Borderline-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 29. November 2017
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Das Borderline-Syndrom oder Borderline-Störung ist eine psychische Erkrankung aus dem Bereich der Persönlichkeitsstörungen. Die Betroffenen leiden an einem Mangel sozialer Kompetenzen. Besonders sind die zwischenmenschlichen Beziehungen zu anderen Menschen von einer krankhaften Instabilität gekennzeichnet. Auch starke Stimmungsschwankungen treten häufig auf. Der Blick auf sich selbst (Selbstbild) ist starken Verzerrungen ausgesetzt. Angststörungen, Wut und Verzweiflung treten hinzu.

Inhaltsverzeichnis

Definition Borderline-Syndrom

Das Borderline-Syndrom ist eine psychische Erkrankung, bei der die Betroffenen in extremen psychischen Spannungen leben, die quälend und diffus sind. Die genaue Klassifizierung des Syndroms ist bis heute umstritten. Borderline-Syndrom bezeichnet allgemein "Grenzlinie" oder "grenzwertig" und entstand als Begriff zunächst einmal, weil damit Symptome zusammengefasst wurden, die Ärzte zwischen der neurotischen und psychotischen Störung ansiedelten.

Zunächst als Verlegenheitsdiagnose verstanden, ist das Borderline-Syndrom aber mittlerweile als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt. Demnach handelt es sich beim Borderline-Syndrom um eine spezifische Persönlichkeitsstörung, die eben durch Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen und extremer Impulsivität, Stimmungsschwankungen und verzerrtem Selbstbild gekennzeichnet ist.

Neben dem Begriff Borderline-Syndrom werden auch die Bezeichnungen emotional instabile Persönlichkeitsstörung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung (kurz: BPS) im Fachjargon verwendet.

Ursachen

Die Hintergründe für das Borderline-Syndrom sind nicht genau geklärt. Die Forschung hat bislang feststellen können, dass sich das Syndrom vor allem bei Personen entwickelt, die über längere Zeit sexuell missbraucht wurden, starke Ablehnung als Kind erfahren haben, emotional vernachlässigt wurden oder körperlicher Gewalt ausgesetzt waren. Insofern sind Borderliner schwer traumatisierte Menschen, die extremen Angstzuständen ausgesetzt sind.

Wer und wie viele Menschen mit solchen Traumata ein Borderline-Syndrom aufweisen ist nicht gesichert, weil das Krankheitsbild nach wie vor nicht immer erkannt oder genau diagnostiziert wird. Allerdings gehen Schätzungen davon aus, dass 1 bis 2 Prozent einer Bevölkerung im Schnitt betroffen sind. Rund 70 Prozent aller Betroffenen sind Frauen. Auf Grundlage dieser Schätzung wäre Borderline häufiger verbreitet als andere psychische Krankheiten wie die Schizophrenie. Auch genetische Ursachen können das Borderline-Syndrom hervorrufen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Borderline-Patienten haben Schwierigkeiten, ihre eigenen Emotionen und Impulse einzuordnen und zu kontrollieren. Sie geben ihren Gefühlen schnell nach, ohne eventuelle Konsequenzen abzuwägen. Dazu gehören beispielsweise Wutausbrüche, für die bereits geringfügige Gründe ausreichen. Auch Stimmungsschwankungen zählen zu den typischen Symptomen: Borderliner erleben starke Gefühlsstürme, die zwar auch positiver Art sein können, jedoch meist kurzfristig sind und eine starke innere Unruhe bei ihnen auslösen.

In diesem Zusammenhang neigen viele Patienten zu einem selbstzerstörerischen Verhalten. Sie „ritzen“ sich, verletzen also eigene Körperteile mit Messern oder Rasierklingen. Die Selbstzerstörung kann sich auch in einem starken Konsum von Alkohol oder Drogen äußern. Häufig gehen Patienten Risiken im Straßenverkehr ein oder setzen sich ungeschütztem Sexualverkehr aus.

Oft drohen sie mit Suizid oder versuchen tatsächlich, sich das Leben zu nehmen. Unter Stress kommt es häufig zu einem Realitätsverlust. Man spricht dabei von dissoziativen Symptomen, das heißt, die Wahrnehmung der Patienten verändert sich. Sie nehmen ihre Umwelt als unwirklich wahr und haben das Gefühl, fremd oder losgelöst von ihrer eigenen Person zu sein.

Viele Patienten erleben auch ein andauerndes Gefühl der Leere – ihr Leben erscheint ihnen langweilig und ziellos. Gleichsam haben sie oft Angst, alleine zu sein und gehen Beziehungen ein, die sich aufgrund der Symptomatik jedoch häufig als instabil erweisen.

Krankheitsverlauf

Die Spannungszustände bei Personen mit Borderline-Syndrom sind durch Depressionen, die bei fast allen Borderlinern auftauchen, und dem Gefühl innerer Leere auf der einen Seite und starker Impulsivität gekennzeichnet. Borderliner haben kein Gefühl von "Normalität", sie schwanken zwischen emotionelen Extremen, leben in instabilen sozialen Beziehungen und neigen dazu, den starken inneren Druck, der plötzlich und unbegründet auftreten kann, durch extreme Verhaltensweisen zu ventilieren. In solchen Fällen kommt es dazu, dass sich Betroffene selbst verletzen oder sich in Extremsituationen begeben.

Typische Verhaltensweisen sind exzessiver Drogenkonsum, waghalsiges Autofahren oder das Balancieren auf Brückengeländern. Solches Hochrisikoverhalten dient dazu, Ohnmachtsgefühle wieder zu stabilisieren und eine Selbstermächtigung herzustellen.

Borderliner sind ihren Stimmungsschwankungen oft hilflos ausgeliefert. Das Sozialverhalten von Menschen mit Borderline-Syndrom ist damit wenig einschätzbar, da es immer wieder zu affektiven Kurzschlüssen kommt und keinerlei Impulskontrolle vorhanden ist, die für die Außenwelt oftmals überhaupt nicht nachvollziehbar ist.

Komplikationen

Körperliche Komplikationen sind beim Borderline-Syndrom möglich, wenn der Betroffene selbstschädigendes oder selbstverletzendes Verhalten ausübt. Schnitte und Verbrennungen sind weit verbreitet. Aufgrund von Angst, mangelndem Selbstwertgefühl oder anderen Gründen suchen die Betroffenen nicht in jedem Fall rechtzeitig Hilfe auf. Die Wunden können sich dadurch entzünden oder verheilen schlecht. Schäden an Muskeln und Nerven sind ebenfalls möglich. Beim Borderline-Syndrom besteht außerdem ein erhöhtes Suizidrisiko.

Umgekehrt nutzen einigen Borderline solche Verletzungen jedoch, um Fürsorge zu erfahren. In diesem Fall kann eine mentale Abhängigkeit von der medizinischen Versorgung entstehen. Da der Betroffene in diesem Fall häufig medizinische Hilfe in Anspruch nimmt, sind jedoch auch negative Folgen der Versorgung möglich, zum Beispiel Hospitalismus.

Vielen Menschen mit Borderline-Syndrom fällt es schwer, langfristig Beziehungen zu anderen Menschen zu pflegen. Die Symptome der Persönlichkeitsstörung führen häufig zu Konflikten. Einige Betroffene zeigen widersprüchliches Verhalten, indem sie nahestehende Personen einerseits bei sich haben wollen, doch sich andererseits von ihnen distanzieren. Dadurch bleiben ihre eigentlichen emotionalen Bedürfnisse oft unerfüllt.

Soziale Isolation ist eine weitere Komplikation, die sich aus dem ambivalenten Sozialverhalten entwickeln kann. Psychotische oder dissoziative Symptome können außerdem zu Orientierungsstörungen oder zur vorübergehenden Handlungsunfähigkeit im Alltag führen.

Darüber hinaus tritt Borderline häufig gemeinsam mit anderen psychischen Problemen auf, vor allem mit Angst- und Zwangsstörungen, posttraumatischer Belastungsstörung, Substanzabhängigkeit oder schädlicher Gebrauch von Substanzen, Essstörungen und ADS/ADHS.

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Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wer mindestens fünf der folgenden neun typischen Symptome für das Borderline-Syndrom an sich erkennt, sollte zum Arzt gehen:

  • Niedrige Wut-Reizschwelle und unkontrollierbare Wutausbrüche, die in körperlicher Gewalt enden können
  • Selbstverletzendes Verhalten, wie das Ritzen der Haut oder das Zufügen von Verbrennungen bis hin zum Suizidversuch, Drogenkonsum und Essstörungen
  • Plötzlicher Impuls zu extremer Risikobereitschaft, die lebensgefährdend sein kann, wie z. B. Rasen auf der Autobahn, Klettern auf Brückengeländer usw.
  • Starke Trennungs– und Verlustängste und ständige Angst vor dem Alleinsein
  • Innere Leere, andauernde Langeweile und Ziellosigkeit
  • Extreme und nicht kontrollierbare Gefühlsschwankungen, deren negative Phasen immer länger werden
  • Instabile zwischenmenschliche Beziehungen durch das ständige Schwanken zwischen Anklammerung und Abweisung, Schwarz-Weiß-Denken
  • Realitätsverlust, durch das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein und Gefühle losgelöst von der eigenen Person zu erleben
  • Identitätsstörungen in Form von plötzlich auftretender Unsicherheit darüber, wer man ist und was man kann

Behandlung

In der Medizin und Psychologie ist man sich nicht einig, wie man das Borderline-Syndrom behandeln soll. Psychotherapeutischen Zugängen werden allgemein keine besonders großen Resultate bescheinigt. Erfolgreicher haben sich verhaltentherapeutische Ansätze erwiesen, bei denen den Patienten aufgezeigt wird, wie sie in Extremsituationen neue Verhaltensmuster ausbilden können und diese langfristig verinnerlichen.

Dabei gibt es wiederum unterschiedliche Schulen, die eher unterstützend oder konfrontativ ausgerichtet sind. Da beim Borderline-Syndrom traumatische Erfahrungen der Kindheit zum Ausdruck kommen werden spezielle Traumatherapien auch empfohlen, wobei sich die Wissenschaft einig ist, dass es dabei nicht zu Re-Traumatisierungen kommen sollte.

Die Wahl der richtigen Therapiemethode beim Borderline-Syndrom ist letztlich jedoch abhängig vom Betroffenen selbst. Standardisierte Vorgehensweisen zeigen selten die gewünschte Wirkung. Daneben wird es immer als besonders hilfreich angesehen, das soziale Umfeld in eine Therapie einzubeziehen. Behandlungen mit Arzneimitteln, die so genannte Medikation, kann das Borderline-Syndrom als Ganzes nicht therapieren, sondern höchstens einzelne Symptome bekämpfen.

Aussicht & Prognose

Die Borderline-Persönlichkeitsstörung hält typischerweise über mehrere Jahre hinweg an. In der Regel verläuft das Borderline-Syndrom mit zunehmendem Alter milder. Dabei können die Symptome so weit zurückgehen, dass die diagnostischen Kriterien für die Persönlichkeitsstörung nicht mehr erfüllt werden. Häufig bleibt jedoch ein Rest der Symptome zurück. Dieser Rest muss jedoch keinen Krankheitswert besitzen, sondern kann auch einen Teil des normalen Persönlichkeitsspektrums bilden.

Gleichzeitig gilt ein höheres Alter jedoch auch als Risikofaktor für Suizidversuche, die mit dem Tod des Betroffenen endeten. Auch Impulsivität, Depressionen und Missbrauch in der frühen Kindheit erhöhen das statistische Suizidrisiko. Darüber hinaus kann eine weitere Persönlichkeitsstörung neben dem Borderline-Syndrom auftreten und die Aussicht auf eine Besserung reduzieren. Die dependente, ängstlich-vermeidende und paranoide Persönlichkeitsstörung treten dabei besonders häufig auf. Wenn die Borderline-Persönlichkeit unter einer antisozialen Persönlichkeitsstörung leidet, ist das Suizidrisiko ebenfalls erhöht. Bei diesen Angaben handelt es sich jedoch um allgemeine Aussagen – der individuelle Verlauf der Borderline-Persönlichkeitsstörung kann vom Durchschnitt abweichen.

In einer Studie zeigte sich, dass sechs Jahre nach der Diagnose noch ein Drittel der Patienten unter dem Borderline-Syndrom litt. Ein deutlicher Rückgang war bereits nach zwei Jahren zu verzeichnen. Die Entwicklung und Verbreitung von spezifischen Therapien wie der dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) führte in den letzten fünfzehn Jahren zu einem verbesserten Hilfsangebot für Patienten.

Das können Sie selbst tun

Betroffene eines Borderline-Syndroms können sich im Alltag vor impulsiven Handlungen mit negativen Konsequenzen schützen, indem sie sich Situationen, die übermäßig negative oder positive Wahrnehmungen und Handlungen begünstigen, gelegentlich entziehen. Hierfür kommen regelmäßige Ruhepausen in Betracht, in welchen sich der Betroffene aus Gesprächen und anderen Interaktionen für eine gewisse Zeit ausklinkt.

Während dieser Pausen sollten Betroffene sich aber nicht mit ihrer Wahrnehmung der Ereignisse beschäftigen, sondern vielmehr ein wenig Abstand zum Geschehenen - ob es nun etwas Gutes oder Schlechtes war, ist nicht relevant - gewinnen. Hierfür kommen verschiedene Möglichkeiten in Betracht, die zum Beispiel lautes Musikhören, das Selbstmassieren mittels Massagebällen oder das Lösen von kleinen Puzzles beinhalten können. Die Möglichkeiten zur vorübergehenden Ablenkung sind mannigfaltig und können von Betroffenen selbst erforscht und gefunden werden.

Die vorübergehende Distanzierung von Gefühlen im Bezug auf sich selbst und ihr Umfeld, hilft Betroffenen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, anschließend reflektierter und weniger impulsiv wieder in die soziale Rolle einzusteigen. So können auftretende - mitunter objektiv grundlose - Konflikte im Vorfeld verhindert werden.

Auch sollte das Umfeld der betroffenen Personen miteinbezogen werden. Eine Kommunikation über das Empfundene hilft allen Beteiligten im alltäglichen Umgang. Regelmäßige Aussprachen, die einer gewissen Struktur folgen, machen das Emotionale besser verständlich und ermöglichen Menschen mit dem Borderline-Syndrom im Nachhinein oftmals eine bessere Einschätzung und Neubewertung einer Situation.

Bücher über Borderline-Syndrom

Quellen

  • Arolt, V., Reimer, C., Dilling, H.: Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie. Springer, Heidelberg 2007
  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M.H.(Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen – ICD 10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien. Huber, Bern 2011
  • Möller, H.-J.: Therapie psychischer Erkrankungen. Thieme, Stuttgart 2006

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