Anterograde Amnesie

Medizinische Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher (Facharzt für innere Medizin) am 12. Juli 2017Geprüfte Qualität
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Eine anterograde Amnesie ist dadurch gekennzeichnet, dass die Speicherfähigkeit beziehungsweise Merkfähigkeit für neue Ereignisse ab dem Zeitpunkt der Erkrankung oder der Hirnverletzung vollkommen aussetzt oder zumindest sehr stark vermindert ist. Eine anterograde Amnesie wird entweder durch Läsionen an bestimmten Hirnregionen verursacht oder durch degenerative Prozesse der Neuronen in bestimmten Hirnregionen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist anterograde Amnesie?

Bei der anterograden Amnesie handelt es sich im engeren Wortsinn um eine Gedächtnisstörung für neue speicherwürdige Ereignisse ab dem Zeitpunkt der verursachenden Erkrankung oder Verletzung. Das bedeutet, dass Ereignisse, die zeitlich nach dem Eintritt der anterograden Amnesie auch nicht mehr retrograd, also in der Vergangenheit liegend, memoriert werden können.

Die bekanntesten Krankheiten, die allmählich oder progressiv zur anterograden Amnesie führen, sind alle Formen von Demenzerkrankungen wie beispielsweise Morbus Alzheimer. In der Regel können neue speicherwürdige Ereignisse nur noch für wenige Sekunden bis wenige Minuten abrufbar gespeichert werden.

Die Amnesie betrifft in erster Linie das episodische Gedächtnis, in dem alle verfügbaren Sinneseindrücke eines Ereignisses zusammen abgespeichert werden. Das motorische Gedächtnis, in dem die Fähigkeiten zu komplexen Bewegungen wie aufrechtes Gehen gespeichert und unbewusst abgerufen werden können, sind häufig von der Amnesie zunächst nicht betroffen.

Ursachen

Drei verschiedene Ursachenkomplexe können eine anterograde oder retrograde Amnesie auslösen. Der erste Ursachenkomplex betrifft neurodegenerative Krankheitsprozesse, in deren Verlauf es durch Abbauprozesse zu Schädigungen bestimmter Nervenareale im Gehirn kommt, die immer mit Funktionseinschränkungen oder sogar totalem Funktionsverlust verbunden sind.

Die Funktionseinschränkungen äußern sich nicht nur durch eine anterograde Amnesie, sondern auch immer durch Demenzerscheinungen. Eine der bekanntesten neurodegenerativen Krankheiten ist Morbus Alzheimer. Auch Hirnhautentzündungen (Meningitis) und Entzündungen der Nervenzellen im Gehirn (Enzephalitis) können die Ursache für eine Amnesie sein.

Der zweite Ursachenkomplex betrifft Läsionen, die bei Kopfverletzungen oder Schlaganfällen bestimmte Hirnregionen betreffen und zu einem irreversiblen Totalausfall des episodischen Gedächtnisses führen können. Eine anterograde Amnesie ist meist mit einer Läsion der beiden Hippocampi verbunden. Es handelt sich um Hirnstrukturen, die sich in den beiden Schläfenlappen befinden. Allerdings sind auch einige Kerne im Zwischenhirn (Diencephalon) für das Speichern und Abrufen von Erinnerungen wichtig.

Wenn sie beispielsweise durch einen Schlaganfall funktionsbeeinträchtigt sind, kann sich eine anterograde Amnesie einstellen obwohl der Speicherort für Gedächtnisinhalte nicht betroffen ist. Ein dritter Ursachenkomplex für Amnesien sind starke psychische Erlebnisse, die zu einer zeitweisen oder anhaltenden Amnesie führen können.

Eine Sonderrolle nehmen Nervengifte (Neurotoxine) ein, die je nach Art und Dosis ein weites Spektrum von reversiblen oder irreversiblen Schäden der Hirnnerven verursachen können. Teilweise werden Nervengifte sogar medizinisch genutzt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Ein Verdacht auf Vorliegen einer anterograden Amnesie äußert sich meist dadurch, dass neu eingetretene Ereignisse oder bestimmte, häufig genutzte Wörter und Begriffe nicht mehr erinnert werden. Wichtig für eine erste Beurteilung ist ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt (Anamnese), an dem bei Bedarf auch ein Angehöriger teilnehmen sollte. Es stehen einfache standardisierte Gedächtnistests zur Quantifizierung der eventuell vorliegenden anterograden Amnesie zur Verfügung.

Im positiven Fall sollte während der Anamnese nach Möglichkeit abgeklärt werden, ob sich der anterograde Gedächtnisverlust plötzlich nach einem bestimmten Ereignis eingestellt hat oder ob es sich um einen allmählichen Verlauf handelt. Eine fundierte Anamnese führt zu ersten Verdachtsmomenten auf eine mögliche Verursachung der Amnesie. Es können sich dann Blutuntersuchungen anschließen, die auf mögliche Erreger einer Enzephalitis oder Meningitis hindeuten oder auf mögliche Intoxikationen.

Zur Abklärung der Durchblutungssituation im Gehirn kann die Single-Photon-Emissions-Computertomografie (SPECT) Erkenntnisse liefern. Zusammen mit der Messung der Hirnströme (EEG) können sich Hinweise auf Epilepsie oder Morbus Alzheimer ergeben. Weitere bildgebende Verfahren wie die Computertomografie (CT) oder Kernspintomografie (MRT) erlauben Rückschlüsse auf das Vorliegen von Einblutungen, Tumoren oder anderen Verletzungen.

Komplikationen

Die anterograde Amnesie kann den Alltag eines Patienten stark einschränken und dabei die Lebensqualität verringern. In der Regel kann sich der Betroffene sehr schlecht oder gar nicht an Ereignisse erinnern, die nach einem bestimmten Unfall vorgefallen sind. Dadurch wird das Leben stark eingeschränkt. Der Betroffene ist auf die Hilfe von anderen Menschen angewiesen.

Auch ist das Sprechvermögen eingeschränkt, da sich der Patient an verschiedene Wörter nicht mehr erinnern kann. Dazu gehören auch Namen oder andere Daten von Bekannten oder der Familie. Oft ist es für den Patienten auch nicht möglich, sich an die eigene Adresse zu erinnern, weswegen diese auf fremde Hilfe angewiesen sind.

Sollte die Amnesie durch eine Tumorerkrankung hervorgerufen werden, so können daraus einige Komplikationen entstehen. Eine vollständige Heilung ist dabei nicht in jedem Fall möglich. Bei einer Meningitis werden die Erreger durch Medikamente bekämpft, sodass die Amnesie stark zurückgeht und es in der Regel zu keinen weiteren Komplikationen kommt.

Sollte diese schon fortgeschritten sein, kann ihr Verlauf zumindest gestoppt werden. Meistens werden auch Behandlungen zur Stressreduzierung und Entspannung vorgenommen, um die geschädigten Areale im Gehirn zu aktivieren und der Funktion zu fördern.

Ab wann sollte man zum Arzt gehen?

In den meisten Fällen wird diese Krankheit schon direkt durch einen Arzt diagnostiziert, wenn es zur Verletzung am Gehirn gekommen ist. Die Betroffene Person kann dabei nicht mehr richtig sprechen und leidet an Wortfindungsstörungen. Auch Beschwerden mit dem Gedächtnis oder Schwierigkeiten bei einfachen Denkaufgaben können auf die Krankheit hindeuten, wobei auf jeden Fall ein Besuch beim Arzt notwendig ist. Vor allem bei einem vollständigen Gedächtnisverlust sollte der Patient einen Arzt aufsuchen, damit es nicht zu weiteren Folgeschäden kommt.

Dies ist auch dann der Fall, wenn der Betroffene an einer Epilepsie leidet oder einen epileptischen Anfall hatte. Auch Störungen der Konzentration oder der Koordination können auf eine schwerwiegende Verletzung im Gehirn hindeuten, die durch einen Arzt behandelt werden muss. In den meisten Fällen können die Beschwerden nicht eingeschränkt werden, sodass der Betroffene auf die Hilfe anderer Menschen in seinem Alltag angewiesen ist. Ob es dabei zu einem positiven Krankheitsverlauf kommt, kann ebenfalls nicht vorausgesagt werden. Durch verschiedene Therapien können einige Symptome allerdings eingeschränkt werden. Je früher die Behandlung dieser Krankheit beginnt, desto höher sind die Chancen auf eine Heilung.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung einer anterograden Amnesie zielt in erster Linie auf die Heilung oder Besserung der verursachenden Grunderkrankung ab. Beispielsweise müssen im Falle einer Meningitis oder Enzephalitis die Erreger, meist Viren, bekämpft werden. Im positiven Fall kann sich dann eine anterograde Amnesie wieder verbessern oder der progressive Verlauf zumindest gestoppt werden.

Bei Vorliegen von Gehirneinblutungen oder bei erkennbaren Tumoren besteht das erste Therapieziel in der Verringerung des mechanischen Drucks auf das umliegende Nervengewebe durch Beseitigung der Einblutung und durch Beseitigung des Tumors. Durch physische Entlastung des Nervengewebes kann auch hier eine anterograde Amnesie in ihrem progressiven Verlauf gestoppt und möglicherweise sogar wieder verbessert werden.

Im Falle neurodegenerativer Erkrankungen wie Morbus Alzheimer kommen meist medikamentöse Therapien zum Einsatz, die den progressiven Verlauf der Krankheit verlangsamen. Bei Vorliegen von Läsionen im Gehirn durch Unfall oder bei Ausfall bestimmter Nervenareale wegen eines Schlaganfalls, ist eine Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit in der Regel nicht gegeben. Da es sich in diesen Fällen um singuläre Ereignisse handelt, zeigt die eingetretene Funktionsminderung meist einen statischen Verlauf.

Etwaige Therapien zielen darauf ab, die Funktionsminderung möglichst durch Aktivierung und Training anderer Hirnareale zu kompensieren, so dass insgesamt eine Besserung erfolgt. In vielen Fällen wirken sich auch Entspannungstraining, Stressreduzierung, autogenes Training und Übungen zur Muskelentspannung positiv auf anterograde Amnesien aus.

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Vorbeugung

Die wichtigsten vorbeugenden Maßnahmen zur Vermeidung einer anterograden Amnesie bestehen in einer gesunden Lebensführung, in der sich Stressphasen mit Entspannungsphasen abwechseln können, so dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Aktivierungsgrad des sympathischen und des parasympathischen Nervensystems besteht.

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Quellen

  • Beyreuther, K., Einhäupl, K.M., Förstl, H. und Kurz, A.: Demenzen. Grundlagen und Klinik. Thieme, Stuttgart 2002
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Mattle, H., Mumenthaler, M.: Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013

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