Depersonalisation

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 28. November 2017
Startseite » Krankheiten » Depersonalisation

Bei der Depersonalisation erlebt der Patient die eigene Person oder Teile des Ichs als fremd. Die Ursache ist bislang umstritten.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Depersonalisation?

Der Ausdruck der Depersonalisation entstammt der Psychologie und wurde im 19. Jahrhundert durch Krishaber und Dugas geprägt. Patienten dieser Wahrnehmungsstörung leiden an einer verfremdeten Selbstwahrnehmung. Oft überschneidet sich die Depersonalisation mit der Derealisation, bei der der Patient seine Umwelt als entfremdet und unwirklich wahrnimmt. Sowohl Körper, als auch die eigene Persönlichkeit, die Wahrnehmung, Erinnerungen oder eigene Denkprozesse und Emotionen können sich im Rahmen der Depersonalisation fremd oder nicht zugehörig anfühlen.

Dasselbe kann für die eigenen Äußerungen oder Handlungen gelten. Wenn eine so verfremdete Wahrnehmung der eigenen Person und Umwelt dauerhaft vorliegt, dann ist von einer psychischen Störung die Rede. Nach ICD-10 zählt die Depersonalisation zum neurotischen Formkreis. Die DSM spricht von einer dissoziativen Störung. Die Prävalenz für Depersonalisationserlebnisse wird von offizieller Seite mit etwa 1:200.000 angegeben und macht die Erkrankung zu einem seltenen Phänomen. Studien legen eine erheblich höhere Prävalenz nahe.

Die beträchtliche Dunkelziffer ist vermutlich auf Fehldiagnosen wie die Temporallappenepilepsie zurückzuführen. Die wissenschaftlichen Hintergründe der Depersonalisation sind bislang umstritten. In der sekundären Form kann die Störung physiologische und psychische Erkrankungen wie die posttraumatische Belastungsstörung begleiten.

In der primären Form kommt sie in Stress auslösenden oder lebensbedrohlichen Situationen vor und muss in diesem Fall abhängig von der Dauer des Zustands nicht unbedingt pathologisch sein. Dasselbe gilt für momentane Depersonalisation während spiritueller Erfahrungen oder unter dem Einfluss von Medikamenten und Drogen.

Ursachen

Die genaue Ursache der Depersonalisation wird durch verschiedene Modelle erklärt. Neurophysiologische Theorien stützen sich auf die Muster der neuronalen Repräsentation und die Spiegelneuronen, die bei der Beobachtung von Aktionen der Umwelt genauso reagieren, wie bei der Ausführung. Auch eigenes Verhalten wird neuronal präsentiert. Depersonalisation und Derealisation können demzufolge auf Abweichungen in den Spiegelneuronsystemen beruhen.

Neurochemische Theorien gehen von einer Beteiligung der Neurotransmittersysteme aus, die neuronale Informationsströmen aus dem Gleichgewicht bringen und gerade in Stressreaktionen ohnehin eingebunden sind. Andere Theorien sehen die Ursache im serotonergen System und damit in einem übermäßigen Serotoninspiegel oder Agonistenspiegel der zentralnervösen Botenstoffe. Auch das glutamaterge System wurde als Ursache vermutet, weil glutamaterge Substanzen als NMDA-Antagonisten in Erscheinung treten und eine im limbischen System reduzierte Aktivität verursachen können.

Auch zu Fehlregulationen des Opioidsystems gibt es ursächliche Theorien. Die Psychotraumatologie sieht die Depersonalisation als Reaktion auf traumatische Erfahrungen. Durch die Einschränkung bestimmter Hirnaktivitäten ist der Körper besser reaktionsfähig auf Gefahrensituationen. Die Tiefenpsychologie sieht in der Depersonalisation eine schützende Abwehrreaktion auf unerträgliche Gefühle, Gedanken und Zustände, indem er die eigene Person verlässt. Kognitionspsychologische Ansätze sehen eine mentale Informationsverarbeitung als Ursache.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Depersonalisation äußert sich in einer enorm vielfältigen Symptomatik. Emotionale Taubheit zählt zu den Leitsymptomen. Die Patienten empfinden eine Gefühlsunfähigkeit oder eine Unwirklichkeit der eigenen Emotionen. Personen und Objekte berühren sie nicht mehr. Oft ist das Körpererleben von veränderten Wahrnehmungen betroffen, so zum Beispiel als leblos oder fremd. Ebenso oft wirken die Stimme oder das eigene Spiegelbild fremd. Viele Patienten erzählen davon, sich selbst und ihre Umwelt aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen, also beispielsweise von der Decke des Raums aus.

Einige sehen sich auch wie auf einer Leinwand oder stehen einfach neben der eigenen Person. Eigene Bewegungen und geistige Prozesse fühlen sich roboterhaft an. Ein willentlicher Entschluss geht ihnen nicht voraus, sondern sie fühlen sich wie ferngesteuert an. Erinnerungen wirken fern, obwohl sie erst Stunden zurücklegen. Das Zeitempfinden verändert sich also. Neben diesen Leitsymptomen können auditive und taktile Wahrnehmungen fremd wirken. Auch Gedankenleere, eine Erhöhung der Schmerzschwelle oder Derealisation können vorkommen.

Bei der Derealisation wirken die Dinge der Umwelt verändert und oft wie in einem Traum oder Zerrspiegel. Die Entfremdungserlebnisse empfinden die Patienten als beunruhigend und haben oft Angst, den Verstand zu verlieren oder sich tatsächlich in einem Traum oder Koma zu befinden. Trotz der veränderten Wahrnehmung liegen nicht etwa Wahnvorstellungen vor. Die Realitätsprüfung bleibt also intakt. Dasselbe gilt für die Einschätzung von Aufgaben, der eigenen Person oder der Umwelt.

Nur die subjektive Sichtweise der Personen auf sich selbst und die Umwelt verändert sich in der Wahrnehmung, aber die Wahrnehmung des Objektcharakters bleibt erhalten. Obwohl die Betroffenen andere Personen zum Beispiel wie Halluzinationen erleben, wissen sie noch, dass es sich um tatsächliche Personen handelt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Diagnose der Depersonalisation wird nach ICD-10 gestellt. Nur länger anhaltende Depersonalisation hat Krankheitswert. Differentialdiagnostisch ist die Erscheinung als rein psychische oder neuropsychiatrische Erscheinung zu bewerten und außerdem von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen.

Komplikationen

In der Regel kommt es bei der Depersonalisation zu starken psychischen Störungen, die auf jeden Fall durch einen Psychologen behandelt werden müssen. Ohne Behandlung kann es zu Selbstmordgedanken und schließlich auch zum Selbstmord kommen. Die Betroffenen können bestimmte Personen oder Objekte aus ihrer Umwelt nicht mehr richtig wahrnehmen oder zuordnen. Dies führt zu Verstimmungen, Angst und Panik.

Die meisten Patienten empfinden dabei eine emotionale Taubheit. Gefühle können nicht mehr wahrgenommen werden. Dies äußert sich vor allem auf andere Mitmenschen negativ und kann zur Beendigung von Freundschaften oder zu sozialen Konflikten führen. Ebenso löst auch der physische Schmerz nur wenige Emotionen aus.

Die visuelle Wahrnehmung des Patienten wird ebenso gestört und ist stark eingeschränkt. Der Patient fühlt sich lustlos und schwach. Oft ziehen sich die Betroffenen stark zurück. Auch Bewegungen sind nur noch erschwert möglich, es ist nicht mehr möglich, Spaß und Freude zu verspüren.

Eine Behandlung findet in der Regel durch Gespräche beim Psychologen statt. Diese können mit Hilfe von Medikamenten unterstützt werden, wobei allerdings nicht vorausgesagt werden kann, ob die Behandlung die Depersonalisation wirklich bekämpfen kann. Oft dauert es mehrere Monate, bis der Psychologe die Ursache für die Depersonalisation gefunden hat und diese gezielt behandeln kann.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Treten langsam oder plötzliche auffallende Veränderungen der Persönlichkeit auf, muss ein Arzt aufgesucht werden. In vielen Fällen ist es durch die psychische Störung dem Betroffenen nicht möglich, die Veränderungen ausreichend wahrzunehmen und Hilfe aufzusuchen. In diesen Situationen ist die Unterstützung von Personen aus dem nahen Umfeld von immenser Wichtigkeit. Sobald der Betroffene sein eigenes Leben wie in einem Film erlebt, benötigt er eine ärztliche Versorgung.

Mangelnde Gefühlsregungen bei Geschehnissen in seinem eigenen Leben, gelten als besorgniserregend. Können Empfindungen und innere Wahrnehmungen nicht mehr beschrieben oder erlebt werden, muss ein Arzt aufgesucht werden. Die Veränderung der eigenen Persönlichkeit sollten gut beobachtet werden und mit einem Mediziner besprochen werden. Sobald sich das Bewusstsein des Betroffenen verändert, eine Teilnahmslosigkeit bemerkbar ist oder Gefühle nicht mehr gezeigt werden können, muss ein Arzt konsultiert werden.

Ein Arztbesuch ist ebenfalls notwendig, wenn die Erinnerung oder das Denken in ungewöhnlicher Weise Veränderungen erfahren. Davon abzugrenzen sind Meinungsänderungen oder Weiterentwicklungsprozesse im Laufe des eigenen Lebens. Sobald der Betroffene beginnt unter den stattfindenden Veränderungen zu leiden, benötigt er einen Arzt. Erlebt er sich selbst als fremd oder als nicht zugehörig zu seinem Körper und seinen eigenen Gedanken, besteht Anlass zur Sorge.

Therapie & Behandlung

Bei sekundärer Depersonalisation wird die Grunderkrankung behandelt. Eine primäre Depersonalisation kann auf verschiedene Weise angegangen werden. Eine allgemein gültige oder etablierte Therapie gibt es nicht. Als Pharmakotherapien kommen Glutamat-Modulatoren wie Lamotrigin zur Behandlung in Frage. Dasselbe gilt für Opioid-Antagonisten wie Naloxon oder selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie Fluoxetin. Auch die Gabe von selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern wie Venlafaxin erbrachte in Einzelfällen Besserung.

Ebenso kommt die Gabe von trizyklische Antidepressiva Clomipramin in Frage. Neuroleptika wie Aripiprazol und Stimulanzien wie Ritalin haben sich in Einzelfällen als genauso erfolgsversprechend erwiesen. Auch zur psychotherapeutischen Therapie der Depersonalisation bieten sich verschiedene Optionen. Die Tiefenpsychologie verfolgt ein psychoanalytisches Herantasten an die Auflösung des eigentlichen Konflikts, dem der Patient durch die Depersonalisation entfliehen will. Kognitive Verhaltenstherapien fokussieren die Angst.

Sie lassen Patienten die Depersonalisationserfahrungen neu und idealerweise ohne Angst bewerten. Eine andere Behandlungsmöglichkeit ist die Neuromodulation über Elektrokrampftherapie oder der transkraniellen Magnetstimulation. Die Elektrokrampftherapie hat die Depersonalisation Studien zufolge genauso oft verschlimmert, wie beseitigt. Die transkranielle Magnetstimulation am rechten präfrontalen Kortex hat laut Studien positive Effekte gezeigt. Auch Stimulationen am temporoparietalen Übergangskortex auf der rechten Seite hatten Linderung zur Folge.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Aussicht & Prognose

Die Prognose der Depersonalisation richtet sich nach der Intensität der Erkrankung sowie dem Alter des Patienten bei der Erstmanifestation. Je jünger der Betroffene bei der Diagnosestellung ist, desto ungünstiger ist die Prognose. Oft leiden die Patienten über viele Jahre oder Jahrzehnte an der Erkrankung. Die Aussicht auf eine schnelle Genesung ist bei einer leichten Ausprägung der Depersonalisation gegeben. Hier kommt es im Normalfall innerhalb weniger Tage zu einer Spontanheilung und einer dauerhaften Beschwerdefreiheit. Eine medizinische Behandlung ist bei diesen Patienten nicht notwendig, da es zu einer natürlichen Remission der Beschwerden kommt.

Eine starke Ausprägung der Symptome der Erkrankung ist nur schwer behandelbar. Eine Aussicht auf eine Heilung ist grundsätzlich möglich, sie umfasst jedoch eine lange Zeit der regelmäßigen medizinischen Betreuung. Meist bedarf es einer mehrjährigen Therapie, um eine Verbesserung der Beschwerden zu erzielen. Die Patienten lernen in einer Psychotherapie schrittweise den Umgang mit der Erkrankung im Alltag und können darüber eine Stärkung ihres Wohlbefindens erreichen.

Zustände einer psychischen Belastung verstärken die vorhandenen Symptome und haben einen immensen Einfluss auf den Heilungsprozess. Die Prognose verschlechtert sich bei Stress sowie einer anhaltenden emotionalen Anspannung. Sobald die Psyche stabilisiert ist, nehmen die Anzeichen der Depersonalisation ab.

Vorbeugung

Da die Ursachen der Depersonalisation umstritten sind, gibt es bislang keine anerkannten Vorbeugemaßnahmen.

Das können Sie selbst tun

Wer sich und seinen Körper als unwirklich wahrnimmt und öfter das Gefühl hat, neben sich zu stehen, sollte im Alltag einige Tipps befolgen. Neben einer Behandlung bei einem Psychologen oder Psychiater können die Selbsthilfe-Tipps im Alltag für eine Verbesserung der Lebensqualität sorgen und das Leben der Betroffenen maßgeblich erleichtern.

Da die Betroffenen einer Depersonalisations-Störung oftmals eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers haben, wirkt sich eine körperliche Betätigung meist positiv auf Körper und Geist der Patienten aus. Mit Ausdauer-Sportarten, wie zum Beispiel Joggen, Radfahren oder Schwimmen, können sich die Betroffenen wieder besser spüren und sich lebendiger fühlen. Auch mit der Yoga können sich die Betroffenen inmitten aller Aufregungen wieder besser erden und im seelischen Gleichgewicht bleiben. Eine ausgewogene Ernährung ist äußerst wichtig bei einer Depersonalitions-Störung und kann sich positiv auf das Krankheitsbild auswirken. Durch eine gesunde Ernährungsweise wird der Körper mit allen Nährstoffen versorgt, die dieser für eine reibungslose Funktionsweise benötigt.

Auch der Konsum von ausreichend Wasser oder anderen Getränken ist wichtig, um neue Energien zu tanken und in seiner Mitte bleiben zu können. Durch eine ständige Flüssigkeitszufuhr gewinnt der Organismus an Energie und nimmt an Lebenskraft zu. Wer seinen Tag mit einem reichhaltigen Frühstück beginnt, kann ausreichend Energien tanken, um den Alltag erfolgreich mit einem guten Körpergefühl zu meistern.

Bücher über Depersonalisation, Derealisation & Dissoziative Identitätsstörung

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H.(Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD 10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien. Huber, Bern 2011
  • Lieb, K., Frauenknecht, S., Brunnhuber, S.: Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. Urban & Fischer, München 2015

Diese Seite teilen:

Das könnte Sie auch interessieren:

Bekannt aus: