Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 25. Oktober 2017
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Unter dem Begriff Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen werden bestimmte Hörminderungen zusammengefasst, die ausschließlich im Bereich der prozessorischen Weiterverarbeitung der auditiven Nervenimpulse lokalisiert sind. Schalleitung und Schallempfindung sind davon nicht betroffen. Die prozessorischen Minderleistungen betreffen beispielsweise Schalllokalisation, das auditive Selektionsvermögen oder das auditive Kurzzeitgedächtnis.

Inhaltsverzeichnis

Was sind Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen?

Der Begriff Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS) wurde im Jahr 2000 von der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP) eingeführt und definiert. Die Schallverarbeitung oder -prozessierung in bestimmten Hirnarealen ist enorm komplex. Die Schallverarbeitung betrifft unbewusste wie auch bewusste Prozesse.

Beispielsweise werden Laufzeitunterschiede des Schalls zwischen rechtem und linkem Ohr und bestimmte Schallbrechungsvorgänge an der Ohrmuschel für die Lokalisierung einer Schallquelle genutzt. Eine weitere wichtige Wahrnehmungsleistung ist die Fähigkeit, unterschiedliche Töne, die gleichzeitig auf das linke und das rechte Ohr treffen, in der Hörbahn voneinander zu differenzieren und dem rechten oder linken Ohr zuordnen zu können.

Wichtig für Spracherkennung ist die Fähigkeit, Wörter innerhalb eines „Schallbreis“ zu erkennen und kurzfristig zu speichern für eine unbewusste Weiterverarbeitung. Bei einer AVWS ist mindestens einer der komplexen Weiterverarbeitungsprozesse eingeschränkt. Das Schallleitungsvermögen im äußeren Ohr und im Mittelohr sowie die Umsetzung der mechanischen Hörimpulse in Nervenimpulse in der Hörschnecke (Cochlea) sind von einer AVWS nicht betroffen.

Ursachen

Die genauen Ursachen, auf die eine AVWS zurückgeführt werden könnten, sind (noch) nicht hinreichend geklärt. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze, die unter Fachleuten diskutiert werden. Die AVWS wird häufig zunächst im Alltag im Sprachgebrauch zuerst auffällig. Es machen sich dann Schwierigkeiten in der Differenzierung verschiedener Konsonanten wie „b“ und „p“ oder „d“ und „t“ bemerkbar.

Auch die Differenzierung zwischen den Silben „da“ und „ta“ oder „da“ und „ba“ verursacht Schwierigkeiten. Da die Diagnose einer AVWS meist mit einer Schallleitungsstörung oder Schallempfindungsstörung assoziiert ist, werden häufige und langanhaltende Mittelohrentzündungen im Kindesalter und Umwelteinflüsse als einer der Ursachenkomplexe diskutiert. Des Weiteren kommen auch Hirnentwicklungsstörungen durch mangelhafte Sauerstoffversorgung während der Geburt und ähnliche Faktoren in Betracht.

In einigen Fällen liegt eine Unter- oder Überforderung des Kindes während der Sprachentwicklung vor, die das Differenzierungsvermögen des Kindes zwischen verschiedenen Lauten verkümmern lassen. Aufgrund festgestellter familiärer Häufungen werden gelegentlich genetische Gründe genannt, die bisher außer durch die statistischen Zahlen nicht mit konkreten Genmutationen erhärtet werden konnten.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Beschwerden und Anzeichen der Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen zeigen sich entweder bereits im frühen Kindesalter während der Phase der Sprachentwicklung oder im fortgeschrittenen Alter. In einer frühen Phase der AVWS macht es Schwierigkeiten, einem Gespräch zu folgen, wen gelichzeitig laute Hintergrundgeräusche zu hören sind.

Es bereitet Probleme, die Sprachinformationen aus dem gesamten Geräuschkomplex herauszufiltern und weiter zu verarbeiten. Typisch für die Phase sind häufiges Nachfragen und Missverständnisse beziehungsweise Wortverwechslungen. Betroffenen Kindern fällt es schwer, dem Unterricht konzentriert zu folgen.

Die Kinder neigen dazu, sich bei starker Geräuschkulisse wie sie beispielsweise in Kindergärten häufig vorherrschen, die Ohren zuzuhalten oder sie verweigern sogar den Besuch des Kindergartens. Auffällig kann auch ein eingeschränktes auditives Gedächtnis in Erscheinung treten, das es schwierig macht, gehörte Sprachinhalte zu merken.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Bei Kindern ist eine periphere Hörstörung, die auf Problemen im Außen-, Mittel- oder Innenohr beruhen und eine ähnliche Symptomatik wie eine AVWS hervorrufen, sehr viel häufiger als die Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung. Das setzt voraus, dass vor der Diagnose zur Vermeidung einer Fehldiagnose Schallleitungs- und Schallempfindungsstörungen sorgfältig ausgeschlossen werden müssen.

Eindeutige Diagnoseverfahren in Form einer Sprachaudiometrie sollten ausschließlich in phoniatrisch-pädaudiologischen Zentren oder bei entsprechend ausgebildeten HNO-Ärzten durchgeführt werden. Die möglichen Störungen, die einer AVWS zugrunde liegen können, werden dabei in unterschiedlichen audiometrischen Verfahren überprüft. Der Krankheitsverlauf hängt von der verursachenden Grunderkrankung ab, die allerdings in den meisten Fällen nicht bekannt ist.

Falls die AVWS bei Kindern während der Sprachentwicklungsphase erkannt wird, stellen sich – unbehandelt – weitere Probleme in der psycho-sozialen Entwicklung ein, weil es aufgrund der Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen zu Lernschwierigkeiten und zu sozialer Isolierung kommen kann. Häufig sind Lese-Rechtschreib-Störungen, Sprachentwicklungsstörungen, Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen mit AVWS assoziiert.

Komplikationen

Bei einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung liegen akustische Verarbeitungsprobleme im Hörnerv vor. Diese Probleme können sich auf Dauer als sehr störend und lästig erweisen, zumal die Therapie in einigen Fällen schwierig ist. Speziell für Schüler hat die Erkrankung diverse Konsequenzen.

Dazu gehören, dass mündliche Aufgaben und Diktate schlecht verstanden werden, ein Hang zur Legasthenie und Unkonzentriertheit, beeinträchtigtes Fremdsprachenlernen oder permanentes Unwohlfühlen in einer lauten Umgebung. Deuten Verhaltens-Auffälligkeiten auf diese Form von Störung hin, sollte eine genaue Diagnose erstellt werden, da es zu einer verzögerten oder unvollständigen Sprachentwicklung kommen.

Die Störung kann rechtzeitig von Kindergarten-Erziehern und Lehrern eingeschätzt und durch Logopäden oder Ergotherapeuten mit Tests verifiziert werden. Die genaue Diagnose stellen Schul-, Kinder- und Jugendpsychologen, sowie Psychiater. Aber auch HNO-Ärzte können die Störungen gezielt diagnostizieren und die Schwere einschätzen, ebenso Pädaudiologen und Kliniken für Phoniatrie.

Menschen mit auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen haben speziell Schwierigkeiten bei der Selektion, Lokalisation und Diskrimination von Geräuschen sowie beim beidohrigen Hören. Zu den Ursachen zählen sowohl medizinische Faktoren (Mittelohr-, Hirnschädigungen) als auch Umwelteinflüsse. Es gibt eine ganze Reihe von audiometrischen Tests (Hörtests), die Aufschluss über das Vorhandensein dieser Erkrankung geben können. Es müssen stets mehrere audiometrische Verfahren angewendet werden, um andere Störungen des auditiv-kognitiven Apparates mit Sicherheit auszuschließen.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Idealerweise sollten Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen direkt dann behandelt werden, wenn sie das erste Mal bei einem Patienten festgestellt werden. Damit können verschiedene weitere Beschwerden im Erwachsenenalter vermieden werden. Vor allem bei Kindern ist eine sofortige Behandlung notwendig, um Mobbing oder Hänseleien zu vermeiden. Die Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen können sich dabei in einer stark verzögerten Entwicklung der Sprache äußern.

Die Betroffenen können dabei einfachen Gesprächen nicht mehr folgen und damit auch nicht aktiv am Alltag teilnehmen. Weiterhin können sich die Patienten durch Hintergrundgeräusche stark gestört fühlen. Auch bei Gereiztheit oder bei einer unerklärlichen Aggressivität des Betroffenen sollte ein Arzt aufgesucht werden. Nicht selten können sich die Patienten einfache Inhalte nicht merken und leiden dadurch an erheblichen Störungen der Entwicklung. Die Lebensqualität der Betroffenen wird durch die Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen deutlich eingeschränkt.

In der Regel wird bei den Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen zuerst ein Kinderarzt oder ein Allgemeinarzt aufgesucht. Weiterhin findet die Behandlung der Störungen selbst und der Grunderkrankung bei einem Facharzt statt. Ein positiver Verlauf der Krankheit kann allerdings nicht in jedem Fall vorausgesagt werden.

Behandlung & Therapie

Die therapeutischen Möglichkeiten für die Behandlung der AVWS bei Kindern beschränken sich im Wesentlichen auf Übungen, die es dem Kind ermöglichen, einige der Defizite zu kompensieren. Psychologische Betreuung des Kindes und der Personen des nächsten Umfeldes wie Eltern, Geschwister, Erzieherinnen und Pädagogen steht dabei im Vordergrund.

Für eine Vielzahl anderer angebotener Therapien, die vor allem auf das Training verschiedenster auditiver Funktionen abzielen wie Hochtontraining oder Ordnungsschwellentraining ist nach derzeitigem wissenschaftlichem Stand nicht empfehlenswert. Computergestützte sprachtherapeutische Programme, die begleitend zur persönlichen Betreuung eingesetzt werden können, können hingegen als hilfreich und zielführend eingeschätzt werden.

Grundsätzlich sollte jegliche Therapie von Zeit zu Zeit auf ihre Wirksamkeit überprüft werden, um sie bei Bedarf neu anpassen zu können. Hilfreich können auch passive Maßnahmen in Form von lärmabsorbierenden Wandverkleidungen im häuslichen Umfeld oder auch im Klassenzimmer sein, falls sich das einrichten lässt.

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Aussicht & Prognose

Die Prognose einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung ist abhängig von den individuellen Ursachen, der Mitarbeit des Patienten und den angebotenen Therapieschritten. Eine mögliche Heilung ist unter optimalen Bedingungen durchaus gegeben.

Zumeist erkranken Kinder an der Störung. Angehörige oder Erzieher bemerken die Beeinträchtigungen und sollten möglichst frühzeitig einen Arzt konsultieren. Je eher eine medizinische Versorgung eingeleitet wird, desto besser ist die Heilungsaussicht.

Die Verarbeitung des Schalls im Gehirns findet nicht umfassend statt und kann mit dem Kind trainiert werden. In vielen Fällen liegen seelische oder emotionale Ursachen vor, die für eine Verbesserung der Genesungsaussicht berücksichtigt werden müssen. Trennungen, Todesfälle oder ein Wechsel des Freundeskreises kann bei einem Kind Traumas auslösen, die nicht verarbeitet wurden. Die Erziehungsmethoden der Angehörigen oder der Umgang der Eltern untereinander sowie mit dem Kind sind ganz entscheidend und stark beeinflussend für eine positive Entwicklung und Heilung.

Bei Missbrauch oder einem Schock benötigt das Kind psychotherapeutische Hilfe. Diese kann mehrere Monate oder Jahre in Anspruch nehmen. In vielen Fällen verschwinden die auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen innerhalb einer stattfindenden Therapie. Unterstützend helfen Techniken zum Stressabbau und Verständnis für die Situation dem Kind immens. Zusätzlich sind gezielte Trainings- und Übungseinheiten wichtig, um keine dauerhaften Beeinträchtigungen zu erleiden.

Vorbeugung

Es sind einige mögliche Ursachenkomplexe in der Diskussion, die möglicherweise für die Auslösung einer AVWS verantwortlich gemacht werden können. Allerdings sind die möglichen Vorgänge, die das Zustandekommen der Erkrankung verursachen, noch nicht hinreichend verstanden. Direkt vorbeugende Maßnahmen, die vor der AVWS wirksam schützen könnten, sind daher nicht existent.

Das gilt im Besonderen, falls die Krankheit durch Genmutationen entstehen sollte. Als mittelbare Vorbeugung gilt eine gesunde Lebensweise, in der neben Stress- auch Ruhephasen eingeplant sind. Das trifft auch für die Ernährung zu, wenn sie mit natürlich belassenen Nahrungsmitteln angereichert ist und zur Stärkung des Immunsystems beiträgt.

Das können Sie selbst tun

Bei Kindern mit auditiven Wahrnehmungsstörungen (AVWS) zeigen sich die Probleme besonders in der Schule. Hier sollten folgende Hinweise beachtet werden, um dem Kind das Lernen zu erleichtern. Ein Platz nah beim Lehrer ist wichtig. Das Kind sollte so sitzen, dass es den Mund des Lehrers gut sehen kann. Ein ruhiger, ausgeglichener Banknachbar sorgt für wenig Ablenkung. In der Klasse kann mit visuellen Hilfsmitteln, beispielsweise einer Lautstärkeampel, und pädagogischem Geschick für ein ruhiges Lernklima gesorgt werden. Es ist wichtig, dass das Kind dem Lehrer signalisieren kann, wann es ihn nicht verstanden hat.

Gespräche zu Hause sollten ohne zusätzliche akustische Ablenker wie Fernseher, Radio oder Telefon stattfinden. Der Blickkontakt zwischen Eltern und Kind ist ein wichtiges Signal dafür, ob das Kind Informationen wahrgenommen hat. An der Reaktion des Kindes ist das erkennbar. Es ist nicht hilfreich, dem Kind etwas hinterher zu rufen. Diese Aussagen verfehlen oft den Empfänger.

Kinder mit AVWS sind häufig nach der Schule sehr erschöpft. Sie benötigen eine Pause, ehe sie mit den Hausaufgaben beginnen. Wichtig ist es, feste Lernzeiten zu vereinbaren und diese konsequent einzuhalten. Die Gefahr ist groß, dass das Kind die Hausaufgaben sonst nicht freiwillig beginnt. Dauern die Hausaufgaben täglich zu lang, sollte das mit dem Lehrer besprochen werden.

Bücher über Auditive Verarbeitungs- & Wahrnehmungsstörungen

Quellen

  • Arnold, W., Ganzer, U.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme, Stuttgart 2011
  • Boenninghaus, H. G., Lenarz, T.: Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Springer, Heidelberg 2012
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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