Beurteilung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 13. November 2016
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Die Beurteilung prägt die Wahrnehmung sowohl als unbewusster, als auch als bewusster Prozess. Dieser natürliche Teil der Wahrnehmung ist beispielsweise als Filterfunktion relevant und somit die Ursache für die Selektivität des Wahrnehmungsvorgangs. Eine fehlerhafte Beurteilung liegt beispielsweise bei Menschen mit Dysmorphophobie vor.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Beurteilung?

Die menschlichen Wahrnehmungsstrukturen befähigen den Menschen dazu, sich ein Bild von Situationen und seiner Umwelt zu machen. Aus Sicht der Evolutionsbiologie steht die Wahrnehmung gleichbedeutend mit der Chance auf Überleben. Seine Sinne entscheiden, ob der Mensch Gefahren und Chancen rechtzeitig erkennt und auf Basis dessen zu einer reaktionsartigen Handlung übergehen kann.

Der Prozess der Wahrnehmung ist aus genau diesem Grund eng mit dem Prozess der Beurteilung verwoben. Wahrzunehmen ohne Urteile zu treffen, ist eine Unmöglichkeit. Die Wahrnehmung ist nicht nur die erste Instanz der Meinungsbildung über eine Situation und die Umwelt, sondern findet selbst auf Basis von Filterprozessen und damit unbewussten Urteilen statt. Dieses Phänomen ist als selektive Wahrnehmung bekannt. Aus allen einwirkenden Reizen wird ausgewählt, was wahrgenommen wird und das menschliche Bewusstsein überhaupt erreicht.

Wegen der Unzahl permanent einwirkender Reize sind solcherlei Filterprozesse von Nöten, um das Gehirn nicht mit Reizen zu überfluten. Als Filterprozess ist die Beurteilung von Reizen eine Relevanzeinschätzung, die vor allem durch Vorerfahrungen getroffen wird.

Kognitive Beurteilungsprogramme spielen gleichzeitig auch für die Weiterverarbeitung der Perzepte eine Rolle, die das Bewusstsein erreichen. Diese Beurteilungsprogramme entsprechen vor allem der Irradiation, dem Halo-Effekt und der Attributdominanz und helfen bei der bewussten Meinungsbildung über das Wahrgenommene.

Funktion & Aufgabe

Die Filterprozesse und unbewussten Beurteilungen im Wahrnehmungssystem lassen den Menschen nur wahrnehmen, was in der gegenwärtigen Situation für relevant befunden wird. Muster spielen dabei eine gesteigerte Rolle, vor allem solche, deren Komplexität zwischen einer perfekten Symmetrie und einer absoluten Strukturlosigkeit angesiedelt ist. Aus diesem Grund blendet der Mensch das Ticken der Uhr zum Beispiel aus, solange es die Monotonie nicht durchbricht. Ebenso ausgeblendet wird der wirre Laut von Regen vor dem Fenster, solange sich darin keine Musterstruktur erkennen lässt. Die unbewusste Suche nach Mustern hat dem Menschen aus evolutionsbiologischer Sicht beim Überleben geholfen. Dass er Muster erkennen kann, ist mit für sein Überleben verantwortlich.

Aber nicht nur die Mustersuche prägt als Filter die menschliche Wahrnehmung. Zur Beurteilung und Auswahl der einwirkenden Sinneseindrücke spielen auch die persönlichen Erfahrungen, Erwartungen, Interessen und Einstellungen des Menschen eine Rolle. Als ein erster Beurteilungsfilter lässt sich beispielsweise die Sozialisation nennen. Neben der Erziehung prägen die Erfahrungen mit der eigenen Familie, der Schule und dem Freundeskreis oder dem Arbeitskreis die eigenen Weltvorstellungen und die Werte eines Menschen. Wie die Denkweise ist auch die Wahrnehmungsweise bereits durch diese Erfahrungen geprägt.

Die Beurteilung prägt die Wahrnehmung sowohl als unbewusster, als auch als bewusster Prozess.

Neben Werten und Meinungen prägt die gesellschaftliche Umwelt beispielsweise Interessen und Vorurteile, die alle als Beurteilungsfilter von wahrgenommenen Sinneseindrücken in Kraft treten. So wird die Aufmerksamkeit beispielsweise anhand von Interessen gelenkt. Der Mensch sieht aus diesem Grund eher, was er selbst besitzt oder womit er sich zumindest bereits auseinandergesetzt hat. Die Beurteilungsinstanz der Wahrnehmung hält Vertrautes oder Erwartetes in diesem Zusammenhang für besonders relevant.

Ein zweiter Beurteilungsfilter sind Gefühle. Die emotional positive Verbindung zu einer Person lässt dem Menschen in allen Handlungen derselben das Positive erkennen. Dasselbe gilt andersherum. Zusätzlich prägt extreme Angst oder hohe Nervosität die Wahrnehmung meist mit einer Sinnesschärfung. Dieses Phänomen hängt aus evolutionsbiologischer Sicht erneut mit der erhöht geforderten Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft in Gefahrensituationen zusammen.

Auch die Umwelt des Menschen beeinflusst die unbewusste Beurteilung der Wahrnehmungsreize, so insbesondere die soziale Rolle oder situative Machtstrukturen. Durch diese Filter nehmen die Sinnesorgane nur einen Teil aller möglichen Reize auf. Im sensorischen Speicher werden Wahrnehmungen auf ihren Nutzen geprüft und treten bei der Erkennung von Nutzen zur Weiterverarbeitung ins Kurzzeitgedächtnis über. Die Weiterverarbeitung entspricht einer Zerstückelung der Informationen in kleine Einheiten. Diese Einheiten werden getrennt verarbeitet und beispielsweise verstärkt, abgemildert oder bewertet, bevor sie wieder zusammengefügt werden.

Eines der kognitiven Beurteilungsprogramme für diesen Prozess ist beispielsweise die Attributdominanz, die ein einzelnes Merkmal zum ausschlaggebenden Faktor für die Meinungsbildung macht. Anhand der Beurteilung durch Irradiation schließt der Mensch von den Eigenschaften eines einzelnen Merkmals auf andere Merkmale und aufgrund des Halo-Effekts bestimmen bereits bestehende Urteile die Beurteilung von neuen Wahrnehmungen und ihren einzelnen Attributen.

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Krankheiten & Beschwerden

Die Beurteilung von Wahrnehmungen kann auf verschiedene Weise gestört sein. Da sie von Erfahrungen und Sozialisation geprägt ist, können beispielsweise traumatische Ereignisse zu einer grotesken Beurteilung von Sinnesreizen führen. Mit solcherlei Wahrnehmungsstörungen beschäftigt sich die Psychologie.

Als Beispiel für eine gestörte Wahrnehmungsbeurteilung ist die Dysmorphophobie zu nennen. Diese körperdysmorphe Störung verursacht eine gestörte Selbstwahrnehmung. Das eigene Erscheinungsbild wird als missgestaltet beurteilt. Die Betroffenen leben mit der Angst vor ihrer scheinbaren Hässlichkeit und reagieren entsprechend absurd auf ihre Umwelt. Viele der Erkrankten besitzen schon vor der Erkrankung eine negative Einstellung zur eigenen Person. In einem solchen Fall sieht der Betroffene im Spiegel, was er letztlich von sich erwartet, nämlich Hässlichkeit. Die Patienten entwickeln einen Hass auf den eigenen Körper und erleben sich im Spiegel immer wieder als grauenvolles “Ich”. Eine realistische Beurteilung der eigenen Person und diesbezüglicher Wahrnehmungen ist ihnen unmöglich.

Ihre Umwelt nimmt die Betroffenen häufig als attraktiv wahr, für die Betroffenen selbst ist das eigene Körperbild jedoch mit Abscheu verbunden. So liegt eine große Diskrepanz zwischen dem Selbstbild und dem Fremdbild vor. In der Öffentlichkeit fühlen sich die Betroffenen oft ständig beobachtet und verachtet, was zu Berührungsängsten mit anderen Personen führt.

Ihre Anfänge nimmt die Krankheit oft in der Pubertät, die die Heranwachsende bezüglich des eigenen Aussehens oft ohnehin stark verunsichert. Teils spielen seelische Verletzungen durch die Umwelt eine gesteigert Rolle bei der Krankheitsentstehung und setzen sich derart fest, dass sie als Beurteilungsfaktor in den Wahrnehmungsfilter eingehen.

Ein ähnliches Beispiel für eine Wahrnehmungsverzerrung des eigenen Selbst, die aufgrund von gestörter Wahrnehmungsbeurteilung stattfindet, ist die Anorexie.

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