Anticholinerges Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 10. November 2017
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Das Anticholinerge Syndrom ist eine Art Vergiftungserscheinung mit neurologischen Symptomen. Die häufigsten Ursachen sind Medikamentenübersdosierungen oder Opiatkonsum. Zur Behandlung stehen neben einer Magenspülung die Diurese oder eine Therapie mit Aktivkohle zur Verfügung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Anticholinerge Syndrom?

Der Begriff „anticholinerg“ bedeutet der Wirkung von Acetylcholin entgegen gerichtet. Acetylcholin ist ein Neurotransmitter. Über diesen Botenstoff werden viele Reize innerhalb des zentralen und peripheren Nervensystems übermittelt. Die Kontraktionen der Skelettmuskulatur werden zum Beispiel über diesen Stoff in Auftrag gegeben und realisiert. Zusätzlich dient der Botenstoff als Signalstoff innerhalb der sympathischen und parasympathischen Gehirnregionen.

Beim Anticholinergen Syndrom ist diese Signalübermittelung gestört. Der Parasympathikus schaltet sich in Folge des Phänomens fast ganzheitlich ab. In der Regel tritt diese Erscheinung durch das Konsum von Giftsubstanzen ein. Damit ist das anticholinerge Syndrom eine Art Vergiftungserscheinung. Neurologische Symptome prägen das Bild des Syndroms. Manchmal ist in diesem Zusammenhang auch von bewusstseinsverändernden Wirkungen die Rede.

Ursachen

Am häufigsten tritt das Anticholinerge Syndrom im Rahmen von Medikamentenüberdosierungen auf. Zum Teil ist aber auch das Konsum von Nachtschattengewächsen für die Erscheinung verantwortlich. Unter den Medikamenten wirken sowohl Antidepressiva und Neuroleptika, als auch Antihistaminika und Hyoscyamin anticholinerg. Unter den Nachtschattengewächsen haben vor allem die Tollkirsche, die Engelstrompete und das Bilsenkraut oder der Stechapfel antocholinerge Wirkung.

Die genannten Pflanzen und Medikamente enthalten Antagonisten zum Neurotransmitter Acetylcholin und zeigen deshalb hemmende Wirkung auf den Parasympathikus. In Nachtschattengewächsen ist für die hemmende Wirkung vor allem das hoch giftige Tropan-Alkaloid Atropin verantwortlich. Dieser Stoff tritt im Organismus mit Acetylcholin in Konkurrenz und verdrängt die Acetylcholinrezeptoren. Damit antagonisiert Atropin die Effekte des natürlichen Acetylcholin und stört das Bewusstsein.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten mit dem anticholinergen Syndrom fühlen sich in der Regel verwirrt und desorientiert. Neben Angst und Unruhe treten oft Krampfanfälle ein. Auch auditive und visuelle Halluzinationen oder allgemeine Bewegungsstörungen zählen zu den Symptomen.

Diese Symptome des Syndroms bilden eine eigene Form des Phänomens aus, die oft als delirante Form bezeichnet wird. Davon zu unterscheiden ist die somnolente Form. Sie äußert sich in Schläfrigkeit bis hin zum Koma. Im Extremfall tritt ein Atemstillstand ein. Beide Formen des Phänomens können von Begleitsymptomen, wie trockener, geröteter oder erhitzter Haut begleitet werden. Oft tritt bei beiden Fieber ein.

Die Schweißproduktion kann sich verringern und die Pupillen weiten sich. Glaukomanfälle oder verschwommene Sicht kommen ebenso häufig vor. Andere Begleitsymptome sind Schluckstörungen, Herzrhythmusstörungen und Mundtrockenheit durch verminderte Speichelproduktion. Zusätzlich sind oft der Magen-Darm-Trakt und die Blase durch die Vergiftung gehemmt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der Arzt unterscheidet zwischen einem peripheren und einem zentralen anticholinergen Syndrom. Peripher und zentral beziehen sich in diesem Zusammenhang auf die jeweilige Beteiligung des Nervensystems. Das periphere anticholinerge Syndrom äußert sich so beispielsweise vorwiegend in Hypertonien der Skelettmuskulatur. Die zentrale Form kann dagegen starke Wesensveränderungen und Bewusstseinstrübungen beinhalten, da sie den zentralnervensystemischen Wahrnehmungsapparat angreift.

Der Verlauf der Vergiftungserscheinung hängt stark von der Form ab. Die somnolente Form des Syndroms ist prognostisch in der Regel weniger günstig, als die delirante Form. Meist weisen Patienten des anticholinergen Syndroms nichts alle Symptome zusammen auf. Oft sind ihre Beschwerden unspezifisch. Das Syndrom lässt sich daher nur schwer diagnostizieren, solange die Anamnese es nicht nahe legt.

Sowohl Hirnblutungen als auch Entzündungen im Gehirn können sich in ähnlichen Symptomen bemerkbar machen. Der Physostigimin-Test kann den Verdacht auf ein anticholinerges Syndrom allerdings bestätigen. Die Prognose ist grundsätzlich gut, solange das Syndrom frühzeitig erkannt wird. Bleibende Schäden sind in der Regel nicht zu erwarten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Sollte nach der Einnahme von Antidepressiva, Neuroleptika und Antihistaminika oder dem Konsum von Nachtschattengewächsen eine bleibende Verwirrtheit oder Desorientierung auftreten, muss umgehend ein Arzt konsultiert werden. Weitere Warnzeichen für das anticholinerge Syndrom sind Krampfanfälle, Angst und Unruhe sowie allgemeine Bewegungsstörungen und visuelle und auditive Halluzinationen. Charakteristisch sind auch die typischen Begleitsymptome: Mundtrockenheit, Schluckstörungen, Halsschmerzen, Fieber und eine stark verringerte Schweißproduktion.

Auch äußerliche Merkmale wie geweitete Pupillen und eine gerötete, trockene Haut sollten auf direktem Weg zum Arzt führen. Der Mediziner kann die Erkrankung anschließend diagnostizieren und feststellen, ob es sich um die delirante oder die somnolente Form handelt. Die weitergehende Behandlung (Magenspülung und Medikamentengabe) sollte umgehend erfolgen. Es empfiehlt sich darum, beim Verdacht auf das anticholinerge Syndrom unverzüglich den Allgemeinarzt oder das Krankenhaus zu konsultieren. Bei starken Krampfanfällen, Atembeschwerden oder Bewusstlosigkeit muss der Notarzt gerufen werden. Bis die medizinische Hilfe eintrifft, müssen mitunter weitere Maßnahmen zur ersten Hilfe getroffen werden.

Komplikationen

Aufgrund der Komplexität des Syndroms fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Dabei wird zwischen dem zentralen sowie peripheren anticholinergen Syndrom differenziert. Letzteres zeigt sich an Harnverhalt, Darmverstopfung, akuten Kreislaufproblemen, vergrößerten Pupillen, Hautreizungen und trockenem Mund. Das zentrale anticholinerge Syndrom betrifft ausschließlich Gehirn und Rückenmark.

Zu den Symptomen gehören eine Minderung der Wahrnehmung, Aggressivität, Rastlosigkeit sowie Halluzinationen. Patienten, die nach der Medikamenteneinnahme Beschwerden zeigen, gehören unverzüglich in ärztliche Behandlung. Die Komplikationsfolgen reichen von Schwindelgefühlen über zerebralen Funktionsstörungen, Hirndruck, Hirnblutung, viröser Hirnentzündung bis hin zum erhöhten Schlaganfallrisiko.

Patienten mit Wasserkopf sind zudem eher gefährdet dem Anticholinergen Syndrom zu erliegen sowie Patienten mit Anfallsleiden. Sofern bereits eine Bewusstlosigkeit eingetreten ist, gehört der Betroffene zur Überwachung auf die Intensivstation. Ist die Medikamentenunverträglichkeit geklärt, wird dem Betroffenen ermöglicht, die verursachende Substanz mittels Infusion oder Aktivkohle auszuscheiden. Physostigmin wird nur im Notfall verabreicht, da es weitere Nebenwirkungen beinhaltet. Nach der Behandlung müssen die Betroffenen die verursachenden Präparate meiden.

Behandlung & Therapie

Bei Halluzinationen oder extremer Unruhe muss ein Patient mit dem anticholinergen Syndrom unter Umständen fixiert werden, damit er sich selbst nicht verletzen kann. Die Fixierung dient auch dem Schutz des behandelten Personals. Das anticholinerge Syndrom kann unter Umständen nämlich auch mit Aggression nach außen verbunden sein. Als Gegenmittel lässt sich eventuell Physostigmin verabreichen.

Die Gabe dieses Gegenmittels erfolgt meist über einen Perfusor. Diese Gabe muss unter strenger Beachtung der Nebenwirkungen und Kontraindikationen erfolgen. Bei schweren Fällen des anticholinergen Syndroms muss der Patient intensivmedizinisch überwacht und versorgt werden. Über eine künstlich forcierte Diurese kann der Arzt gegebenenfalls die Ausscheidung der Gifte beschleunigen. Durch verschiedene Verfahren kann er so die Nieren zur Arbeit anregen.

Wenn der Nutzen für den Patienten das Risiko einer Magenspülung übersteigt, dann können auch Maßnahmen zur Magenentleerung in die Wege geleitet werden. Speziell für bewusstlose oder bewusstseinsgetrübte Patienten ist eine Magenspülung häufig angezeigt. Mithilfe von Aktivkohle kann der Magen-Darm-Trakt des Patienten eventuell auch daran gehindert werden, die Gifte weiterhin in das Blut zu absorbieren.

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Aussicht & Prognose

Die Prognose des anticholinergen Syndroms gilt als gut. Sobald die Ursache erkannt, behandelt und behoben wurde, kommt es zu einer Heilung und vollständigen Beschwerdefreiheit. Je eher eine Diagnose erfolgt und eine Behandlung beginnt, desto schneller ist der Heilungsverlauf. Innerhalb weniger Stunden nach dem Therapiebeginn sind bereits deutliche Besserungen des Gesundheitszustandes erkennbar.

In den kommenden Tagen werden die überdosierten Wirkstoffe aus den Medikamenten nahezu vollständig aus dem Körper abtransportiert. Die aggressiven Tendenzen lassen nach und Symptome wie Halluzinationen sowie Wahn treten nicht mehr auf. Nach wenigen Wochen der medizinischen Versorgung sind viele Patienten körperlich bereits vollumfänglich und dauerhaft geheilt. Die Erholungsphase nach der Erkrankung nimmt in vielen Fällen noch einige Zeit in Anspruch, aber ein Rückfall gilt als eher unwahrscheinlich. Der Körper benötigt lediglich einige Zeit zum Aufbau der Kräfte.

Bei einer schwerwiegenden Ausprägung des anticholinergen Syndroms können in Ausnahmefällen dauerhafte Schäden des Gehirns vorhanden sein. Diese können zu bleibenden Veränderungen der Persönlichkeit oder zur Ausbildung anderer psychischer Erkrankungen führen. Dennoch ist das Risiko von dauerhaften Beeinträchtigungen als äußerst gering einzustufen. Schwerwiegender können die Folgeerkrankungen sein. Psychische Belastungen, Angst und Traumata sind möglich. Die Erkrankungen mindern das Wohlbefinden. Für eine Heilung wird oftmals eine Psychotherapie benötigt.

Vorbeugung

Dem anticholinergen Syndrom lässt sich über die richtige Dosierung von Medikamenten und die Meidung der weiter oben genannten Gifte vorbeugen. Speziell vom Konsum aller Opiate, Atropin oder atropinhaltigen Substanzen ist abzusehen. Nach einem anticholinergen Syndrom in Folge von Medikamentengabe sollte der Patient wenn möglich nie wieder mit den verursachenden Substanzen in Kontakt gebracht werden.

Das können Sie selbst tun

Menschen mit dem Anticholinerges-Syndrom sollten stets Traubenzucker, Blutdruckmessgerät und Blutzuckeranzeiger griffbereit im Haushalt haben. Bei einem Anfall aufgrund dieses Syndroms müssen sie unverzüglich einen Krankenwagen herbeirufen. Die starken Bewusstseinsstörungen können verzögert werden, indem der Betroffene sich am besten an das geöffnete Fenster setzt, und möglichst viel reines Wasser oder abführenden Tee zu sich nimmt. Tabletten sind in jedem Fall zu vermeiden. Häufig kann der Kreislauf mit ballaststoffreicher Nahrung noch im stabilen Zustand gehalten werden.

Anticholinerges-Syndrom Gefährdete sind gut beraten, einem häufig erreichbaren Nachbarn einen Zweitschlüssel zu geben. Auch regelmäßige Telefonate und möglichst mehrmals täglicher Besuch sollten dem Betroffenen Sicherheit vermitteln, dass er im Falle eines ernsthaften Anfalls schnell Hilfe erhält. Da derartig erkrankte Menschen in der Krankheitssituation nur auf der Intensivstation richtige Behandlung finden, ist auch für Dritte die gepackte Tasche genauso sichtbar zu platzieren, wie eine Telefonliste für Notfälle.

In therapeutischer Behandlung kann frühzeitig richtige Atemtechnik erlernt werden. Ebenso können Entspannungsübungen trainiert werden, dass die Körperfunktionen im Notfall sofort auf Reserve schalten, damit weitere Vergiftungserscheinungen sich nicht noch verschlimmern. Auch hierbei können psychologische Therapeuten im Vorfeld hilfreiche Unterstützung leisten. Außerdem ist der Gang zum Ernährungsberater angeraten, um mit Nahrung den Stoffwechsel langfristig ins Gleichgewicht zu bringen.

Bücher über Innere Unruhe & Nervosität

Quellen

  • Alexander, K. et al.: Thiemes Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 1999
  • Diener, H.-C., et al.: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012

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