Compressio spinalis

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 20. November 2017
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Die Compressio spinalis oder Rückenmarksquetschung ist die schwerste Form von drei möglichen Schweregraden einer Rückenmarksverletzung. Sie tritt meist als Folge einer instabilen, unfallbedingten Wirbelkörperfraktur oder aufgrund eines traumatischen Bandscheibenvorfalls auf. Die Compressio spinalis beinhaltet irreversible neurologische Schäden, so dass es zu persistierenden sensorischen und motorischen Ausfällen kommt, die nach jetzigem Stand der neurologischen Medizin nicht behebbar sind.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Compressio spinalis?

Als Compressio spinalis wird eine Rückenmarksverletzung bezeichnet, bei der es durch eine akute oder chronische Pressung der Spinalnerven zu irreversiblen Schäden an den Nerven kommt. Es handelt sich um die schwerste von drei Kategorien einer Rückenmarkskompression. Die Compressio spinalis wird auch als Rückenmarksquetschung bezeichnet.

De facto bedeutet die schwerste Form der Rückenmarkskompression einen Totalverlust der sensorischen und motorischen Fähigkeiten in den Körperregionen, die von den verletzten und gestauchten Nerven innerviert sind. Das bedeutet, dass Muskellähmungen und eine völlige Gefühllosigkeit in den betroffenen Regionen die Folge sind.

Zu derartigen gravierenden Rückgratverletzungen kann es durch Unfälle mit Wirbelzertrümmerung oder durch einen extremen Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps) kommen. Eine dauerhafte, schwere Kompression der Nerven des Rückenmarks kann sich auch durch Raumbeanspruchung eines Hämatoms oder eines Tumors einstellen.

Ursachen

Eine Compressio spinalis kann durch äußere oder innere Einwirkungen verursacht werden. Äußere Einwirkungen entstehen meist durch Unfälle Verkehrs-, Sport- und Haushaltsunfällen mit schwerer, instabiler Wirbelfraktur oder Wirbelluxation, die zu einer Quetschung des Rückenmarks (Medulla spinalis, Myelon) führt. Im Extremfall kann durch eine Entmineralisierung der Wirbelkörper durch Osteoporose oder andere Krankheiten eine instabile Wirbelfraktur auch ohne erkennbaren Grund entstehen.

Äußere Einwirkungen wie stumpfe Verletzungen können ohne Wirbelfraktur eine Compressio spinalis verursachen. Es kann beispielsweise zu einer Einblutung im oder am Wirbelkanal kommen, die durch Raumbeanspruchung eine schwere Kompression der Rückenmarksnerven zur Folge hat. Raumbeanspruchung, die eine schwere Kompression der Medulla spinalis auslöst, kann auch durch Tumoren entstehen. Weitere Gründe für eine Rückenmarksquetschung liegen in extremen Bandscheibenvorfällen oder sehr selten auch in einer unbeabsichtigten Komplikation eines ärztlichen Eingriffs.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Eine akute Compressio spinalis wird von schwerwiegenden neurologischen Störungen begleitet. Symptomatisch sind sensorische Ausfälle in Form von Taubheitsgefühlen in den betroffenen Körperarealen. Ebenso typisch sind motorische Ausfälle betroffener Muskelpartien. Die Inaktivität der Muskelpartien aufgrund fehlender nervlicher Impulse führt sehr bald zu einer Muskelatrophie, einem Abbau der kontraktilen Muskelzellen.

Der Abbau des Muskelgewebes ist ein normaler Vorgang, wenn der entsprechende Muskel entweder nicht beansprucht wird oder aufgrund neurologischer oder anderer Gründe nicht beansprucht bzw. bewegt werden kann. Typischerweise führt eine Rückenmarksquetschung zu segmentalen neurologischen Ausfällen abhängig vom Ort der Läsion. Häufig stellt sich eine Paraparese oder sogar eine Tetraparese ein, eine Lähmung der Beine oder aller vier Extremitäten.

Symptomatisch ist ebenfalls eine pathologisch gesteigerte Reflexantwort bei bestimmten Schutzreflexen, weil Motoneuronen, die zur Selbstregulation der Reflexe dienen, ausgefallen sind. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Pyramidenbahnzeichen zu erwähnen, die anhand einer Reihe typischer Reflexantworten erkannt werden können.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Wenn eine Compressio spinalis durch Gewalteinwirkung in Folge eines Unfalls verursacht wird, ist sie meist mit weiteren körperlichen Schäden wie Frakturen, Bewusstlosigkeit und ähnlichen Symptomen verbunden. Eine Diagnose ist dann meist nur unter Berücksichtigung der übrigen Verletzungen möglich.

Die wichtigsten Anzeichen, die auf eine Quetschung der Spinalnerven hindeuten können, sind ein Verlust sensorischer und motorischer Fähigkeiten beispielsweise an den Beinen. Eine Untersuchung der Fähigkeiten kann natürlich nur erfolgen, wenn es die übrigen Verletzungen des Patienten, der meist unter Schock steht, zulassen.

In den meisten übrigen Fällen entwickelt sich die Compressio spinalis allmählich, so dass zunächst die weniger gravierenden Stadien Commotio spinalis und die Contusio spinalis durchlaufen werden. Diese beiden Vorstufen der Spinalnervenquetschung machen sich durch schwache neurologische Anzeichen bemerkbar, die sich allmählich je nach Ursache verstärken.

Komplikationen

Bei einer Compressio spinalis kommt es zu sehr starken und schwerwiegenden Komplikationen. Diese sind in der Regel irreversibel und können nicht behandelt oder behoben werden. Durch die Verletzung am Rückenmark sind für den Patienten gewöhnliche Bewegungen nicht mehr möglich und die motorischen Fähigkeiten sind eingeschränkt.

Die Lebensqualität nimmt durch die Einschränkungen extrem ab und der Betroffene ist in vielen Fällen auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen. In vielen Fällen kommt es auch zu einem Abbau der Muskeln. Diese können teilweise oder gar nicht mehr bewegt werden. Auch Beine und Arme sind gelähmt, sodass der Patient an starken Bewegungseinschränkungen leidet und in der Regel auch auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

Durch die Compressio spinalis können auch psychische Beschwerden entstehen, die zu Depressionen oder Selbstmordgedanken führen können. Vor allem junge Menschen sind von psychischen Problemen aufgrund der Einschränkungen betroffen. Es ist nicht möglich, eine Compressio spinalis medizinisch zu behandeln, sodass der Betroffene sein gesamtes Leben lang mit den Einschränkungen leben muss.

Für viele Patienten ist eine psychiatrische Betreuung notwendig. Die Lebenserwartung wird nicht verringert, falls es bei der Ursache der Compressio spinalis zu keinen weiteren Komplikationen gekommen ist.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wenn im Zusammenhang mit einer Wirbelfraktur oder einem schweren Bandscheibenvorfall Taubheitsgefühle und andere Anzeichen einer Compressio spinalis bemerkt werden, sollte in jedem Fall umgehend der Notarzt gerufen werden. Bei motorischen Ausfällen bestimmter Muskelpartien muss der Betroffene ebenfalls sofort behandelt werden bzw. sollte er direkt in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht werden. Falls die Beschwerden in Folge eines Unfalls auftreten, liegen meist weitere körperliche Schäden wie Frakturen oder Platzwunden vor, die sofort behandelt werden müssen.

Der Betroffene selbst oder die Ersthelfer vor Ort sollten den Rettungsdienst rufen. Begleitend dazu ist an den Verletzten erste Hilfe zu leisten. Nach der initialen Behandlung der Compressio spinalis ist in der Regel ein längerer Krankenhausaufenthalt angezeigt. Je nachdem, wie schwer die Verletzung ausfällt, ist der Betroffene in vielen Fällen auf die Hilfe anderer angewiesen. Eine physiotherapeutische Behandlung ist meist ebenso nötig wie eine engmaschige ärztliche Überwachung der Verletzung. Bei psychischen Beschwerden sollte außerdem der Rat eines Therapeuten eingeholt werden.

Behandlung & Therapie

Bei jedweder Kompression der Spinalnerven gilt als oberstes Ziel die Befreiung der Neuronen vom Kompressionsdruck, sofern übrige Verletzungen das zulassen. Das Therapieziel gilt unabhängig von der Schwere der Kompresssion. Es kann nicht von vornherein festgestellt werden, ob die Läsionen der Nerven reversibel oder irreversibel sind.

Sicherheitshalber sollte zunächst davon ausgegangen werden, dass die Schäden reversibel sind. Die Gewissheit darüber, ob die neuronalen Schäden wenigstens teilweise reversibel sind, besteht häufig über längere Zeit nicht. In den Fällen, in denen sich eine Compressio spinalis erst langsam entwickelt, besteht die Chance, auf erste Anzeichen zu reagieren.

Erste Symptome bestehen meist in nicht spezifischen Anzeichen wie verminderte Sensibilität, gelegentlich auch in „Ameisenkribbeln“ und in motorischen Funktionsstörungen. Derartige Symptome sollten zum Anlass genommen werden, eine genaue Diagnose über die Ursachen der Probleme zu stellen, um frühzeitig darauf eingehen zu können.

Das bedeutet, dass Anzeichen, die auf eine sich entwickelnde Spinalnervenkompression hinweisen, auch als Frühindikatoren für eine bestimmte Grunderkrankung angesehen werden können und die Möglichkeit eröffnen, die diagnostizierte Grunderkrankung frühzeitig zu behandeln.

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Aussicht & Prognose

Die Compressio spinalis hat eine ungünstige Prognose. Die Erkrankung führt zu irreparablen Schäden, so dass eine Heilung mit den derzeitigen medizinischen Möglichkeiten ausgeschlossen werden kann. Die Funktionsfähigkeit der beschädigten Nerven kann nicht wieder hergestellt oder von anderen Nervenfasern übernommen werden. Es entstehen motorische Störungen, die zu einer Verschlechterung der Muskelkraft führen. Da viele Muskeln nicht mehr aktiviert werden, verkümmern sie und bilden sich zurück.

Das allgemeine Wohlbefinden sinkt und häufig ist der Patient auf einen Rollstuhl oder eine Hilfe im Alltag angewiesen. Durch die Compressio spinalis kommt es im Leben des Betroffenen zu vielen Veränderungen. Neben den körperlichen Umstellungen treten oftmals soziale oder berufliche Probleme auf. Diese Verschlechtern den allgemeinen Gesundheitszustand. Schafft es der Patient sich an die Gegebenheiten anzupassen und sein Leben gut umzustrukturieren, steigt das Wohlbefinden wieder an. Ein gutes und zufriedenes Leben mit der Erkrankung wird dann möglich.

Andernfalls drohen neben weiteren körperlichen Beeinträchtigungen auch psychische Störungen. Das Risiko zur Entstehung einer Depression oder Melancholie ist stark erhöht. Oftmals tauchen Suizidgedanken auf und der Sinn des Lebens geht verloren. Durch diese mentalen Hindernisse sinkt die Aussicht auf eine Verbesserung der Gesamtsituation. Der Patient hat eine deutliche bessere Prognose, wenn er trotz der Widrigkeiten dem Leben optimistisch begegnet.

Vorbeugung

Direkt vorbeugende Maßnahmen, die geeignet wären, eine Compressio spinalis zu verhindern, sind nur bedingt möglich. Zu den bedingten Vorbeugemaßnahmen zählt beispielsweise ein passiver Unfallschutz durch Airbags, Schutzbekleidung (zum Beispiel Rückenprotektor) und sonstigen Sicherheitssystemen.

Auch Sicherheitstraining in beruflichen und sportlichen Betätigungen, die zu den unfallträchtigen Aktivitäten gehören, kann zu den indirekt vorbeugenden Maßnahmen gerechnet werden, weil das Unfallrisiko und die Gefahr, eine gravierende Wirbelsäulenverletzung zu erleiden, minimiert wird.

Das können Sie selbst tun

Bei einer vorhandenen Compressio spinalis sind Maßnahmen zur Selbsthilfe nur begrenzt möglich. Im Alltag sollte den Vorgaben und Anweisungen des Arztes gefolgt werden. Unterstützend für den Heilungsprozess sind langsame und behutsame Bewegungen. Die körperlichen Belastungen sind zu kontrollieren und sollten nicht zu stark sein. Fehlhaltungen oder eine einseitige Belastung sind darüber hinaus zu vermeiden. Diese Maßnahmen lindern die vorhandenen Beschwerden nicht unmittelbar, verhindern jedoch, dass es zu einer Zunahme und damit weiteren Beeinträchtigungen kommt.

Hilfreich ist es, wenn der Betroffene sein Gewicht im Bereich des Normalgewichts hält. Ein Übergewicht oder Fettleibigkeit belasten die Knochen und tragen zu einer Unterversorgung der Nerven bei. Bei vorhandenen Quetschungen wird der Heilungsprozess verlangsamt, sobald ein zu starkes Körpergewicht vorhanden ist.

Da die Erkrankung häufig mit einem Verlust der Lebensfreude, einem verringerten Wohlbefinden und dadurch bedingt mit einer Zunahme von psychischen Beschwerden verbunden ist, sollte sich der Betroffene um eine emotionale Stabilität bemühen und ein stabiles soziales Umfeld bemühen. Optimismus und Zuversicht helfen bei dem Erhalt des Wohlbefindens. Die alltäglichen Abläufe müssen umstrukturiert und den vorhandenen Möglichkeiten angepasst werden. Dies sollte möglichst mit einer positiven Einstellung und in enger Zusammenarbeit mit den Menschen des nahen Umfeldes stattfinden.

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Quellen

  • Bleese, N., Mommsen, U., Schumpelick, V.: Kurzlehrbuch Chirurgie. Thieme, Stuttgart 2010
  • Klingelhöfer, J., Berthele, A.: Klinikleitfaden Neurologie. Urban & Fischer, München 2009
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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