Crush-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 19. November 2017
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Vom Crush-Syndrom sind vor allem Unfallopfer und Katastrophenopfer betroffen. Eine Quetschung oder Verletzung der Muskeln lässt im Rahmen des Phänomens das Muskelgewebe nekrotisieren und kann im Verlauf Nierenversagen oder Leberversagen hervorrufen. Die Behandlung am Unfallort beeinflusst maßgeblich die Prognose für das Crush-Syndrom.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Crush-Syndrom?

Beim Crush-Syndrom zerfällt in Folge einer nekrotischen Verletzung an größeren Abschnitten der Skelettmuskulatur das Muskelgewebe. Das Phänomen ist auch als myorenales Syndrom oder Bywaters-Krankheit bekannt. Der Zerfall der Muskeln zieht beim Crush-Syndrom eine akute Nieren- oder Leberinsuffizienz nach sich. Daher ist beim dem Syndrom auch von einer systemischen Erkrankung die Rede. Die Nekrose wirkt sich bei dem Phänomen also auf den gesamten Organismus und vor allem das Organsystem des Betroffenen aus.

Unter einer Nekrose versteht der Mediziner den irreversiblen Untergang von Zellen im Körpergewebe. Dieser Zelluntergang wird durch Entzündungen der betroffenen Bereiche verursacht, die Fresszellen anlocken. So findet in nekrotischem Gewebe auch Apoptose, also programmierter Zelltod statt. Das Crush-Syndrom ist vor allem für die Unfall- und Notfallmedizin sowie die Katastrophenhilfe relevant.

Eric Bywaters beschrieb das Syndrom 1941 an Patienten, die dem Luftangriff London-Blitz zum Opfer gefallen waren. Der japanische Arzt Seigo Minami hat das Crush-Syndrom bereits 1923 dokumentiert.

Ursachen

Das Crush-Syndrom wird vor allem im Zusammenhang mit Erdbeben und anderen Umweltkatastrophen beobachtet. Die Opfer leiden in der Regel an Muskelquetschungen, die Muskelnekrosen verursachen. Auch mechanische Muskelverletzungen durch Unfälle können das Syndrom aber auslösen. Dasselbe gilt für Sauerstoffunterversorgung, wie sie sich im Rahmen einer Kohlenmonoxidvergiftung durch ein Brandszenario einstellen kann.

Beim Untergang von Muskelgewebe wird das Muskelprotein Myoglobin freigesetzt. Obwohl viele Quellen dieses Protein als Ursache für das Nieren- und Leberversagens vermuten, ist dieser Zusammenhang bislang nicht abschließend geklärt. So kann das systemische Organversagen auch durch eine schockbedingte verminderte Organdurchblutung verursacht werden. Im Rahmen von Schockzuständen leiden viele Unfall-, Erdbeben- und Brandopfer zum Beispiel unter einem Mangel an zirkulierendem Blutvolumen. Die Pumpleistung des Herzens geht zurück und ihr Gefäßtonus verringert sich. Auf diese Weise kann es in den Organen zu Hypoxien kommen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

An Patienten mit dem Crush-Syndrom lassen sich vor allem Schockzeichen feststellen. Teile der Skelettmuskulatur sind gequetscht und entwickeln Muskelnekrosen. Nach der Wiederherstellung der Durchblutung tritt ein Reperfusionstrauma ein. Im Rahmen dieses Phänomens bauen sich die Muskelzellen ab und setzen dabei Kalium, Phosphor und Myoglobin frei. Analog dazu erhöht sich der Blutspiegel aller genannten Substanzen.

Oft stellt sich eine enorme Hyperkaliämie ein, die mit Herzrhythmusstörungen einhergehen kann. Häufig sterben nach der Wiederherstellung der Durchblutung außerdem Leberzellen, die einen Ikterus im Lebergewebe auslösen. Auch das Nierengewebe ist vom Zelltod im Rahmen des Crush-Syndroms betroffen. Wenn der Betroffene nicht fachmännisch versorgt wird, stellt sich binnen kürzester Zeit der Tod ein. Kurz vor dem Tod ist der Patient dem Anschein nach fast gänzlich symptomlos. Daher wird das Crush-Syndrom auch häufig mit dem Begriff smiling death in Verbindung gebracht.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die erste Verdachtsdiagnose auf das Crush-Syndroms wird im Idealfall von den Ersthelfern gestellt. Spätestens die Notärzte erkennen das Phänomen blickdiagnostisch. Im Krankenhaus können Bluttests die erste Verdachtsdiagnose erhärten. Die Prognose hängt beim Crush-Syndrom vor allem von der Erstversorgung nach dem Unfall ab.

Bei falscher Behandlung am Unfallort oder im Krankenhaus kann das Phänomen einen tödlichen Ausgang nehmen. Wenn am Unfallort noch keine Anzeichen für Nierenversagen oder Leberversagen vorliegen, kann sich das im Verlauf binnen kürzester Zeit ändern. Die richtige Behandlung beugt schwerwiegenden Organschäden in Folge einer Muskelnekrose vor und verbessert so die Prognose.

Komplikationen

Während und nach dem Auftreten eines Crush-Syndroms kann es zu verschiedenen Komplikationen kommen. Das Krankheitsbild kann etwa zu multiplem Organversagen führen, abhängig von Ort und Schwere der Verletzungen. Zunächst kommt es im Rahmen des Crush-Syndroms jedoch zu Muskelnekrosen, ausgelöst durch die geschädigte Skelettmuskulatur und andere Traumata.

Wird die Durchblutung der Muskeln wiederhergestellt, kann es zu einem Reperfusionstrauma kommen, welches mit einem Abbau der Muskelzellen und der Freisetzung von Kalium, Myoglobin und Phosphor verbunden ist. In der Folge erhöht sich der Blutspiegel der genannten Substanzen, wodurch bestehende Herzrhythmusstörungen und anderweitige Kreislaufbeschwerden verstärkt werden. Oftmals stellt sich auch eine sogenannte Hyperkaliämie ein, eine Störung im Elektrolythaushalt des Köpers, die mit Blutdruckschwankungen und Herzinfarkt in Verbindung steht.

In Folge größerer Quetschungen ist außerdem die Durchblutung lebenswichtiger Organe eingeschränkt, was im Verlauf etwa zu einem Ikterus im Leber- oder Nierengewebe führen kann. Bei Nichtbehandlung führt das Crush-Syndrom innerhalb kurzer Zeit zum Tod des Patienten. Wird der Betroffene behandelt, bevor es zu einem Organversagen kommt, kann das Crush-Syndrom oftmals ohne schwere Komplikationen behandelt werden; liegt bereits Nierenversagen oder Leberversagen vor, sind dauerhafte Schädigungen wahrscheinlich.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei einem Unfall mit Schwerverletzen muss umgehend der Notarzt gerufen werden. Ersthelfer sollten zunächst prüfen, ob die Verletzten bei Bewusstsein sind und dann entsprechende Erste-Hilfe-Maßnahmen einleiten oder auf die ärztliche Hilfe warten. Bei sichtbaren Muskel- oder Knochenverletzungen liegt unter Umständen das Crush-Syndrom vor – von einer Selbstbehandlung ist in diesem Fall unbedingt abzusehen. Falls nicht bereits geschehen, muss insbesondere bei Anzeichen von Herzrhythmusstörungen oder multiplem Organversagen sofort ein Arzt eingeschaltet werden.

Der Betroffene sollte am besten sofort in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden bzw. wird der Rettungsdienst alarmiert. Ein längerer Krankenhausaufenthalt ist in jedem Fall notwendig, da dem Crush-Syndrom fast immer schwere innere und äußerliche Verletzungen zugrunde liegen. Der Betroffene benötigt eine umfassende medizinische und physiotherapeutische Behandlung. Meist ist auch eine psychologische Beratung bzw. Traumatherapie notwendig. Es empfiehlt sich, die notwendigen Schritte gemeinsam mit dem zuständigen Arzt und einer Vertrauensperson zu planen. Eine engmaschige Kontrolle der Verletzungen ist beim Crush-Syndrom angezeigt.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung des Crush-Syndroms beginnt am Unfallort. Das Verhalten der Ersthelfer und Notärzte ist für die Prognose der Opfer allesentscheidend. Die gequetschten Gliedmaßen müssen so zügig wie möglich abgebunden werden. Als Blutvolumenersatz wird den Patienten eine Infusion verabreicht, die vorzugsweise keinerlei Kalium enthält. Falls die Betroffenen verschüttet sind oder schwere Gegenstände auf ihren Gliedmaßen die Nekrose hervorrufen, erfolgt die Abbindung der betroffenen Körperbereiche noch vor der Befreiung der Opfer.

Dasselbe gilt auch für die Versorgung mit der kaliumfreien Infusionslösung und die Gabe von Natriumhydrogencarbonat. Wenn diese Grundsätze keine Beachtung finden, kann bereits unmittelbar nach der Befreiung der "smiling death" eintreten. Durch die Wiederherstellung der Durchblutung wird das Herz-Kreislauf-System nämlich schlimmstenfalls überfordert und erlebt so einen tödlichen Schock. In der Notaufnahme werden die Patienten EKG-überwacht.

Ihre Blutelektrolyte werden regelmäßig in einer Blutgasanalyse nachkontrolliert und ihre Infusion läuft stündlich mit rund 1,5 Litern weiter. So werden die Opfer vor Hypotensionen, Niereninsuffizienzen, Azidose und Hyperkaliämien oder Hypokalzämien bewahrt werden. Wunden werden im Krankenhaus operativ behandelt. Die operative Versorgung findet kombiniert mit der Gabe von Antibiotika und einem Tetanus-Schutz statt.

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Aussicht & Prognose

Die Prognose bei einem Crush-Syndrom ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Relevant sind das schnelle Einsetzen einer richtigen Behandlung und Versorgung der Wunden sowie die Menge an geschädigtem Gewebe. Schäden an den Nieren, die durch Crush-Syndrom bedingt sind, können unterschiedliche Auswirkungen haben. Es können beide Nieren komplett versagen, oder zumindest eine noch in ihrer Funktion erhalten bleiben. Bei der Leber verhält es sich ähnlich: Die Lebern einiger Menschen überstehen die Auswirkung der Rhabdomyolyse besser als andere. Ebenso verhält es sich mit den Auswirkungen eines eventuell daraus resultierenden Schocks.

Ob und inwiefern die äußerlich verletzten Stellen wiederhergestellt werden können - insofern dem Crush-Syndrom eine solche Ursache zugrunde liegt - hängt ebenfalls vom Ausmaß der Kompression ab. Vom chirurgischen Wiederherstellen bis hin zu einer medizinisch angezeigten Amputation ist alles möglich.

Schnell geborgene Patienten sollten so versorgt werden, dass ein Überladen ihres Körpers mit Abbauprodukten der Nekrosen verhindert wird. Werden die verschiedenen Strategien hier angewandt, stehen die Chancen für das Überleben gut. Allerdings erstrecken sich die zu überwachenden Aspekte über den Kreislauf, die Nierenfunktion, eventuelle Folgeschäden, ein Trauma und vieles mehr.

In Kombination mit dem Auslöser eines Crush-Syndroms kommt es zudem nicht selten noch im Nachhinein zum Kompartmentsyndrom.

Vorbeugung

Theoretisch kann das Crush-Syndrom nach jeder Art von unfallbedingter Muskelnekrose auftreten. Zur Vorbeugung ist das Abbinden der betroffenen Gliedmaße direkt nach dem Unfall ein entscheidender Schritt. Auch die Blutvolumengabe ist in diesem Zusammenhang als wichtige Vorbeugemaßnahme zu nennen.

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Quellen

  • Grifka, J., Krämer, J.: Orthopädie, Unfallchirurgie. Springer, Heidelberg 2013
  • Scholz, J., Sefrin, P., Böttiger, B.W., Dörges, V., Wenzel, V. (Hrsg.): Notfallmedizin. Thieme, Stuttgart 2012
  • Ziegenfuß, T.: Notfallmedizin. Springer, Heidelberg 2011

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