindern fort und auf beiden Seiten bleiben positive Verstärker aus.

Was Sie gegen Perfektionismus tun können

Der erste Schritt seinen Perfektionismus abzulegen ist das Erkennen der Krankheit. Sie als solche zu sehen ist schwer und das kann oft nur mit fachlicher Hilfe geschehen. Kleine Übungen, die mit der Zeit automatisch in den Alltag einfließen, helfen ebenfalls. Die perfekte Hausfrau kann sich dazu zwingen, nicht mehr wöchentlich die Fenster zu putzen oder täglich zu saugen.

Sie sollte dabei ganz bewusst unterlassen. Wie schwer das für jeden ist, können nur Betroffene nachempfinden. Im Berufsleben hilft es, wenn die angefangene Arbeit mal liegen bleibt und keine Überstunden gemacht werden. Falls wichtige Dinge zu erledigen sind, können etliche auch von Mitarbeitern oder Kollegen erledigt werden.

Eine gute Übung ist auch, mit seinen Kindern Monopoly zu spielen und dabei zu verlieren. Ja, auch das zeichnet einen Menschen aus. Sich mit den Anderen zu freuen und sich nicht über sein eigenes „Versagen“ zu ärgern. Das setzt sich im Fußballverein oder Kegelclub fort und kommt bei den Mitmenschen gut an. Sie werden bald merken, dass der ehemalige Perfektionist an sich arbeitet und ihn bei seinem Vorhaben unterstützen.

Der Umgang mit ihm wird einfacher und er selbst zufriedener. Wichtig ist allerdings, dass der Wunsch nach dem Ablegen der Zwangshandlungen nicht auch in Perfektionismus gipfelt. Hier ist viel Geduld gefragt. Die Krankheit ist ja auch nicht an einem Tag entstanden und genau so wenig endet sie in dieser kurzen Zeitspanne.

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Das Glück liegt in der Gelassenheit

Glück ist ein relativer Begriff. Jeder hat dazu ein eigenes Empfinden. Dabei ist nicht das gefüllte Bankkonto oder das große Haus gemeint. In sich selbst zu ruhen und mit viel Gelassenheit seinen Weg zu gehen, das ist Glück. Dabei ebenfalls achtsam mit seinen Nächsten umgehen und auch ihnen Fehler zuzugestehen, bewirkt Ruhe innerhalb jeder Beziehung. Ja, es ist der Frieden mit sich selbst und seinen Lieben, der glücklich macht.

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