Befindlichkeitsstörung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 1. August 2017
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Befindlichkeitsstörungen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Die multiplen Symptome können in praktisch allen Organsystemen auftreten, was die Zuordnung zu bestimmten Krankheitsbildern und eine eindeutige Diagnose häufig erschweren. Befindlichkeitsstörungen ohne objektiven organischen Befund haben in der Medizin keinen Krankheitswert.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Befindlichkeitsstörung?

Befindlichkeitsstörungen, auch als funktionelle Dysfunktion bezeichnet, treten in jedem Lebensalter auf. Bereits Klein- und Schulkinder klagen über Befindlichkeitsstörungen. Das Beschwerdebild ist also einerseits sehr häufig in der ärztlichen Allgemeinpraxis, andererseits sind die Vielzahl der Beschwerden oft schwer einzuordnen, was bei den Betroffenen mitunter eine Vielzahl von Arztbesuchen nach sich zieht.

Typisch sind die Erhebung einer Vielzahl von Grenzbefunden mit körperlichen Untersuchungen Blutuntersuchungen oder bildgebenden Verfahren, ohne dass letztendlich eine medizinische Erklärung für die Symptome gefunden werden kann. Deshalb sind funktionelle Störungen oder Befindlichkeitsstörungen auch volkswirtschaftlich sehr bedeutsam, denn sie treten sehr häufig auf und verursachen dem Gesundheitssystem enorme Kosten.

Der Übergang von Befindlichkeitsstörungen zu sogenannten somatoformen Störungen ist fließend. In fast allen Fällen leiden die Patienten jedoch unter einer vegetativen Labilität, verbunden mit einer fehlgeleiteten Körperwahrnehmung. Diese psychovegetativen Beschwerden sollten trotz des Fehlens einer eindeutigen Ursache therapiert werden, damit es nicht zu einer Chronifizierung kommt.

Ursachen

Die genauen Ursachen von Befindlichkeitsstörungen, die sich als vegetative Labilität oder als vegetative Dystonie äußern, sind bis heute nicht bekannt. Es wird jedoch angenommen, dass es bei dem komplizierten Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele bei jeder Befindlichkeitsstörungen zu einem Ungleichgewicht kommt.

In der Psychiatrie wird heute davon ausgegangen, dass jede sogenannte funktionelle Störung durch unbewältigte, innere Konflikte unterhalten und ausgelöst wird. Damit wäre das Beschwerdebild einer Befindlichkeitsstörung nichts anderes, als ein unzulänglicher Bewältigungsversuch auf somatische, also körperlicher Ebene. Befindlichkeitsstörungen jeglicher Art sind deshalb stets psychosomatisch, wird trotz vielfacher Arztbesuche keine Diagnose erstellt, leidet darunter mit der Zeit auch das Arzt-Patientenverhältnis erheblich.

Patienten mit solchen Befindlichkeitsstörungen sind keine Simulanten, sondern erleben die Symptome real. Chronisch somatisierte Störungen sollten eingehend auch psychiatrisch untersucht werden. Nicht selten können die Ursachen im direkten sozialen Umfeld eines Betroffenen gefunden werden. In Fachkreisen wird auch seit Langem darüber diskutiert, ob auch erbliche Komponenten bei der Entstehung von Befindlichkeitsstörungen berücksichtigt werden müssen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Beschwerden, unter denen Betroffene leiden, sind außerordentlich vielgestaltig und schwer einzuordnen. Zunächst ist es wichtig, dass der behandelnde Arzt trotz fehlender organischer Befunde, sämtliche Beschwerden auf jeden Fall ernst nimmt. Der Patient darf nicht das Gefühl haben, dass nichts Konkretes getan werden kann, nur weil nichts Konkretes gefunden wurde.

Der Charakter des Leidens entspricht unspezifischen Allgemeinsymptomen und wirft deshalb entsprechend diagnostische und therapeutische Probleme auf. Der Altersschwerpunkt von Menschen mit Befindlichkeitsstörungen liegt bei 20 bis etwa 40 Jahren, im höheren Lebensalter geht die Zahl der Patienten deutlich zurück, die Gründe dafür sind allerdings unbekannt. Typische Beschwerden und Anzeichen von Befindlichkeitsstörungen sind stets seelisch oder unspezifisch körperlich.

Ganz konkret kann sich dies äußern als Lustlosigkeit, generelles Unwohlsein, Atemprobleme, Harndrang, Druckgefühl auf der Brust oder das Gefühl, als steckte ein Kloß im Hals. Häufig geschildert werden auch Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Gelenkprobleme sowie Hautjucken.

Betroffene berichten auch von vermehrtem Auftreten von Unentschlossenheit oder ein Nachlassen der Konzentration mit Vergesslichkeit. Da die meisten Symptome einer funktionellen Störung auch Ausdruck eines organischen Leidens sein können, ist die sorgfältige Differenzialdiagnose so wichtig.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Wichtigstes Diagnosekriterium für Befindlichkeitsstörungen jeglicher Art ist das intensive Arztgespräch. Aufgrund der Schilderungen des Patienten sowie des Erhebens von objektiven Befunden mittels Blutuntersuchung, EKG, Röntgen oder Funktionstests wird schnell deutlich, dass keine organische Erkrankung vorliegt.

Typische Verlegenheitsdiagnosen, wie sie dann in der Arztpraxis gestellt werden, lauten beispielsweise vegetative Dystonie, funktionelle Störung, larvierte Depression, multiples Beschwerdesyndrom oder psychovegetative Erschöpfung. Der Krankheitsverlauf ist häufig chronisch mit einer Tendenz zur Verschlimmerung, wobei die psychische Spannkraft und das körperliche Leistungsvermögen immer mehr nachlassen.

Komplikationen

Befindlichkeitsstörungen umfassen ein breites Spektrum, wobei der Übergang zu Krankheiten fließend ist. Eine Befindlichkeitsstörung hat dadurch in der Regel das Potenzial, sich zu einer klinischen Ausprägung zu verschärfen. Zum Beispiel kann sich die depressive Verstimmung ohne Behandlung und ohne Selbsthilfe zu einer voll ausgeprägten (Major) Depression entwickeln.

Hält die depressive Verstimmung lange an, ohne den Schweregrad einer depressiven Episode zu erreichen, kommt auch eine Dysthymie als Diagnose in Frage. Das Gleiche gilt auch für körperliche Befindlichkeitsstörungen. Sie können physischen Erkrankungen vorausgehen oder als Folge von ihnen auftreten.

Für die meisten sozialen Befindlichkeitsstörungen gibt es keine diagnostische Entsprechung. Allerdings kann eine soziale Befindlichkeitsstörung zur psychischen Belastung beitragen und sich dementsprechend entweder in einer körperlichen oder in einer psychischen Befindlichkeitsstörung widerspiegeln. Sozialer Stress und Mobbing führen beispielsweise häufig zu Depressionen, Angststörungen oder somatischen Störungen.

Stress wirkt sich darüber hinaus auf den Körper aus und kann organische Krankheiten hervorrufen oder begünstigen. Wenn eine Befindlichkeitsstörung noch nicht die Schwelle zur Krankheit überschritten hat, ist eine Behandlung oft schwierig. Um Komplikationen und Verschlechterungen zu vermeiden, sind präventive Maßnahmen sinnvoll.

Dazu gehört die persönliche Psychohygiene und ein sorgsamer Umgang mit dem eigenen Körper. Darüber hinaus bieten die gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland verschiedene Präventionsleistungen wie Entspannungskurse, Ernährungsberatung oder Stressbewältigung an.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Anhaltende körperliche Beschwerden sollten stets von einem Arzt überprüft werden – auch dann, wenn sie lediglich schwach ausgeprägt sind. Eine konkrete zeitliche Grenze festzusetzen ist jedoch schwierig. Bei episodisch wiederkehrenden Befindlichkeitsstörungen ist ein Arztbesuch oft ebenfalls sinnvoll, auch wenn die Beschwerden zwischenzeitlich immer wieder verschwinden.

Patienten, die unter schweren Symptomen leiden, sollten den Arztbesuch nicht zu lange hinauszögern. Möglicherweise liegt eine konkrete Ursache für die Beschwerden vor und eine rasche Behandlung ist eventuell erforderlich.

Auch bei psychischen Befindlichkeitsstörungen ist eine diagnostische Abklärung sinnvoll. Kognitive, emotionale oder verhaltensbezogene Symptome können nicht nur auf eine psychische Störung oder eine psychische Befindlichkeitsstörung hindeuten, sondern auch im Rahmen einer körperlichen Erkrankung auftreten. Aus diesem Grund können Betroffene zunächst den Hausarzt oder einen Allgemeinmediziner aufsuchen, um eine mögliche körperliche Ursache zu ergründen.

Sowohl körperliche als auch psychische Befindlichkeitsstörungen stellen nicht immer diagnostizierbare Krankheiten dar.

Wenn kein organischer Grund für die psychischen Befindlichkeitsstörungen gefunden werden kann, ist eventuell ein Besuch bei einem Psychotherapeuten oder Psychiater aufschlussreich. Die Diagnostik ist vor allem ratsam, wenn die psychischen Symptome länger auftreten (zum Beispiel zwei Wochen lang) oder ebenfalls stark ausgeprägt sind.

Auch somatoforme Störungen können psychotherapeutisch behandelt werden. Die Empfehlung einer psychologischen oder psychotherapeutischen Behandlung bedeutet dabei nicht, dass eine Simulation der Symptome vermutet wird.

Behandlung & Therapie

Eine kausale, also ursachenbezogene Therapie, ist wegen der Komplexität der Beschwerden sowie des Fehlens von objektiven körperlichen Befunden nicht möglich. Die langfristigen Folgen einer funktionellen Störung sind aus psychosomatischer Sicht gravierend, daher sollten unbedingt therapiert werden, auch um den oft erheblichen Leidensdruck der Betroffenen zu mildern. Als beste Therapie von Befindlichkeitsstörungen hat sich jedoch die rechtzeitige Vorbeugung erwiesen.

Ein Mensch mit psychosomatischen Störungen ist weder im klassischen Sinne psychisch krank, noch leidet er unter einer Psychose, Neurose oder Hypochondrie. Weil eine seelische Verdrängungsproblematik als Hauptursache von Befindlichkeitsstörungen naheliegt, eignen sich bestimmte Methoden der Psychotherapie zur langfristigen Besserung des Beschwerdebildes.

Bewährt haben sich insbesondere die Gesprächspsychotherapie über einen längeren Zeitraum, tiefenpsychologische Verfahren sowie Verhaltenstherapien. Über Jahre oder Jahrzehnte unbehandelte Befindlichkeitsstörungen können auch zu manifesten Depressionen führen.

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Vorbeugung

Jeder kann bei einem aktiven Lebensstil eine Menge tun, damit es gar nicht erst zum Auftreten von somatoformen Störungen kommt. Ein gesundes soziales Umfeld mit vielen Aussprachemöglichkeiten bietet bereits einen gewissen Schutz. Auch mit der Ernährung kann das Allgemeinbefinden beeinflusst werden, Genussgifte wie Nikotin und Alkohol sollten vermieden werden.

Physikalische Maßnahmen wie Sauna, Wechselduschen oder Trockenbürsten haben sich ebenfalls als hilfreich zur Vorbeugung erwiesen. Neue Ansätze zur Vorbeugung gegen Befindlichkeitsstörungen versprechen sogenannte psychagogische Therapiekonzepte, dabei handelt es sich um eine Synthese aus pädagogischen Anleitungen für den Alltag und Psychotherapie.

Das können Sie selbst tun

Eine Befindlichkeitsstörung sollte von einem Arzt oder Therapeuten diagnostiziert und behandelt werden. Ergänzend zu den schulmedizinischen und therapeutischen Maßnahmen lassen sich psychosomatische Störungen durch verschiedene Selbsthilfe-Maßnahmen lindern.

Abhängig von der Ursache kann bereits eine Umstellung der Lebensgewohnheiten helfen. So lassen sich Stimmungsschwankungen und psychisch bedingte Schmerzen durch Sport und eine gesunde, ausgewogene Ernährung zumindest reduzieren. Auch ein Wechsel des Umfelds oder der Umzug in einen neuen Wohnort können die vielfältigen Beschwerden, die mit einer Störung der Befindlichkeit verbunden sind, lindern. Hierfür ist es allerdings notwendig, dass Betroffene ihre Befindlichkeitsstörung eindeutig als solche erkennen. Ein Beschwerdetagebuch hilft dabei, die eigene Stimmung und Tagesverfassung festzuhalten und zu analysieren. Gespräche mit Freunden und Familie unterstützen die Selbstdiagnose zusätzlich.

Ein wichtiger Schritt zur Behandlung von Befindlichkeitsstörungen ist die Auflösung innerer Konflikte. Dies ist sowohl in Selbsthilfegruppen als auch in psychologischen Beratungsgesprächen möglich. Langfristig müssen die psychosomatischen Auslöser medizinisch abgeklärt und behandelt werden. Durch eine psychologische Beratung zum einen und eine Steigerung der Lebensqualität zum anderen, kann der Umgang mit einer Befindlichkeitsstörung erheblich erleichtert werden.

Bücher über Angststörungen

Quellen

  • Arasteh, K., et. al.: Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013
  • Grüne, S., Schölmerich, J.: Anamnese, Untersuchung, Diagnose. Springer, Heidelberg 2007
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag, Köln 2016

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