Cyberchondrie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 9. November 2017
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Als Cyberchondrie bezeichnet man eine psychische Störung, bei der die Betroffenen durch intensive Recherche von Krankeheitssymptomen im Internet die schwerwiegende Angst entwickeln, ernsthaft erkrankt zu sein. Es handelt sich hierbei um eine Wortneuschöpfung aus den Wortbestandteilen "cyber" und "Hypochondrie".

Inhaltsverzeichnis

Was ist Cyberchondrie?

Von Cyberchondrie wird gesprochen, wenn die Betroffenen durch Informationen zu gesundheitlichen Themen im Internet hypochondrische Tendenzen entwickeln oder sich diese verstärken. Dabei wird zumeist in Gesundheitsportalen oder medizinischen Lexika Recherche zu realen oder eingebildeten Krankheitssymptomen betrieben.

Durch fehlerhafte, missverstandende oder dramatisierte Darstellungen entsteht ein verzerrtes Bild von der Gefährlichkeit etwaiger Symptome; es kann sich auch eine übertriebene Angst vor Infektionskrankheiten entwicklen. Angestoßen und bestärkt durch dieses Wissen können psychische Probleme bis hin zum Vollbild einer Hypochondrischen Störung entstehen.

Der Patient leidet dann unter massiven Ängsten bezüglich schwerer körperlicher Erkrankungen und kann auch durch ergebnislose medizinische Diagnostik nicht vom Gegenteil überzeugt werden. Normalen körperlichen Funktionen wird übertrieben Aufmerksamkeit zu Teil, auch harmlose Symptome werden akribisch beobachtet und als Zeichen schwerer körperlicher Erkrankungen fehlgedeutet.

Es besteht Uneinigkeit darüber, ob hypochondrische Störungen den Zwangserkrankungen oder den somatoformen Störungen zuzuordnen sind.

Ursachen

Die Entwicklung von Störungen des hypochondrischen Spektrums kann zum einen auf frühe prägende Erfahrungen zurück geführt werden, die das Vertrauen in die eigene Gesundheit und die Verlässlichkeit des eigenen Körpers stören (bspw. schwere Erkrankungen im nahen familiären Umfeld, besonders in der Kindheit).

Ein überbehütendes familiäres Umfeld kann dem Kind das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten nehmen und die Grundüberzeugung reifen lassen, die ganze Welt sei gefährlich und unberechenbar. Darüber hinaus wird eine genetische Veranlagung vermutet.

Durch die allgegenwärtige Verfügbarkeit von medizinischem Wissen im Internet ist es besonders leicht geworden, auch harmlose Symptome zu recherchieren und mit verschiedensten Erkrankungen in Verbindung zu bringen. Die Undurchschaubarkeit und Masse der verfügbaren Informationen macht eine sinnvolle Gewichtung für den medizinischen Laien schwierig und begünstigt damit die Entstehung einer Cyberchondrie.

Typische Symptome & Anzeichen

  • Angst eine gefährliche Krankheit zu haben
  • Betroffene recherchieren dazu zwanghaft das Internet nach Gesundheitsinformationen
  • Hypochondrie

Diagnose & Verlauf

Die Cyberchondrie ist kein festes Krankheitsbild im psychiatrischen Sinne, was die Diagnostik erschwert. Eine klassische Hypochondrische Störung wird diagostiziert, wenn die Angst, an einer körperlichen Krankheit zu leiden, das Denken einer Person beherrscht und der Betroffene die Funktionen des eigenen Körpers übergenau beobachtet und als Krankheitssymptome missdeutet. Im Falle der Cyberchondrie kommt zeitaufwändige Internetrecherche hinzu, die die hypochondrischen Symptome verstärkt.

Dadurch, dass Patienten meist mit körperlichen Beschwerden zum Arzt gehen, wird die Hypochondrie oft erst sehr spät erkannt. Durchschnittlich vergehen sieben Jahre, bis eine entsprechende Diagnose gestellt wird; zu diesem Zeitpunkt ist das Verhalten oft schon stark chronifiziert und eine Behandlung umso schwieriger.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

In Zeiten moderner Multimedia holen sich die Menschen auch ihre gewünschten gesundheitlichen Informationen aus dem Internet. Das führt mitunter auch zu einer gewissen Beunruhigung, die jedoch nichts Ungewöhnliches ist und nicht unbedingt zwingender Grund für einen Besuch beim Arzt ist. Dennoch gibt es einige Fälle, in denen ein Besuch des Hausarztes als vertrauter Ansprechpartner für die Betroffenen Sinn macht.

Das gilt zum Beispiel für Patienten, die sich wegen eines neu aufgetretenen Symptoms ängstigen und eine medizinische Abklärung für ihre Beschwerden benötigen, um Beruhigung zu finden. Insbesondere ist das wichtig, wenn die Ursache für die Informationssuche im Cyberbereich starke Schmerzen oder der Verdacht auf eine zeitnah behandlungsbedürftige Erkrankung waren. Hier wird der Hausarzt nach genauer Untersuchung die vermutete Diagnose entweder stellen oder ausschließen.

Sollte der Hausarzt aufgrund häufiger Arztbesuche des Patienten aus Angst vor über das Internet selbstdiagnostizierten Krankheiten statt einer physischen Ursache die Diagnose Cyberchondrie stellen, kann er durch ein einfühlsames Gespräch oder die Überweisung zum Psychologen helfen. Aus diesem Grund ist der Arztbesuch auch für all diejenigen ratsam, die bemerken, dass ihre Recherche nach medizinischen Sachverhalten im Internet immer mehr Angst macht. Spätestens dann, wenn die Gedanken fast ausschließlich um vermeintliche Diagnosen kreisen und das Leben der Betroffenen einschränken, ist professionelle Hilfe wichtig.

Behandlung & Therapie

Da die Cyberchondrie eine relativ neuartige Erscheinung ist, existieren hierfür keine spezialisierten Behandlungsprogramme. Analog zur Hypochondrie dürfte jedoch die psychotherapeutische Behandlung im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie das Mittel der Wahl darstellen.

Dabei wird zum einen versucht, die Fehlüberzeugung, an einer schweren Erkrankung zu leiden, auf vernuftsmäßiger Ebene beizulegen. Zum anderen trainiert der Patient, sein die Hypochondrie verstärkendes Verhalten abzubauen.

Im Zusammenhang mit der Cyberchondrie wäre hier von besonderer Bedeutung, dass der Patient davon Abstand nimmt, etwaige Symptome im Internet zu recherchieren, und alternative Verhaltensweisen aufbaut, um seine Sorgen und Konflikte effektiv beilegen zu können. In schweren Fällen kann auch eine unterstützende medikamentöse Therapie mit Antidepressiva hilfreich sein.

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Aussicht & Prognose

Die Prognose der Cyberchondrie hängt insbesondere davon ab, ob der Betroffene den ungesunden Zusammenhang zwischen dem Nachschlagen der Krankheitssymptome im Internet und der sich steigernden Angst vor ernsthaften Erkrankungen erkennt. Wenn er lernt, sich auf die Aussagen seiner Ärzte zu verlassen und nicht im Internet nachzuforschen, bestehen gute Aussichten, die Cyberchondrie nach und nach ablegen zu können.

Anders sieht es unter Umständen aus, wenn ein von Cyberchondrie betroffener Mensch die negativen Folgen seines Verhaltens nicht erkennt und seine aus dem Internet gewonnenen Erkenntnisse über die Diagnosen seiner Ärzte stellt oder vielleicht sogar auf Arztbesuche verzichtet. Dies kann die Prognose rund um sein Wohlbefinden gleich in zweierlei Hinsicht verschlechtern.

Zum einen ist das Benutzen der Suchmaschinen oft der Grund, warum die Angst vor unheilbaren Krankheiten beim Betroffenen deutlich ansteigen kann. Das Ratsuchen im Internt kann suchthafte Züge annehmen, sodass der an Cyberchondrie erkrankte Mensch einen großen Teil seiner privaten und nicht selten auch beruflichen Zeit mit der Recherche im Internet verbringt. Zum anderen kann die oft hohe psychische Belastung der Betroffenen dazu führen, dass psychosomatische Reaktionen entstehen. Kommen dann Kopfschmerzen, Magenprobleme oder Schlafstörungen hinzu, fühlt sich der Patient in seiner Annahme einer schlimmen Krankheit bestätigt und der Teufelskreis zwischen Recherchieren und neuen Symptomen verstärkt sich.

Vorbeugung

Die Cyberchondrie stellt eine psychische Störung dar. Wie für alle diese Erkrankungen gilt auch hier: Eine gute Psychohygiene ist der beste Schutz. Lang anhaltende Belastungen und Konflikte, eine zehrende Lebensweise stellen immer Risikofaktoren dar, die sich in dieser oder anderen Erkrankungen einen Weg bahnen können.

Speziell hinsichtlich der Cyberchondrie gilt, dass es meist nicht ratsam ist, sich über diffuse Krankheitssymptome im Internet zu belesen. Meist finden sich hier auch für harmlose Symptome Verbindungen zu schwersten Erkrankungen, auch wenn ein tatsächlicher Zusammenhang extrem unwahrscheinlich ist. Wer unter anhaltenden Beschwerden leidet, sollte die Diagnostik einem erfahrenen Mediziner überlassen.

Das können Sie selbst tun

Bei einer Cyberchondrie kann der Betroffene mit einer ausreichenden Disziplin innerhalb kurzer Zeit eine Verbesserung seiner Lebensqualität erhalten. Dafür stehen ihm mehrere Wege zur Verfügung. Lebt er in einer familiären oder partnerschaftlichen Umgebung kann er diese Menschen bitten, eine passwortgeschützte Internetsperre einzubauen. Diese Bitte kann er auch an Menschen des nahen sozialen Umfeldes äußern. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, eine Internet- oder PC Firma damit zu beauftragen.

Da es zum Krankheitsbild der Cyberchondrie gehört, sich dennoch Schlupflöcher zu suchen, kann der Betroffene eine therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Zusätzlich kann er bei einer ausreichenden Selbstdisziplin die Symptome der Erkrankung recherchieren, sein eigenen Verhalten kritisch reflektieren und anschließend bei einem Arzt vorstellig werden. In einigen Fällen hilft es, wenn der private Internetzugang gekündigt wird und nicht internetfähiges Handy genutzt wird. Jeder Mensch reagiert individuell und sollte daher sich selbst hinterfragen, welcher Weg für ihn möglich und realistisch wäre.

Einige erleben eine Linderung, indem sie sich anderen Bereichen des Lebens stärker zuwenden. Verabredungen mit Freunden, sportliche Aktivitäten, der Wechsel eines Arbeitsplatzes oder ein Urlaub in einer Gegend ohne einen Internetzugang könnten hilfreich sein. Die Beschäftigung in ehrenamtlichen Einrichtungen kann ebenfalls das eigene Verhalten verändern und durch die Tätigkeit neue Interessen wecken.

Bücher über Hypochondrie

Quellen

  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H.(Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD 10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien. Huber, Bern 2011
  • Laux, G.; Möller, H.: Memorix Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2011
  • Möller, H.-J.: Therapie psychischer Erkrankungen. Thieme, Stuttgart 2006

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