Athetose

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 26. Oktober 2017
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Als Athetose wird eine Bewegungsstörung bezeichnet. Sie zählt zu den Hyperkinesien.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Athetose?

Mediziner verstehen unter der Athetose eine Form von Bewegungsstörung. Sie gehört der Gruppe der extrapyramidalen Hyperkinesien an. Dabei leiden die betroffenen Personen an ihren Gliedmaßen unter langsam und unkontrolliert ablaufenden Bewegungen, die schraubenartig sind. Besonders betroffen davon sind die Hände. Bei den meisten Patienten kommt es außerdem zu einer Chorea. Dabei handelt es sich um eine Bewegungsunruhe, die mit unwillkürlichen, raschen Muskelkontraktionen einhergeht. In der Medizin wird dieser Vorgang als Choreaathetose bezeichnet.

Am häufigsten zeigt sich die Athetose bei Kindern. Als typisches Merkmal der Bewegungsstörung gelten bizarre Fehlstellungen, die sich abwechseln. Darüber hinaus erfolgt eine unnatürliche Überdehnung der Gelenke. Die Athetose kann sowohl nur an einer Seite des Körpers auftreten, was als Hemiathetose bezeichnet wird, als auch an beiden Körperhälften (Athetose double). Von einigen Fachleuten wird die Athetose lediglich als distale Dystonie oder langsame Chorea betrachtet. In den meisten Fällen geht die Bewegungsstörung mit weiteren neurologischen Symptomen einher.

Ursachen

Verursacht wird eine Athetose samt Chorea durch eine Schädigung der Basalganglien Pallidum und Striatum. Bei Basalganglien handelt es sich um Kerne aus der grauen Substanz des Gehirns. Sie befinden sich unter der Großhirnrinde. Ihre Hauptfunktion besteht im Regulieren der Motorik. Das Striatum (Streifenkörper) wird aus dem Schweifkern (Nucleus caudatus) sowie dem äußeren Linsenkern (Putamen) zusammengesetzt.

Hirnschädigungen, die eine Athetose zur Folge haben, finden bereits im frühen Kindesalter statt. Eine häufige Ursache ist die Bilirubinenzephalopathie (Kernikterus). Im zentralen Nervensystem von Babys kommt es dabei aufgrund eines überdurchschnittlichen Anstiegs von Bilirubin, welches eine Abbausubstanz des roten Blutfarbstoffes bildet, zu einer erheblichen Schädigung. Ein weiterer frühkindlicher Auslöser ist Morbus Little. Diese schwere Schädigung des Gehirns erfolgt schon vor oder im Rahmen der Geburt.

Mögliche Gründe dafür sind Komplikationen während der Schwangerschaft, Infektionen, an denen das Gehirn beteiligt ist, Gefäßverschlüsse in der Hirnregion oder ein Mangel an Sauerstoff. Aber auch bei erwachsenen Menschen kann eine Athetose auftreten. Dabei handelt es sich zumeist um eine Hemiathetose. Sie entsteht durch einen Linsenkerninfarkt, eine spezielle Form des Schlaganfalls. Dieser kommt durch eine spontane Minderdurchblutung von Pallidum und Putamen zustande.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das Hauptmerkmal der Athetose bildet eine Störung der tonischen Koordination. Diese führt zu hyperkinetischen Bewegungsabläufen. Der Patient übt unkontrollierte, langsame und schraubende Bewegungsabläufe an seinen Händen, Armen und Beinen sowie am Rumpf aus. Die Bewegungen des Körpers erfolgen unwillkürlich. Darüber hinaus kommt es zu Muskelzuckungen. Aufmerksamkeit und psychische Erregung verstärken die Bewegungsunruhe noch. Dagegen sind beim Schlafen meist keine unruhigen Bewegungen zu verzeichnen.

Die Bewegungsabläufe haben oftmals eine Schraubenform und erfolgen wahllos. Stark betroffen davon sind Hände, Hals und Gesicht. Als typische Symptome gelten das Spreizen der Finger, Grimassieren und Verzerren des Mundes sowie Überstreckungen der Hände, die bizarr wirken. Weitere Auffälligkeiten sind eine verkrampfte Haltung des Nackens, drehende Bewegungen mit dem Kopf sowie erhöhter Speichelfluss. Der Patient läuft stolpernd und überschießend. Nicht selten kommt es zu einer Kombination aus Athetose und Spastik. Bei manchen Gelenken besteht durch die Überbeweglichkeit das Risiko einer Luxation (Ausrenkung).

Diagnose & Krankheitsverlauf

Liegt bei einem Kind aufgrund von motorischen Auffälligkeiten oder bizarren Handfehlstellungen der Verdacht auf eine Athetose vor, sollte ein Arzt zu Rate gezogen werden. Das Gleiche gilt für Erwachsene, die ungewöhnliche Bewegungsstörungen an sich bemerken.

Erster Schritt der Diagnostik ist das Überprüfen der Krankengeschichte des Patienten. Dabei werden die Eltern des Kindes nach den Beschwerden und möglichen Vorerkrankungen befragt. Danach nimmt der Arzt eine körperliche Untersuchung vor. Außerdem bedient er sich bildgebender Methoden, um nach eventuellen Schädigungen des Gehirns zu suchen, die für die Bewegungsstörung verantwortlich sein könnten. Je nachdem, welche Ursache sich für die Athetose ergibt, sind noch weitere Untersuchungen denkbar.

Eine Athetose führt bei Kindern im weiteren Verlauf häufig zu kommunikativen Missverständnissen, die durch Sprachstörungen sowie unwillkürliche Gestik und Mimik hervorgerufen werden. Infolgedessen sind emotionale Störungen des Kindes denkbar. Außerdem verzögert sich die sensomotorische Entwicklung, wodurch die Betroffenen erst spät oder nur mit Hilfsmitteln gehen können.

Komplikationen

Die Athetose wirkt sich sehr negativ auf den Alltag des Patienten aus und kann dessen Leben relativ stark einschränken. Hier kommt es zu sehr schnellen und unkontrollierten Bewegungen, die der Patient nicht selbst steuern kann. Dies kann vor allem bei Kindern zu starken Problemen führen, da diese aufgrund der Athetose gemobbt oder gehänselt werden.

In diesem Falle kommt es zu Depressionen und anderen psychischen Einschränkungen. Durch die Athetose ist der Alltag des Betroffenen eingeschränkt, viele Tätigkeiten können nicht ausgeführt werden. Oft kommt es neben der Bewegungen auch zu einem unkontrollierten Speichelfluss und zu bizarren Bewegungen oder Überstreckungen der Gliedmaßen. Durch die Athetose kann der Patient dabei unwillkürlich seine Gelenke oder Gliedmaßen ausrenken.

Eine direkte Behandlung ist bei der Athetose nicht möglich, sodass es hier zu keinen weiteren Komplikationen kommt. Allerdings ist es möglich, die bizarren Bewegungen einzuschränken und auch die Atmung des Betroffenen zu kontrollieren und zu beruhigen. Durch bestimmte Therapien können auch soziale Probleme behandelt werden, sodass es hier im höheren Alter zu keinen Beschwerden oder Problemen kommt.

Die Athetose wirkt sich allerdings nicht negativ auf die Lebenserwartung aus. Allerdings benötigen vor allem Kinder mit Athetose eine spezielle Behandlung, um sozial nicht ausgeschlossen zu werden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei einer Athetose muss in jedem Fall ein Arzt aufgesucht werden. Es kommt bei dieser Krankheit nicht zu einer Selbstheilung und die Betroffenen sind dabei auf jeden Fall auf eine ärztliche Behandlung angewiesen. Ohne Behandlung kann es auch zu einer Überstreckung oder zu einer Ausrenkung der Gelenke kommen. In der Regel stellen unwillkürliche Bewegungen und Zuckungen der Muskeln oder der Gelenke Beschwerden der Athetose dar und sollten untersucht werden. Auch Krämpfe und Schmerzen können dabei in den betroffenen Regionen auftreten.

Nicht selten leiden die Betroffenen bei der Athetose auch an Störungen der Aufmerksamkeit und der Konzentration und können zum Beispiel dem Unterricht nicht folgen. Ebenso sollte ein Arzt bei einer Überstreckung der Hände oder der Beine aufgesucht werden. Auch ein erhöhter Speichelfluss stellt ein Symptom der Athetose dar und muss von einem Mediziner untersucht werden. Nicht selten leiden die Betroffenen auch an verschiedenen Spastiken und damit an deutlichen Einschränkungen in ihrem Leben. In erster Linie kann dabei zur Diagnose der Allgemeinarzt aufgesucht werden. Die weitere Behandlung der einzelnen Beschwerden erfolgt dann durch einen entsprechenden Facharzt.

Therapie & Behandlung

Für die Behandlung einer Athetose stehen nur begrenzte Möglichkeiten zur Verfügung. Primäres Ziel der Therapie ist es, die Haltungskontrolle zu verändern, indem die unwillkürlichen Bewegungen willkürlich gesteuert werden. Gleichzeitig gilt es, die Atmung des Patienten zu verbessern und seine Kommunikation zu unterstützen. Wichtig sind außerdem das Fördern der Fortbewegung, wobei auch Hilfsmittel zum Einsatz kommen können, und das Erleichtern der Nahrungsaufnahme. Weiterhin sollen sensomotorische sowie emotional-soziale Folgeschäden verhindert werden.

Als beste Methode zur Bekämpfung der Bewegungsstörung gelten krankengymnastische Übungen. Dazu gehört in erster Linie die sogenannte Bobath-Methode. Das Bobath-Konzept wurde 1943 von der deutschen Physiotherapeutin Berta Bobath (1907-1991) und ihrem Mann, einem Neurologen, speziell für Kinder und Erwachsene, die an neurologischen Erkrankungen leiden, entwickelt.

Die Methode umfasst besondere Übungen, die zum Erlernen von natürlichen Haltungen und Bewegungen dienen. Einige Patienten erhalten auch eine medikamentöse Therapie. Dabei werden Präparate wie Clonazepam, Haloperidol und Tiaprid verabreicht. Auf diese Weise soll eine positive Beeinflussung der Athetose erreicht werden.

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Aussicht & Prognose

Die Prognose einer Athetose ist wenig optimistisch. Eine Genesung der Beschwerden tritt bei der Erkrankung nicht auf. Die Hirnschädigungen können nach dem derzeitigen wissenschaftlichen Stand nicht geheilt werden. Eine Linderung der Symptome ist jedoch in einigen Bereichen möglich und wird erfolgreich praktiziert.

Das Ausmaß der Verbesserungen ist individuell und von der Schwere der Erkrankung abhängig. Im Behandlungsplan sind meist Krankengymnastik, Ernährungsberatung und Psychotherapie vorgesehen. Die Stärkung der Muskulatur und das Training der Bewegungsabläufe hilft dabei, um im Alltag ein verbessertes Wohlbefinden zu erleben. Mit einer gesunden und optimal abgestimmten Ernährung kann bei dem Patienten ebenfalls eine Zunahme der Lebensqualität beobachtet werden. Sie ist auf die Bedürfnisse des Körpers und damit auf die der Muskulatur sowie des Immunsystems abgestimmt.

Emotionale und seelische Thematiken werden von einem Therapeuten aufgegriffen. Da die Lebenszeit mit einer Athetose verkürzt ist, eine soziale Ausgrenzung droht und häufig Depressionen entstehen, hilft die therapeutischen Begleitung bei der Bewältigung und Verarbeitung der Gegebenheiten im Alltag. Zusätzlich ist eine Umstrukturierung der häuslichen Situation hilfreich, um das Wohlbefinden zu stärken. Gezielte Übungen und Hilfsmittel, die das Erlernen von natürlichen Körperhaltungen und Bewegungsabläufen fördern, dienen dem Patienten bei der Bewältigung des Alltags. Darüber hinaus bewirkt die medikamentöse Behandlung eine Linderung einiger Beschwerden.

Vorbeugung

Maßnahmen, die zur Vorbeugung der Athetose dienen, sind nicht bekannt. Umso wichtiger ist das rasche Beginnen einer Therapie, sobald sich die ersten Anzeichen der Bewegungsstörung zeigen.

Das können Sie selbst tun

Da Athetose nicht heilbar ist, sind die Betroffenen dazu gezwungen, sich mit der Erkrankung abzufinden. Je früher dies geschieht, umso besser kann damit umgegangen werden. Hier haben sich Selbsthilfegruppen als hilfreich erwiesen, in der die Patienten ihre Erfahrungen und Alltagstipps austauschen. Weiterhin sorgen spezielle krankengymnastische Übungen für Erleichterung. Diese halten Bänder, Muskeln und Gelenke geschmeidig. Weiterhin verbessern sie die Haltung und Atmung. Die unterstützten Bewegungsmuster können zum Teil auch zu Hause durchgeführt werden. Geeignet ist vor allem die sogenannte Bobath-Methode, die sich auf spezielle Bewegungsübungen konzentriert, in der natürlich Haltungs- und Bewegungsmuster neu erlernt werden.

Eine ausgewogene und möglichst entspannte Lebensweise – hinsichtlich Ernährung und Tagesverlauf – sind ebenfalls angezeigt. Da sich Bewegungen nur schwer ausführen lassen, sollte die Wohnsituation entsprechend angepasst werden (Stichwort Treppen). Etwaige Hilfsmittel können auch bei der Krankenkasse beantragt werden. Die Nachfrage dort ist in jedem Fall lohnenswert.

Gegen aufkommende Depressionen hilft der Kontakt mit weiteren Betroffenen, aber auch mit Mut machenden Menschen aus dem normalen Umfeld. Ein großer Fehler wäre der Rückzug aus dem Leben und die selbstgewählte Isolation. Dies würde nur bewirken, dass sich die Betroffenen ausschließlich auf ihre Krankheit konzentrieren und wenig Freude haben im Leben.

Bücher über Neurologie

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Klingelhöfer, J., Berthele, A.: Klinikleitfaden Neurologie. Urban & Fischer, München 2009

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